Kino

KOMMENTAR: Eine Lanze für den Horror

Wer im Jahr 2019 noch relevante Themen für Erwachsene erfolgreich im Kino an den Mann bringen will, dem bleiben wenig andere Möglichkeiten, als sich des Horrorgenres zu bedienen.

08.08.2019 09:12 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wer im Jahr 2019 noch relevante Themen für Erwachsene erfolgreich im Kino an den Mann bringen will, dem bleiben wenig andere Möglichkeiten, als sich des Horrorgenres zu bedienen. Abseits des von Disney errichteten Blockbuster-Bollwerks mit seinen starken Marken, die aus klar formuliertem Prinzip stets das Familienpublikum taxieren, und diverser starker Marken und vereinzelter Ausreißer bei den anderen Studios, ist der Horrorfilm die letzte verbliebene sichere Bank, um ein Publikum von substanzieller Größe in die Kinosäle zu bewegen. Was unbedingt Sinn macht: Das Genre, das lange Zeit belächelt wurde, gerade in Deutschland eine traurige Existenz in den Direct-to-Video-Fächern der Videotheken zu fristen hatte und zur Bewerbung für den Kinoeinsatz umständlich als "Psychothriller" oder "Spannungswerk" oder ähnliches beschrieben werden musste, um nur nicht als "Horror" schlecht beleumundet zu werden, funktioniert einfach am besten, wenn man es im dunklen Saal mit Gleichgesinnten ansieht: Gemeinsam gruselt es sich am besten.

Natürlich haben auch die Filmemacher die Zeichen der Zeit verstanden: Wie einst im klassischen Studiosystem, als man als Regisseur sich in den Randgebieten des B-Films tummeln musste, wenn man die Untiefen der menschlichen Seele ausloten wollte, während in den A-Filmen die Welt immer picobello sauber zu sein hatte, gibt einem der Horrorfilm die Möglichkeit, die Bestie Mensch in all ihrer Triebhaftigkeit und Niedertracht zu durchmessen, das Übernatürliche und Unerklärliche für Allegorisches und Metaphorisches zu verwenden. Die Welt darf kompliziert sein und widersprüchlich im Kino des Schreckens. Von »elevated horror« wird vermehrt gesprochen: Filme wie ES" oder "Wir" heben sich eben ab von handelsüblicher Ware wie Conjuring" oder Insidious", die sich zufrieden gibt, Buh zu rufen und das Publikum zu erschrecken. Dieser »elevated horror« erstreckt sich längst auch ins ambitionierte Kunstkino: Midsommar" und "The Lighthouse" sind zwei der virtuosesten neuen Filme des Jahres. Einer der Filmemacher des Eröffnungsfilms des Fantasy Filmfest, "The Lodge", ist die langjährige Drehbuchautorin von Ulrich Seidl. Ziemlich viel Horrorfilm steckt auch im Cannes-Gewinner "Parasite". Und dass es mit Guillermo Del Toro seit 2018 auch einen Oscargewinner gibt, dessen Herz bekanntermaßen für den Horrorfilm schlägt, ist der Adelsschlag für das Genre, das das aktuellste und am besten ausgestattete zu sein scheint, um dem wahren Schrecken der Welt, in der wir leben, filmischen Ausdruck zu verleihen. Der Kreis schließt sich: Im Stummfilm war der Horrorfilm einst die Höhe der Filmkunst. Jetzt ist er es wieder.

Thomas Schultze, Chefredakteur