Kino

KOMMENTAR: Natural Born Irrwitz

Exakt 25 Jahre sind vergangen, seit "Natural Born Killers" auf die Menschheit losgelassen wurde, ein für damalige Verhältnisse nicht einfach nur radikaler, sondern fast experimenteller Fiebertraum, inszeniert von einem Filmemacher, der damals auf der Höhe seines Könnens arbeitete und sich, wenn man sich's recht überlegt, nie wieder von diesem kraftzehrenden Drahtseilakt erholt hat.

29.08.2019 07:27 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Exakt 25 Jahre sind vergangen, seit Natural Born Killers" auf die Menschheit losgelassen wurde, ein für damalige Verhältnisse nicht einfach nur radikaler, sondern fast experimenteller Fiebertraum, inszeniert von einem Filmemacher, der damals auf der Höhe seines Könnens arbeitete und sich, wenn man sich's recht überlegt, nie wieder von diesem kraftzehrenden Drahtseilakt erholt hat. Ich erwähne den nach einem sehr frühen Drehbuch von Quentin Tarantino, von dem am Ende wohl auch wenig mehr übrig blieb als die Prämisse, entstandenen Film nicht, weil die rasenden Bilderfolgen, die damals wie eine frei assoziierte Schnittorgie gewirkt hatten und einen benommen aus dem Kinosaal zurück in die Realität hatten wanken lassen, heute als völlig normal empfunden werden, was einiges über die menschliche Adaptionsfähigkeit aussagt. Sondern weil etwas zutiefst Prophetisches steckt in Oliver Stones radikalen Abgesang auf die westliche Zivilisation, auf unsere Lust an der Gewalt und unsere Bereitschaft, die Errungenschaften kommunalen Lebens mit einem Fingerschnippen sausen zu lassen. "Natural Born Killers" ist einer dieser Filme, zu dem jeder eine Meinung hatte, der die Zuschauer aufteilte zwischen begeisterte Befürworter und leidenschaftlicher Ablehner. Was wurden damals Debatten geführt, ob ein solcher Film überhaupt erlaubt sein darf, mit seinen maßlosen Gewaltexplosionen und seiner klugen Uneindeutigkeit, wie man sich zu seinen beiden Helden Mickey und Mallory zu positionieren hatte! Schon 1994 erschien es irgendwie irrwitzig, dass der Film tatsächlich von einem Studio finanziert worden war - wie auch immer man zu "Natural Born Killers" stehen mag, ein auf den Geschmack des Massenpublikums abgestimmtes Produkt war das nicht.

Heute erscheint es undenkbar, dass ein solcher Film, speziell von Seiten eines der Studios, entstehen könnte. Nicht nur, weil der Inhalt so ambivalent und volatil ist. Sondern auch, weil in unserer problematischen Zeit Stimmen gerade von progressiver Seite immer lauter werden, Filme unangenehmer Filmemacher sollten kein Forum mehr finden. Als hätte man sich untereinander abgesprochen, hat der "Hollywood Reporter" seine Autoren losgeschickt, das Filmfestival von Venedig und seinen Macher Alberto Barbera, der sich standhaft dem Druck der Kultur der politischen Korrektheit widersetzt, zu desavouieren, und "Indiewire" tritt eine Diskussion los, ob Filmfestivals anno 2019 noch der Ort für kontroverse Regisseure seien. Gedankenpolizei, ick hör dir trapsen! Immer schön, von der Elite bevormundet zu werden. Dass sich die Filmkunst auf diese Weise auch immer weiter vom Publikum entfernt, also von den Menschen, für die sie gemacht wird, ist dabei egal. Mal sehen, ob sich in Venedig oder Toronto visionäre Filme entdecken lassen, über die in 25 Jahren noch debattiert wird wie über "Natural Born Killers".

Thomas Schultze, Chefredakteur