Produktion

Philipp Stölzl: "Unbekanntes Terrain erobern"

Der mit u.a. "Der Medicus" erfolgreiche Regisseur erweitert mit der Musicaladaption "Ich war noch niemals in New York" sein Repertoire und wendet sich als nächstes einem ernsten Stoff zu. In Routine will er nicht verfallen, wie er im Gespräch mit Blickpunkt:Film erzählt.

13.09.2019 08:35 • von Heike Angermaier

Der mit u.a. Der Medicus" erfolgreiche Regisseur Philipp Stölzl erweitert mit der Musical-Adaption "Ich war noch niemals in New York" sein Repertoire und wendet sich als nächstes einem ernsten Stoff zu. In Routine will er nicht verfallen.

Mit "Ich war noch niemals in New York" kommt nach langer Zeit zum ersten Mal wieder ein deutschsprachiges Musical in Kino, eine Seltenheit. Was war die besondere Herausforderung?

Philipp Stölzl: Dieses Projekt ist ein Glücksfall für mich! Ich bin ja nicht nur Filmer, sondern auch Opernregisseur und Bühnenbildner - und hab in den 90iger Jahren rund um die Welt als Musikvideoregisseur gearbeitet. All diese Erfahrungen und Leidenschaften, die ich so im Laufe meines Künstlerlebens angesammelt habe, bei diesem Film verbinden zu können, war total schön und erfüllend.

Wie nah ist die Filmadaption dem Musical?

PS: Ziemlich nah. Das Musical war ja ein Bestseller mit 6,8 Mio. verkauften Tickets. Wir wollten dieser großen Marke gerecht werden, die DNA dieses riesigen Bühnenerfolgs übernehmen. Aber natürlich funktioniert eine Bühnenshow total anders als ein Kinofilm: Das geht schon damit los, dass man im Theater eine Pause hat, also eine Struktur in zwei Akten, die für einen Film unbrauchbar ist. Mann musste also eine Menge sensibel herumschrauben in der Mechanik der Story, ohne dabei ihr Wesen zu verändern. Bei den Songs haben wir fast alle Hits aus der Bühnenversion übernommen, plus drei, die wir dort vermisst hatten, und die jetzt nur in der Filmversion vorkommen.

Der Film ist nicht mit Musicaldarstellern, sondern mit Schauspielern besetzt...

PS: Wir wollten Stars haben, die dieses fürs Publikum sehr ungewohnte Genre attraktiv machen und zum "Leuchten" bringen. Mit unbekannten Musicaldarstellern kriegt man keinen Kinosaal voll. Natürlich muss man da dann bei Gesang und Tanz gewisse Abstriche machen, klar. Aber dieses in gewisser Weise Unperfekte macht am Ende genau den Charme des Films aus. Stimmlich haben wir glaube ich eine an Farben reiche Besetzung, da sind Charakterstimmen wie Katharina Thalbachs "Lotte Lenya"-Reibeisenstimme dabei, da gibt es Granaten-Stimmen wie die von Uwe Ochsenknecht- oder auch die von Moritz Bleibtreu, der wie Manfred Krug eher spricht statt singt.

Der Film fällt durch sein Retrodesign auf.

PS: Wir haben uns stilistisch an der Zeit der Ozeanliner orientiert, in der einer Schiffsreise noch das Flair von Eleganz und Klasse anhaftete. Die touristischen Kreuzfahrschiffe der Gegenwart mit Wasserrutsche und All-inclusive-Buffet schienen uns kein attraktives Setup! Das Schiff haben wir dann nach einem alten Vorbild gebaut, der Film ist ja ganz im Studio gedreht, zitiert lustvoll und ironisch das Fünfziger-Jahre-Kino, das quasi mit einem Fuß im Theater stand. Da gibt es natürlich jede Menge tolle Vorbilder: Ein Amerikaner in Paris", Singin' In the Rain" usw. Wir haben sogar ein kleines Esther-Williams-Zitat drin, das kleinste Wasser-Ballett, das je in einem Film vorgekommen ist, geschwommen von zauberhaften Synchronschwimmerinnen aus Mannheim in einem winzigen Swimmingpool!

