Kino

KOMMENTAR: Das Kino ringt um Relevanz

Kino bleibt relevant! So lautet das Motto der diesjährigen Filmkunstmesse. Und viel spricht dafür, dass es nicht zu vollmundig ausgefallen ist. Das Kino muss um seine Kunden kämpfen, angesichts immer größerer, globaler Konkurrenz.

12.09.2019 13:03 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Kino bleibt relevant! So lautet das Motto der diesjährigen Filmkunstmesse. Und viel spricht dafür, dass es nicht zu vollmundig ausgefallen ist. Das Kino muss um seine Kunden kämpfen, angesichts immer größerer, globaler Konkurrenz. Die meisten in der Branche, die Kino lieben und leben, haben die Herausforderung angenommen. Dabei dürfen die Anstrengungen in Deutschland noch größer ausfallen. Für begeisterte Cineasten, für alle, die mit dem Kino aufgewachsen sind, als es kaum Ablenkung durch andere Bewegtbildmedien gab, mag es unverständlich sein, wie sehr digitale Angebotsformen dem Kino die Bedeutung streitig machen. Dass Film- und Seriengenuss auf kleinsten Bildschirmen das Kinoerlebnis ersetzen soll, erscheint rätselhaft. Da bleibt es wichtig, dass große Kinofilme für Aufmerksamkeit, wenn nicht Furore sorgen. Wenn sich das potenzielle Publikum nicht über neue Serien der Streaminganbieter die Köpfe heiß reden soll, müssen Filme Zeitgeist oder Lebenswirklichkeit besonders eindringlich spiegeln und kommentieren, egal ob im Kunstfilm oder Blockbuster. Um das große Mainstreamkino muss einem nicht bange sein. Die großen Marvel-, Disney- oder "Star Wars"-Filme bannen Generationen überall auf der Welt. In ihren Foren und auf sozialen Medien verfolgen sie jeden neuen Filmschnipsel mit froher Erwartung. Auch ES: Kapitel 2" als erster Hit des jungen Kinoherbstes zeigt, dass das Kino nichts von seiner Anziehungskraft eingebüsst hat. Gerade hat Venedig erneut mit einer durchaus eigensinnigen Programmierung für kontroverse Diskussionen in der kunstinteressierten Welt gesorgt. Alberto Barbera ist zu danken, dass er den Fokus auf Ausnahmefilme wie "Joker" gleichermaßen wie auf J'accuse" oder American Skin" lenkt, deren Macher zu erbitterten Debatten herausfordern. Diese Bedeutung im öffentlichen Diskurs gilt es auch für den deutschen Film zu erobern. Der darf getrost deutlich mehr dazu beitragen, die Aufmerksamkeit eines großen Publikums zu finden. Hierzulande ist der große Unterhaltungsfilm, der sich auch formal-inhaltlich etwas traut, immer noch ein rare Erscheinung. Dabei müssen gerade im Kino die Lebensentwürfe und Herausforderungen in unserer Gesellschaft verhandelt werden, mit denen andere Verbreitungsformen ihr Massenpublikum lieber nicht polarisieren. Und natürlich muss der Weg ins Kino noch stärker mit einem besonderen Erlebnis belohnt werden. Alle Kinobetreiber, auf dem Land oder in der Stadt, brauchen auch staatliche Unterstützung, um ein perfektes Erlebnis bieten zu können. Im November startet Apple+ auch in Deutschland, es folgen weitere Streaming¬anbieter, die alle um Zeit und Intersse der Filminteressierten buhlen. Die Kinos haben gute Chancen im »relevant set« des Publikums zu bleiben. Dafür ist jetzt und in Zukunft jede Anstrengung und viel Unterstützung nötig.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur