Kino

"Es ist eine Gratwanderung"

Bereits nach dem ersten vollen Tag der Filmkunstmesse konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich ein Gutteil der Branche doch recht einig über einen neuen Kurs in der Fördersystematik ist. Welchen Balanceakt dies indes bedeuten würde, verdeutlichte MDM-Geschäftsführer Claas Danielsen.

18.09.2019 10:50 • von Marc Mensch
MDM-Geschäftsführer Claas Danielsen bei der Eröffnung der Filmkunstmesse Leipzig (Bild: AG Kino-Gilde)

Um klare Worte und eine nüchterne Analyse der Situation war MDM-Geschäftsführer Claas Danielsen schon im vergangenen Jahr zur Eröffnung der Filmkunstmesse nicht verlegen gewesen - und auch diesmal adressierte er unmittelbar vor der Verleihung der Kinoprogrammpreise Mitteldeutschland die versammelten Kinobetreiber mit zwar kurzen, aber umso prägnanteren Ausführungen zu den Herausforderungen, denen sich die Branche gegenübersieht. So konnte er zwar gerade den Ausgezeichneten dazu gratulieren, das im Gesamtmarkt so schwierige Jahr 2018 letzten Endes doch recht gut überstanden zu haben. Aber weder dies, noch die vergebenen Preise könnten darüber hinwegtäuschen, dass man kollektiv daran arbeiten müsse, "die Situation zu verbessern".

Was das aus Sicht eines Förderers bedeutet? Jedenfalls einen schwierigen Balanceakt. Schließlich mag das Vorhaben, Stoffentwicklung, Verleih und Marketing besser auszustatten und generell auf höhere Budgets und faire(re) Bezahlung - dies nicht zuletzt auch als eine Reaktion auf den zunehmend grassierenden Fachkräftemangel - hinwirken zu wollen, erst einmal völlig einleuchtend klingen. Woher aber sollen die Mittel kommen, welcher Bereich muss zurückstecken?

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, wie vergleichsweise deutlich sich BKM-Gruppenleiter Jan Ole Püschel wenige Stunden zuvor bei der zentralen Podiumsdiskussion zum Sachstand nach den ersten "Sondierungsgesprächen" für die anstehenden Reformen unter anderem des FFG äußerte. Man sehe, so Püschel, "einen gewissen Konsens dahingehend", dass die Produktionsförderung, um die man sich in den vergangenen Jahren besonders intensiv gekümmert habe, nur ein Teilbaustein sein könne und man (noch) stärker vor- bzw. nachgelagert arbeiten müsse. Sprich: Dass man nun Entwicklung & Herausbringung stärken müsse. Ein Ansinnen, mit dem man bei Kinos und Verleihern im Zweifel offene Türen einrennt.

In der Konsequenz müsste dieser (mögliche) Fokus - bei gleichbleibender Ausstattung der Fördertöpfe und der Absicht, einzelne Filme insgesamt besser auszustatten - mehr oder minder zwangsläufig mit einer Reduzierung der geförderten Produktionen einher gehen. Und tatsächlich formulierte Danielsen eben diesen Gedanken - nicht aber, ohne klar zu formulieren, auf welche Gratwanderung man sich damit begebe. Denn der kulturellen Vielfalt und nicht zuletzt der Förderung des Nachwuchses sieht man sich unverändert verpflichtet.

Wie also das Fördersystem entlasten? Dazu stellte Danielsen eine Frage in den Raum, die mindestens so alt ist, wie die Herausbringungspflicht im DFFF: Laut dem MDM-Geschäftsführer wäre es womöglich angezeigt, Wege zu finden, gewissen Projekten am Ende doch keine Kinoauswertung vorzuschreiben - etwa dann, wenn ein in der Produktion unterstütztes Projekt am Ende auf Ebene der Verleihförderung scheitere. Ein Denkansatz, den man (zumal in Leipzig) nicht zum ersten Mal hörte, der für sich genommen aber leider noch keine Antwort auf die Gefahr eines Missbrauchs von originären Kinofilm-Fördermitteln liefert. Wobei in Leipzig durchaus darüber diskutiert wurde, wie lange man beim DFFF überhaupt noch von originären Kinofilm-Mitteln sprechen könne - schließlich ist der Gedanke an eine engere Verzahnung mit der Serienförderung des GMPF nicht gänzlich abwegig.

Auch zum kommenden Zukunftsprogramm äußerte sich Danielsen - und er verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass dieses auch in Mitteldeutschland eine Dynamik auslösen könne. Als Problem sieht er indes, dass es in den ländlichen Regionen gänzlich neuer Kulturorte bedürfe. Ob das Programm an dieser Stelle greifen könne, sei noch offen. Problematisch sei auch, dass - zumindest nach aktuellem Diskussionsstand - Mehraufwendungen für Personal, das z.B. für engagierte Programmarbeit unverzichtbar ist, voraussichtlich nicht förderfähig seien. Die Kinobetreiber jedenfalls rief Danielsen dazu auf, sich - flankierend zu den Bemühungen der MDM - Gehör bei der Politik zu verschaffen. Auch und gerade in jenen (mitteldeutschen) Ländern, in denen Koalitionsverhandlungen liefen oder Neuwahlen anstünden.

Zum Abschluss auch an dieser Stelle noch ein kurzes Update zum Stand beim "Zukunftsprogramm Kino". Dessen konkrete Ausgestaltung ist derzeit noch Gegenstand der Diskussion auch zwischen den Ministerien. Mit einer Veröffentlichung der Richtlinien ist nach Auskunft der BKM wie schon beim Soforthilfeprogramm (erst) mit dem Start der Maßnahme Anfang kommenden Jahres zu rechnen.