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Cornelia Ackers: "Ich kam mir vor wie beim Hexentribunal"

Mit der Folge "Der Ort, von dem die Wolken kommen" beginnt für den "Polizeiruf" des Bayerischen Rundfunks am 15. September eine neue Zeitrechnung. Blickpunkt:Film sprach mit der verantwortlichen Redakteurin Cornelia Ackers über Entwicklung und Perspektiven der Reihe, ihre Erfahrungen mit ProQuote und eine potentielle Konkurrenzsituation zum "Tatort".

12.09.2019 06:38 • von Frank Heine
Cornelia Ackers (Bild: BR/Markus Kovalin)

Am 15. September betritt Elisabeth Eyckhoff, gespielt von Verena Altenberger, die "Polizeiruf"-Bühne. Wie würden Sie Ihre neue Ermittlerin charakterisieren?

Cornelia Ackers: Elisabeth Eyckhoff ist noch keine Kommissarin, sie ist Ermittlerin im gehobenen Dienst. Wir haben bei den Dreharbeiten noch einmal einiges korrigiert, damit sie einfacher, direkter, bodenständiger erscheint. Dadurch, dass sie keine etablierte Kommissarin ist, gibt es interessantere Offenheiten: Wer löst denn jetzt wie den Fall mit wem, darf sie das überhaupt...? Wir wollen das möglichst lange in dieser schwebenden Form lassen. Mein Eindruck ist, dass sich die Zuschauer mit so einer jungen Frau viel stärker identifizieren, wenn sie sie auf der Karriereleiter begleiten können. Ich wollte aber auch keine Karrieristin, sondern jemanden, dem es wichtiger ist, mit den Kollegen Karten zu spielen. Ich wollte keine Hierarchie, keine Technokratie, keine Bürokratie, sondern eine Konstellation von Menschen auf Augenhöhe.

Haben Sie die Figur alleine erfunden oder gab es noch einen Sparringspartner?

CA: Das ist mein Konzept, das ich geschrieben habe. Auch für die weiteren Figuren im Team. Das war auch schon bei dem Konzept für Matthias Brandt so. Ein Kritiker schrieb, ich hätte Einfluss auf die Konzepte. Nein, ich verfasse sie. Offensichtlich ist es für viele nicht denkbar, dass hinter der bleibenden Qualität bei wechselnden Darstellern und Produzenten eine weibliche BR-Mitarbeiterin steht. Natürlich brauche ich gute Autoren, aber die Konzepte, die Auswahl der Themen - das sind zu einem großen Teil meine eigenen Ideen. Das wird immer vom Tisch gefegt. Und jetzt sind mit Verena und mir gleich zwei Frauen im Spiel. Gerade ältere Kritiker fragen da: Und wo ist jetzt die Kompetenz?

Das wäre ja ungeheuerlich.

CA: Ist aber keine Übertreibung.

Wenn man eine neue Figur erfindet, wie sehr schaut man da nach links und rechts, ist darum bemüht, sich von dem, was es schon gibt, abzuheben?

CA: Überhaupt nicht. Ich habe nicht einmal einen Fernseher, weil ich gar keine Zeit zum Fernsehen habe. Ich mache den "Polizeiruf" jetzt seit 22 Jahren. Früher wurde ich von meinen Kindern, die immer für Sondereskapaden gut waren, zu vielen Krimiideen inspiriert. Jetzt grabe ich wieder mehr in den Biographien anderer. Der entscheidende Punkt für mich ist immer: Was will eine Geschichte, was braucht sie? Im Krimibereich erzählt ja der HR mit die außergewöhnlichsten Fälle, aber auch danach habe ich nie geschielt. Wir wurden dadurch besonders, dass wir die Figuren ernst genommen haben und ganz in die Tiefe der Figuren und der Geschichten eingedrungen sind. Und wir haben eine Familie gebildet, zu der u.a Jan Bonny, Dominik Graf oder Marco Kreuzpaintner gehören.

Zunächst wurde im März 2018 Sophie Rois als Nachfolgerin von Matthias Brandt genannt. Warum hat das nicht geklappt?

CA: Ich habe Sophie Rois zu dem Zeitpunkt angesprochen, als sie in einer bewundernswerten großen Geste die Volksbühne verlassen hat. Wir haben uns gut verstanden, und sie hat gemerkt, dass ich genau sie meine und diesen Typus Frau, den sie verkörpert, so toll finde. Sie sagte, lass und das ausprobieren, sie hat nie gesagt, das mache ich. Ich habe dann aber gespürt, dass sie nicht damit gerechnet hat, dass sie sich mit jedem Film wieder auf ein neues Abenteuer einlassen muss. Ich glaube, sie hat auch den Zeitaufwand unterschätzt. Irgendwann haben wir dann einen Schlussstrich gezogen. Wir sind aber vollkommen im Guten auseinandergegangen.

Und dann?

CA: Ich musste ganz schnell überlegen, wen ich jetzt für die Rolle wollte. Dabei habe ich auch keine Casterin bemüht, weil ich selbst einen guten Draht zu den Leuten habe. Ich hatte Lust auf eine junge Schauspielerin, mit der man auf Augenhöhe arbeiten kann und nicht eine unter den zehn üblichen Verdächtigen. Bei der Präsentation von Der Ort, von dem die Wolken kommen" beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen habe ich festgestellt, dass das mit Verena Altenberber aufgegangen ist und wir eine offene, demokratische Truppe sind, in der sich keiner mit seinen Eitelkeiten nach vorne schiebt. Das finde ich zeitgemäß.

Für die Regie haben Sie sich gleich den Mann vom Jahrhundert-Tatort: Im Schmerz geboren", Florian Schwarz, geholt. Was waren die Beweggründe?

CA: Wir waren schon immer im Gespräch, aber eine Zusammenarbeit hat sich einfach nicht ergeben. Mir ist natürlich vor allem auch sein Film Das weiße Kaninchen" in den Sinn gekommen. Ich brauchte jemanden, der mit den surrealen Ebenen unseres Films umgehen kann. Die Synchronisation zweier Gehirne im Rahmen einer Hypnose - das ist ja eine reine Erfindung. Und ich brauchte jemanden, der das in einen Krimi packen und eine entsprechende Spannung aufbauen kann. Das Surreale sollte als Ermittlungsmethode wahrgenommen werden.

Warum hat Autor Günter Schütter seinen Namen zurückgezogen?

CA: Da es so etwas bislang noch nicht zu sehen gab, mussten wir die optische Form erst in zahlreichen Diskussionen finden. Bei der Frage, wie man diese Bilder inszeniert, gab es Prozesse, in denen sich Günter Schütter mit seinem Buch nicht mehr so deutlich gesehen gefühlt hat. Florian Schwarz hat eine sehr konkrete Vorstellung, wie er manche Bilder umsetzen möchte. Günter Schütter hat das alles zu lesen bekommen und auch gesagt: "Das kann man so machen, aber es ist dann nicht meins." Es lag aber auch an der budgetären Machbarkeit. Die Special Effects, die für diese Trancesequenzen nötig gewesen wären, sind in dem üblichen Finanzrahmen nicht umsetzbar. Daher musste Vieles von dem ursprünglich David-Lynch-Artigen verändert werden. Günter ist mein Lieblingsautor, er ist so begnadet. Und die tolle Grundidee und Grundkonstellation der Geschichte und die Spannung, die darin liegt, das ist ja trotzdem Günter Schütter.

Michael Proehl kam dann als zweiter Autor vermutlich über Florian Schwarz hinzu.

CA: Genau. Und der Ärmste musste dann in sechs Wochen alles hinbekommen. Dabei arbeiten wir an Büchern normalerweise extrem viel länger...

Die bereits erwähnten Hypnoseszenen sind wirklich stark umgesetzt. Aber sie werden auch eingesetzt, um den Zuschauer in die Irre zu führen. Das ist vielleicht ein bisschen "cheap"...

CA: Den Einwand verstehe ich. Das war einer der Punkte, über den wir lange gestritten haben. Ich habe dem Regisseur daher gesagt, dass er diese Trance-Blase stilistisch so darstellen muss, dass sich der Zuschauer nicht unnötig verwirrt fühlt. Deshalb sieht der Drohnenflug über die Felder aus wie Daguerreotypie, beim Ton haben wir einen Halleffekt draufgepackt, an manchen Stellen setzt er ganz aus. Ich finde es gut, wenn wir uns während der Entstehung eines Films auch mal streiten, so lange es sachbezogen ist und darum geht, das Beste aus einer Geschichte herauszubekommen. Die Resonanz in Ludwigshafen war überaus gut, so dass ich hoffe, die Qualität, die mir so wichtig ist, auch in der neuen Konstellation wieder hinbekommen zu haben.

Sie haben eine weibliche Hauptfigur, aber hinter der Kamera sammeln Sie wenig Pluspunkte für die Gender-Bilanz. Wie gehen Sie mit der Quotierungsdebatte um?

CA: Ich bin absolut unbestechlich, was die Qualität meiner Geschichten angeht. Man kann 50:50 einführen, dann möchte ich aber auch, dass Ausländer und Homosexuelle proportional zur Statistik in Filmteams berücksichtigt werden. Das würde dann aber bestimmt als Eingriff in die künstlerische Freiheit empfunden. Ich wurde ja von Pro Quote eingeladen. Da wurde mir eine Liste vorgesetzt, aus der hervorging, mit wie vielen Männern ich zusammengearbeitet habe. Aber aus so einer Liste geht leider nicht hervor, wie viele Frauen ich gefragt habe, die abgesagt haben. Ich habe oft als Antwort bekommen, dass Krimi nicht ihr Genre sei, sie sich das nicht zutrauen. Deshalb hat es mich sehr gestört, dass man mit mir überhaupt nicht vorher geredet hat. Das Podium kam mir vor wie ein Hexentribunal. Das hat mich getroffen. Für mich sind Frauen nicht Konkurrentinnen, sondern eher Freundinnen.

Wie wirkt sich die Debatte auf Ihre Arbeit aus?

CA: Ich bin ProQuote trotzdem sehr dankbar, weil ich dadurch meine Kriterien noch einmal überprüft habe. Man sollte vielleicht an einer Vorgehensweise arbeiten, dass Stoffeinreichungen ohne Namensangabe erfolgen. Ich empfinde es als sehr wichtig, dass wir Frauen uns untereinander coachen. Ich habe bei dem Mentoring-Programm "Into The Wild" für junge Filmemacherinnen mitgewirkt. Den Studentinnen muss man klarmachen, dass sie überprüfen müssen, wie sie sich präsent machen, um an Aufträge heranzukommen. Von zehn Regieabsolventen haben mich acht angerufen, dass ihr Studium demnächst beendet ist und sie auf dem Markt sind, von zehn Absolventinnen keine einzige. Aber ich habe auch festgestellt, dass in der jungen Generation die Scheu vor dem Genre Krimi wesentlich geringer ist. Ich bin mit einigen jüngeren Frauen im Gespräch, die den Mut zur Radikalität haben. Mit ihnen bin ich im ständigen Austausch darüber, was ein Krimi sein kann. Unterm Strich kann ich nur sagen, aufgrund einer Liste zu schließen, dass ich nur männeraffin bin, ist definitiv der falsche Schluss.

Sie arbeiten beim BR immer wieder mit unterschiedlichen Produzenten. Ein toller Ansatz, aber macht das die Arbeit auch anstrengender?

CA: Ich finde das schon anstrengend. Unter Umständen müssen nämlich dann auch die Schauspieler in Konstellationen arbeiten, in denen die Chemie nicht optimal ist. Mit erfahrenen Leuten zusammenzuarbeiten, erleichtert unsere Arbeit. Mit vertrauten Produzenten zu arbeiten, optimiert die Arbeitsbedingungen für alle und stützt das Projekt.

