Produktion

Felix von Boehm: "Sehr kreativer Umgang mit der Vorlage"

Felix von Boehm produziert mit seiner Lupa Film Dominik Grafs neue Kinoarbeit "Fabian". Was der Filmenthusiast an der Zusammenarbeit mit dem hochgelobten Filmemacher schätzt und warum jede Produktion ein Kampf ist, erzählt er im Interview.

27.08.2019 07:46 • von Barbara Schuster
Felix von Boehm ist aktuell mit der Produktion von Dominik Grafs "Fabian" beschäftigt (Bild: Lupa Film)

Felix von Boehm produziert mit seiner Lupa FilmDominik Grafs neue Kinoarbeit "Fabian". Was der Filmenthusiast an der Zusammenarbeit mit dem hochgelobten Filmemacher schätzt und dass jede Produktion ein Kampf ist, erzählt er im Interview.

Mit Dominik Graf haben Sie bei "Was heißt hier Ende" über den Filmkritiker Michael Althen zusammengearbeitet, damals als Kameramann. Wie kam es nun zur erneuten Zusammenarbeit bei "Fabian"?

Dominik und ich sind seit vielen Jahren im engen Austausch zu unterschiedlichen Themen und Projekten. Uns vereint das Reden über Film und über Kino. Irgendwie war es relativ naheliegend, als mir Drehbuchautor Constantin Lieb das Drehbuch zu "Fabian" angeboten hat, dass der erste Gang ein Gang zu Dominik Graf sein würde, um ihm das Projekt als Regisseur anzubieten. Er hat es mit Begeisterung aufgenommen.

Was bedeutet es für Sie, mit einem so anspruchsvollen Filmemacher wie Dominik Graf zusammenzuarbeiten?

Es bedeutet, dass man früh aufsteht. Mit Dominik kann man am besten in der Früh kommunizieren. Das bedeutet auch, dass man das, was man sich vorgenommen hat, mit großem Respekt angeht und dementsprechend voller Energie und Engagement in die Produktion startet. Das sind ideale Startbedingungen für ein solches Projekt! Ich würde sagen: Die Herausforderung kreiert die notwendige Energie!

Würden Sie sich als kreativer Produzent beschreiben?

Die Produktionen, die wir bei Lupa Film entwickeln, entwickeln wir eng mit den Regisseuren, mit denen wir zusammenarbeiten. Bei der Serie "Eden" etwa war ich selbst im Autorenteam Teil der Entwicklung. Oder bei Ina Weisses "Das Vorspiel" habe ich den Drehbuchprozess dicht mit Ina und Daphne Charizani begleitet. Und nicht zuletzt bei "Fabian" habe ich den Dialog zwischen Constantin Lieb und Dominik Graf inhaltlich intensiv betreut. Ich denke schon, dass Lupa Film für Projekte steht, bei denen der Produzent nach Inhalt und dann auch der dazugehörigen Regie und Handschrift sucht und keine Meterware produziert.

Constantin Lieb ist bei Ihrer Lupa Film für die Dramaturgie zuständig. Inwiefern lässt jemand wie Dominik Graf dramaturgische Hilfe zu?

Constantin Lieb hat überhaupt die dramaturgische Basis in diesen zunächst einmal nicht sehr dramatischen Stoff gebracht. Wenn man den Roman von Erich Kästner liest, stellt man sich schon die Frage, wie man daraus einen Film machen will. Dominik Graf hat vor allem unter Hinzunahme Kästnerscher Originaldialoge die Regiefassung dieses Buchs festgelegt, die wir nun gerade verfilmen. Schon bei Grafs "Die geliebten Schwestern" fiel das virtuose Spiel mit Sprache auf. Bei "Fabian" wird es ebenfalls diesen sehr kreativen Umgang mit der Vorlage geben.

War es leicht, die Produktion auf die Beine zu stellen und die Finanzierung aufzustellen? Wer sind Ihre Partner bei dem Projekt?

Jede Finanzierung ist ein Kampf. Für "Fabian" hat es tatsächlich eineinhalb Jahre gedauert. In erster Instanz waren wir bei der Filmförderung der BKM abgelehnt worden. Zu einem späteren Zeitpunkt, als wir die Senderpartner ZDF und ARTE und DCM als Verleih an Bord hatten und auch unsere grandiose Besetzung mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch stand, hat uns die BKM doch noch gefördert, wie zuvor auch Medienboard Berlin-Brandenburg und MDM. Wir drehen ja auch in beiden Regionen und sorgen für entsprechende Ausgaben. Bedauerlicherweise ist "Fabian" von der FFA nicht gefördert worden. Das Warum ist mir bis zum heutigen Tage nicht klar. Für uns bedeutet das ein sehr enges Produktionskorsett, in dem wir nun versuchen, bestmöglich unsere Vision dieses anspruchsvollen Stoffs und dieser historischen Umgebung umzusetzen. Kein leichtes Unterfangen angesichts der etwa vier Millionen Euro, die wir als Budget haben.

