Kino

"Das Kino muss mehr Geld bekommen!"

Welche Rolle spielt das Kino für die Filme, für die Kultur, für die Gesellschaft als solche? Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes fand auf diese Frage bei der zentralen Paneldiskussion der Filmkunstmesse Leipzig eine eindeutige Antwort.

18.09.2019 18:14 • von Marc Mensch
Ulrich Matthes, Simone Baumann, Ulrich Höcherl, Christian Bräuer, Jan Ole Püschel, Mariette Rissenbeek und Paul Steinschulte diskutierten in Leipzig über die Rolle des Kinos (Bild: AG Kino-Gilde)

Nicht, dass man es nicht längst wüsste: Aber bei der Filmkunstmesse Leipzig stellte Ulrich Matthes einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis, welch leidenschaftlicher Fürsprecher für das Kino an der Spitze der Deutschen Filmakademie sitzt. Ein Fürsprecher, der in einer mit ausgedehntem Applaus quittierten Keynote zu Beginn der zentralen Paneldiskussion auch einen klaren Auftrag formulierte. Jenen, dem Kino jenen Platz im kulturellen Bewusstsein zu verschaffen, den beispielsweise Literatur und Theater von jeher innehaben. Kinos, so Matthes, seien ohne Zweifel zentraler Teil des kulturellen Erbes, sie seien "emotionale Krafträume", "Schulen der Empathie" - und verdienten damit stärkere Unterstützung. "Das Kino muss mehr Geld bekommen!", formulierte es Matthes mit Blick auf die ungleich höhere Subventionierung, die unter anderem das Theater und die Oper erfahren.

Als Kritik am diesbezüglichen Kurs der Politik und insbesondere der Kulturstaatsministerin waren diese Worte indes nicht zu verstehen, ganz im Gegenteil. Vielmehr lobte Matthes die von ihm "überaus geschätzte" Monika Grütters für ihr diesbezügliches Engagement. Indes lohne es sich, für weitere Unterstützung einzutreten - und auch wenn Matthes dies so nicht formulierte, könnte man sich vorstellen, dass sich sein Aufruf auch an die Länder richtete, die bislang noch eine sehr unterschiedliche Haltung zur Beteiligung im als kofinanzierte Maßnahme geplanten Zukunftsprogramm einnehmen.

Apropos Zukunftsprogramm: Wirklich Neues ließ sich dazu bei dem von B:F-Chefredakteur Ulrich Höcherl moderierten Panel leider noch nicht erfahren, bestätigt wurde lediglich der aktuelle Haushaltsansatz von 17 Mio. Euro an Bundesmitteln für 2020, der bekanntermaßen jene zwei Mio. Euro umfasst, die durch die Speisung des Soforthilfeprogramms aus Mitteln des BMEL frei wurden. Immerhin weiß man nun, wann man sich auf eine Veröffentlichung der Förderrichtlinien einstellen darf: Erneut (erst) mit Beginn der Maßnahme Anfang kommenden Jahres.

Aber zurück zu Matthes, der auch den Kinos selbst Hausaufgaben ins Stammbuch schrieb. Jene, noch stärker zu Orten des sozialen Miteinanders zu werden, in denen sich ausgetauscht - und ja, auch gestritten - werden kann. Dazu ein Vorschlag, der banal klingen mag, aber durchaus nicht uninteressant ist: Weshalb nicht einen regelmäßigen Rahmen schaffen, in dem Besucher gezielt eingeladen sind, sich nach einem Film auszutauschen?

In die Pflicht nahm der Filmakademie-Präsident auch die Kreativen, die er jüngst bei der First-Steps-Verleihung dazu aufgerufen hatte, ihre Werke so persönlich wie möglich zu halten. Ein Anliegen, dass er in Leipzig aber auch mit der klaren Aufforderung verband, sich von Beginn an ernsthaft Gedanken darüber zu machen, ob man an einem Buch arbeitet, das den Besucher erreicht; ob der Film einer zu werden verspricht, für den man ins Kino gehen wolle. Grundsätzlich, so Matthes, müssten Filme mutiger werden. Und eine klare Absage gab es auch noch: Jene an die "irre Kluft" zwischen "E" und "U", die so in Frankreich nicht existiere. Anstatt sich an dieser Stelle in Abgrenzung zu üben, solle man sich besser darauf konzentrieren, spezifischer einzelne Filme zu bewerben, die direkte persönliche Ansprache des (potenziellen) Publikums zu intensivieren. Und vor allem darauf, Gemeinsamkeiten innerhalb der Branche auszuloten, mehr miteinander zu sprechen, unterschiedliche Interessen in Einklang zu bringen.

Von gewissen Gemeinsamkeiten wusste im Zuge der laufenden "Sondierungsgespräche" zur Neujustierung der Förderung BKM-Gruppenleiter Jan Ole Püschel zu berichten. Man sehe, so Püschel, "einen gewissen Konsens dahingehend", dass die Produktionsförderung, um die man sich in den vergangenen Jahren besonders intensiv gekümmert habe, nur ein Teilbaustein sein könne und man (noch) stärker vor- bzw. nachgelagert arbeiten müsse. Sprich: Dass man nun Entwicklung & Herausbringung stärken müsse. Was nicht ohne Einschnitte an anderer Stelle abgehen würde. Denn man könne schlicht nicht auf alle Töpfe "noch etwas drauflegen" - zumal nicht bei der FFA, schließlich spricht man dort von Geldern, die die Branche selbst erarbeitet.

Wobei die Situation der Produzenten in dieser Runde durchaus nicht aus dem Blick geriet - und sowohl Berlinale-Leiterin Mariette Rissenbeek als auch German-Films-Geschäftsführerin Simone Baumann betonten, dass es für deutsche Produzenten zunehmend schwierig werde, für das Kino zu arbeiten. Auch weil, wie Baumann berichtete, die Erlöse über Auslandsverkäufe zuletzt gesunken seien.

Mit Blick auf das Zukunftsprogramm konnte Püschel - wie bereits erwähnt - noch keine erhellenden Auskünfte geben. Indes betonte er, dass es sich zwar um eine strukturelle Hilfe handle, man aber einer dauerhaften strukturellen Kinoförderung nach dem Vorbild der Theaterförderung eher skeptisch gegenüberstehe. Denn das Reizvolle am Kino sei ja, dass man es mit einem Geschäftsmodell zu tun habe, das grundsätzlich funktioniere. Dieses Modell aufzugeben und sich in eine Dauersubventionierung retten zu wollen, sei der falsche Weg. Stattdessen sei man gefragt, sich zu modernisieren, Kunden neu anzusprechen.

Auch Christian Bräuer erteilte als Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde einer "Musealisierung" des Kinos eine Absage, denn das sei am Ende auch nicht im Sinne der Vielfalt. Gleichwohl müsse man durchaus zusehen, auch eine kulturelle Arbeit zu unterstützen, die nicht per se wirtschaftlich sei. Zu seinen Wünschen an das Zukunftsprogramm zählt wiederum nicht zuletzt, auch Prestigeprojekte zu ermöglichen. Ein Programm, das in seinen Summen pro Projekt hinter der FFA-Förderung zurückbleibe, bleibe auch hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Für Universal-Chef Paul Steinschulte ist nicht zuletzt der Blick auf den britischen Kinomarkt und dessen Entwicklung über die Jahrzehnte Ansporn, an Wachstumspotenziale zu glauben. Denn mit weniger Einwohnern lässt die Insel Deutschland nach Kinobesuchen im Regen stehen. Wie natürlich auch Frankreich. Er selbst glaube nicht, dass sich 200 deutsche Filme im Jahr rechnen könnten, wolle der kulturellen Förderung allerdings auch nicht das Wasser abgraben. Grundsätzlich jedenfalls glaube er, dass das Kino auf die aktuellen Herausforderungen ebenso eine Antwort finden könne, wie es das in der Vergangenheit getan habe. Die Bedeutung des Kinos für den Film habe jedenfalls nicht abgenommen, es bleibe der originäre Aufführungsort.

Bleibt die Frage: Welche Filme braucht das Kino? Darauf hatte Püschel eine Antwort, die durchaus nicht despektierlich gemeint war: den "Bräuer-Film", wie man ihn scherzhaft im BKM nenne. Was aber nur dafür spreche, dass man die Botschaft vernehme: Den hochqualitativen Arthouse-Film, der auch das Publikum erreiche.

In diesem Zusammenhang verlieh Bräuer durchaus einer gewissen Sorge ob der Übernahme von Fox Ausdruck. Denn Fox habe für eine Programmfarbe gestanden, mit der man Disney bislang noch nicht in Verbindung bringen könne. Doch wer könne eine etwaige Lücke füllen? Für Bräuer ein klarer Auftrag: Nicht nur an den deutschen, sondern an den europäischen Film.