Produktion

Felix Starck: "Das Kino hat für mich oberste Priorität"

Felix Starck produziert mit seiner Koryphäen Film den neuen Film von Marc Rothemund, "Es ist zu deinem Besten". Derzeit laufen in Berlin und Umgebung die Dreharbeiten. Welche Hürden der junge Produzent, der mit "Expedition Happiness" und "Pedal the World" große Erfolge feierte, zu meistern hatte, und warum Marc Rothemund sein absoluter Wunschkandidat war, erzählt er im exklusiven Interview.

12.09.2019 13:46 • von Barbara Schuster
Felix Starck am Set von "Es ist zu deinem Besten", der derzeit gedreht wird (Bild: Koryphäen Film)

Felix Starck produziert mit seiner Koryphäen Film den neuen Film von Marc Rothemund, "Es ist zu deinem Besten". Derzeit laufen in Berlin und Umgebung die Dreharbeiten. Welche Hürden der junge Produzent, der mit "Expedition Happiness" und "Pedal the World" große Erfolge feierte, zu meistern hatte, und warum Marc Rothemund sein absoluter Wunschkandidat war, erzählt er im exklusiven Interview.

Seit Mitte August laufen die Dreharbeiten von "Es ist zu deinem Besten". Wie ist der Stand der Dinge und wie kamen Sie auf den Stoff?

Der Film beruht auf einer spanischen Vorlage. Ich habe das Original "Es por tu bien" von Carlos Therón vor zwei Jahren auf dem Filmfest Hamburg gesehen. Die Komödie war 2017 der zweiterfolgreichste Film in den spanischen Kinos. In Hamburg hat sie schließlich den Publikumspreis gewonnen. Da Koryphäen Film ja auch als Verleih tätig ist, wurde ich zu einem Screening eingeladen, um den Film eventuell auch in Deutschland zu starten. Nach längerem Überlegen und Beratschlagen war klar, dass der Humor in der deutschen Synchronisation verloren gehen würde. Deshalb habe ich mich um die Remake-Rechte bemüht. Ich bin damit dann relativ schnell auf Regisseur- und Verleihsuche gegangen...

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Marc Rothemund?

Schon während der Gründungszeit von Koryphäen Film war Marc ein Regisseur, mit dem ich unbedingt zusammenarbeiten wollte. Marc ist einer der wenigen Regisseure in Deutschland, die Mainstream mit Tiefgang erzählen können. Der Look, die Erzählweise, die Inszenierung... für mich sind Marcs Filme internationale Filme! Von daher war er für "Es ist zu deinem Besten" der absolute Wunschkandidat.

Aber es galt zunächst, das Original für den deutschen Markt zu adaptieren...

Unsere Entscheidung, das Projekt rasch angehen zu wollen, fiel eigentlich, bevor wir ein fertiges Drehbuch hatten. Deshalb mussten wir die spanische Vorlage relativ schnell adaptieren. Hier kam uns Hans Rath zur Hilfe, den ich als Autor sehr schätze.

Was hat er aus der Vorlage gemacht?

Marc und ich haben den Originalfilm mehrmals angeschaut und uns überlegt, wie wir das Drehbuch angehen könnten. Marc hat Hans ins Spiel gebracht. Ich kannte Hans Rath nur als Leser, habe fast alle seine Bücher gelesen. Beruflich hatte ich mit ihm noch nie zu tun, war von der Idee aber sofort angetan. Hans Rath hat einen ganz besonderen Humor. Es musste auch jemand sein, mit dem wir beide gut können, da wir eigentlich nur fünf Monate Zeit fürs Drehbuch hatten. Hans und ich haben das Drehbuch mit Marcs Input geschrieben. Wir haben die Geschichte aus Spanien ins Berlin von Heute gelegt. Der Originalfilm war eher klamaukig, sehr spanisch. Das würde in Deutschland so nicht funktionieren. Deshalb haben wir die Konflikte ins heutige Berlin geholt. Was wir beibehalten haben war der Witz, der über die Körperlichkeit der drei Hauptdarsteller kommt, sowie natürlich die Ausgangssituation, die drei Väter, die unglücklich sind mit der Wahl ihrer Schwiegersöhne, sich als Wolfsrudel zusammentun und alles versuchen, die zukünftigen Ehemänner ihrer Töchter loszuwerden.

Das Projekt hat mit Marc Rothemund nicht nur hinter der Kamera große Namen an Bord, auch das Ensemble ist namhaft. Dennoch lief nicht alles reibungslos ...

Die Förderabsage des FFF Bayern hat uns kalt erwischt. Wir können sie bis heute nicht gänzlich verstehen. Die Begründung war die recht inflationär verwendete Floskel "Keine Aussicht auf Erfolg". Wir haben mit Marc einen der erfolgreichsten Regisseure des Landes, der sogar Oscar-nominiert ist, an unserer Seite, unser Ensemble strotzt vor bekannten Namen wie Heiner Lauterbach, Hilmi Sözer, Jürgen Vogel uvm., wir haben einen Verleih an Bord, der sich mit einer ordentlichen Summe beteiligt, der Stoff lockte in Spanien bereits 1,8 Mio. Besucher in die Kinos. Ich empfinde es als anmaßend, diesem Projekt keine Aussicht auf Erfolg auszustellen. Und wir mussten nicht nur die eine Absage vom FFF Bayern verkraften, es folgte später noch eine zweite...

Wie das?

Da muss ich etwas ausholen. Ich behaupte, dass wir mit den Erfolgen von "Pedal the World" und "Expedition Happiness" im Rücken durchaus als eine gehypteste Jungproduktionsfirmen angesehen werden. Wir haben uns bei der Firmengründung von Koryphäen Film bewusst für München als Hauptstandort entschieden. Wenn ich jetzt ein so tolles Projekt zusammenschnüre wie "Es ist zu deinem Besten" und damit bei der hauseigenen Förderung scheitere, verliert man schon etwas den Glauben. Im Grunde muss das doch ein Selbstläufer sein, gerade in der heutigen Zeit, wo man über das "Kino-Sterben" debattiert und von zu wenigen zugkräftigen kommerziellen heimischen Produktionen liest. Wenn dann ein Stoff wie unserer, der den Kinos die Aussicht auf gute Umsätze beschert, keine Unterstützung erfährt, stimmt doch etwas nicht. Da ist man als junger Produzent, der selbst ins finanzielle Risiko geht, ziemlich baff.

Es gab dann doch auch Förderer, die an Ihr Projekt glauben.

Absolut! Die FFA ist im wahrsten Sinne in die Bresche gesprungen - sogar als Erstförderer! Sie hat uns signalisiert, dass sie an das Projekt glaubt, sein Potenzial erkannt und uns mit 500.000 Euro Förderung bedacht. Und natürlich auch Chapeau ans Medienboard, die nach der FFA mit einer extrem hohen Summe von 700.000 Euro reingegangen sind. Kirsten Niehuus hat hier signalisiert: wir glauben an das Projekt und an euch als Firma.

Zu welchem Zeitpunkt grätschte denn der FFF Bayern mit seiner zweiten Absage dazwischen?

Nach den Förderungen von FFA und Medienboard sind Marc und ich erneut beim FFF Bayern vorstellig geworden, um die Förderung vielleicht doch noch als minoritäre Schlussfinanzierung zu gewinnen. Dorothee Erpenstein hat uns die Chance gegeben, das Projekt ein zweites Mal einzureichen, entgegen der Richtlinien. Leider wurden wir erneut abgelehnt. Man muss sich vorstellen, dass wir als Koryphäen Film bereits grünes Licht für die Produktion gegeben hatten, deren Budget über fünf Millionen Euro beträgt. Den Drehstart konnten wir nicht mehr verschieben, weil die Schauspieler wie auch die Crew im Anschluss anderen Engagements nachkommen müssen.

Will man da nicht hinwerfen und gleich wieder auf Reisen gehen?

Das ist vorbei. Aber klar, die Wege sind schon kürzer, wenn man der eigene Kameramann, der eigene Förderer, der eigene Hauptdarsteller und Geschäftsführer ist. Es ist eine große Kunst, alle verschiedenen Departments zu einem großen Ganzen zusammenzuführen wie nun bei "Es ist zu deinem Besten", aber deshalb bin ich diese "neue Reise" ja angetreten.

Das Ensemble vor der Kamera ist, wie bereits erwähnt, sehr namhaft. Wie sind Sie beim Casting vorgegangen?

Als ich den spanischen Film gesehen habe, war mir sofort klar, dass Heiner Lauterbach in der Plakatmitte stehen muss. Ich bin sehr früh an Heiner herangetreten, noch vor den Verhandlungen mit Marc Rothemund. Heiner und ich haben eine sehr gute Beziehung, realisieren auch andere Projekte zusammen. Deshalb hat er schnell zugesagt. Marc war mit der Wahl auch glücklich, zumal er Heiner noch aus "Rossini"-Zeiten kennt, bei dem er als Regieassistent tätig war. Den Rest der Besetzung haben Marc und ich gemeinsam mit Casting Director Franziska Aigner entschieden. Wir haben ein sehr gutes und prominentes Ensemble zusammen. Inka Friedrich, Lisa Maria Potthoff, Marie-Lou Sellem, Janina Uhse, Lisa Marie Koroll, Lara Aylin Winkler...

Studiocanal ist als Verleih an Bord. Nach "Mein Blind Date mit dem Leben" die zweite Zusammenarbeit mit Marc Rothemund.

Unser Projekt war erst bei einem anderen großen Verleiher. Dann haben wir uns allerdings entschieden, den Verleih zu wechseln. Ich habe Kalle Friz drei Tage vor einer Fördersitzung angerufen - und wir wurden uns relativ schnell einig. Das Paket hat sie überzeugt, unsere junge aufstrebende Produktionsfirma, aber auch Marc, dessen "Mein Blind Date mit dem Leben" ein Riesenerfolg für das Unternehmen war. Die Zusammenarbeit mit Studiocanal ist sehr angenehm. Ich bin mir sicher, dass wir hier auch längerfristig zusammenarbeiten werden.

Ihre Koryphäen Film haben Sie am 1. Januar 2018 ins Leben gerufen. Wie findet man sich als junge Produktions- und Verleihfirma zurecht?

Nun, mein Einstieg in die Filmbranche war kein gewöhnlicher. Ich habe eben nicht an einer der üblichen Filmhochschulen studiert, sondern bei der Automobilindustrie. Dort wurden mir sehr früh in meiner Karriere extreme Freiheiten gegeben. Das hilft mir als Geschäftsführer und Produzent natürlich die Wirtschaftlichkeit stets im Blick zu haben und Budgets zu überwachen. Film ist für mich eine Mischung aus Wirtschaft und Kunst bzw. Kreativität. Das lernst du bei Daimler dann weniger, aber als großer Filmfanatiker war schnell klar, dass ich irgendwann mal selbst Filme drehen möchte. Dass dann diese sensationellen Erfolge mit "Pedal the World" und "Expedition Happiness" gelingen war nicht abzusehen. Natürlich haben wir das minutiös geplant, aber man weiß nie, ob es zündet. Ich glaube bis zum heutigen Tag ist man nach wie vor skeptisch, ob wir als Koryphäen Film überhaupt solch einen Film wie "Es ist zu deinem Besten" stemmen können. Nach der Hälfte der Drehzeit kann ich voreilig schon einmal behaupten: wir können es!

Es ist also nicht einfach, seinen Platz zu "erkämpfen"...

Die Branche ist insgesamt sehr kompliziert und selten hat sich eine Industrie so wenig weiterentwickelt wie eben die deutsche Filmproduktion, aber auch die Auswertung. Wenn wir heute noch die gleichen Autos bauen würden wir vor 50 Jahren, würden wir keine Autos mehr verkaufen. Bei der Herstellung von Filmen hat sich einfach zu wenig verändert. Wir produzieren heute noch unter der gleichen bzw. einer ähnlichen Wirtschaftlichkeit wie vor 50 Jahren. Ich halte es für sinnvoll, dass man bei der zukünftigen FFG-Debatte mal ein weißes Blatt Papier nimmt, statt ständig an kleinen Stellschrauben zu drehen. Eventuell sollte man auch jüngere Produzenten mit an den Tisch setzen, um unsere Stimme zu hören. Denn im Grunde werden die Gesetze unserer Zukunft verhandelt. Aber ich bin mir sicher, dass die Produzentenallianz und der Produzentenverband da auch mit jüngeren Produzenten im Austausch ist.

Ist Ihre junge Firma personell gewachsen?

Yüksel Yilmaz ist immer noch bei uns in Berlin; sie ist auch Produzentin und Herstellungsleiterin von "Es ist zu deinem Besten". Den Standort München mussten wir nach der Nicht-Förderung des FFF aufgeben. Deshalb musste ich auch meinen guten Freund Fabian Halbig ziehen lassen. Er treibt jetzt seine eigene Firma Nordpolaris voran. Koryphäen Film ist jetzt eine rein Berliner Firma. Neu im Team ist unsere Producerin Julia Golembiowski, die in Ludwigsburg Produktion studiert hat und zuletzt an tollen Filmen wie "Cleo" mitgearbeitet hat.

Sie haben bei der Gründung zu Blickpunkt:Film gesagt: "Wenn alles gut läuft, werden wir im Jahr zwei oder drei unserer Herzensstoffe produzieren, aber ich würde gerne sechs bis acht Filme im Jahr im Verleih ins Kino bringen". Steht dieses Vorhaben noch?

Das war eher in die Zukunft gedacht, wo wir uns in fünf bis zehn Jahren sehen. Das ist nach wie vor auch meine Vision und durchaus realistisch, auch wenn sich unsere Interessen etwas weg vom Verleih bewegt haben. Natürlich hatten wir in der Vergangenheit schöne Filme in die Kinos gebracht wie "Familiye", den Moritz Bleibtreu produziert hat, oder "Das schönste Paar" von Sven Taddicken. Am 3. Oktober bringen wir noch Maria Ehrichs Regiedebüt "Leaving the Frame" heraus, in dem sie ihre Reise im VW-Käfer ähnlich dokumentiert hat wie bei meinen kleinen Filmen. Ich mag Projekte, an die sich andere nicht trauen.

Aber künftig setzen Sie mehr auf die Produktion von Filmen?

Genau. Wir wollen uns auf die Produktion konzentrieren, um endlich auch mal den richtigen Film für uns als Verleih zu produzieren. Es gibt immer noch das Herzensprojekt "Pulse", an dessen Finanzierung wir seit einem Jahr sitzen und das auch in den nächsten Monaten sicherlich durchfinanziert ist. "Pulse" soll unsere erste Eigenproduktion werden, die wir selbst als Verleih in die Kinos bringen. Wir als kleine Produktionsfirma mit einem großen Projekt wie "Es ist zu deinem Besten" müssen die Arbeitskräfte richtig und gezielt einsetzen, denn normalerweise braucht es für ein derart komplexes Projekt mehr als nur zwei Produzenten. Den größten Fehler, den man in unserer Situation machen könnte, wäre, die Entwicklung zu vernachlässigen. Im Grunde haben wir schon zwei Bücher, die nächstes Jahr gedreht werden können. Nun gilt es die Finanzierung auf die Beine zu stellen.

Darf man schon verraten, an was Sie arbeiten?

Wir realisieren das Langfilmdebüt von Doroteya Droumeva, die mit ihrem Kurzfilm "Der Brief" den Hauptpreis in Cannes gewonnen hat. Dieser Preis garantiert ihrem Debüt eine Premiere im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes. Bei dem anderen Buch handelt es sich um einen originären Kinderfilm, der von der BKM bereits Projektentwicklung erhalten hat. Zudem gibt es natürlich ganz viele Bücher, die aber noch den ein oder anderen Polish brauchen... Und eben mein absolutes Herzensprojekt: Die Romanneuverfilmung des New York Times Bestsellers "Sideways".

Und wenn Netflix und Co anklopfen?

Wir bei Koryphäen Film haben uns dem Kino verschrieben. Ich glaube an das Kino. Gleichzeitig habe ich eine gute Beziehung zu Kai Finke von Netflix, der meine beiden Dokus gekauft hat, als Netflix noch gar keinen Standort in Europa hatte. Man denkt vielleicht, als junge Produktionsfirma muss man sofort auf den Streamingzug aufspringen. Aber das Kino hat für mich oberste Priorität.

Das Gespräch führte Barbara Schuster