Kino

MoviePass eingestellt

Es war ein Tod auf Raten, dessen Finale schon seit Langem nur noch als Frage der Zeit galt: Helios & Matheson hat vergangene Woche das Aus für das Kinoabo MoviePass verkündet. Gänzlich abgeschlossen ist die (spannende) Geschichte aber nicht.

15.09.2019 20:35 • von Marc Mensch
MoviePass wusste in die Schlagzeilen zu gelangen - aber nicht in die schwarzen Zahlen (Bild: MoviePass)

Es war bestenfalls noch ein letztes Aufbäumen, sollte MoviePass - wie seitens Helios & Matheson behauptet - im August noch einmal für kurze Zeit für eine "nennenswerte Zahl an Abonnenten" zugänglich gewesen sein. Denn bereits Anfang Juli waren die Lichter ausgegangen. Zu jenem Zeitpunkt hatte es noch geheißen, man benötige eine mehrwöchige Pause, um sich technischer Probleme anzunehmen und eine neue Version der App zu erstellen. Eine Darstellung, der schon damals kaum jemand folgen wollte - und tatsächlich gab das Unternehmen unlängst bekannt, dass der Stecker nun am 14. September gezogen werde. Laut Helios & Matheson seien die Versuche, MoviePass frisches Kapital zuzuführen, nicht von Erfolg gekrönt gewesen.

Was keinesfalls verwundern kann. Denn das Geschäftsmodell von MoviePass hatte wenig Aussicht auf Profitabilität - zu klar hatten sich die großen Ketten von diesem Modell und dem Ansinnen, beispielsweise an Concessions-Verkäufen beteiligt zu werden, distanziert. Stattdessen setzten die großen Player (allen voran AMC) zunehmend auf eigene Abo-Offerten, die nicht nur per se wirtschaftlicher gestaltet waren, sondern an denen auch kein Dritter partizipierte. Ein Dritter, hinter dessen Umgang mit den Kundendaten gerade im Fall von MoviePass erhebliche Fragezeichen standen. Noch immer darf man daran zweifeln, ob MoviePass-CEO Mitch Lowe (der zuvor u.a. für Netflix tätig gewesen war) diesbezüglich mit seinen bei einer Investorenkonferenz getätigten Aussagen tatsächlich nur "missverstanden" wurde...

An Kreativität mangelte es MoviePass in seinen Stellungnahmen jedenfalls nie, wobei man insbesondere mit Blick auf die Präsentation von Geschäftszahlen von einem Maß an "Kreativität" sprechen musste, das wenigstens hart am Rande der Legalität gewesen sein dürfte. Nicht umsonst laufen nach wie vor Ermittlungen der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft wegen möglichen Anlagebetrugs.

Gleichzeitig sieht sich MoviePass auch mit laufenden Verbraucherklagen konfrontiert. Denn um die galoppierenden Verluste im Zaum zu halten, wurden Kosten und Bedingungen der "Flatrate" (die gegen Ende keine mehr war) teilweise im Monatstakt geändert. Und das nicht nur für neue Verträge, sondern auch für Bestandskunden. Auf (angeblich) über drei Mio. Abonnenten war MoviePass bis zum Frühsommer 2018 mit einem verlockenden Angebot gewachsen: Ein Film nach Wahl pro Tag zum Preis von 9,95 Dollar im Monat. Was für die Nutzer tatsächlich eine Weile lang sehr reibungslos lief. Denn egal, ob ein Kino nun mit MoviePass kooperierte (was kaum eines tat) oder nicht: Bezahlt wurde im Prinzip mit einer vorab von MoviePass aufgeladenen Kreditkarte. Ergo führte MoviePass an das Kino jeweils den vollen Ticketpreis ab.

