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TORONTO Tag 8: Spiel mir das Lied vom Tod

Vom Leben im Ausnahmezustand erzählen viele Filme auf dem Toronto International Film Festival. Drei davon machen es auf ausgesprochen interessante Art und Weise.

12.09.2019 22:48 • von Thomas Schultze
Julie Delpy zeigt mit "My Zoe" ihre bislang beste Regiearbeit (Bild: TIFF)

Es fällt schon auf, wenn man binnen zwei Wochen in Venedig und Toronto rund 40 Filme gesehen hat, wie sehr das Thema Krankheit, Sterben und Trauerarbeit der Umgang Filmemachern aktuell ein Anliegen ist. Wahrscheinlich ist es ein Zufall: Filmprojekte entstehen über mehrere Jahre der Entwicklung, Finanzierung und Produktion. Aber natürlich beginnt sich für den Zuschauer ein größeres Bild zu formen, wenn man in kürzester Zeit so geballt mit der Fragilität und Endlichkeit des menschlichen Lebens konfrontiert wird. Vielleicht beschäftigt man sich unweigerlich mit dem Sterben, wenn man damit konfrontiert wird, dass der Planet, auf dem wir leben, am Abgrund steht. Bloß nichts überinterpretieren - da mag der Festivalkoller aus einem sprechen. Lieber also die Filme für sich betrachten, wie es fair und angemessen ist.

Besonders beeindruckend ist der neue Film von Julie Delpy, My Zoe", eine majoritär deutsche Produktion der auf internationale Koproduktionen spezialisierten Amusement Park, die Malte Grunert gemeinsam mit Daniel Brühl leitet, und fast komplett in Berlin entstanden. Die französische Schauspielerin hat sich in den letzten Jahren immer mehr aufs Filmemachen verlegt. Nach Titeln wie 2 Tage Paris", Die Gräfin" und zuletzt Lolo - Drei ist einer zu viel" ist ihre nunmehr siebte Spielfilmarbeit ein spürbarer Quantensprung, ein intensives Drama, das konzentrierter und konsequenter kaum sein könnte und mit großem Mut in thematische Bereiche vorstößt, in die sich vermutlich nicht viele Filmemacher trauen würden: "Friedhof der Kuscheltiere" ohne den Horroraspekt. Um den Tod eines Kindes geht und den Fallout für eine geschiedene Genetikerin in Berlin, die ihre Tochter nach dem Ende einer verzehrenden Beziehung alleine großzieht. Grob in drei Abschnitte eingeteilt, die sich durch lange Schwarzblenden ankündigen, macht "My Zoe" nicht nur zeitlich große Sprünge, sondern ändert auch jeweils Stil und Temperatur, ohne allerdings jemals den roten Faden zu verlieren.

Im ersten Teil ist der Film noch ein Beziehungsdrama, in dessen Mittelpunkt die Konfrontation von Isabelle, so der Name der von Delpy selbst gespielten Hauptfigur, mit ihrem Ex James (Richard Armitage aus "Der Hobbit") steht. Danach rückt der Fokus auf Isabelle und ihre Tochter Zoe, die nach einem Unfall auf der Intensivstation landet, wo sich ihr Zustand zunehmend verschlechtert. Im letzten Abschnitt springt der Film in die Zukunft, beginnt Züge eines Science-Fiction-Films zu tragen, wenn Isabelle, unfähig mit dem Verlust ihrer Tochter umzugehen, sich an einen befreundeten Wissenschaftler in Moskau wendet und zu einer letzten verzweifelten Maßnahme greift, ihr in tausende Einzelteile zersprungenes Leben wieder zusammensetzen zu können. Es liegt im Wesen der Sache, dass einem "My Zoe" an die Nieren geht. Aber Julie Delpy ist als Filmemacherin längst so souverän und gereift, dass es ihr gelingt, ihre Geschichte immer so zu erzählen, dass man als Zuschauer im jeweiligen Abschnitt der Handlung im Unklaren darüber bleibt, wohin die Reise im nächsten Abschnitt gehen wird. Und eine Reise ist "My Zoe", an die Grenzen dessen, wozu eine Mutter aus Liebe zu ihrem Kind bereit ist. In Toronto gab es Beifall und viel Lob. Jetzt folgen hoffentlich entsprechende Verkäufe ins Ausland: Die hat dieser beeindruckende Drahtseilakt mit seinem Schluss, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht, verdient.

