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TORONTO Tag 7: Und was ist mit den Oscars?

Der ganz große Ansturm ist vorbei, fast alle großen Filme wurden gezeigt, die Reihen auf dem Toronto International Film Festival lichten sich sichtbar. Wirklich erschöpfende Erkenntnisse für die Oscarsaison gibt es indes nicht, weder findet sich bislang ein klarer Platzhirsch, noch echte Geheimtipps.

11.09.2019 14:20 • von Thomas Schultze
Tom Hanks darf sich auf eine weitere Oscarnominierung einstellen (Bild: TIFF)

Der ganz große Ansturm ist vorbei, fast alle großen Filme wurden gezeigt,: Nach dem schier endlos langen Wochenende des TIFF feierten Montag Abend quasi parallel zueinander "Joker", Le Mans 66 - Gegen jede Chance" und Marriage Story" Premiere - das letzte ganz große Aufbäumen, bevor sich seit dem gestrigen Dienstag die Reihen wieder zu lichten beginnen. Wirklich erschöpfende Erkenntnisse für die Oscarsaison, wie man sie sich vom TIFF erhofft, gibt es indes nicht: Weder gibt es einen klaren Platzhirsch wie im vergangenen Jahr, als "A Star Is Born" als der strahlende Titel gehandelt wurde, den es zu schlagen galt, und Roma" die Cineasten in regelrechte Ekstase versetzte, noch finden sich bislang echte Geheimtipps, wie es im letzten Jahr ziemlich gegen Ende des Festivals in Toronto Green Book" gewesen war. Wie wir wissen, gewann Peter Farrellys Film den Publikumspreis und ging schließlich siegreich aus den Oscars hervor (vor Toronto hatte den Film wirklich niemand auf der Rechnung gehabt).

In diesem Jahr muss man jetzt wohl "Joker" als den aktuellen Favoriten bezeichnen. Mit dem Goldenen Löwen im Rücken und einer Premiere, die dem Vernehmen nach regelrecht orgiastisch gewesen sein soll, ist es nun an Warner Bros., die Fehler zu vermeiden, die man im vergangenen Jahr mit "A Star Is Born" gemacht hatte, als man etwas zu selbstsicher davon ausgegangen war, dass der Film von Bradley Cooper die Welle der Begeisterung aus Venedig und Toronto mühelos über fünf Monate hinweg würde reiten können. Es ist mittlerweile einfach eine viel zu genau von der Presse beobachtete Preissaison, bei der jede Entwicklung minuziös verfolgt und kommentiert wird, als dass ein langes High ausreichen würde. Das Narrativ ändert sich einfach zu oft. Für "Joker" ist jetzt erst einmal wichtig, dass sein Kinostart im Oktober erfolgreich ist (alles andere erscheint allerdings unwahrscheinlich). Und dann muss Warner Bros. sehen, was es mit seinen beiden anderen Eisen im Oscarrennen macht - alle Studios wissen, dass es am vernünftigsten ist, in jeder Kategorie nur auf ein Pferd zu setzen: Just Mercy" darf sich Außenseiterchancen ausrechnen. Aber will das Studio wirklich den Star des Films, Michael B Jordan, im Rennen um den Academy Award für den besten Darsteller gegen Joaquin Phoenix antreten lassen, dem klaren Frontrunner in dieser Kategorie? Eher kann man sich Jamie Foxx als bester Nebendarsteller vorstellen. Zumindest eine Nominierung sollte machbar sein. Dann müsste er sich aber gegen Brad Pitt durchsetzen, der für seine Leistung in "Once Upon a Time in Hollywood" gegenwärtig als der Mann gilt, den man in diesem Feld schlagen muss - wenn ihm nicht der längst für einen Oscar überfällige Willem Dafoe mit seinem Galaauftritt in The Lighthouse" einen Strich durch die Rechnung macht.

