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H & V Entertainment: "Die Grenzen werden immer fließender"

Mit "Spy City" realisiert die Odeon-Film-Tochter H & V erstmals ein internationales Serienprojekt. Blickpunkt:Film sprach mit Mischa Hofmann und Britta Meyermann über die Produktion, die Positionierung zwischen nationalem und internationalem Markt und die Zukunft unter dem Dach des neuen Gesellschafters KKR.

19.09.2019 09:08 • von Frank Heine
Mischa Hofmann, Vorstand der Odeon Film AG sowie Gründer und Geschäftsführer des Tochterunternehmens H & V Entertainment; Britta Meyermann, Head of International Co-Production der Odeon Film AG (Bild: H & V Entertainment)

Wie ist der aktuelle Stand bei Spy City"?

Britta Meyermann: Die Dreharbeiten haben Ende August begonnen. Wir drehen in Prag, und bislang läuft es ausgesprochen gut. Wir sind super in der Zeit und die ersten Muster sehen fantastisch aus.

Steht noch die ein oder andere besondere Klippe bevor?

BM: Mit Miguel Alexandre haben wir einen Regisseur, der grundsätzlich sehr gut vorbereitet ist. Insofern läuft alles problemlos, zum Teil sogar schneller als gedacht. Produktionstechnisch gibt es noch ein paar aufwändigere Szenen wie den Bau der Mauer. Aber nichts, bei dem man denkt, da könnte noch etwas schief gehen.

Wenn Sie mir das Projekt kurz umrissen schmackhaft machen müssten, wie sähe Ihr Pitch aus?

BM: Es handelt sich um eine emotionale und spannende Geschichte über einen britischen Spion im Berlin der frühen sechziger Jahre, kurz vor dem Mauerbau. "Spy City" spielt in einer total aufgeladenen Zeit. Berlin gleicht einem Brennpunkt, in dem keiner weiß, was für ein Spiel gespielt wird.

Mischa Hofmann: Die Menschen konnten ungehindert vom Osten in den Westen fliehen, und dieser Brain Drain sollte unterbunden werden. Im Vordergrund steht der Thriller, im Hintergrund wird eine außergewöhnliche politische Situation in Deutschland erzählt, die in Fernsehserien und -filmen bislang kaum vertieft wurde.

BM: Ein typischer William Boyd-Stoff, sehr elegant, sehr sophisticated, originär für uns geschrieben. Wir werden mit der Serie pünktlich zum sechzigsten Jahrestag des Mauerbaus 2021 fertig sein.

Im Oktober 2014 haben Sie "Spy City" erstmals gegenüber Blickpunkt:Film erwähnt. Knapp fünf Jahre später wird die Serie gedreht. Ist das ein üblicher Zeitrahmen für eine internationale Serienproduktion?

MH: Ich würde sagen, es ist unüblich, dass ich so früh von einem Projekt erzählt habe (lacht). Der Zeitrahmen ist nicht unüblich. Für eine klassische, rein deutsche Serie brauchen wir zwei Jahre. Hier haben wir es mit einer englischsprachigen Serie zu tun, mit ausländischen Partnern, 7Stories aus Großbritannien und Miramax in den USA, dazu mit einem sehr populären Autor, der zwischendurch auch den einen oder anderen Roman schreiben und bewerben muss. Insofern ist der Zeitrahmen nicht außergewöhnlich. Womöglich hätten wir ein Jahr früher drehen können, aber dann wäre es hektisch geworden.

Zu welchem Zeitpunkt ist das ZDF in das Projekt eingestiegen?

BM: Das ZDF ist seit Anfang 2017 dabei und war quasi die Initialzündung für das Projekt, wir hatten damals nur das Pilotbuch und eine erste Serienoutline. Die Zusammenarbeit mit der Redaktion - wir arbeiten vor allem mit Wolfgang Feindt und Annika Schmidt - ist großartig.

Ursprünglich gab es Pläne, die Serie mit Christian Schwochow zu drehen. Warum kam das nicht zustande?

