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VENEDIG Tag 3: Die Polanski-Sache

Viel wurde debattiert über Roman Polanski in den ersten Tagen am Lido. Sein Film auf der 76. Mostra beruhigt die erhitzten Gemüter ein wenig. "J'accuse" ist der stärkste Film des 86-Jährigen seit "Der Pianist".

31.08.2019 06:48 • von Thomas Schultze
Nur die Stars von "J'accuse" waren nach Venedig gereist, Roman Polanski blieb der Mostra fern (Bild: La Biennale di Venezia)

Es ist ein paar Jahre her, dass ein neuer Film von Roman Polanski schon Tage vor seiner Premiere Stadtgespräch war. "Nach einer wahren Geschichte" und Venus im Pelz", die beiden vorangegangenen Arbeiten des 86-jährigen polnischen Regisseurs, die jeweils in Cannes fast gegen Ende des Festivals in der Sélection officielle fast versteckt gezeigt wurden, hatten keinen großen Widerhall in der Öffentlichkeit erfahren. Zwei Jahre später ist das anders: Schon bei Bekanntgabe, dass der neue Polanski, J'accuse", im Wettbewerb der 76. Mostra laufen und um einen Goldenen Löwen kämpfen werde, erhob sich ein Aufschrei der Empörung, der mittlerweile zu einem regelrechten Crescendo angeschwollen ist. Wie kann Vendig-Festivalleiter Alberto Barbera in Zeiten von #metoo nur einen Film von Roman Polanski programmieren?

Bei der Eröffnungspressekonferenz bezog neben Barbera auch Jury-Präsidentin Lucrecia Martel Stellung - und setzt sich prompt in die Nesseln. Obwohl sie die Teilnahme von "J'accuse" grundsätzlich verteidigte, ließ sie aber wissen, dass sie der feierlichen Galapremiere des Films fernbleiben wolle, obwohl längst bekannt ist, dass Polanski selbst nicht vor Ort in Venedig sein werde. Was wiederum dazu führte, dass Luca Barbareschi, einer der italienischen Produzenten des Films, androhte, "J'accuse" aus dem Wettbewerb zu nehmen, worauf Martel eine Klarstellung veröffentlichen ließ, in der sie betonte, keinerlei Vorurteile gegen den Film zu hegen. Die amerikanische Presse hatte sich am Tag vor der ersten Vorführung so auf Polanski eingeschossen, dass selbst ein von Bitter Moon"-Autor Pascal Bruckner geführtes Interview mit Polanski im Presseheft schon Stoff für Breaking-News ist - mit dem vorsorglichen Hinweis, dass Pressehefte grundsätzlich wenig Kritik an den Filmen üben.

In dieser künstlich aufgeheizten Atmosphäre war es verständlich, dass sich bei der ersten Pressevorführung von "J'accuse" im Sala Dorsena um 8 Uhr 30 morgens trotz der frühen Uhrzeit lange Schlangen bildeten. Was lässt sich also sagen über den Film? Die Entscheidung, ihn in Venedig im Wettbewerb zu zeigen, ist, wenn man, wie es sein sollte, künstlerische Maßstäbe anlegt, gerechtfertigt: Es ist Polanskis bester Film seit Der Pianist", der in Cannes 2002 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde und Roman Polanski bei den Academy Awards eine Auszeichnung als bester Regisseur einbrachte; ein konventionell erzählter, handwerklich blitzsauberer Film, der nichts von der Wildheit und dem Ruch des Perversen hat wie die frühen Arbeiten des Regisseurs, aber als Alterswerk, als vielleicht letztes Statement Bestand hat: Polanskis JFK" mit einem aufrechten Helden im Kampf gegen die Institutionen, die die Wahrheit verhindern wollen. Von vielen Filmen am Lido über das, was man heute wohl toxische Maskulinität nennt, ist sie hier am greifbarsten. Alte Männer mit Schnauzbärten und Zigarren in muffigen Räumen, die das Bewahren, was ihnen wichtig ist, egal, was es kosten möge.

Nüchtern und mit einer konzentrierten Präzision, die ein Merkmal fast aller seiner Arbeiten ist, erzählt der Film nach einer Vorlage von Robert Harris die Geschichte der Dreyfus-Affäre nach, die das Frankreich des auslaufenden 19. Jahrhunderts in Atem hielt. Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus war 1894 in einem spektakulären Prozess trotz der Beteuerung seiner Unschuld von einem Kriegsgericht des Landesverrats überführt und zu einer lebenslangen Einzelhaft auf der Teufelsinsel in Französisch-Guayana verurteilt worden. Erst dem Engagement des neu in die Leitung des Auslandsnachrichtendienstes berufenen Hauptmanns Marie-Georges Piquart war es zu verdanken, dass der Fall neu aufgerollt wurde, nachdem er entdeckt hatte, dass nicht Dreyfus, sondern ein anderer Offizier der Schuldige war und die Verurteilung des Juden Dreyfus vor allem antisemitische Beweggründe hatte.

In einer imposanten langen Einstellung zu Beginn des Films sieht man, wie Dreyfus vor versammeltem Militär degradiert wird, ihm alle Ehrenabzeichen abgenommen werden und er zum Strafantritt nach Französisch-Guayana geschickt wird. Danach rückt Hauptmann Piquart in den Mittelpunkt der Handlung, von Jean Dujardin in seiner zweifellos besten Darstellung als überzeugter und ehrenhafter Berufsoffizier gespielt, dessen einziges Laster eine zärtliche Affäre mit der Frau eines Ministers ist. Eher widerstrebend und nur aus Gründen der Pflichterfüllung übernimmt er die Leitung des Nachrichtendienstes und merkt schnell, dass ihm dort mit Misstrauen begegnet wird. Eher zufällig entdeckt er die Albert Dreyfus' Unschuld und lässt danach gegen jeden Widerstand seiner Vorgesetzten nichts unversucht, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen und für seine Überzeugung schließlich sogar ins Gefängnis zu gehen.