Wenig Oscarbuzz generiert indes die in Toronto mit Spannung erwartete Verfilmung des mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Romans Der Distelfink". Der irische Regisseur John Crowley, der sich mit Brooklyn" für Größeres empfohlen hatte, ist ein durchaus beeindruckender Film gelungen, der gar nicht erst versucht, dem 800-seitigen Bildungsroman mit seiner episodischen Struktur und den wilden tonalen Schwankungen gerecht zu werden. Vielmehr übernimmt er ausschließlich die Prämisse, setzt dann aber die Geschichte ganz anders zusammen, wenn er von einem Jungen erzählt, der miterleben muss, wie seine Mutter bei einem Museumsbesuch einem Terroranschlag zum Opfer fällt und danach orientierungslos als Fremder im eigenen Leben durch die verschiedenen Stationen seines Lebens irrt, zunächst in einer liebenden Pflegefamilie in New York, seinem überforderten Vater in einer Vorstadt von Las Vegas und schließlich als Erwachsener wieder in New York und Amsterdam, wo er in finstere Machenschaften involviert wird, ohne jemals die Trauer über den Verlust der Mutter verarbeiten zu können. Mit Hilfe von Kameramann Roger Deakins ist Crowley ein komponierter Film gelungen, der den Gesetzmäßigkeiten eines musikalischen Werks folgt, einer Suite, die nahtlos durch die verschiedenen zeitlichen Ebenen streift, die an- und abschwillt und auf diese Weise die große Heldenreise seines von Ansel Elgort etwas farblos gespielten Helden abbildet. Das ist durchaus respektabel, aber durchdringt die Figuren nicht in der Form, dass sie einem wirklich wichtig wären: Man blickt drauf, ist aber nie so richtig involviert.

Genau diese Durchdringung meistert Marielle Heller mit ihrem neuen Film, den sie exakt ein Jahr nach dem ebenfalls wunderbaren Can You Ever Forgive Me?" in Toronto vorgestellt hat. A Beautiful Day in the Neighborhood" hat dabei außerhalb der USA eine wichtige Hürde zu nehmen, weil der Film eigentlich nur dann wirklich funktionieren kann, wenn man mit Mr. Rogers vertraut ist, eine US-Fernsehlegende, mit der Generationen von Amerikanern groß wurden: Von 1968 bis 2001 führte er durch das halbstündige Kinderprogramm "Mister Rogers' Neighborhood", in dem er Kinder im Vorschulalter auch an schwierige Themen wie Tod, Streit oder Scheidung heranführte. Seine ungebrochene Popularität in den Staaten wird unterstrichen durch den Kassenerfolg der letztjährigen Fred-Rogers-Doku "Won't You Be My Neighbor", die mit einem Einspiel von 22,8 Mio. Dollar zur zwölfterfolgreichsten Doku aller Zeiten avancierte. Wenn nun der zweifache Oscargewinner Tom Hanks diesen legendären Mann spielt, wirkt das natürlich auf ein Publikum, das mit der Figur vertraut ist, ganz anders, als ein Publikum, das ihn erst durch diesen Film entdeckt: Wie reagiert man auf diesen sanften Erzählonkel in seiner Strickjacke, wenn man seine Bedeutung nicht kennt? Hanks jedenfalls ist wunderbar in der Rolle, verschwindet förmlich in der Figur, trifft haargenau dessen sanfte Bewegungen, die Kadenzen seiner samtenen Stimme, den kompletten Habitus - und sollte eine Oscarnominierung sicher haben. Er ist indes nicht, rein technisch gesehen, nicht die Hauptfigur, wie auch Hellers Film kein Mister-Rogers-Film ist. Im Mittelpunkt steht der von The Americans"-Star Matthew Rhys gespielte Esquire-Journalist Lloyd Vogel (der auf dem wahren Reporter Tom Junod basiert), der den Auftrag erhält, ein nettes Porträt über Rogers für die "Helden"-Ausgabe seines Magazins zu schreiben - und feststellen muss, dass bald schon nicht mehr er die Fragen stellt und er durch Rogers Drängen den seit Kindheitstagen ungelösten Konflikt mit seinem Vater lösen muss, der die Familie damals verließ, als Lloyds Mutter im Sterben lag. Das klingt weniger attraktiv, als es tatsächlich ist, wenn man den Film sieht, dem es auf charmante, kluge und liebenswerte Weise gelingt, immer mit einem schelmischen Augenzwinkern und einem Hauch magischen Realismus, die Familiengeschichte Lloyds ganz eng mit der Fernsehsendung von Mister Rogers zu verzahnen.

