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TORONTO Tag 9 Nachtrag: Und dann waren da noch...

Das Toronto International Film Festival geht heute Abend zu Ende. Bevor die Preise vergeben werden hier noch ein letzter Blick auf einige Highlights des Festivals, vor allem der famose "Uncut Gems" von Benny und Josh Safdie mit einem überragenden Adam Sandler.

14.09.2019 14:02 • von Thomas Schultze
Wie ein offener Nerv: Adam Sandler in "Uncut Gems" (Bild: TIFF)

6624 Kilometer liegen mittlerweile wieder zwischen mir und dem Ort, wo ich am Donnerstag meinen letzten Film auf dem Toronto International Film Festival gesehen habe. Insgesamt habe ich es in Toronto und Venedig auf 38 Filme geschafft, mit der Ausnahme von zwei Tagen habe ich jeden Tag von den beiden Festivals berichtet. Und doch ist immer noch nicht alles geschrieben, sind noch nicht alle Filme besprochen, ist das Erlebte und Gesehene nicht restlos abgearbeitet. Bevor also heute Abend der Publikumspreis des TIFF bekannt gegeben wird, bekanntermaßen ein relevanter Gradmesser für die kommende Oscarsaison (der letztjährige Toronto-Gewinner, Green Book", konnte sich schließlich tatsächlich auch bei den Academy Awards durchsetzen), und unser Abschlussbericht folgen kann, hier noch ein paar kurze Betrachtungen zu Filmen, die bislang noch nicht besprochen wurden.

Können Sie sich noch an das Ende von Carlitos Weg" erinnern, Brian De Palmas großartiger Gangsterfilm von 1993 mit Al Pacino als Gangsterboss, der das blutige Leben als Verbrecher hinter sich verlassen will? Am Schluss scheint er es geschafft zu haben. Er hat die Polizei getäuscht, alle Verfolger abgeschüttelt, rennt an der Grand Central Station auf seine am Bahnsteig stehende Freundin zu und will an Bord des Zugs steigen, endlich in Sicherheit, als von der Seite eine Gestalt an ihn herantritt. Es ist ein unbedeutender Gauner, den Carlito zu Beginn des Films gedemütigt und vor allen Leuten aus seinem Club geschmissen hatte. Jetzt lächelt er und sagt: "Erinnerst du dich, Benny Blanco aus der Bonx?" und streckt Carlito mit drei Schüssen nieder. In Uncut Gems", dem neuen Film der Brüder Benny und Josh Safdie, die nach Jahren im Untergrund seit ihrer Teilnahme am Wettbewerb von Cannes mit Good Time" verstärkt in den Fokus gerückt sind als neue Hoffnungen des amerikanischen Independentkinos, wartet man spätestens nach fünf Minuten an jeder neuen Ecke, dass unvermittelt ein Benny Blanco auftaucht, um dem Juwelenhändler Howard Ratner das Licht auszublasen.

Howard ist ein jüdischer Juwelenhändler in New York und, gelinde gesagt, eine Katastrophe auf zwei Beinen, ein Mann wie ein offener Nerv, immer in Bewegung, mit gefletschten Zähnen, wenn man sie denn hinter seinen strahlenden Veneers sehen könnte, wie ein gehetztes Tier, von einem Deal zum nächsten, immer damit beschäftigt, seine Chancen neu auszurechnen, süchtig nach Glücksspiel und Wetten, immer auf Vollgas, ein Opfer seiner selbst, weil ihm sein eigenes Tempo die Luft abschnürt. Man kann die Augen nicht von ihm nehmen. Nicht zuletzt, weil er von Adam Sandler gespielt wird. Sandler hat abseits seiner Nonsenskomödien immer wieder auch überzeugt als Schauspieler, in Punch-Drunk Love", in Die Liebe in mir" und gerade erst in Noah Baumbachs The Meyerowitz Stories". Aber noch nie hat er sich so neu erfunden wie hier, als diese mit Brillis in den Ohren und jede Menge Schmuck am Leib tragende One-Man-Show in seinem pinken Hemd, für den das ganze Leben eine fortwährende Wette ist. Howard betrügt seine Frau mit einer Angestellten, hat hunderttausend kleine Hustles am Laufen und schuldet vor allem seinem Bruder so viel Geld, dass dieser längst ein paar krumme Typen losgeschickt hat, die die Kohle eintreiben sollen, koste es, was es wolle. Ein ganz besonderer Juwel aus Afrika, den Howard auftreiben konnte, soll ihn beim Verkauf auf einer Auktion aus der Bredouille retten. Wenn er den Stein denn hätte, den er dummerweise einem Basketballspieler für ein paar Tage geliehen hat.

"Uncut Gems" ist ein Großstadtthriller mit Mean Streets"-Authentizität, gedreht mit einer unablässigen Energie, als hätten die Dardennes das Alles-auf-eine-Karte-Kino von Cassavetes entdeckt, vor Ort im Juwelendistrikt von New York und den Straßen von New York, völlig ungeschminkt und ohne Eitel, angefüllt mit realen Typen, die unter die paar Schauspieler neben Sandler (darunter Lakeith Stansfield, Idina Menzel und Eric Bogosian) gemischt werden. Aber eben auch das Porträt eines hoffnungslosen Ertrinkenden, der immer dann, wenn er zum Luftholen auftaucht, wieder etwas macht, was seinen Kopf noch tiefer unter Wasser drückt. Ein Benny Blanco aus der Bronx wäre eine echte Erlösung. Wenn er dann aber wirklich auftaucht, ist das so unvermittelt und heftig, dass man sich eingestehen muss, wie sehr einem dieser unmögliche Howard Ratner (und der wunderbare Film der Safdies) mittlerweile ans Herz gewachsen ist.

Noch auffälliger als die Zähne von Adam Sandler ist das Gebiss, mit dem Steve Coogan in "Greed", seiner siebten Zusammenarbeit mit Regisseur Michael Winterbottom, in Erscheinung tritt und alle Blicke auf sich zieht: Zu seinem 60. Geburtstag plant ein englischer Milliardär eine extravagante Party auf einer griechischen Insel und lässt dafür ein eigenes Kolosseum errichten, während er sich mit Familie, Freunden, Bekannten und einem -Biographen umgibt und Rückblenden Einblicke geben in die rücksichtslose Art und Weise, wie er sein Imperium als Modemogul im Einzelhandel stets auf Kosten anderer errichtet hat. Der Film ist als Groteske angelegt, als Farce, aber entwickelt sich zu einer Abrechnung mit dem Turbokapitalismus im Stil von The Big Short" oder "The Laundromat". Die Wut des Films ist genuin, die Vergleiche mit der Dekadenz des Alten Roms sind nicht besonders subtil, aber um Subtilität geht es hier nicht. Der Film ist ein Ruf zu den Waffen, der seine Treffer direkt im Nervenzentrum des Zuschauers landen will, und dafür verzichtet er auf die Eleganz und erzählerische Sorgfalt, um die Geschichte als solche besser funktionieren zu lassen. Steve Coogan jedenfalls ist in seinem Element: Weniger Schauspieler beherrschen es besser, unverzeihliche Arschlöcher zu spielen. Sein Sir Richard McCready, Branchenname "Greedy McCready", ist das größte von ihnen, der Inbegriff der Gier der One-Percent.

Gut wie lange nicht mehr ist auch Hugh Jackman in "Bad Education", ein weiteres Highlight in Toronto, der zweite Film von Cory Finley nach seinem bereits beachtlichen Debut "Vollblüter" vor zwei Jahren. Sehr clever erzählt er vom größten Unterschlagungsskandal der Geschichte an einer amerikanischen Schule, weil sich die Ausmaße des Verbrechens erst ganz langsam offenbaren: Mit jeder Szene wird es immer noch ein bisschen schlimmer. Was zunächst aussieht wie eine von dem souveränen Vorstand Frank Tassone regelrecht vorbildlich geführte Schule, in der Administration und Vorstand alles daransetzen, dass die Schüler zu verantwortungsvollen Bürgern erzogen werden, ist tatsächlich ein Sündenpfuhl, die Fassade dient nur dazu, von einem komplexen Lügengebilde abzulenken, das sich bis in die letzten Winkel des Privatlebens von Tassone zieht - und ausgerechnet von einer Schülerin zum Wanken gebracht wird, als Tassone sie ermutigt, für einen vermeintlich harmlosen Routinetext für die Schulzeitung mehr Ehrgeiz an den Tag zu legen und hinter die Kulissen zu blicken.

Damit schließen wir unser Tagesberichterstattung aus Toronto ab. Wie das nun mal üblich ist, kann man nicht alle Filme, die man sehen will oder muss. Leider verpasst habe ich beispielsweise The Aeronauts" mit Eddie Redmanye und Felicity Jones, Guns Akimbo", eine majoritär deutsche Produktion der maze pictures mit Daniel Radcliffe, und den weithin gelobten "Anne at 13,000 Feet". Deren Besprechungen werden also folgen, wenn es uns möglich ist.

Thomas Schultze