MH: Gerade die Regiefrage hat immer etwas mit Timing zu tun. Man verbringt einen bestimmten Lebensabschnitt miteinander. Wenn dann der andere ein attraktives Angebote erhält und man selbst noch nicht so weit ist, mit dem Dreh zu beginnen, trennt man sich eben wieder. Wir sind jetzt mit Miguel Alexandre sehr glücklich. Diese Entscheidung hat auch dazu beigetragen, dass wir Dominic Cooper bekommen konnten.

Wie sind Sie auf Ihren Hauptdarsteller gekommen?

BM: Er wurde in einem größeren Castingprozess mit unseren englischen und amerikanischen Partnern ausgewählt. Er war unser Wunschkandidat, und es war ein echter Kampf, ihn zu bekommen. Er hatte gerade die AMC-Serie "Preacher" abgedreht, als er unser Angebot bekam.

MH: Zunächst signalisierte er Bereitschaft, dann sagte er wegen eines anderen US-Serienangebots ab. Und als der Drehbeginn schon recht nahe rückte, sagte er doch wieder zu.

BM: Wir konkurrierten da mit einer Show für einen namhaften US-Sender, die ein Vielfaches von unserem Budget zur Verfügung hat. Deshalb hat uns seine Entscheidung für unser Projekt sehr stolz gemacht.

Begegnen Sie in der Produktion von "Spy City" besonderen Anforderungen, Situationen, aus denen Sie wertvolle Erkenntnisse für Ihre Produktionen am deutschen Markt ziehen können?

MH: Für uns geht es vor allem um dramaturgische und um Finanzierungsfragen. Und da kann man aus jeder Produktion Lehren ziehen. Die Zusammenarbeit mit William Boyd bringt einen auf jeden Fall weiter. Von seiner weltmännischen Art, Dinge zu betrachten und über Projekte zu reden, kann man viel lernen. Das gleiche gilt für die grundsätzliche Zusammenarbeit mit unseren britischen Partnern. Vor allem über die Einstellung zu Stoffen lässt sich da einiges herausziehen.

BM: Auch wenn wir diesbezüglich in Deutschland auf dem Vormarsch sind, hat die Wertschätzung, die die Briten den Autoren entgegenbringen, noch einmal eine andere Dimension.

Ihr Vertriebspartner ist Miramax. Nicht gerade alltäglich für eine TV-Produktionen aus Deutschland...

MH: Nein, das war eine glückliche Fügung, denn die Zusammenarbeit ist richtig gut. Da haben wir auch von unserer Muttergesellschaft Tele München profitiert. Dadurch genießt man einen gewissen Vertrauensvorschuss.

BM: Bislang war es überhaupt nicht üblich, dass amerikanische Vertriebsfirmen, europäisches oder speziell deutsches Produkt vertreiben. Eine andere Ausnahme war zuletzt Sonar bei Das Boot". Unser Autor William Boyd war mit Sicherheit auch ein wesentlicher Faktor für das große Interesse an der Serie.

Die ganzen deutschsprachigen Rechte bleiben bei Ihnen?

MH: Von den deutschsprachigen Senderechten, die beim ZDF liegen, abgesehen, ja. Und wir sind natürlich an den Weltvertriebserlösen beteiligt.

Welche finanzielle Dimension hat "Spy City"?

BM: Das Budget ist über doppelt so groß wie bei einer Serie für den deutschen Markt, aber weit entfernt von US-Budgets.

MH: Wir bewegen uns auf dem Niveau deutscher Eventserien.

Wie bedeutend ist das Projekt für H & V?

MH: Es ist die größte Serie, die wir bisher produziert haben und die erste englischsprachige. Wir sind sehr darauf gespannt, wie "Spy City" in anderen Märkten ankommt. Wir haben auch noch nie etwas für diesen ZDF-Sendeplatz - vermutlich wird es montags 22:15 Uhr ausgestrahlt -, produziert. Auch das ist sehr spannend, weil dadurch eine andere Art des Erzählers möglich ist. Auch die Zusammenarbeit mit William Boyd ist etwas ganz Besonderes. Summa summarum ist "Spy City" für uns ein großes Abenteuer, und es soll nicht das einzige bleiben.