"Fabian" ist ein historischer Stoff, spielt Ende der Zwanzigerjahre am Vorabend der Machtergreifung Hitlers. Was waren die besonderen Herausforderungen?

Wir können von Glück reden, dass Dominik Graf auch bei "Fabian" ein sehr kreatives Ensemble um sich versammelt hat, mit dem er schon viele Jahre fest arbeitet. Nur aufgrund dieser sehr gewachsenen künstlerischen Umgebung ist es uns überhaupt möglich, mit dem begrenzten Budget den Stoff zur Entfaltung zu bringen. Stilistisch ist bei "Fabian" sicherlich eher eine neue Sachlichkeit als ein blumenumrankter Jugendstil zu erwarten.

Sie sprachen Dominik Grafs angestammte Truppe an, zu der u.a. Kameramann Hanno Lentz, Kostümbildnerin Barbara Grupp, Maskenbildnerin Nanni Gebhardt-Seele oder Szenenbildner Claus-Jürgen Pfeiffer gehört. Wie erleben Sie deren Arbeit?

Ich bin begeistert! Dieses Team achtet wirklich behutsam auf Details. Schon in der Vorbereitung haben wir reihum große Bildbände und Fotografiebücher, die sich mit der Weimarer Republik sowohl in Fotografie wie auch in Malerei beschäftigen, herumgereicht und uns lustvoll darüber ausgetauscht, wie man diese Zeit darstellen will. Zudem haben wir darüber geredet, wie diese Zeit im Film oft schon dargestellt wurde und dass man das nicht wiederholen will. Dominik Graf ist vielmehr bestrebt, wirklich mit einem neuen Blick ans Werk zu gehen. Dieses neu ans Werk gehen bezieht sich übrigens auch auf ein neues Kamerakonzept. Hanno Lentz bringt bei "Fabian" eine ungewohnte Leichtigkeit im Umgang mit der Kamera hinein, arbeitet großteils mit Handkamera. Dies entspricht dem Wunsch, kein behäbiges, betonschweres Historienkino entstehen zu lassen, sondern auch eine Leichtigkeit und Heutigkeit zu versprühen, in der die Figuren ganz anders atmen und fühlen können.

Wo Sie schon die Heutigkeit in der Bildgestaltung ansprechen: Welche Bedeutung hat der Stoff inhaltlich Ihrer Meinung nach für das Hier und Jetzt?

Eine große! Es geht um die Frage, wie man sich in politisch porösen Zeiten verhalten soll. Diese Verhaltensfrage wird exzerpiert anhand der drei Hauptfiguren Fabian, Labude und Cornelia. Man kann sicherlich das Ende der Weimarer Republik nicht eins zu eins mit der heutigen politischen Situation und dem Aufkommen der AfD vergleichen. Aber die Fragen, die in der Essenz dieser drei Figuren in "Fabian" verhandelt werden, nämlich ob ich mich opportunistisch verhalte oder mich gegen das System, gegen bestimmte Entwicklungen auflehne, passen sehr gut auch in unsere Zeit.

Mit Tom Schilling, Albrecht Schuch und Saskia Rosendahl hat die Produktion drei der derzeit angesagtesten Darsteller Deutschlands vor der Kamera vereint. Was macht sie zu Kästnerschen Figuren?

Dominik Graf arbeitet seit vielen Jahren sehr eng mit Casting Director An Dorthe Braker zusammen. Gemeinsam haben wir dieses Dreieck als Energiezentrum unserer Geschichte definiert. Die Mischung ist besonders und toll, weil alle drei eine unterschiedliche Energie und einen unterschiedlichen Charakter mitbringen, die so auch bei Kästner im Roman angelegt ist. Die Figuren haben ganz eigene Energien. Und die bringen diese drei wirklich exzellenten Schauspieler mit!

Aktuell drehen Sie in Görlitz. Welche Motive werden hier abgewickelt und wo werden die Dreharbeiten fortgesetzt?

In Görlitz haben wir fast eine eigene Ministudiosituation kreieren können, weil wir gleich ein ganzes Mietshaus in der Altstadt angemietet haben. Im ersten Stock sind die Regie, Kostüm- und Szenenbild untergebracht, im zweiten Stock wurde Fabians Wohnung in Berlin, eines der Hauptmotive, eingerichtet, und im dritten Stock sitzt die Produktion. Das sind ideale Produktionsbedingungen, weil wir in unserem "besetzten Haus" sehr kurze Entscheidungswege haben, was die Kommunikation zwischen Produktion und Regie erleichtert. Überdies haben wir in Görlitz und Umgebung den Dresdener Teil des Romans gedreht ebenso wie einige Berliner Motive, die in dieser Form in Berlin nicht mehr zu finden sind, wie das große historische Rathaus mit der davor herumfahrenden historischen Straßenbahn. In Berlin werden wir dann weitere Originalmotive wie zahlreiche Cabarets und Nachtklubs filmen und werden auch in Studio Babelsberg drehen, da im Roman auch ein großes Filmstudio vorkommt.

