Kino

Deutscher Kinobestand auf höchstem Wert seit 2011

Die FFA hat ihre Detailanalyse des ersten Kinohalbjahres veröffentlicht - und damit ein eindrucksvolles Wachstum des deutschen Kinobestandes belegt. Eine auf den ersten Blick positive Entwicklung, die indes auch eine entscheidende Kehrseite hat.

16.08.2019 10:50 • von Marc Mensch
"Avengers: Endgame" trug als stärkster Film des Halbjahres superheldenhafte Zahlen zu einem deutlichen Plus im April und Mai bei (Bild: Walt Disney)

Man kann an dieser Stelle womöglich gar nicht genug betonen, wie viel Fahrt der deutsche Kinomarkt seit dem rundum enttäuschenden Ausklang des zweiten Quartals aufgenommen hat - und auch wenn die Zahlen aufgrund unterschiedlicher Erhebungszeiträume und -methoden nur bedingt miteinander vergleichbar sind, sei vor einem genaueren Blick auf die offizielle Halbjahresbilanz der FFA der Zwischenstand zum Ende der 32. Kalenderwoche laut ComScore in den Raum gestellt: Um jeweils rund 13,5 Prozent haben sich die Besucher- und Umsatzzahlen gegenüber dem Vorjahreszeitraum bislang verbessert.

Ein Hinweis, der nicht von ungefähr kommt, erfüllt doch schon das aktuelle Plus beileibe noch nicht alle Erwartungen nach einem Jahr, in dem (wiederum laut FFA) 13,9 Prozent weniger Tickets verkauft worden waren. Der Aufschwung, er ist einkalkuliert - und gemessen wird 2019 an 2018 wie 2017 gleichermaßen. Denn eines sei vorweggenommen: Unter dem Strich lieferte das laufende Jahr zwischen Januar und Juni Resultate, mit denen man selbst in einem WM/EM-Jahr nicht zufrieden gewesen wäre. Ohne den Faktor "Fußball" fallen die Halbjahreszahlen geradezu ernüchternd aus. Oder besser: die meisten Zahlen. Dazu aber gleich noch mehr.

Laut der offiziellen FFA-Bilanz wurden bis 30. Juni knapp 53,7 Mio. Tickets in den deutschen Kinos verkauft, ein Anstieg von gut 2,6 Mio. Besuchern oder 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das mag ausreichen, um reißerische Schlagzeilen zu widerlegen, wonach es mit dem Kinogeschäft nur noch bergab gehen könne. Aber wir sprechen doch von einem Niveau, das im Fünf-Jahres-Vergleich um 7,2 Prozent unter dem Durchschnitt lag - das schlechte Ergebnis aus 2018 natürlich mit eingeschlossen. Ähnlich fällt das Bild bei den Umsätzen aus. Die FFA zählte für die ersten sechs Monate insgesamt gut 461,5 Mio. Euro. Ein Wert, der um fünf Prozent über dem Vorjahr, aber wiederum um 5,7 Prozent unter dem Fünf-Jahres-Schnitt liegt.

- 3D-Anteil weiter gesunken

Dass der Durchschnittspreis für ein Kinoticket im Halbjahresvergleich zum zweiten Mal in Folge sank (wenn auch nur minimal um 0,1 Prozent oder einen Cent auf 8,60 Euro) ist nicht zuletzt einem weiteren Rückgang bei den 3D-Besuchen geschuldet. Verglichen mit dem Einbruch zwischen den ersten Halbjahren 2017 und 2018, als die Zahl der verkauften 3D-Tickets von 13,5 auf nur noch neun Mio. sank und der 3D-Anteil an den Besuchern von 23,1 auf 17,9 Prozent abrutschte, nimmt er sich zwar sehr moderat aus: So ging die Zahl der 3D-Besucher zuletzt "nur" um 300.000 auf 8,7 Mio. zurück, während der 3D-Marktanteil einen Prozentpunkt abgab und sich bei 16,9 Prozent bewegte. Allerdings wurden im Bilanzzeitraum 2019 auch 18 neue 3D-Filme gestartet, während es 2018 nur 14 waren.

Was die Präferenzen des Publikums anbelangt, ist das Bild jedenfalls relativ eindeutig: Die 3D-Neustarts brachten es auf einen 3D-Ticketanteil von 43,9 Prozent, mehr als die Hälfte ihrer Besucher entfiel somit auf die "flache" Variante. Was durchaus kein Argument für eine grundsätzliche Abkehr von 3D ist - aber doch für ein Angebot, das den unterschiedlichen Geschmäckern bzw. der variierenden Zahlungsbereitschaft gerecht wird. Wobei man ohnehin nicht zuletzt nach Altersgruppen differenzieren muss: Denn während der 3D-Anteil beim diesjährigen Top-Hit Avengers: Endgame" bei 56,5 Prozent (und bei Captain Marvel" sogar bei 59 Prozent) lag, wurden knapp 62 Prozent aller Karten für den Familienhit "Drachenzähmen leicht gemacht 3" ohne 3D-Aufschlag verkauft, bei "Aladdin" waren es sogar rund 64 Prozent. Zum Thema "Eintrittspreise" sei übrigens noch ergänzend angemerkt: Diese sanken überproportional stark in den Multiplexen, wo sich Tickets im Schnitt um 1,7 Prozent oder 16 Cent auf zuletzt 9,13 Euro verbilligten. Dementsprechend konnten Multiplexe gegenüber dem vorigen Halbjahr zwar ihren Besucheranteil von 43,7 auf 44,2 Prozent wieder leicht ausbauen, verloren beim Umsatzanteil aber (minimale) 0,2 Prozentpunkte und rangierten zuletzt bei 46,9 Prozent. Beides wiederum mit einem Anstieg des Leinwandanteils um einen Punkt auf 30,8 Prozent.

- Deutscher Film gewinnt leicht überproportional

Wer im Vergleich beider Vorjahre gleichermaßen punktet, ist der deutsche Film. Genauer gesagt deutsche (Ko-)Produktionen, bei denen die FFA auch solche mit minoritärem deutschen Anteil berücksichtigt, was schon per se zu höheren Werten als nach ComScore-Zählung führt. Im FFA-Vergleich jedenfalls legte der deutsche Film bei den Besuchern von 11,3 auf zwölf Mio. zu und verbesserte sich damit um 6,2 Prozent, er gewann somit stärker als der Gesamtmarkt. Beim Marktanteil war ein Anstieg um 0,7 Prozentpunkte auf 23,1 Prozent nach verkauften Tickets zu verzeichnen. Besonders erfreulich fällt die Entwicklung aus, wenn man die aktuelle Halbjahresperformance jener aus 2017 gegenüberstellt: Damals waren es gerade einmal 10,6 Mio. Zuschauer für lokale Produktionen, die für lediglich 18,2 Prozent aller Kinobesuche standen. Eine Zwischenbilanz, die sich bis zum Ende jenes Jahres aber noch deutlich (auf 23,9 Prozent MA) aufhellen sollte - vor allem dank des vom Feuilleton so geschmähten Fack Ju Göhte 3". Besucherstärkster deutscher Film im Berichtszeitraum 2019 war Der Junge muss an die frische Luft" mit fast 2,9 Mio. Besuchern, der Toptitel unter den Neustarts wiederum Der Fall Collini" mit gut 786.000 Zuschauern, dicht gefolgt von Ostwind - Aris Ankunft" mit knapp 753.000 verkauften Karten. Und weil man gerne gelegentlich noch besonders gute Nachrichten einstreut: Das Ergebnis für den beinahe nur in Bayern gestarteten Leberkäsjunkie" hätte diesen auf Platz acht im deutschen Hit-Ranking des ersten Halbjahres katapultiert. Wohlgemerkt: nach seinem zweiten Wochenende.

Ein eindrucksvoller Ausbau seines Marktanteils gelang dem europäischen Film, genauer gesagt jenen Produktionen aus der EU, an denen kein deutscher (Ko-)Produzent beteiligt war. Sie steigerten ihr Stück am Besucherkuchen von 8,9 auf ganze 17 Prozent. Säulen dieses Erfolgs? Unter anderem Monsieur Claude 2" und Bohemian Rhapsody", der als majoritär britische Produktion gilt. Wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten: US-Produktionen steuerten nur noch 54,8 Prozent zum Gesamtergebnis nach Besuchern bei, verkauft wurden für Filme aus der Traumfabrik noch knapp 28,4 Mio. Karten.

- Deutlich mehr Leinwände als 2018

Womit wir beim vielleicht interessantesten Teil der FFA-Halbjahresbilanz angelangt wären: den Zahlen zum Kinobestand in Deutschland. Nun, auf die Gefahr hin, dem Vergleich mit der gesprungenen Schallplatte ausgesetzt zu werden, wiederhole ich mich an dieser Stelle - mit einem besonderen Gruß in Münchner Redaktionen - gerne. Liebe fachfremde Journalisten, die ihr auf dem Keyboard einen Shortcut zum Wort "Kinosterben" angelegt zu haben scheint: Der bundesweite Kinobestand steigt ("wächst", "legt zu", "vergrößert sich", "wird nicht geringer"). Seit 2014. Zweitausendvierzehn. Nicht, dass dieser Hinweis nicht schon bei der nächsten Schließung wieder ignoriert würde, aber die Zahlen für das erste Halbjahr sind doch erstaunlich. Tatsächlich muss ich zugeben, mit einem solchen Resultat selbst nicht gerechnet zu haben.

4889 Säle zählte die FFA zum Stichtag 30. Juni. Die Frage, wann es zuletzt so viele Kinosäle in Deutschland gab, konnte selbst die FFA nicht ad hoc beantworten, aber es ist etliche Jahrzehnte her. Sehr genau lässt sich indes sagen, wann zuletzt so viele Spielstätten wie zum Ende des vergangenen Halbjahres um die Gunst der Besucher buhlten: 2011, als nach sechs Monaten ebenso 1689 Kinos gezählt wurden, wie jetzt. Natürlich gab es etliche Schließungen in den ersten sechs Monaten, in 33 Sälen ging das Licht aus. Aber zum einen ist dies der zweitniedrigste Wert im Fünf-Jahres-Vergleich, zum anderen wurden eben auch ganze 73 Auditorien neu bzw. wieder eröffnet. Unter Berücksichtigung der Entwicklung im zweiten Halbjahr 2018 ergibt sich gegenüber dem 30. Juni des Vorjahres ein positiver Saldo von 77 Kinosälen. Der mit Abstand höchste Wert der letzten fünf (Halb-)Jahre.

- Blick aufs Detail entscheidend

Alles in Butter also, jede Menge Investitionskraft im deutschen Markt, Kino in der Fläche präsent wie seit vielen Jahren nicht mehr? Es wäre fatal, diesen einfachen Schluss zur Grundlage für künftige Förderentscheidungen zu machen. Denn es geht beileibe nicht nur darum, weiße Flecken auf der Landkarte zu tilgen, sondern primär darum, den Bestand aufzuwerten, ein Angebot zu schaffen, das vor allem attraktiver ist (und die Besucher deutlich besser erreicht). Denn die Crux liegt in der Auslastung. 67 verkaufte Tickets pro Sitzplatz mögen leicht über dem Wert des vorigen Halbjahres (65) liegen, stellen damit aber doch das zweitschlechteste Resultat dieses Jahrtausends dar. Von früheren Jahren einmal ganz zu schweigen. Mit anderen Worten: Das Besucheraufkommen hat mit dem Ausbau der Kinolandschaft nicht Schritt gehalten - und vermutlich sähe die Bilanz noch schwächer aus, würde man sie um jene Veranstaltungen (vor allem sporadische Open-Air-Screenings) bereinigen, die zwar Besucher und Umsätze zum Gesamtresultat beisteuern, im Leinwandbestand aber nicht erfasst werden.

- Der April macht, was das Kino will

Bleibt zum Abschluss noch der Blick auf den Jahresverlauf - und dabei zeigen sich klare Verlierer und klare Gewinner. So war es der Februar mit einem Besucherminus von elf Prozent, der für eine rote Bilanz nach dem ersten Quartal Sorge trug (und Sorgen schuf), während das zweite Quartal mit einem veritablen Paukenschlag eröffnete: Im April wurden gegenüber dem (wenn auch sehr schlechten) Vorjahresmonat ganze 38,2 Prozent mehr Tickets verkauft - und das trotz diverser Enttäuschungen unter den Neustarts. Auch der Mai glänzte mit einem Plus von 15 Prozent, während der Juni ein Reinfall auf ganzer Linie war. Zugegeben, dieser Monat zählt ohnehin traditionell zu den schwächsten - und ein Minus von 3,7 Prozent mag auf den ersten Blick nicht allzu dramatisch erscheinen. Aber wir reden hier - und damit sei der Bogen zu den einleitenden Bemerkungen geschlagen - vom Vergleich zu einem WM-Vorjahr. Insofern bleibt zusammenfassend schlicht zu sagen: Das Kinogeschäft mag wenigstens mittlerweile wieder deutlich besser als sein Ruf sein - Angebote zu schaffen, die auch Hitzeperioden locker wegstecken, dürfte dennoch ein Gebot der Stunde sein.

Die komplette FFA-Halbjahresbilanz finden Sie hier.