BM: Ja, wir hoffen, dass davon eine Sogwirkung ausgeht. Es macht einen Unterschied, wie man am Markt wahr genommen wird. In Gesprächen mit Agenturen oder Autoren wird das deutlich spürbar.

Sie haben also Lunte gerochen. Wie sind Ihre weiteren internationalen Pläne?

MH: Wir wollen im Herbst 2020 eine weitere englischsprachige Produktion drehen, die wir jetzt schon vorbereiten.

BM: Eine norwegisch-belgisch-deutsche Koproduktion. Koproduktionspartner, Regie und Hauptcast stehen schon, aber wir wollen noch keinen Namen nennen, solange die Finanzierung nicht geschlossen ist. Wir haben das Projekt initiiert und werden es auch federführend ausführen.

MH: Außerdem haben wir mit der finnischen Serie "Deadwind" bereits internationale Koproduktionserfahrungen gesammelt. Auch dafür war natürlich Britta verantwortlich.

BM: Eine finnisch-deutsche Koproduktion, da ist die zweite Staffel gerade abgedreht, die dritte folgt nächstes Jahr. Das läuft bereits bei Netflix , entsteht aber ursprünglich für den finnischen Sender YLE. Es ist die erste finnisch-deutsche Serie.

War das nicht "Arctic Circle" von der Bavaria und Yellow Films?

BM: Ich glaube, wir waren früher dran. "Deadwind" war zwar eine finnische Entwicklung, aber wir sind sehr früh eingestiegen und haben uns sehr stark eingebracht.

Wie wollen Sie sich künftig zwischen internationalem und nationalem Markt positionieren? Gibt es da Korrelationen, wird der Stellenwert des Internationalen unter Umständen deshalb größer, um Verluste wie Der Kriminalist" in Ihrem deutschen Serienportfolio zu kompensieren?

MH: Ich würde sagen, das verhält sich komplementär zueinander. Wir werden nicht den "Kriminalisten" durch "Spy City" abdecken, sondern durch andere deutschsprachige Serien. Die internationalen Serien sind ein eigener Geschäftsbereich, in den wir eingestiegen sind, um Stoffe zu machen, die anders erzählt werden, komplexer, horizontaler. Wir haben Britta eigens dafür zu uns geholt und haben festgestellt, dass es Möglichkeiten gibt, auch international voranzukommen. Die Voraussetzungen sind anders: Es geht nicht nur darum, einen einzelnen deutschen Sender zu befriedigen, sondern auch darum, den Anforderungen eines Weltvertriebs gerecht zu werden. Auch einen internationalen Cast zusammenzustellen, ist noch einmal eine kompliziertere Aufgabe. Außerdem ist der internationale Bereich für uns so interessant, weil es möglich ist, Rechte zu generieren. In Deutschland ist das bei Auftragsproduktionen nicht so leicht, auch nicht mit den neuen Playern. Unterm Strich kann man es so zusammenfassen: Wir werden nicht das eine lassen, um das andere zu tun.

Wie steht es um die anderen deutschen Formate. Bleiben Ihnen Letzte Spur Berlin", Ein Fall für Zwei", Der Staatsanwalt", Lotta", Harter Brocken", Die Füchsin" und wie sie alle heißen erhalten?

MH: Das ist der Schwerpunkt der Odeon Film und wird es auch bleiben. Die Serien und Reihen gehen alle weiter. Sie bilden das Rückgrat der Firma. Und wir haben diverse neue Serien in Vorbereitung. Deutschsprachige Serien für verschiedene Auftraggeber, über die ich aber noch nichts Konkretes verraten kann. Auch dieser Markt entwickelt sich sehr gut.

Sind Sie, Frau Meyermann, ausschließlich auf den internationalen Markt ausgerichtet. Oder kann es auch vorkommen, dass Sie sich um rein deutschen Projekte kümmern?

BM: Auf jeden Fall, zumal die Grenzen immer fließender werden. Als ich angefangen habe, konnte man viele Geschichten tatsächlich nur international erzählen. Das stellt sich inzwischen ganz anders dar. Ich werde jetzt nicht die ganz klassischen Formate übernehmen. Aber wenn man auf einen tollen Stoff stößt, der deutschsprachig am authentischsten zu erzählen ist, dann mache ich deutsche Produktionen. Ein konkretes Projekt befindet sich bereits in der Entwicklung.

Spüren Sie an Ihren Auftraggebern, aber auch an Ihren eigenen Aktivitäten, dass das Einzelstück von den Serien an den Rand gedrängt wird?

MH: Nein. Wir haben Leute in der Firma, die sich nach wie vor auf Fernsehspiele konzentrieren. Das ist auch gut so, denn der Fernsehfilm wird weiter leben. Aber es sind viele potentielle Auftraggeber hinzugekommen, für die Mehrteiler, Miniserien oder Serien interessant sind und deshalb liegt darauf natürlich ein Fokus. Jetzt kommen mit Disney und HBO Max wieder zwei neue Player auf den Markt, die voraussichtlich eher an Serien als an Fernsehspielen interessiert sind. Deshalb geben wir in diesem Bereich auch Gas.

Sorgen auch deutsche Plattformen wie Joyn und TV Now für Bewegung im Produktionsmarkt?

MH: Selbstverständlich. Auch die geben Gas. Und durch die dadurch veränderte Rezeption haben sich auch die Inhalte verändert. Auch die öffentlich-rechtlichen Mediatheken kommen für exklusive Inhalte in Frage. Das Bedürfnis nach komplexeren Geschichten, die dadurch auch komplizierter zu realisieren sind, besteht überall. An dieser Marktentwicklung teilzuhaben, macht großen Spaß.

Lässt sich abschätzen, wie sich die Übernahme Ihres Gesellschafters TMG durch KKR auf die Odeon Film auswirkt?

MH: Ich begrüße das und freue mich auf die Zusammenarbeit mit Fred Kogel. Ich glaube, wir haben in der neuen Konstellation vielfältige Möglichkeiten. Auch der Austausch innerhalb der Gruppe, mit dem Verleih, den Produktionskollegen ist eine sehr gute Sache. Zusammenzuwachsen und aus dieser Gruppe mehr herauszuholen und gemeinsame strategische Ziele zu verfolgen und sich dabei zu unterstützen, das passiert wirklich. Fred Kogel tritt da sehr offen, transparent und nahbar auf, ist sehr nach vorne gewandt. Ich glaube, uns steht eine schöne Zukunft bevor.

Es stand niemals zur Debatte, dass die Odeon Film nicht zu diesem Firmenkonglomerat gehören könnte?

MH: Nein. Wir gehören zu 83 Prozent der Tele München Gruppe. Dadurch war klar, dass wir auch übernommen werden. Wir bleiben aber eine unabhängige Firma, die ihren Markenkern behält und als börsennotiertes Unternehmen im Sinne des Unternehmens agiert. Die Zusammenarbeit mit Dr war auch sehr gut. Wir sind ihm für vieles dankbar und hatten durch ihn in schwierigen Zeiten einen wichtigen Rückhalt. Doch der Unterschied zwischen einem Familienunternehmen wie der TMG und einer Gesellschaft in der Größenordnung der KKR ist schon enorm. Wir gehen jetzt mit einem Aufbruchsspirit die nächsten zehn oder zwanzig Jahre Odeon Film an.

Verspüren Sie einen größeren Erfolgs- oder Erwartungsdruck?

MH: Ich kann Ihnen versichern, dass auch Dr. Kloiber mit uns Geld verdienen wollte. Das wird sich jetzt bei KKR nicht ändern. Aber mit diesen Ansprüchen kann ich gut umgehen. Wir wollen weiterhin gute Filme machen und dadurch, dass wir kein Geld verlieren, die Zukunft der Odeon Film und ihrer Mitarbeiter sichern.

Das Interview führte Frank Heine