Kino

Viel Neues auf der Filmkunstmesse

Es ist ein Programm, das schon auf dem Papier überzeugt: Mit rund 70 brandneuen Filmen und einem besonders facettenreichen Rahmenprogramm mit etlichen spannenden Neuerungen geht die Filmkunstmesse Leipzig in ihre 19. Auflage.

20.08.2019 08:08 • von Marc Mensch
Die 19. Filmkunstmesse Leipzig findet vom 16. bis 20. September statt (Bild: Uwe Frauendorf)

Dass die Filmkunstmesse Leipzig zum alljährlichen Pflichtprogramm (nicht nur) für Arthouse-Betreiber zählt, muss man eigentlich nicht gesondert erwähnen - und doch zeichnet sich für die 19. Ausgabe ein Programm ab, das besonders facettenreich ausfällt und gerade bei den Seminaren und Workshops diesmal einen besonders breiten Bogen schlägt. Mit Veranstaltungen, die eine erhebliche Bandbreite an Herausforderungen abdecken - und bei denen vor allem die Praxisnähe im Vordergrund steht.

Zunächst aber zum Kern der Filmkunstmesse: dem Filmprogramm, das sich wie gewohnt in den drei Messekinos Passage Kinos (dem zentralen Hub der Veranstaltung), Schauburg und Kinobar Prager Frühling abspielen wird. Fast 70 brandaktuelle Titel zählt die von der AG Kino-Gilde zusammengetragene Screening-Liste, die Festivalfavoriten ebenso umfasst, wie noch zu entdeckende Highlights und Geheimtipps - und die natürlich auch wieder mit etlichen Gästen aufwarten kann.

Zum Filmprogramm der 19. Filmkunstmesse

Sichern konnte man sich unter anderem ganze neun Filme, die schon beim Festival in Cannes für Aufsehen sorgten, darunter "The Lighthouse", "Les Misérables", Little Joe", Sorry We Missed You", "Portrait of a Lady on Fire" - und nicht zuletzt den diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme, Bong Joon-Hos "Parasite". Dieses Meisterwerk steht auch zum Start der öffentlichen Vorführungen auf dem Programm, an der Seite von Der geheime Roman des Monsieur Pick" und Pferde stehlen". Das Fachpublikum wiederum darf sich zum Auftakt der Filmkunstmesse auf das neueste Werk von Richard Linklater (Boyhood") freuen: die Komödie Bernadette" mit Cate Blanchett in der Titelrolle. Zu den weiteren Highlights der Screenings zählen unter anderem A Rainy Day in New York" von Woody Allen, der von Kritikern (und dem Publikum des SXSW-Festivals) bereits gefeierte The Peanut Butter Falcon", "Deux Moi" von Cédric Klapisch, "Der Junge und die Wildgänse" von Nicolas Vanier oder "The Good Liar" von Bill Condon - sowie natürlich mit Spannung erwartete deutsche Projekte wie unter anderem Ich war noch niemals in New York" von Philipp Stölzl, Lindenberg! Mach Dein Ding" von Hermine Huntgeburth, Pelican Blood" von Katrin Gebbe oder "Lara" von Jan Ole Gerster. Der Regisseur hat sich bereits als Gast in Leipzig angekündigt, wie auch Erwin Wagenhofer (But Beautiful"), Norbert Lechner (Zwischen uns die Mauer") und Karim Aïnouz (Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao"). Unter dem Strich steuern gut drei Dutzend Verleiher Filme zu einem Programm bei, das die Vielfalt des Arthouse-Marktes hervorragend abbildet.

Zum Seminar- und Workshop-Programm der 19. Filmkunstmesse

Der Frage, welche Rolle das Kino für Filme, Kultur und Gesellschaft spielt, widmet sich die zentrale Podiumsdiskussion der Filmkunstmesse, zu der traditionell am Dienstagnachmittag in die Alte Handelsbörse geladen wird. Unter Moderation von Blickpunkt: Film-Chefredakteur Ulrich Höcherl werden sich nach aktuellem Stand Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek, Simone Baumann (Geschäftsführerin German Films), Christian Bräuer (Vorstandsvorsitzender AG Kino-Gilde), BKM-Abteilungsleiter Jan-Ole Püschel und Universal-Chef Paul Steinschulte darüber austauschen, wie die unterschiedlichsten Partner - von Kino und Verleih über Festivals bis huin zur Förderung - zusammenarbeiten müssen, um die Branche in Deutschland nachhaltig zu stärken. "Nachhaltig" ist natürlich auch das richtige Stichwort für die Initiative "Kino.natürlich", ein vom Bundesumweltamt gefördertes Projekt. Im Rahmen eines Abschlussworkshops soll auch anhand der Berichte von Referenzkinos das Erreichte skizziert und ein Ausblick gegeben werden.