Der Humor, die Art der Komik orientiert sich auch an älteren Vorbildern?

PS: Das Musical ist nach dem Vorbild von Mamma Mia!" zugeschnitten, sprich, um die Hits herum wird eine Boulevardkomödie gestrickt. In der Art des Humors haben wir uns an den klassischen Screwball-Komödien aus den Vierzigern und Fünfzigern orientiert, die Filme von Lubitsch oder Hawks "Leoparden küsst man nicht", in der die Geschwindigkeit der Dialoge deutlich höher ist als in den meisten deutschen Komödien, die mehr auf Pointen setzen. Das hat natürlich auch mit unserem Genre zu tun, man braucht im Musical einen sehr musikalisch-komponierten Dialogrhythmus, um gut in die Songs und wieder hinaus zu kommen. Die Dinge müssen quasi immer im Fluss bleiben.

Es gibt einige Szenen, in denen nicht nur ein bis drei Hauptfiguren, sondern eine Menge Komparsen passend zur Musik zu koordinieren sind. War das schwierig?

PS: Nein, nachdem ich beim "Winnetou"-Mehrteiler über 90 Tage hinweg mit epischen Szenen in der unwägbaren Natur mit vielen Pferden und Regen zu kämpfen hatte, freute ich mich, im trockenen Studio zu stehen und Dialoge zwischen zwei Leuten und ja auch ein paar größere Szenen auf Deck zu filmen. Für mich war der Dreh eine sehr konzentrierte, gut überschaubare Angelegenheit. Die Tanzszenen waren das Ungewöhnliche. Die Herausforderung bestand darin, wie man den Tanz szenisch gestaltet, wie er ironisch, originell wirkt, den Charme des Unperfekten ausstrahlt. Eine große Broadway-Musical-Nummer, in der Hunderte Tänzer eine Treppe heruntertanzen, wollten wir nicht, hätten wir vom Aufwand her auch nicht herstellen können.

Die Ausstattung war nicht ganz so aufwändig wie kürzlich bei ihrer "Rigoletto"-Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne?

PS: Vom Aufwand her nehmen sich der "Rigoletto" und "New York" glaube ich nichts. Aber das sind natürlich grundverschiedene Dinge. Bregenz ist Monumentaltheater mit fast so viel Publikum und auf so großem Raum wie bei einem Rock-Konzert. Da braucht man ein gewisses Spektakel und Bildpoesie, die sich auch in den hintersten Reihen noch magisch darstellt. Ich habe Spaß am guten Handwerk und knie mich gerne rein, sei es bei der wirklich sehr komplexen Bühnenshow in Bregenz, mit viel Maschinerie und Akrobatik, hinter der sehr viel Arbeit von sehr vielen Leuten steckt, oder beim langen Feilen am Drehbuch und den Songs des Musicals, der Auswahl der Tapete oder eines einzelnen Pullovers.

Wurde beim Dreh live gesungen?

PS: Kaum. Das ist technisch sehr kompliziert. Der Gesang wurde vorher im Studio aufgenommen. Aber die Schauspieler singen trotzdem bei der Aufnahme am Set laut mit, damit es glaubhaft und lippensynchron wirkt. Nur wenn Katharina Thalbach im Flugzeug "Ich war noch niemals in New York" singt, haben wir sie am Klavier begleitet, sie singt hier tatsächlich live.

Die Schauspieler wirken, als hätten sie Spaß beim Dreh gehabt.

PS: Das war ein tolle Gruppe, sehr freundschaftlich und lustig. Bei diesem Musical mitzuwirken, war für alle eine Einmal-im-Leben-Gelegenheit! Und natürlich macht es auch Spaß, sich mit Musik und einer Liebeskomödie mit den schönen Dingen des Lebens zu befassen und mal nicht mit dem Ernst des Lebens.

