Kino

"Ganz neue Formen der Kooperation"

Die ambitionierten Pläne der Genossenschaft Kinomarkt Deutschland nehmen zunehmend konkrete Formen an - und mit der ECommerce-Plattform wird das Herzstück der geplanten Unternehmungen im Bereich digitale Kundenansprache und B2B-Kooperationen jetzt erstmals öffentlich vorgestellt. Blickpunkt: Film sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Ralf Holl.

12.09.2019 14:49 • von Marc Mensch
Ralf Holl ist Vorstandsvorsitzender der Kinomarkt Deutschland e.G. (Bild: Kinomarkt Deutschland)

Mit der erfolgten Eintragung als Genossenschaft kann der Verbund Kinomarkt Deutschland e.G. durchstarten - und in Leipzig wird erstmals ein Blick auf die ECommerce-Plattform gewährt. Wir sprachen mit Ralf Holl.

BLICKPUNKT: FILM: Welche konkreten Herausforderungen will die Genossenschaft Kinomarkt Deutschland adressieren?

RALF HOLL: Es geht uns in allererster Linie und damit im ersten Schritt komplett um das Thema Vermarktung und digitale Kundenansprache. Aus unserer Sicht ist das Kino - und dort speziell der Mittelstand - einfach nicht zeitgemäß und zukunftsorientiert aufgestellt. Selbst dort, wo Daten gesammelt werden, werden sie meist keiner echten Nutzbarkeit zugeführt. Wir wollen eine breite Datenbasis schaffen und wir wollen konkret etwas damit anfangen, auf bundesweiter Ebene - und damit auch die Basis für Kooperationen mit Partnern legen. Dazu haben wir uns einen Dienstleister gesucht, mit dem wir das gemeinsam anpacken und der eine entsprechende Plattform aufgesetzt hat.

BF: Die was genau leisten soll?

RH: Im Prinzip könnte man einen Vergleich zu Fandango ziehen, aber tatsächlich soll es viel weiter reichen als das. Denn es ist eben nicht nur ein Verkaufsportal für Kinotickets, sondern eine Plattform, die über die auf ihr gesammelten und dann aufbereiteten Daten sowohl die regionale digitale Kundenansprache unterstützt als auch ganz neue Formen der Kooperation mit B2B-Partnern ermöglicht, wobei der Aufsichtsrat jeweils entscheiden wird, welche potenziellen Aktionen umgesetzt werden sollen. Wir sprechen beispielsweise gerade mit einem Dutzend Partnern aus dem ÖPNV-Bereich über die Möglichkeit eines Angebots, für rund einen Euro mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Kino und zurück zu kommen, wenn man ein Ticket über unsere Plattform kauft. Auch Dinge wie den Concessions- oder Merchandising-Verkauf wollen wir intelligenter lösen, als dies bislang der Fall ist. Und selbstverständlich sollen die aufbereiteten Daten auch unsere Partner im Verleih dazu befähigen, ihren Marketingeinsatz noch effektiver zu gestalten.

BF: Was sich letztlich auch über einen Kick-Back an die Genossenschaftsmitglieder auszahlen soll?

RH: Selbstverständlich soll uns die Nutzung der Daten vergütet werden. Alleine in Deutschland geben die Verleiher jährlich zwischen 150 und 200 Mio. Euro für Online-Marketing aus - und wir alle kennen die Klagen über viel zu große Streuverluste im Netz. Über ein Portal wie Fandango in den USA kommen die Studios viel näher an ihre Kunden heran. Uns wurde gespiegelt, dass über Fandango gesteuerte Marketingmaßnahmen einen Return on Invest von 1:8 haben. Etwas Vergleichbares fehlt hierzulande bislang komplett - und das wollen wir dem Markt zur Verfügung stellen. Von den Einnahmen, die dadurch entstehen, sollen mindestens 70 Prozent direkt an die Kinos zurückgehen und maximal zehn Prozent für die Finanzierung der Genossenschaft aufgewandt werden.

BF: Welche Resonanz haben Sie von Verleihseite erfahren?

RH: Wir haben die maßgeblichen Verleiher zwischen Herbst 2018 und Frühjahr 2019 besucht, um unsere Ideen vorzustellen - und man hat uns klar Unterstützung signalisiert. Aktuell sprechen wir mit den großen Playern auf Verleihseite darüber, wie die Daten genau aufbereitet sein müssen, damit sie entsprechend genutzt werden können.

BF: Weshalb entschied man sich für den Weg der Genossenschaft?

RH: Es ist so, dass wir in einem engeren Kreis schon seit geraumer Zeit mit diesem Dienstleister im Gespräch waren. Konkret handelt es sich um die Cinster Germany GmbH und Günther Djermester als Macher der Plattform. Uns war ganz wichtig zu vermeiden, dass diese Plattform auf dasselbe Riesenproblem stößt, wie es die potenziellen B2B-Partner, die wir damit ansprechen wollen, bislang hatten: sich individuell an hunderte von Kinos wenden zu müssen. Denn genau das ist ja die Crux hinter der Plattform: Neben der Stärkung der regionalen digitalen Kundenansprache soll sie ja nicht zuletzt auch bundesweiter Andockpunkt für die Partner im Verleih und im weiteren B2B-Bereich sein und damit ganz neue Aktionen und Kooperationen ermöglichen.

BF: Die Teilnahme an der Genossenschaft steht dabei grundsätzlich jedem interessierten Kino offen?

RH: Im Prinzip ja, vor allem wollen wir den kompletten mittelständischen Markt abdecken, ganz unabhängig von irgendeiner Verbandszugehörigkeit oder der eigenen Einordnung als Mainstream- oder Arthouse-Kino. Allerdings muss natürlich jeder, der bei Kinomarkt Deutschland mitmachen will, auch unseren ECommerce-Shop einsetzen, schließlich wollen die notwendigen Daten ja auch zentral gesammelt und aufbereitet werden. Das kollidiert natürlich durchaus mit dem, was die großen Player selbst auf dieser Ebene unternehmen, denn von ihren eigenen ECommerce-Lösungen werden sie sich perspektivisch wohl eher nicht trennen wollen. Insofern mag das auf einer grundlegenden Ebene an dieser Stelle nicht zusammengehen - das spricht aber absolut nicht gegen bundesweite Kooperationen mit den Ketten.

BF: Bei der Gründung der Genossenschaft Mitte Mai hatten Sie das Ziel ausgegeben, perspektivisch zwei Drittel der deutschen Betriebsstätten vertreten zu wollen. Ein ambitioniertes Vorhaben.

RH: Ambitioniert vielleicht, aber keinesfalls unrealistisch. Natürlich ist das eine Vorstellung, die sich nicht von heute auf morgen realisieren lässt, aber wenn das Ganze erst einmal so richtig abgehoben hat, dann halten wir das durchaus für möglich. Immerhin hatten - und das, obwohl unserer Branche ein gewisses Zaudern ja nicht fremd ist - schon vor Gründung über 300 Betriebsstätten ihr Interesse via eines "Letter of Intent" bekundet. Das stimmt mich sehr zuversichtlich hinsichtlich des Feedbacks, wenn wir die Plattform erst haben vorstellen können. Und sind wir ehrlich: Wenn man weit kommen will, muss man sich auch ambitionierte Ziele stecken!

BF: Wie sieht der heutige Stand bei den Mitgliedern aus?

RH: Der wächst quasi von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Wir hatten ja minimale Startprobleme aufgrund von Verzögerungen beim Eintrag ins Genossenschaftsregister. Mitte Juli war es dann endlich soweit, gleichzeitig ist die Website online gegangen, wo interessierte Kollegen auch ein Anmeldeformular finden. Seither nehmen wir ständig neue Kollegen auf. Wir bewegen uns gerade schon auf 100 Betriebsstätten zu und gehen davon aus, bis Ende des Jahres mehr als 300 Kinoabspielstätten vereinen zu können.

BF: Welcher Beitrag wird für die Mitgliedschaft fällig?

RH: Der Anteil an der Genossenschaft kostet einmalig 1000 Euro pro Abspielstätte - wobei ein Betreiber grundsätzlich mit allen seinen Abspielstätten Mitglied werden muss, ein Rosinenpicken schließen wir an dieser Stelle aus. Darüber hinaus fällt eine geringe Gebühr von 60 Euro pro Jahr und Spielstätte an. Weitere Kosten entstehen nicht, insbesondere besteht keinerlei Nachschusspflicht der Genossenschaftsmitglieder, sollte es irgendwann einmal zu finanziellen Engpässen kommen.

BF: Wie sieht der Fahrplan für die kommenden Monate aus?

RH: Die Genossenschaft hat ja mittlerweile ihr Berliner Büro in der Kantstraße bezogen und wir sind momentan mit ganzer Kraft dabei, Mitglieder aufzunehmen. Inhaltlich konzentrieren wir uns zum Start wirklich konsequent auf Vermarktung und digitale Kundenansprache. Alle weiteren Schritte, wie z.B. einen gemeinsamen Einkauf, werden wir erst angehen, wenn wir das wichtigste Thema so am Laufen haben, wie wir uns das vorstellen. Der Prototyp der Plattform ist fertig entwickelt und geht jetzt in einen integrierten Testbetrieb, im späteren Verlauf des Herbstes soll dann noch eine Qualitätssicherungsphase erfolgen und dann unmittelbar noch in diesem Jahr der Roll-out starten. Tatsächlich freue ich mich, ankündigen zu können, dass wir bereits auf der Filmkunstmesse erste Einblicke in die Plattform gewähren können, wir werden dazu drei jeweils rund 90minütige Termine anbieten.

BF: Bei der Filmmesse in Köln gab es ja durchaus Bedenken, dass sich ein Teil der Branche angesichts steigender Zahlen schon wieder zurücklehnen könnte, anstatt endlich Initiative zu ergreifen. Sehen Sie das ähnlich?

RH: Ich will es einmal so sagen: Wenn sich ausgerechnet Roger Crotti von Walt Disney auf die Bühne stellt und zu Recht mahnt, dass man mit den Ergebnissen nicht zufrieden sein kann, dann sollte das jeden wachrütteln. Wir schaffen es momentan einfach nicht, wieder einen Hype zu kreieren, Kino wieder fest im Unterbewusstsein zu verankern. Und da geht es nicht um den einzelnen Film, sondern die Abspielstätte an sich, das Kino allgemein. Wir versagen dort, wo Netflix sein volles Know-How ausspielt, wo es dieser Plattform gelingt, selbst mittelmäßige Filme wie einen "Bird Box" zum Tagesgespräch zu machen. Wir müssen unser Publikum einfach wieder viel besser erreichen. Und lassen Sie mich aus Anlass der Filmkunstmesse eines hinzufügen: Momentan mag die Jugend dem älteren Publikum noch deutlich den Rang ablaufen, was die digitalen Gewohnheiten anbelangt. Aber das wird sich ändern - und viel schneller als viele das glauben wollen. Zu sagen "Ich bin Arthouse, mein Publikum ist älter, mich betrifft digitale Kundenansprache nicht" wäre ein eklatanter Fehler. Aus vielerlei Gründen. Wir denken, dass unsere Initiative auch für den Arthouse-Bereich enorme Relevanz hat und freuen uns auf die Gespräche in Leipzig.

Das Gespräch führte Marc Mensch