Wie kam es jetzt zum Engagement der Roxy Film? Für die war es auch der erste "Polizeiruf".

CA: Seit Wer früher stirbt ist länger tot" haben wir geneinsam an Projekten gearbeitet. Bei Sommer in Orange" etwa. Es gab schon Überlegungen mit Christian Lerch und Marcus H Rosenmüller einen "Polizeiruf" zu machen, das hat sich bislang aber nicht ergeben. Aber wir kennen und vertrauen uns, da muss man nicht erst eine Verständigung herstellen. Insofern hat das gepasst.

Sie haben schon ausgeführt, dass viele Projektideen von Ihnen ausgehen. Kommt es auch vor, dass Produzenten mit ihren Ideen auf Sie zukommen?

CA: Das gibt es auch. Proportional kann ich das jetzt nicht beziffern, aber es wird immer mehr. Ich bin inzwischen offener für Vorschläge von außen. Oft ist es so, dass die Produzenten mit einer Idee zu mir kommen und wir dann gemeinsam einen Autor suchen.

Gibt es eigentlich eine Koordination zwischen Ihnen und Ihrer "Tatort"-Kollegin Stephanie Heckner bezüglich Themen oder auch Kreativen?

CA: Es gibt eine ARD-Koordination. Da reichen wir im Rahmen einer so genannten Zukunftsliste alle unsere bevorstehenden Themen weit im Voraus ein.

Kommt es nicht vor, dass Sie einen Stoff an die Kollegen weiterreichen?

CA: Doch, aber dann eher an andere "Polizeiruf"-Kollegen wie Daniela Mussgiller vom NDR. Denn es ist mir wichtig, dass wir eine Arbeitsgemeinschaft sind und die einzelnen Sender nicht noch Konkurrenz untereinander aufbauen.

Wie geht es nun mit Elisabeth Eyckhoff weiter? Ein zweiter Film unter der Regie von Dominik Graf nach einem Drehbuch von Günter Schütter ist schon abgedreht ...

CA: Ja. In Die Lüge, die wir Zukunft nennen" muss Elisabeth Eyckhoff in den eigenen Reihen ermitteln. Ansonsten bin ich mit vielen weiteren Kreativen im Gespräch. Unser Film wird auf einem Festival im Herbst Premiere haben, das eigentlich keine Krimis mehr zeigen wollte - was für unsere Qualität spricht. Ich bin auch weiterhin mit spannenden Kinoregisseuren und -regisseurinnen im Gespräch. Auch bewährte Kombinationen wie die mit Dominik Graf sollen fortgesetzt werden

Das verspricht eine rosige Zukunft für Ihren "Polizeiruf".

CA: Da bin ich mir nicht so sicher. Es gibt zwar immer wieder Artikel, in denen es heißt, die "Polizeirufe" seien die besseren "Tatorte". Aber zu oft wird auch erwähnt, dass der "Tatort" die besseren Einschaltquoten hat als der "Polizeiruf". Das lässt mich hellhörig werden. Dabei hatte ich mit Matthias Brandt meist sehr gute Quoten um die acht Millionen Zuschauer. Aber viele "Tatorte" haben eben neun Millionen. Der "Polizeiruf" hat einen höheren Anteil an jüngeren Zuschauern und eine besondere Handschrift. Ich hoffe, dass das auch Argumente sind, um ein traditionsreiches Format zu erhalten.

Dieser Unterschied ist ja auch historisch gewachsen. Werden die Quoten tatsächlich ins Feld geführt?

CA: Absolut. Ich könnte mir vorstellen, dass bei uns die Quoten in der neuen Konstellation erst einmal nach unten gehen und man längere Zeit braucht, um das Publikum über die Qualität der Geschichten wieder heranzuführen. Vielleicht ist es auch nicht so, ich kann es schlecht einschätzen. Der "Polizeiruf" als Format liegt mir sehr am Herzen.

Das Interview führte Frank Heine