Eine reale Figur spielt auch Renee Zellweger in ihrem neuen Film, die ihr ebenfalls ziemlich sicher eine Oscarnominierung einbringen dürfte. In Judy" spielt sie die legendäre Judy Garland am Ende ihrer Karriere, etwa ein halbes Jahr vor ihrem Tod, abgestürzt, von Misserfolg verfolgt, verzweifelt und am Ende ihres Lateins, bei ihren Auftritten in London im Jahr 1969 noch einmal Triumphe feiert, dabei aber auch mit sich selbst konfrontiert wird: ein Star am Ende, der den lebenslangen Selbstbetrug, alles werde schon gut werden, nicht mehr länger aufrechterhalten kann. Für Zellweger selbst ist es ein furioses Comeback nach einigen Jahren, in dem die Karriere der Oscargewinnerin ihrerseits auf dem absteigenden Ast war. Während Tom Hanks als Mister Rogers in seiner Rolle verschwindet, sieht man in Rupert Goolds bewegendem und faszinierend effektivem Biopic eben immer auch Renee Zellweger selbst, die offenkundig auch die gesamte persönliche Frustration in diese Rolle gepackt hat, die sie so bravourös meistert, himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, eine, ganz abgeschmackt gesagt, Achterbahnfahrt der Gefühle, die auch daran erinnert, dass eine Judy Garland am Boden immer noch so viel Glamour ausstrahlt, um das gesamte Londoner West End zum Strahlen zu bringen.

Und noch eine Schauspielerin feiert hier in Toronto ihr Comeback und ist Teil des Oscargesprächs: Jennifer Lopez ist in Hustlers" so gut wie seit den frühen Tagen ihrer Karriere nicht mehr, seit Out of Sight" oder U-Turn - Kein Weg zurück". Was per se nicht so viel heißt, wenn man seither Filme wie "Liebe mit Risiko - Gigli", Das Schwiegermonster" oder Manhattan Queen" vorzuweisen hat. Aber in Toronto liebt man J.Lo als taffe Stripperin ebenso wie den Film, dem ich leider nicht allzu viel abgewinnen konnte. Mir erscheint zu sehr als Möchtegern-Scorsese-Film, der sich ein bisschen zu sehr gefällt, verrucht und hart zu tun. Aber wie gesagt: Die Kollegen sehen das anders, und STX erhofft sich vermutlich nicht zu unrecht endlich wieder einen Hit, wenn der Film jetzt schon am Wochenende in Nordamerika startet.

Wenn man von den Oscars spricht, dürfen auch ein paar Worte zu Netflix nicht fehlen. Die beiden Venedighits "Marriage Story" und "The Laundromat" hatten auch in Toronto umjubelte Premieren. Und bei "My Name Is Dolemite" und Uncut Gems" - die ich beide erst noch sehen werde - ist der Buzz ebenfalls ausgezeichnet. Aber Netflix stößt auch hier auf Widerstand. Keiner der Filme wird bei den Pressevorführungen im eigentlichen PV-Kino gezeigt. Das Scotiabank-Kino auf der Richmond Street gehört zur Cineplex-Gruppe - und die erlaubt keinerlei Screenings von Netflix-Filmen. Weshalb diese Filme, ein bisschen wie Aussätzige, der Presse in der TIFF Bell Lightbox gezeigt werden. Auch eine nicht ganz uninteressante Petitesse hier in Toronto.

Thomas Schultze