Die Sorgfalt und Strenge der Erzählung zahlt sich schnell aus: Je weiter sich die Handlung verdichtet, je mehr der Justizskandal seine Kreise zieht und sich seine Aufklärung als kafkaesker Albtraum erweist, desto mehr zieht "J'accuse" den Zuschauer in seinen Bann. Natürlich spürt man, dass die Geschichte eines unschuldig Verfolgten und in der Öffentlichkeit Angeprangerten einen Nerv bei ihrem Regisseur trifft. Vor allem aber zeichnet der Film ein erschütterndes Bild einer durch und durch antisemitischen Gesellschaft, eines Europas um die Wende zum 20. Jahrhundert, in der Judenhass nicht einfach nur hoffähig ist, sondern Voraussetzung dafür, in öffentlichen Ämtern Karriere zu machen. Insofern ist "J'accuse" - der Titel bezieht sich auf einen berühmten Meinungsartikel von Émile Zola auf der Titelseite der Tageszeitung L'Aurore, mit dem die Aufarbeitung der Dreyfus-Affäre 1989 ins Rollen gebracht wurde - ein brandaktueller Film, eine Warnung und ein Aufruf. Und eine Erinnerung daran, dass Roman Polanski mehr ist als nur der Mann, der 1977 einer Bestrafung wegen Sex mit einer Minderjährigen durch das Verlassen der USA entging, sondern auch selbst ein Gezeichneter ist, der als Kind mitansehen musste, wie seine Eltern von den Nazis vom Krakauer Ghetto in Konzentrationslager gebracht wurden. Und ein brillanter Filmemacher, über dessen persönliche Geschichte man nichts wissen muss, um nicht doch von seinen Filmen mitgerissen zu werden.

In die Vergangenheit reist auch der britische Theaterregisseur Benedict Andrews, um eine wahre Geschichte neu zu erzählen, die Geschichte der in Europa gefeierten Schauspielerin Jean Seberg, die sich in den späten Sechzigerjahren für die Belange radikaler Gruppierungen wie den Black Panthers einsetzt und auf diese Weise ins Visier des FBI gerät, das sie rund um die Uhr bewacht und mit perfiden Mitteln beginnt, die im Jahr 1968 gerade einmal 30 Jahre alte Frau zu diskreditieren. Bezeichnenderweise sollte der Film zunächst "Against All Enemies" heißen, wurde aber kurz vor Bekanntgabe des Venedig-Programms in Seberg" umbenannt. Was Sinn ergibt, weil es sich trotz schöner Details aus der Zeit, makelloser Mode und Musik u.a. von Scott Walker und Nina Simone, weniger um eine Verlängerung von "Once Upon a Time in Hollywood" handelt, sondern das Porträt einer Frau, deren fragile Psyche systematisch zerstört wird. Der Film endet im Jahr 1971; zu diesem Zeitpunkt hatte die Schauspielerin, die als Minderjährige von Otto Preminger entdeckt worden war und dann an der Seite Belmondos in Godards Außer Atem" Weltruhm erlangte, bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Weitere sollten folgen, bis zu ihrem bis heute nicht aufgeklärten Tod im Jahr 1979 im Alter von 40 Jahren. Es ist vor allem Kristen Stewarts' Film, die nach Joan Jett in The Runaways" zum zweiten Mal eine reale Figur spielt und gerade deshalb so überzeugt, weil es ihr gelingt, die Figur zu verinnerlichen, aber auf eines so faszinierende Weise, dass sie dabei doch immer Kristen Stewart bleiben kann: Ihr Spiel ist es, woran man sich in "Seberg" erinnert, nicht seine etwas zu ausgestellt wirkenden Dekors: Sie macht "Seberg" zu einem Film aus dem Hier und Jetzt.

Wie die Vergangenheit in die Gegenwart strahlen kann, zeigt auch der erste italienische Beitrag im Wettbewerb der Mostra. Nur ein Jahr nach Capri-Revolution" kehrt Mario Martone mit "Il sindaco del Rione Sanitá" (insgesamt zum siebten Mal) wieder an den Lido zurück, eine eigenwillige Interpretation des längst als Klassiker gehandelten Theaterstücks von Eduardo de Filippo aus dem Jahr 1960, das der Regisseur ins Neapel der Gegenwart verlegt hat. Gleich zu Beginn dröhnt italienischer Hiphop aus den Boxen zu Nachtbildern der Stadt, die aussehen wie eine deutsche Netflix-Serie über die Halbwelt einer beliebigen Großstadt. Doch dann rückt die Handlung bald in das Anwesen des Antonio Barracone, der wie ein Bürgermeister über die Geschehnisse in der Stadt wacht, ein Pate, der über Fehden und Streits entscheidet: Sein Wort ist Gesetz. Einen Tag lang folgt Martone diesem Mann, gespielt von Francesco Di Leva als Urgewalt und doch müden Mann, der seinen beeindruckenden Ruf nutzt, um mit der vermeintlichen Drohung von Gewalt für Frieden zu sorgen, bei seinen Bemühungen aber buchstäblich ins Messer läuft. Vor allem kann man sich nicht satthören: Der Regisseur hat die Texte eins zu eins aus dem Theaterstück übernommen. Die Dialoge sind geschliffen, voller Anspielungen und endlos faszinierend. Eine schöne positive Überraschung hier in Venedig.

THOMAS SCHULTZE