Damit beschäftigen Sie sich in ihrem nächsten Projekt Schachnovelle".

PS: Allerdings, da wird es ernst. Das ist ja ein klaustrophobisches Gestapo-Gefängnis-Drama, das tief in die menschliche Verzweiflung abtaucht. Mir ist es wichtig, in meiner Arbeit unbekanntes Terrain zu erobern, ich brauche diese gewisse Nervosität, das Adrenalin. Wenn ich mich in ein neues Sujet einarbeite, habe ich das Gefühl, zu künstlerisch besseren Ergebnissen zu kommen. Wenn man sich zu sicher fühlt, besteht die Gefahr, dass man Routine abruft. Ich mochte schon Stefan Zweigs Vorlage, aber als ich das Drehbuch las, dachte ich, wow! "Schachnovelle" ist auch die Chance, extrem suggestives Kino zu machen. Mich interessieren Stoffe, die auf die Leinwand gehören. Auch "Ich war noch niemals in New York" mit seiner musikalischen Wucht entfaltet genau auf der Leinwand seinen ganzen Reiz.

Wann beginnen die Dreharbeiten zu "Schachnovelle"?

PS: Ich inszeniere gerade noch eine selber entwickelte Oper namens "Andersens Erzählungen" am Theater Basel. Im Dezember geht es dann mit dem Dreh in Wien los. Wir haben eine tolle Besetzung. Oliver Masucci spielt Anwalt Dr. B., Albrecht Schuch den Gestapo-Mann und den Schachweltmeister. Birgit Minichmayr ist ebenfalls dabei.

Sie arbeiteten bereits mehrfach mit UFA zusammen, bei "Der Medicus" und "Ich war noch niemals in New York".

PS: Mit der UFA verbinden mich Zukunftspläne, unter anderem der zweite Teil von "Medicus", den ich gemeinsam mit Wolf Bauer produziere. Neben meiner Regiearbeit macht es mir inzwischen auch großen Spaß, mich um die Verwirklichung von Regievisionen anderer zu kümmern. Als Regisseur geht es mir allerdings nicht um Firmennamen, sondern nur um die Stoffe und die Menschen, die dahinterstehen. Mit Christoph Müller von der Constantin verbindet mich eine lange Freundschaft, wir werden sicher wieder zusammenarbeiten, die "Schachnovelle" hat mich mit zwei jüngeren Produzenten aus München zusammengebracht, Walker+Worm.

Haben Sie "Ich war noch niemals in New York" auch mitproduziert?

PS: Ja ich habe da einen kleinen Produzenten-Credit, weil ich sehr stark an der Entwicklung des ganzen Projekts beteiligt war. Aber das ist mehr eine Freundlichkeit der eigentlichen Produzenten Regina Ziegler, Sebastian Werninger, Nico Hofmann und Christoph Müller.

Sie haben schon viele Genres und Formate ausprobiert. Wollen Sie auch eine Serie für einen Streamingdienst in Angriff nehmen?

PS: Tatsächlich beschäftige ich mich gerade damit, Mary Shelleys "Frankenstein" als Serie zu entwickeln. Die lange Form kann total spannend sein, wenn das Sujet trägt und den Zuschauer wirklich mehrere Stunden lang fesseln kann. Und man muss natürlich echt begeistert sein als Regisseur, um so lange Zeit beim Dreh eines Projektes verbringen wollen. Für die "Winnetou" Trilogie waren wir über ein halbes Jahr in Kroatien, das war eine tolle Zeit, aber auch eine sehr lange Strecke. Bei der allgegenwärtigen Serienbegeisterung mache ich mir allerdings manchmal Sorgen um die Kunstform Kino, ich finde es superwichtig die Leinwand weiterhin mit Leidenschaft zu füllen!

Das Interview führte Heike Angermaier