Kino

KOMMENTAR: Die aus der Geschichte nicht gelernt haben...

Als im Jahr 2005 bei der Pressevorführung von David Cronenbergs "A History of Violence" in Cannes ein paar Zuschauer ihrer Unbeholfenheit aufgrund der extremen Natur der Bilder mit nervösem Gelächter Luft machten, platzte einem Kollegen der Kragen. Er sprang auf und brüllte: "Stop laughing, this is a serious work of art."

05.09.2019 08:31 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Als im Jahr 2005 bei der Pressevorführung von David Cronenbergs A History of Violence" in Cannes ein paar Zuschauer ihrer Unbeholfenheit aufgrund der extremen Natur der Bilder mit nervösem Gelächter Luft machten, platzte einem Kollegen der Kragen. Er sprang auf und brüllte: "Stop laughing, this is a serious work of art." Bei der Pressekonferenz am nächsten Tag wurde Cronenberg gefragt, wie er dazu stünde, wenn Menschen in seinem Film lachten. Er schmunzelte und sagte, er habe damit kein Problem, er sehe "A History of Violence" als Komödie. Man wünschte sich, Cronenberg wäre auch jetzt da, wo die Debatte, was ein Film zeigen darf, wieder loszubrechen scheint, viele Jahre, nachdem man geglaubt hatte, diesen Streit endlich beigelegt zu haben (mit der künstlerischen Freiheit als klaren Gewinner). Nach der Premiere von "Joker", sicherlich einer der extremeren und ungewöhnlicheren Filme eines Studios in den letzten Jahren, hört man sie aber wieder, die Rufe: Der Film glorifiziere den Bösewicht, er könnte denen ein Vorbild sein, die dazu neigten, Amokläufe oder Gewalttaten zu begehen. Kurioserweise warf man das schon den Filmen vor, auf die Todd Phillips' Film sich eindeutig bezieht: Taxi Driver" und King of Comedy". Tatsächlich behauptete Reagan-Attentäter Hinckley 1981, er habe sich mit Taxifahrer Travis Bickle identifiziert, der einen Anschlag auf einen Politiker plant, nachdem ihn die Frau seiner Träume abblitzen lässt, und mit seiner Tat die Aufmerksamkeit von "Taxi Driver"- Kostar Jodie Foster wecken wollen.

Inspiriert nun die Realität Filmemacher - oder ist es umgekehrt? "Filme erschaffen keine Psychos", ließ Wes Craven eine seiner Figuren in Scream" sagen. "Sie machen Psychos allenfalls kreativer." Wenn ein Mensch nicht mehr zwischen Film und Realität unterscheiden kann, muss davor schon etwas passiert sein, das sein Urteilsvermögen getrübt hat. Natürlich erscheint es in diesen Tagen wieder einmal einfacher, mit dem Finger auf Games und Filme zu deuten und sie zu einfachen Sündenböcken zu machen, als sich mit komplexen Zusammenhängen zu befassen. Was aktuell irritiert, ist das Ausmaß der Hysterie, mit denen die Diskussion geführt wird. Das mag speziell in den USA mit der wachsenden Sorge um immer häufiger stattfindende Amokläufe und andere Gewaltakte zusammenhängen. Aber wenn die letzte Hoffnung darin besteht, potenzielle Massenmörder damit besänftigen zu können, dass man ihnen einen Film wie "Joker" nicht zeigt, dann können wir diese letzte Hoffnung fahren lassen. Vielleicht trifft der Film ja einfach nur einen Nerv, weil er so präzise aufzeigt, wie sich Vigilantentum und dessen Verehrung hochschaukeln und einander bedingen - gerade weil er uns tief blicken lässt in einen zutiefst gestörten Verstand und dabei immer noch einen Menschen und kein Monster entdeckt.

Thomas Schultze, Chefredakteur