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VENEDIG Tag 1: 76. Mostra eröffnet

Stell Dir vor, ein großes A-Festival eröffnet mit dem starbesetzten Film eines japanischen Goldene-Palme-Gewinners - und alle reden nur über die Eröffnungs-Pressekonferenz mit Jurypräsidentin Lucrezia Martel.

29.08.2019 06:38 • von Thomas Schultze
Die Jury mit Präsidentin Lucrecia Martel (4.v.r.) und Mostra-Chef Alberto Barbera (r.) (Bild: La Biennale di Venezia)

Erstmals seit 2013 hat kein amerikanischer Film die Mostra in Venedig, das älteste der großen A-Festivals, eröffnet: Auf ein großes Staraufgebot musste Festivalchef Alberto Barbera dennoch nicht verzichten: Catherine Deneuve und Juliette Binoche statt Ryan Gosling - das ist auch nicht ganz schlecht. Und mit dem neuen Film des letztjährigen Cannes-Gewinners Hirokazu Kore-eda zu starten, der obendrein erstmals außerhalb seiner Heimat Japan gearbeitet hat, kann man auch nicht verachten. Ob La verité", um den sich dem Vernehmen nach auch Thierry Frémaux für Cannes bemüht hatte, der nach offiziellen Angaben aber einfach nicht fertig war, nun einen Bruch markiert, ob der Film über eine ganz andere Familienbande als zuletzt Shoplifters - Familienbande" auch Sinnbild sein könnte für ein Hollywood, das sich womöglich wieder abkehren könnte von Venedig, das man zuletzt doch wieder so sehr umarmt hatte, wird sich zeigen.

Fest steht jedenfalls, dass Toronto in diesem Jahr wieder die Muskeln spielen lässt, wo doch eine Anzahl großer Filme läuft, die man sich durchaus auch für Venedig hätte vorstellen können (auf Anhieb fielen ein: Jojo Rabbit", "Le Mans 66", Der Distelfink", Knives Out"), und dass die amerikanische Filmpresse so auffällig gegen Venedig schreibt. Im "Hollywood Reporter" ist die Rede davon, die Mostra unter Barbera habe sich zum "fuck you festival" entwickelt; Indiewire irrlichtert, ob man in unserer Zeit überhaupt noch Filme kontroverser Filmemacher auf Festivals zeigen dürfe.

Entsprechend sprach man gestern in Venedig weniger über den Eröffnungsfilm als über die Eröffnungspressekonferenz mit Alberto Barberaund die Jury um die diesjährigen Präsidentin Lucrecia Martel, die ihren jüngsten Film Zama" vor zwei Jahren in Venedig gezeigt hatte. Schnell ging es um die Repräsentation weiblicher Filmemacher und das Für und Wider einer Quote. Und vor allem ging es um Roman Polanski: Dass der 86-Jährige von Venedig eingeladen wurde, um seinen neuesten Film J'accuse" im Wettbewerb zu zeigen, dagegen aber nur zwei Filme weiblicher Regisseure um den Goldenen Löwen streiten, hat zwar keinen erkennbaren kausalen Zusammenhang, aber was nicht passt, wird passend gemacht: Ist ja auch ein schönes Narrativ - Venedig, das letzte Bollwerk männlicher Kraftmeierei.

Wer so denkt, macht es sich aber zu bequem. Wie schon im Interview mit Blickpunkt:Film erklärte der Festivalchef, er habe zu trennen zwischen dem Menschen und dem Werk des Künstlers: Er habe "J'accuse" allein aufgrund seiner Qualität eingeladen; über Polanski als Menschen wolle und könne er nicht urteilen. Immerhin stimmte Lucrezia Martel ihm zu, dass es richtig sei, den Film eingeladen zu haben: Sie trenne den Menschen aber nicht von seiner Kunst, wichtige Aspekte seiner Persönlichkeit teilten sich dadurch mit: "Ein Mann, der ein solches Verbrechen begangen hat und danach verdammt wird, während sich sein Opfer zufrieden mit der Kompensation zeigt, lässt sich für mich schwer einschätzen. Es ist schwer zu beurteilen, was der richtige Ansatz ist, mit diesen Menschen umzugehen, die gewisse Verbrechen begangen haben und dafür verdammt wurden. Ich denke, dass diese Fragen Teil der Debatte sind, die wir in unseren Zeiten führen." Gleichwohl räumte sie ein, dass sie als Jurychefin nicht an einem feierlichen Abendessen zu Ehren Polanskis teilnehmen wolle.

Aufgrund der darauf folgenden Berichterstattung ließ Martel noch einmal ein klärendes Statement veröffentlichen, sie fühle sich von den Medien missverstanden: "According to some reports after today's press conference, I believe my words were deeply misunderstood. Since I don't separate the work from the author and I have recognized a lot of humanity in Polanski's previous films, I am not opposed to the presence of the film in competition. I don't have any prejudice towards it and of course I will watch the film like any other in the competition. If I had any prejudice, I would have resigned my duty as the president of the jury."

Ach ja, die 76. Mostra in Venedig, sie ist eröffnet.

Thomas Schultze