Dass damit nur Geld verbrannt wurde, versteht sich von selbst - und so ging es (abgesehen von einem möglichen Datenhandel) im Grunde darum, ein Maß an Einfluss auf die Besucher und ihr Verhalten zu erlangen, das die Ketten zwingen würde, MoviePass letztlich doch an den Einnahmen zu beteiligen. Worin auch der Grund für Statements von Lowe zu suchen ist, die mit "fantasiereich" nur unzureichend beschrieben wären. Unangekündigte Boykotts diverser AMC-Häuser sollten zeitweise die Fähigkeit des Services unter Beweis stellen, Besucherströme zu Mitbewerbern umzudirigieren, wurden von der Kette aber nur mit einem Schulterzucken und von den Nutzern mit Wut quittiert. Den Vogel schoss MoviePass dann aber ab, indem es - wiederum völlig überraschend für seine Abonnenten - plötzlich auch die Topfilme (beginnend unter anderem mit "Mission: Impossible - Fallout") aus seinem Angebot auslistete. Was mit einer Flatrate begonnen hatte, wurde immer mehr zu einer Farce. Auch dank des Auftretens von Mitch Lowe.

Dieser hatte AMC noch verspottet, als man dort die Offerte "AMC Stubs A-List" (mittlerweile über 900.000 Nutzer) aufgelegt hatte. Lowe bedankte sich damals bei AMC dafür, MoviePass so "großartig" aussehen zu lassen. Denn im Vergleich zu dessen Angebot von einem Film pro Tag seien drei Filme pro Woche doch ein richtig schlechter Deal. Das war freilich kurz bevor MoviePass sein Angebot ebenfalls auf drei Filme reduzierte. Allerdings nicht pro Woche - sondern pro Monat. Den Aufschrei unter den Kunden kann man sich in etwa ausmalen, weshalb es (dann für immer noch sehr günstige 14,95 Dollar) zur täglichen Besuchsmöglichkeit zurückging. Allerdings oblag MoviePass künftig grundsätzlich die Auswahl von Filmen und Vorstellungen. Die sich - man kann es sich wohl ausmalen - nicht unbedingt auf die gefragtesten Filme erstreckte.

Wie dem auch sei - mit der MoviePass-Historie, die hier nur in gröbsten Zügen skizziert wurde, könnte man gut und gerne etliche Seiten füllen. Über den Versuch, Aufpreise für bestimmte Filme zu nehmen. Über jenen, selbst in die Produktion einzusteigen - oder über jenen, wenigstens von den Produzenten beteiligt zu werden, indem man Abonnenten gezielt (und auch über Ausschluss anderer Titel) an ihre Filme führte. Als Case Study wäre das tatsächlich nicht gänzlich uninteressant (und ein Blick in unser Archiv sei empfohlen). Denn wenn man Helios & Matheson eines vermutlich nicht vorwerfen kann, dann dass man dort nicht viel versucht hätte.

Wobei diese Versuche offenbar auch drastische (und rechtlich mehr als fragwürdige) Maßnahmen beinhalteten: Denn die Auslistung der wirklich gefragten Filme war nicht die einzige Reaktion auf sich rasant leerende Kriegskassen. Wiederholt versagte MoviePass kurzzeitig den Dienst - und es steht der von Business Insider unter Berufung auf (ehemalige) Mitarbeiter erhobene Vorwurf im Raum, dass auf Geheiß von Mitch Lowe unter anderem die Passwörter von Heavy Usern geändert wurden, um diese zumindest zeitweise von der Nutzung ihres Abos abzuhalten.

Nun, mit MoviePass ist Schluss. Zumindest vorerst. Denn seitens Helios & Matheson hieß es bei Bekanntgabe der Einstellung des Service, man werde weitere strategische Optionen erwägen, darunter einen Verkauf der gesamten MoviePass-Familie (zu der auch Fandango-Konkurrent Moviefone sowie Movie Pass Films, die frühere Emmett/Furla/Oasis Films, gehören) oder einzelner Teile. Außerdem könnte MoviePass noch im Zuge laufender Verfahren (siehe oben) wieder in den Schlagzeilen auftauchen.

Abschließend noch der Hinweis, dass MoviePass nicht die einzige Unternehmung ist, die Kinogenuss zum Minipreis versprach und deren Geschäftsmodell sich in diesem Jahr als gescheitert erwies. Während cPass erst gar nicht aus den Startlöchern kam, erklärte sich Sinemia (die nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien, Kanada und Australien tätig waren) Ende April für bankrott. Auch hier ein ähnliches Bild: App-Ausfälle, zu Unrecht gesperrte Konten, Schadenersatzklagen - und die volle Aufmerksamkeit der Verbraucherschutzbehörde FTC...