Kino

KOMMENTAR: Die Kinos als Streamingplattform?

In Zeiten wie diesen müssen Kinobetreiber ein anderes Selbstverständnis entwickeln. Der Mann, dessen Company die zuverlässigsten Kinohits in diesem Jahr liefert, verlangt ein verändertes Engagement seiner Partner im Markt. Statt wahllos alles zu zeigen, gilt es, stärker auszuwählen.

15.08.2019 07:46 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

In Zeiten wie diesen müssen Kinobetreiber ein anderes Selbstverständnis entwickeln. Der Mann, dessen Company die zuverlässigsten Kinohits in diesem Jahr liefert, verlangt ein verändertes Engagement seiner Partner im Markt. Statt wahllos alles zu zeigen, gilt es, stärker auszuwählen. Die Filmmesse in Köln kann unter verschiedenen Gesichtspunkten als voller Erfolg gelten. Nicht nur ist sie eine reibungslos ablaufende, perfekt auf ihre Gäste abgestimmte Veranstaltung, sie hat auch den akkreditierten Besuchern ein gutes Gefühl für den weiteren Verlauf des Kinojahrs gegeben. Ob die Tentpoles von Disney, Warner & Co., ob herausragende aus- oder inländische Produktionen, ob Mainstream oder Arthouse, mit dem notwendigen Engagement der Kinobetreiber, um ihren Teil zur täglichen Kundengewinnung beizusteuern, muss niemand bange sein, dass die Line-Ups der Verleiher genügend Highlights in der Konkurrenz mit anderen Entertainmentangeboten, vor allem den Streamingplattformen vorhalten. Eher ist das Angebot zu groß und unübersichtlich geraten. Während sich viele Fachbesucher durch die nun angezogenen Besucherzahlen und die präsentierten Höhepunkte zuversichtlich gestimmt sahen, sprach Disneys Country Manager Roger Crotti, der die mit Abstand erfolgreichsten Filme in diesem Jahr ins Kino gebracht hat, auch die Downside an. Selbst Disneys handverlesene Tophits, die fast schon volle Säle garantieren, dürfen sich mit immer mehr Filmen, die ins Kino drängen, um die Leinwandpräsenz balgen. 800 Neustarts im Kino werden in diesem Jahr gezählt werden, weit über 1000 Filme werden auf den Leinwänden laufen. Fast würden ihn das Kino wie eine weitere Streamingplattform anmuten, auf der Hunderte Filme abrufbar seien, und die Zuschauer sich selbst zurechtfinden müssten, meinte Crotti provokant.

Unrecht hat er damit nicht. Denn während die Streamingplattformen sehr genau kuratiert werden, und die Nachfrage in immer neue individuelle Empfehlungen umgesetzt wird, liegt vor den Kinos bei der digitalen Kundenansprache noch eine weite Wegstrecke. Erfolgreich sind schon heute die Kinos, ob Multiplexe oder Arthousekinos, die ihr Programm kuratieren und einer strengen, auf ihr Publikum abgestimmten Auswahl unterziehen. Erfolgreich sind die, die sich nicht nur als Abspielstelle für möglichst viele Novitäten verstehen, sondern auch Filme im Programm halten, über die gesprochen wird, weil sie ausreichend bekannt gemacht wurden. Die Programmauswahl entscheidet über den Erfolg. Filme, die nur gespielt werden, damit ihr Einsatz Fördermittel rechtfertigt, tragen dazu nichts bei. Der wachsende Erfolg von Festivals, bei denen sich ein treues Publikum auf die Programmierung verlässt und auf die Begegnung mit Gleichgesinnten freut, muss sich auch aufs Kino übertragen lassen. Dann muss auch niemand die Streamingkonkurrenz fürchten.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur