Kino

VHS-Editionen: Wie Video-Anbieter die Retro-Welle aufgreifen

Zuletzt erschienen zahlreiche Filme in der so genannten VHS-Edition. Losgetreten hat das Retro-Phänomen wohl Netflix und Videoanbieter bedienen mit der Sonderverpackung einen Nostalgie-Trend.

16.09.2019 09:43 • von Jörg Rumbucher
Horror-Nostalgie. Im Juni 2019 erschien mit "The Texas Chainsaw Massacre" einer der wichtigsten Horrorfilme als VHS-Retro-Edition (Bild: Turbine Medien)

Wenn eine Geschichte über die Vermarktung von DVD- und Bluray-Produkten schon wieder mit dem Namen Netflix beginnt, steht zu befürchten, dass die ersten Leser zur nächsten Meldung wechseln.Verpassen würden sie allerdings eine irrwitzige Startschuss-Episode für den Vermarktungsbeginn einer neuen Sonderverpackung für DVD- und Blu-ray-Inhalte. Im Oktober 2017 steigt die Serie "Stranger Things" in die offiziellen US-Kaufcharts für DVD und Blu-ray ein. Erschienen ist exklusiv bei der US-Handelskette Target ein DVD/Blu-ray-Kombiprodukt mit allen Folgen der ersten Staffel. Bekanntlich spielt die Serie in den Achtzigerjahren und so ist auch das Produkt aufgemacht: Es ähnelt einer alten VHS-Kassette. Das Format, daran muss man vielleicht schon wieder erinnern, war in den späten Siebziger- sowie in den Achtziger- und Neunzigerjahren der Standard im weltweiten Home Entertainment. Bis zur Jahrhundertwende die DVD das Magnetband in nur wenigen Jahren verdrängte. "Stranger Things" spielt also in einer Zeit, als in jedem Haushalt ein Videorekorder stand und Videokassetten ein Alltagsgegenstand waren. Was die Serien-Darsteller erst einmal lernen mussten: »Meine Eltern haben mir immer von VHS-Kassetten erzählt. Und vom Walkman, jeder hatte den. Aber bis ich bei'Stranger Things' mitgespielt habe, hatte ich sowas noch nie gesehen«, berichtete Darsteller Noah Schnapp mal der »New York Times«. Netflix, eine Art Synonym für hippe Digital-Rezeptionskultur, ist also offizieller Anbieter eines physischen Kaufprodukts. Mit dem Release hat sich der Streamer nicht auf seine Anfänge als DVD-Postversender zurückbesonnen, sondern baut sein Merchandising-Portfolio aus. Zu "Stranger Things" kommen auch Kaffeetassen und Geschenkartikel jedweder Art in den Handel. Ein Teil davon ist die Retro-Edition im VHS-Look. Damit überhaupt keine Missverständnisse aufkommen: Weder das "Stranger Things"-Produkt noch all die anderen Filme, die in dem neuen Sonderverpackungsformat folgen sollten, beinhalten eine Kassette. Beigelegt ist stets eine DVD- oder Blu-ray-Disc. Einzig Verpackung, Design und Aufmachung sind auf VHS getrimmt.

Andreas Strassmann von cmv-Laservision weist zu Recht daraufhin, dass man Netflix nicht als Erfinder des Retro-Design bezeichnen dürfe: »Wir haben schon vor etwa zehn Jahren diverse Filme im so genannten VHS Glasbox Movie Design herausgebracht. Titel wie 'Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies'." Der Film des italienischen Horror- und Giallo-Experten Lucio Fulci erschien 2010 in einer Pappschachtel mit VHS-Aufdruck. In der Box befand sich eine DVD. Als Beigabe lagen dem Produkt ein Miniposter und Miniaushangfotos bei. Parallel wurde seinerzeit auch eine VHS-Papp-Klappbox veröffentlicht, ebenfalls mit VHS-Aufdruck. Beide Produkte erschienen in einer Auflage von 250 Stück. Strassmann sagt: »Würde man sich internationale Home-Entertainment-Märkte anschauen, würde man vermutlich weitere Beispiele für frühe VHS-Editionen finden.« Einig sind sich die Indie-Vermarkter von VHS-Editionen allerdings darin, dass die neue Welle von Produkten im Retro-Look von Netflix angestoßen wurde. Wie viele Produkte in der Sonderverpackungsform bis heute in Deutschland veröffentlicht wurden, lässt sich nicht bestimmen. Was auch damit zu tun hat, dass für das Phänomen kein einheitlicher Begriff besteht: Retro-Edition, Tape-Edition, VHS-Style und nicht zuletzt VHS-Edition. Alle Bezeichnungen verweisen darauf, dass DVDs und Blu-rays in einer Verpackung untergebracht sind, die so tut, als sei sie eine VHS-Kassette. Was damit beginnt, dass in der Regel die Box von einem Pappschuber umhüllt ist, der an den Rändern künstlich abgegriffen aussieht. Phil Friederichs von Turbine Medienbezeichnet den Look sogar als »abgeranzt« , um den gewünschten Nostalgieeffekt noch eindrücklicher zu beschreiben. "Die Pointe daran ist, dass es diesen Pappschuber so in Deutschland als standardisiertes Verpackungsmerkmal nie gegeben hat." Woran sich allerdings kaum jemand zu stören scheint. Wie auch darüber nicht, dass die Retro-Editionen gar nicht die exakten Ausmaße alter VHS-Boxen besitzen. Und müssten sie es, wären dann alte Verleih- oder Kaufboxen der Maßstab? So oder so: Wer den »Überstülper« abzieht, hält eine Box in der Hand, dessen Vorder- und Rückseite einer Videokassette nachempfunden sind. Inklusive eines Labelaufklebers, der im Einzelfall sogar einen vergilbten Eindruck macht. Manche Boxen werden mit Magnetverschluss geöffnet - ein Standard ist dies allerdings nicht. Erst recht nicht, was das Innenleben betrifft: Außer der obligatorischen DVD oder Blu-ray können dies Poster, Postkarten, Sticker und andere Gimmicks sein. Jenseits der höchst unterschiedlichen Ausgestaltungsmöglichkeiten von Tape-Editions definiert Steffen Gerlach von Capelight Pictures das Wesen der Sonderverpackung so: "Eine Retro-Edition imitiert die Haptik einer VHS. Die Verpackung sollte möglich authentisch die Zielgruppe der Sammler daran erinnern, eine VHS in Händen zu halten. Denn es geht darum, ein Gefühl zu erzeugen, das eine vergangene Zeit zurückzuholt."

Retro-Phänomene machen sich seit einiger Zeit auch an anderer Stelle bemerkbar: Zuletzt war zu lesen, dass die Musikkassette wieder auf ein gewisses Interesse stößt. Auch Polaroidkameras sind wieder zu haben. In der Gamesbranche kommen moderne Versionen alter Spielekonsolen wie der ersten Playstation zu Ehren. Marketingexperten erklären solche Retro-Trends damit, dass Erfahrungen aus der Kindheit und der Jugendzeit positiv abgespeichert seien. Deswegen bestehe die Zielgruppe in erster Linie aus denjenigen, die die Hochzeit älterer Produkte selbst miterlebt haben. Ein Sonderfall stellt die seit einigen Jahren wieder beliebte Vinyl-Schallplatte dar, die manche Musikhörer schon immer als das bessere Klangmedium betrachtet haben, und auch von jüngeren Konsumenten gekauft werden. "Man muss aber bei der Vergleichbarkeit von Retro-Produktion aufpassen" , sagt Steffen Gerlach: »In einer Vinyl-Hülle steckt eine echte Schallplatte. Wir dagegen können keine VHS-Kassetten verkaufen, weil der Qualitätsunterschied zu Blu-ray einfach zu groß ist. Echte Kassetten - die würde uns niemand abnehmen." Daher könne für Video-Anbieter das Aufgreifen eines allgemeinen Retro-Trends eben nur über die Verpackung umgesetzt werden.

Was seit Herbst/Winter 2018 immer häufiger der Fall ist: In kurzer Folge werden zwischen Oktober und Dezember 2018 unter anderem Titel wie "Re-Animator" (Capelight), "Summer of 84" (Pandastorm),"Die Klasse von 1984" (cmv-Laservision) und "Running Man" (Capelight) veröffentlicht. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Filme aus den Achtzigerjahren. Was natürlich einer inneren Logik folgt: Alte Filme treffen auf altes Design. »Worum es im Kern geht, ist sich die Achtzigerjahre zurück ins Regal zu holen« , sagt Phil Friederichs. Von daher habe es auf der Hand gelegen, den Horror-Klassiker "Texas Chainsaw Massacre" als VHS-Edition herauszubringen. Der Kultfilm stammt zwar aus dem Jahr 1974, doch erst die massenhafte Verbreitung des Videorekorders verhalf dem Film zu seinem Status, den er bis heute genießt. Allerdings beschränken sich Retro-Editions längst nicht mehr auf Filme, die in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren entstanden. Eine VHS-Edition, die in der Fanszene im September 2018 für großes Aufsehen sorgt, ist eine Blu-ray-Collector's Edition im VHS-Style zu "Ready One Player". Der Steven-Spielberg-Film scheint wie geschaffen für eine Tape-Edtion, weil er auf einem Stoff basiert, der bei Nerds und Gamern Kultstatus genießt, und alle diejenigen anspricht, die in den Achtzigern aufgewachsen sind. Und obwohl die VR-Technik eine zentrale Rolle spielt, waren es die Referenzen an die gute alte Zeit, die vielen Fans Vergnügen bereiteten: das Atari-Spiel "Adventure", der "Gigant aus dem All" und der legendäre DeLorean aus "Zurück in die Zukunft". Dazu Hits wie "Blue Monday" und "Stayin' Alive". "Ready Player One" - das ist ein mit modernster Filmtechnik hergestelltes Science- Fiction- Werk mit Verweisen auf die Achtzigerjahre. In der Erinnerung von Steffen Gerlach war das Warner-Produkt so eine Art Branchentüröffner, weil viele Filmliebhaber erstmals konkret eine VHS-Edition wahrnahmen. Wie in Unboxing-Videos auf YouTube (als Unboxing-Videos werden Onlinevideos bezeichnet, in denen Produkte ausgepackt und vorgestellt werden) zu sehen ist, waren einige Fans und Sammler leicht irritiert, wie sie diese Verpackungsform im Vergleich zu Mediabook und Steelbook genau einordnen sollen. Und natürlich gibt es längst Diskussionen und Meinungen über Qualitätsstandards. Neu ist dies nicht. Wie schon beim Mediabook werden VHS-Produkte mal eher aufwendig, mal eher schmalbrüstig in den Handel gebracht. Schon jetzt, sagen Insider, gebe es wieder Trittbrettfahrer, die auf den schnellen Euro aus seien. Turbine-Mann Phil Friederichs hält dagegen, dass unabhängig von der Verpackung, Fans immer etwas geboten werden müsse. "Für unseren Titel 'Leatherface' haben wir einen Designer engagiert, der Filmcover mit einem ganz tollen Retro-Schick gestalten kann." Gemeint ist der Künstler Steelberg (Instagram-Account: iamsteelberg), der in einem Interview auf die Frage, woher er die Inspiration für seine Retro-Art beziehe, sagte: "Wenn ich mir VHS- und Beta-Cover anschaue, werde ich in eine Videothek meiner Kindheit zurückversetzt." Sollte dies auch bei den 'Leatherface'-Käufern der Fall sein, hätte sich die Investition in die Artwork-Gestaltung bestens gelohnt. Klar ist aber auch: Für VHS-Editionen werden nur kleine Auflagen produziert. Die Range dürfte zwischen 200 und 2000 Stück liegen. "Ist doch klar: Von einem Film wie 'Texas Chainsaw Massacre' von dem wir schon diverse Produktfassungen herausgebracht haben, kann ich nicht erwarten, dass er in einer neuen Sonderverpackung noch einmal hohe vierstellige Zahlen schreibt" , so Friederichs. Andreas Strassmann berichtet, mit der Performance von "Die Klasse von 1984" völlig zufrieden zu sein. Die Rede ist von 1500 abverkauften Einheiten. Aber er bleibt vorsichtig: "Wir haben viele Titel im Programm, die sich für eine VHS-Edition eignen würden. Und es werden auch noch welche im Retro-Design erscheinen, zum Beispiel 'Kosmokiller'. Dennoch muss man den Trend genau beobachten. Ist es ein Zug, der schon wieder abgefahren ist?"

Bei ihm und anderen ist die Rede davon, dass der Sammlermarkt in den letzten Jahren mit Sonderverpackungen geflutet worden sei. Aus Sicht von Steffen Gerlach kann allerdings nichts Schlimmes passieren, weil der kleine Hype um die neue Sonderverpackung nicht überbewertet werden dürfe: "Die VHS-Edition ist ein Ergänzungsprodukt. Wir sprechen hier von einer sehr limitierten Vermarktungsart, die sich noch unter der des Mediabooks befindet." Sein kommender Titel ist "Blob - Schrecken ohne Namen" mit Schauspielerlegende Steve McQueen. Limitiert auf 1500 Stück, inklusive nummeriertem Zertifikat. Der Hype ist allerdings nicht so klein, als dass er nicht auch dort stattfände, wo zuletzt Fläche für physisches Home Entertainment zurückgefahren wurde. Erst vor einigen Wochen erschien ein neuer MediaMarkt-Flyer, in dem für elf Titel im Retro-Design geworben wurde. Mit dabei: "An American Werewolf in London", "Scarface", "Der weiße Hai", "Zurück in die Zukunft", "Stirb langsam", "Alien" und "Robocop". Wie konnte das passieren?

Wie man hört, haben die Lizenzinhaber damit nicht allzu viel zu tun. Ein findiger Nischenvertrieb hat sich - rechtmäßig - Blu-ray-Discs zweier Majors besorgt und diese in VHS-Editionen umverpackt. In einigen MediaMarkt-Outlets waren zuletzt noch einige Exemplare greifbar. Und dann wäre da noch der Oktober-Blockbuster "John Wick 3", der bei MediaMarkt und Saturn als exklusive Tape-Edition erscheinen wird. Die Auflage beträgt stolze 3333 Einheiten. Auf Home Entertainment spezialisierte Online-Webseiten weisen noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass sich in der Schachtel definitiv keine VHS-Kassette befinde. Vermutlich werden sich Mitbewerber schlaumachen, wie gut sich dieses Produkt neben den anderen "Wick"--Fassungen schlagen wird.

JOERG RUMBUCHER