Kino

KOMMENTAR: Das Kino war niemals spannender

Wie nah Triumph und Misserfolg im Kinogeschäft beieinander liegen können, wurde einem gerade am vergangenen Wochenende in den US- Kinos vor Augen geführt. Je nachdem, welchen der beiden großen Neustarts man genauer ins Visier nimmt, könnte man zu gänzlich unterschiedlichen Schlüssen kommen, was die Zukunft mittelteurer Filmware betrifft.

19.09.2019 07:40 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wie nah Triumph und Misserfolg im Kinogeschäft beieinander liegen können, wurde einem gerade am vergangenen Wochenende in den US- Kinos vor Augen geführt. Je nachdem, welchen der beiden großen Neustarts man genauer ins Visier nimmt, könnte man zu gänzlich unterschiedlichen Schlüssen kommen, was die Zukunft mittelteurer Filmware betrifft. Blickt man auf Hustlers", dann könnte der Optimismus kaum größer sein. Hochglanzthriller, für 20 Mio. Dollar entstanden, von einer Frau inszeniert, mit Schauspielerinnen unterschiedlicher Ethnien in den Hauptrollen besetzt. Übertrifft mit 33 Mio. Dollar am ersten Wochenende alle Erwartungen - man hatte dem Film einen Start mit etwas mehr als 20 Mio. Dollar zugetraut. Der Distelfink" wiederum lässt kaum Hoffnung aufkommen. Bestsellerverfilmung mit vielen Stars, 40 Mio. Dollar Budget. Legte mit nur 2,7 Mio. Dollar Einspiel zum Auftakt eine spektakuläre Bauchlandung hin, obwohl man dem Film ein erstes Wochenende von immerhin zwölf oder 13 Mio. Dollar prophezeit hatte. Lassen sich daraus Lehren ziehen, die über die Tiefe eines Kalenderblatteintrags hinausgehen? Kino ist ein volatiles Geschäft? Nobody knows anything? Das ist gewiss richtig, aber das lässt sich an wirklich jedem Wochenende des Jahres schreiben, und man hätte immer Recht.

Vielleicht ist die wahre Lehre nicht unbedingt viel tiefschürfender, aber Mut macht sie allemal: Mit dem richtigen Stoff kann man auch 2019 inmitten all des weißen Rauschens einen Nerv treffen. Welche Filme aus der Vielzahl des Angebots nach Venedig und Toronto, wo man mit Ausnahme einiger weniger prägnanter oder allzu offensichtlich rein kommerzieller Titel mehr oder weniger das komplette Herbstprogramm sichten konnte, am Ende diejenigen sein werden, die Herz und Verstand des Publikums erobern werden, lässt sich schwer abschätzen. Jojo Rabbit" begeisterte Toronto so sehr, dass ihm der Audience Award zugesprochen wurde. Aber man muss erst einmal vermitteln, was für ein außergewöhnlich emotionales Erlebnis einen da erwartet. Knives Out" wurde frenetisch gefeiert. Aber wie macht man dem Mainstream den cleveren Reboot eines ganz klassischen Whodunits schmackhaft? Le Mans 66 - Gegen jede Chance" ist amerikanisches Star- und Erzählkino alleroberster Rangordnung. Aber wie kann es gelingen, in der Öffentlichkeit zu verankern, dass man auf einen ganz besonderen Ritt mitgenommen wird? Dass Waves" einen emotional durchschüttelt, A Beautiful Day in the Neighborhood" zutiefst bewegt, Uncut Gems" von der ersten bis zur letzten Minute elektrisiert? Die nächsten Wochen werden es zeigen. Jetzt zählt erst einmal, dass genug originelle Filme startbereit sind. Das Kino war niemals spannender und aufregender. Man muss das jetzt einfach nur richtig vermitteln.

Thomas Schultze, Chefredakteur