Ums Sterben geht es auch in "Blackbird", dem neuen Film des Briten Roger Michell, dem es unmöglich ist, einen uninteressanten Film zu machen, ob es sich nun um großen Mainstream handelt wie Notting Hill" oder kleinere Dramen wie Enduring Love", "Venus" oder "Le Weekend", die ihm mehr und mehr am Herzen liegen. In dieser Tradition steht nun auch dieses Drama, ein englischsprachiges Remake von Bille Augusts Silent Heart - Mein Leben gehört mir" aus dem Jahr 2014, in dem eine tödlich erkrankte Matriarchin einmal noch ihre beiden Töchter und deren Familien sowie ihre von Kindheitsbeinen an beste Freundin zu einem gemeinsamen Wochenende auf ihr prächtiges Anwesen einlädt. Ihre Pläne, dass sie ihrem Leben am Ende des Wochenendes mit einem Giftcocktail ein Ende setzen will, weil sie selbst den Zeitpunkt ihres Todes bestimmen will, bevor es ihre schnell fortschreitende Krankheit zulässt, sind allen bewusst, werden dann aber dann doch wieder in Zweifel gezogen, als die angespannte Stimmung verborgene Geheimnisse zu Tage fördert. All die Dinge passieren, die immer passieren, wenn Familien zu Festivitäten zusammenkommen - oder zumindest, wenn sie in Filmen zusammenkommen. Und trotzdem ist "Blackbird", phänomenal besetzt mit Susan Sarandon (in einer Rolle, die ursprünglich Diane Keaton zugedacht war), Sam Neill, 'Kate Winslet (die hier exakt so aussieht wie Tina Fey), Mia Wasikowska und Lindsay Duncan, anders, weil Michell immer einen etwas anderen Blick wirft und seinen Figuren Makel und Macken zugesteht, die sie angenehm menschlich und verletzlich wirken lassen.

Das Überleben in einem extremen Schwebezustand steht im Mittelpunkt des überragend gelungenen Regiedebüts von Darius Marder, der sich einen Namen gemacht hat als Drehbuchautor von The Place Beyond the Pines": "Sound of Metal" erzählt die Geschichte eines von Riz Ahmed mit elektrisch nervöser Energie gespielter Energie eines Schlagzeugers eines Blackmetalduos, Ruben, der von einem Tag auf den anderen sein Gehör zu verlieren scheint. Zunächst klingt es in seinen Ohren nur, als würde er sich unter Wasser befinden, aber alsbald schon löst sich seine Außenwelt akustisch in ein weißes Rauschen auf: Er ist fast komplett gehörlos, an eine Zukunft als Musiker ist nicht mehr zu denken. Und vor allem ist die mühsam erarbeitete Balance in Gefahr, mit der er sich an den eigenen Haaren aus dem Drogensumpf gezogen hat. In einer auf dem Land liegenden Einrichtung für gehörlose Drogenabhängige soll Ruben wieder zu sich finden und mit seiner Beeinträchtigung leben lernen, eine Sisyphus-Arbeit: Jeder Fortschritt zieht automatisch gleich wieder Rückschläge hinter sich. Vor allem aber hat Rugen den Traum nicht aufgegeben, mit Hilfe einer kostspieligen Operation doch wieder hören zu können. Selten hat ein Film wohl ein so ausgeklügeltes Tonkonzept gehabt wie "Sound of Metal": Virtuos gelingt es Marder, das Gezeigte wie mit Rubens Ohren und dann wieder als unbeteiligter Außenstehender mitzuhören. Und dann gibt es noch eine Szene, in der der Musiker vom Leiter der Einrichtung konfrontiert wird: Was Paul Raci, ein Vietnamveteran, der im Krieg sein Gehör verlor, als eine Bombe neben ihm explodierte, und sein Trauma danach mit Alkohol bekämpfte, in dieser Szene zeigt, geht weit über übliche Schauspielerei hinaus: Er spielt sich als Joe quasi selbst, und was er Ruben mit auf den Weg gibt, hat eine Eindringlichkeit, dass man seine Worte so schnell nicht mehr vergisst.

Thomas Schultze