Wie lange sind Sie mit dem Dreh zugange?

Insgesamt stehen uns 32 Drehtage zur Verfügung. Eigentlich hätten wir gerne mehr gehabt. Die Verknappung ist auch hier dem schmalen Budget geschuldet. Man muss dazu sagen, dass Dominik Graf der vielleicht erfahrenste Regisseur des Landes ist und ein Drehtempo an den Tag legt, das beeindruckend ist. Das bedeutet aber natürlich eine große Anstrengung für alle Beteiligten.

Sie sind ein Alleskönner: Drehbuchautor, Regisseur, Editor, Kameramann, Produzent... Sie machen Dokus, Webserien, Serien, Kinofilme...

Ob ich alles kann, weiß ich nicht. Aber es fasziniert mich, jedes einzelne Gewerk so gut wie möglich zu verstehen. Ich mache ja auch Dokumentarfilme und habe auch schon vielfach für andere Regisseure geschnitten. Die Kenntnis der unterschiedlichen Gewerke erleichtert mir den Dialog mit den Regisseuren, wenn es um kreative Entscheidungen geht. In der Regel hat man dann auch die besseren Argumente zur Hand, weil man deren Sprache spricht. Aber natürlich nehme ich mich in dem Moment, wenn ich produziere, kreativ sehr weit zurück und begleite den Entstehungsprozess der Künstler, die am Werk sind, mit Respekt. Ich muss dazu sagen, dass ich auch ausschließlich mit Regisseuren arbeite, von denen ich mich als Fan bezeichnen würde. Alles andere wäre Zeitverschwendung. Und es schafft so auf ganz natürliche Weise eine respektvolle Situation, die wiederum eine ideale Ausgangssituation für den langen Kampf schafft, den man mit jedem Filmprojekt auszufechten hat.

Mit Ihrer Produktion "Das Vorspiel" von Ina Weisse sind sie in San Sebastián im Wettbewerb und feiern sogar Weltpremiere in Toronto. Was bedeutet das für Sie?

Mein großer Wunsch bei Inas Projekt war vor allem, sie international bekannter zu machen. Ich finde, dass ihre Handschrift, die sie schon in "Der Architekt" gezeigt hat, durchaus europäisches und weniger deutsches Arthouse ist. Insofern bin ich sehr gespannt und voller Hoffnung, dass "Das Vorspiel" unter dem Titel "L'audition" in Frankreich und hoffentlich in vielen anderen Ländern sein Publikum finden wird und Ina damit ein Grundstein gelegt bekommt, auch in Zukunft mehr europäische Koproduktionen - gerne zusammen mit der Lupa Film - zu stemmen.

Sind sie bei den Festivals mit dabei?

Nach Toronto werde ich nicht mitreisen können, weil wir da noch mit "Fabian" beschäftigt sind und ich diese Aufgabe sehr ernst nehme. In San Sebastián werde ich dann aber an Inas Seite sein können.

Bei Ihrer Lupa Film stehen Projekte mit internationaler Ausrichtung und Verwertbarkeit an erster Stelle. Nutzen Sie Festivals auch zum Austausch mit Kollegen dem Ausland?

Der Austausch mit Kollegen aus dem europäischen Ausland oder auch den USA ist immer sehr bereichernd, weil er neue Blickwinkel in die eigene Arbeit ermöglicht. "Eden" war eine große Koproduktion mit Frankreich, genauer gesagt mit Atlantique Productions, bei der ich die Zusammenarbeit mit Jimmy Desmarais sehr geschätzt habe. Bei "Das Vorspiel" hatten wir ebenfalls französische Partner an Bord. Hier war der Austausch mit Pierre-Olivier Bardetvon Idéale Audience und vor allem mit Margaret Menegoz von Les films du losange immer sehr fruchtbar, einfach weil der bekannte Blick über den Tellerrand erfrischend ist. Allgemein bin ich gerne auf internationalen Festivals unterwegs, weil man da merkt, dass es auch außerhalb Deutschlands noch etwas gibt - da fühlt sich die Welt doch gleich ein wenig freundlicher an. Mit Kollegen aus dem Ausland fühlt man sich seltener in Konkurrenz, wie es manchmal - wenn vielleicht auch zu unrecht - mit Kollegen in Deutschland erscheinen mag.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster