Kino

Programmkinobilanz 2018: Stärker behauptet als gedacht

Die FFA hat ihre Detailauswertung für den Arthouse-Markt 2018 vorgelegt - und einige der wichtigsten Resultate lassen sich durchaus als faustdicke Überraschung bezeichnen.

18.09.2019 15:32 • von Marc Mensch
Von einem "Krisenjahr" konnte 2018 für das Arthouse-Segment beileibe keine Rede sein - dafür sorgte unter anderem Tophit "Bohemian Rhapsody", der auch die beste Durchschnittsnote (1,23) einfuhr (Bild: Fox)

Was denken Sie spontan? Wie viel Ticketumsatz ging den deutschen Arthouse-Kinos in einem Jahr verloren, in dem der Gesamtmarkt um 14,8 Prozent einbrach und knapp 157 Mio. Euro einbüßte? Dass die Antwort keine übermäßig hohe Summe sein wird, ahnen Sie sicherlich schon anhand der Überschrift - und doch könnte sie überraschen. Denn es sind exakt 261.552 Euro. Oder ungefähr ein Zehntel dessen, was alleine "BlacKkKlansman" im vergangenen Jahr einspielte. Mit anderen Worten: Laut FFA waren es sage und schreibe 0,2 Prozent, die die Filmkunstkinos im Krisenjahr 2018 an Boxoffice abgaben. "Stabiles Geschäft" darf man das nennen.

- Historisch hohe Marktanteile

Nun ist es dem Arthouse-Sektor ja durchaus immanent, dass er sich bestenfalls bedingt am Geschäftsverlauf des Mainstream-Marktes orientiert. Und es war vor allem ein Mangel an ganz großen Blockbustern, der die Kinos im vergangenen Jahr beutelte. Dennoch ist es ein Resultat jener Art, bei der man noch einmal vorsorglich nachfragt, ob es nicht womöglich doch einen Fehler in der Berechnung gab. Schließlich hatte die AG Kino-Gilde selbst zu Beginn des Jahres in einer ersten Erhebung unter ihren Mitgliedern noch von einem Minus in Höhe von 8,1 Prozent gesprochen. Ein Wert, der schon für sich genommen deutlich weniger dramatisch ausfiel als jener in der Gesamtstatistik, der nun aber noch einmal deutlich (und das im absolut positiven Sinne) in den Schatten gestellt wurde. Selbstverständlich führte das dramatisch bessere Abschneiden der Programmkinos zu einem Ausbau ihres Gesamtmarktanteils: Rund 113,2 Mio. Euro Ticketumsatz standen für 12,6 Prozent der Gesamteinnahmen, was laut FFA dem höchsten Anteil seit erstmaliger Erstellung der Programmkinostudie nach jener Methodik entspricht, die nun zum zehnten Mal Anwendung fand.

Von einer ungetrübten Erfolgsbilanz zu sprechen, wäre indes nicht angesagt, schließlich gingen die Besucherrückgänge des Vorjahres auch am Arthouse nicht völlig spurlos vorbei. Doch wo über sämtliche Kinos hinweg ganze 13,9 Prozent weniger Tickets verkauft worden waren, büßten die Programmkinos nur 2,1 Prozent ihrer Besucher ein - und schraubten ihren Publikumsanteil damit gleichfalls auf einen Langzeit-Bestwert von 14,2 Prozent. Insgesamt entschieden sich 2018 rund 15 Mio. Besucher für das Arthouse, wobei 87,9 Prozent der Tickets für Säle in reinen Programmkinos erworben wurden. Nach "Center"größe gemessen, generierten übrigens erneut Ein-Saal-Häuser (die 56,5 Prozent aller Programmkino-Spielstätten repräsentierten) die meisten Filmkunstbesucher: Rund 4,3 Mio. gelöste Tickets standen für einen Spitzenanteil von 28,7 Prozent.

Dass sich die Programmkinos auch in weiterer Hinsicht gänzlich anders entwickelten als der Gesamtmarkt, macht schon das Verhältnis zwischen der Entwicklung von Ticketumsatz und Besuchern klar: Denn während die durchschnittlichen Ticketpreise im Gesamtmarkt im Jahr 2018 zum ersten Mal seit langer Zeit sanken (um rund 1,1 Prozent), wurde der Besuch eines Arthousekinos ein wenig teurer, genauer gesagt um 1,9 Prozent oder 14 Cent. Eine Steigerung, die nahezu ausschließlich auf die reinen Programmkinos zurückzuführen ist, wo für das Leinwandvergnügen im Schnitt 16 Cent mehr fällig wurden, während Spielstätten mit einzelnen Programmkinosälen nur einen Cent aufschlugen. Allerdings bezahlte man dort zuletzt im Schnitt 8,18 Euro, während es in reinen Programmkinos 7,32 Euro waren - bei einem bundesweiten Schnitt von 8,63 Euro.

- Bestand erneut gewachsen

Nach wie vor sind Einzelne nicht davon abzubringen, der Kinobestand in Deutschland würde schrumpfen. Der Begriff des "Kinosterbens" ist trotz klarem Wachstums seit 2014 nicht totzukriegen. Was durchaus auch daran liegen mag, dass die selbstverständlich nicht zu leugnenden - und bedauerlichen - Schließungen einzelner (Traditions-)Häuser oft ein größeres Presseecho hervorrufen, als die zahlenmäßig deutlich überlegenen Neu- und Wiedereröffnungen. Nun liegt für das Arthouse-Segment (anders als für den Gesamtmarkt, für den die FFA bekanntermaßen bereits eine Halbjahresbilanz vorgelegt hat) noch kein Zwischenstand für 2019 vor - aber zumindest eines macht die FFA-Programmkinostudie überdeutlich: Der Kinobestand nahm 2018 auch im Arthouse zu - und das sowohl nach Leinwänden als auch nach Spielstätten, deren bundesweite Zahl von 545 in 2017 auf zuletzt 552 wuchs. Dabei verstetigt sich ein klarer Trend nur weiter: "Wachstumstreiber" sind die reinen Programmkinos, die im Jahresverlauf unter dem Strich ein Plus von 14 Leinwänden verzeichneten, während in gemischt bespielten Häusern per Saldo nur zwei neue Arthouse-Säle hinzukamen. Insgesamt wurden für die aktuelle FFA-Studie 828 (Vorjahr: 812) Säle (oder 17,1 Prozent des bundesweiten Bestands) von ihren Betreibern als Studio-, Programm- oder Filmkunstkino eingestuft; 86,2 Prozent davon befanden sich demnach in einer von 457 reinen Programmkino-Spielstätten, deren Anteil am Saalbestand in diesem Teilmarkt laut FFA seit 2010 wächst.

- Durchschnittsalter der Besucher gesunken

Gute Nachrichten hält die jüngste FFA-Studie auch an anderer Stelle bereit - und tatsächlich handelt es sich um die Entwicklung eines Faktors, der 2017 (trotz insgesamt auch damals recht stabiler Geschäftsentwicklung) sämtliche Alarmglocken schrillen lassen musste. Die Rede ist natürlich vom geradezu massiven Anstieg des Durchschnittsalters im Arthouse. Lag jenes schon 2016 um beinahe eine Dekade höher als im Mittel sämtlicher Kinogänger, hatte sich der Abstand 2017 auf ganze 13,6 Jahre vergrößert: 51,5 Kerzen drängten sich auf der Geburtstagstorte des durchschnittlichen Filmkunst-Liebhabers. Nun sind bei der Betrachtung dieses Werts mehrere Faktoren zu berücksichtigen, darunter nicht zuletzt die Tatsache, dass die Auswertung auf dem GfK-Panel beruht, das Besucher unter zehn Jahren ausblendet. Auch die spezifische Auswahl jener Titel durch FFA und AG Kino-Gilde, die als "Arthouse-Filme" in der soziodemographischen Auswertung berücksichtigt werden, kann - je nach (Nicht-)Berücksichtigung von Kinder- und Jugendfilmen - zu gewissen Schwankungen führen.

Wie dem auch sei - von 2017 auf 2018 verjüngte sich das Arthouse-Publikum etwas. An dieser Stelle von einer Entspannung zu reden, wäre zwar etwas hoch gegriffen, allerdings lässt sich zumindest feststellen, dass die Schallmauer 50+ wieder minimal unterschritten wurde. Auf 49,9 Jahre belief sich das Durchschnittsalter der Filmkunst-Liebhaber, womit sie rund elf Jahre älter waren, als das wiederum von 37,8 auf 39 Jahre gealterte Gesamtpublikum. Interessant ist, dass ausgerechnet im Arthouse die - dort grundsätzlich auch zuletzt mit einem Besuchsanteil von 53,8 Prozent klar dominierende - Zielgruppe 50+ im vergangenen Jahr 5,1 Prozentpunkte an Anteil abgab, während dieser im Gesamtmarkt um 1,7 Prozentpunkte zulegte, auf insgesamt 29,3 Prozent der Ticketkäufe. Den prozentual größten Sprung im Arthouse machten die 16- bis 19-Jährigen und die 30- bis 39-Jährigen, die ihren Anteil an den Besuchen gegenüber dem Vorjahr jeweils um fast ein Viertel ausbauten.

Eine Entwicklung in die richtige Richtung, die aber beileibe noch keinen Trend darstellt und nur dazu anspornen sollte, engagiert auf jüngere Zielgruppen zuzugehen. Auch und gerade auf jene, die es mangels ausreichenden Alters nicht in die GfK-Auswertung schaffen.

Die komplette Programmkinostudie der FFA steht ab 19. September auf www.ffa.de zum Download.