Nachhaltige Kinoarbeit bedeutet indes auch, sich um den Nachwuchs zu kümmern - und traditionell widmen sich in Leipzig gleich mehrere Programmpunkte den jungen Zuschauern. "Dauerbrenner" sind dabei natürlich Praxisbeispiele, bei denen die Schulfilmreihen Cinéfête und Britfilms der AG Kino-Gilde eine zentrale Rolle spielen. Besonders interessant dürfte das diesjährige "Kinderfilm-Update" sein, bei dem unter Moderation von Petra Rockenfeller erfolgreiche Kinderfilmfestivals und Kinobetreiber zusammengebracht werden, um Chancen einer Zusammenarbeit auszuloten. Größeres Gewicht erhält die Jugend zudem bei der Vergabe der Gilde-Filmpreise, die erneut im Täubchenthal gefeiert wird. Denn die im vergangenen Jahr erstmals vergebene Auszeichnung für den besten Jugendfilm (in Ergänzung zum "Besten Kinderfilm") soll verstetigt werden, gleichzeitig arbeitet man im Bereich der Jugendjury (die wiederum einen eigenen Preis vergibt) erstmals mit der FBW zusammen. Weitere Premieren in diesem Jahr: Die CICAE wird internationale Kinobetreiber zum Erfahrungsaustausch zusammenbringen und gemeinsam mit der Event Cinema Association werden Programmangebote und Fakten zum Thema "alternativer Content" präsentiert.

Eine großartige Ergänzung des Programms ist eine erstmals angesetzte öffentliche Diskussion, die am Abend des 18. September in den Passage Kinos stattfindet. "Wie politisch ist Kino heute? Welche Rolle spielt der Ort Kino für öffentliche Debatten?" lautet die Überschrift - und allein die Teilnahme von Karin Leicher (Cinexx Hachenburg) am Panel dürfte für spannende Erkenntnisse sorgen, erinnert man sich doch noch allzu gut an die Wellen, die das dortige Angebot freien Eintritts für AfD-Mitglieder in ein Screening von Schindlers Liste" schlug (die Entrichtung eines Eintrittspreises wurde später sämtlichen Besuchern anheimgestellt).

Selbstverständlich kommt auch ein Dauerbrenner unter den Kinothemen in Leipzig nicht zu kurz: das Marketing und speziell die digitale Kundenansprache. Neben einem Workshop in bewährter Zusammenarbeit mit der AG Verleih sollen bei einem weiteren Termin gemeinsam mit CRM-Anbietern (darunter auch die Genossenschaft "Kinomarkt Deutschland") Anforderungen der Kinos besprochen werden - und in Sachen "Social Media" will ein dritter Workshop den Bogen "von den Grundlagen zur guten Praxis" schlagen.Auch Hilfe bei künftigen Investitionen soll gegeben werden: So stehen in Leipzig zahlreiche Förderreferent*innen der Länder und der FFA zur Stelle, um - gerade auch schon mit Blick auf das kommende Zukunftsprogramm, dessen Details bislang aber noch offen sind - Fragen der Betreiber zu beantworten. Anhand der Erfahrung mit dem "Europäischen Kinotag" sollen wiederum Ideen und Konzepte erarbeitet werden, wie sich das Kinoerlebnis mit überschaubaren Mitteln ganz allgemein aufwerten lässt. Und last but not least gibt es da ja noch den Nachwuchsstammtisch, die Vorstellung der FFA-Programmkinostudie oder erste Details zum Thema "Kinocoach". Langweilig, so viel steht fest, werden die Tage in Leipzig jedenfalls definitiv nicht. Waren sie aber ohnehin noch nie.