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Lili Hinstin: »Ein Festival wie kein anderes«

In wenigen Minuten beginnt das 72. Locarno Film Festival, das erste unter der künstlerischen Leitung von Lili Hinstin, die das Amt von dem neuen Berlinale-Chef Carlo Chatrian übernommen hat. Im Gespräch erklärt die Französin ihre Vision.

07.08.2019 19:48 • von Thomas Schultze
Alles neu macht der August: Lili Hinstin stellt ihr erstes Locarno Film Festival vor. (Bild: Michela Di Savino / Locarno Film Festival)

In wenigen Minuten beginnt das 72. Locarno Film Festival, das erste unter der künstlerischen Leitung von Lili Hinstin, die das Amt von dem neuen Berlinale-Chef Carlo Chatrian übernommen hat. Im Gespräch erklärt die Französin ihre Vision.

Im vergangenen August wurden Sie zur neuen künstlerischen Leiterin des Locarno Film Festival ernannt. Jetzt -haben Sie Ihr erstes Programm vorgestellt. Sind Sie zufrieden?

Lili Hinstin: Ich bin sehr glücklich. Ich habe den Eindruck, dass wir sehr gute Arbeit geleistet haben. Das Auswahlkomitee bestand zusammen mit mir aus sechs Personen, und wenigstens einer von uns war bestens vertraut mit dem Werk des jeweiligen Regisseurs, dessen neuer Film eingereicht worden war. Wir sind also mit großer Kompetenz an die Arbeit gegangen. Und hatten natürlich das große Glück, dass viele der eingereichten Filme ganz wunderbar waren. 2019 ist ein gutes Jahr für das Weltkino, und wir können einige wirklich wichtige Filme präsentieren.

Gab es besondere Entdeckungen? Welche Länder sind besonders stark?

Lili Hinstin: Ich halte es für problematisch, einzelnen Ländern eine spezielle filmische Identität zuzuordnen. Bei unserer Auswahl ist mir aber aufgefallen, dass viele interessante Arbeiten, ganz unterschiedlicher Natur, aus Portugal kommen. Die Filme sind ganz besonders, haben eine sehr eigene und auffallend persönliche Handschrift. Ich kann nicht erklären, warum das so ist, aber man erkennt sofort, wenn ein Film aus Portugal stammt. Wir haben eine ganze Reihe portugiesischer Produktionen in den verschiedenen Sektionen des Festivals, am auffälligsten vermutlich "Vitalina Varena", der neue Film von Pedro Costa, der im Wettbewerb läuft - ein Meisterwerk!

Finden die politischen Umbrüche auf der Welt Ihren Niederschlag in den Filmen, die Sie gesehen haben. Ist das Kino politischer geworden?

Lili Hinstin: Film kann nicht direkt auf etwas reagieren, das aktuell in der Welt passiert. Dafür ist eine Produktion zu aufwendig und langwierig. Aber natürlich ist der Akt des Filmemachens an sich ein politischer Akt: Wie man inszeniert und arrangiert, lässt einen Dinge anders verstehen. Faszinierend finde ich "During Revolution", eine Dokumentation aus Syrien, in der Maya Khoury Bilder aus dem Jahr 2011 auf ganz eigene Weise montiert und miteinander in Zusammenhang setzt. Ich fühlte mich an "Material" von Thomas Heise oder "The Event" von Sergei Loznitsa erinnert. Am anderen Ende des Spektrums zeigen wir auf der Piazza Grande den neuen Film von Valérie Donzelli, "Notre Dame", eine sehr leichte Komödie über eine Architektin, die die Promenade vor Notre Dame neugestalten soll. Und doch ist der Film unbewusst politisch aufgeladen: Wir bekommen noch einmal diese wunderbare Kirche unbeschadet zu sehen. Die Beziehung zwischen Kino und der Realität ist immer in Bewegung.

Und doch ist Ihr Wettbewerb voller politischer Themen.

Lili Hinstin: Das stimmt. Darauf hat mich schon einer Ihrer Kollegen nach der Programmpressekonferenz aufmerksam gemacht. Ich selbst hatte gar nicht darüber nachgedacht, weil mein Blick eher auf die Politik des Filmemachens gerichtet ist. Politik ist für mich, wie man die Dinge betrachtet. Wir haben also nicht bewusst einen politischen Wettbewerb auf die Beine gestellt, weil wir bei der Auswahl auch auf ganz andere Dinge geachtet haben. Weil wir im Auswahlkomitee aber auch sehr interessiert sind an der Welt von heute, in der wir leben, und viel darüber diskutieren, fließt das wohl ganz automatisch in die Auswahl ein.

Locarno sitzt mitten zwischen den beiden großen Festivals von Cannes und Venedig. Haben Sie das bei der Auswahl der Filme gespürt? Mussten Sie Abstriche machen?

Lili Hinstin: Im Vorfeld hatte mir das Sorgen bereitet. Aber ich habe festgestellt, dass es ein echter Vorteil ist, nach Cannes terminiert zu sein. Jeder will nach Cannes. Dort kann man aber nicht alle Filme nehmen, viele herausragende Werke werden dort abgelehnt und hoffen im Anschluss daran, auf einem anderen großen Festival gezeigt zu werden. Venedig hatte mir mehr Kopfzerbrechen bereitet. Aber weil Locarno bei der Auswahl andere Akzente setzt und an einem anderen Aspekt des Kinos interessiert ist, erwies sich auch Venedig nicht als Problem für uns. Einen Film, den wir sehr mochten, mussten wir ziehen lassen. Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt. Aber wie Sie wissen habe ich davor ein sehr kleines Festival organisiert. Jetzt auf die Möglichkeiten von Locarno zugreifen zu können, empfand ich als großen Luxus. Es ist regelrecht paradiesisch, weil viele Filmemacher unbedingt nach Locarno kommen wollen. Wir haben insgesamt 128 Arbeiten ausgewählt - und mussten trotzdem vielen absagen.

Dazu kommt noch die Piazza Grande, mit der Sie das große Publikum bedienen.

Lili Hinstin: Für die Piazza Grande zu programmieren, ist eine einzige Freude. Ich hoffe natürlich, dass wir mit unserer Auswahl nicht daneben liegen, aber ich habe den Eindruck, dass sich das Angebot sehen lassen kann, das vielleicht etwas weniger streng ist als der Wettbewerb, aber trotzdem starke künstlerische Stimmen zu Wort kommen lässt. Natürlich soll das Programm insgesamt aus einem Guss sein, das wird man auch der Piazza Grande anmerken. Wichtig ist, dass der Locarno-Spirit rüberkommt. Wir wollen das Kino feiern und sind stolz auf jeden Film, den wir dort zeigen können.

Haben Sie gezögert, als Sie den Zuschlag für den Posten der künstler-ischen Leiterin erhielten?

Lili Hinstin: Nein, das kam ja nicht aus heiterem Himmel. Dem ganzen ging ein längerer Auswahlprozess voraus, bei dem ich in einer Präsentation vorstellte, wie ich mir ein Locarno Film Festival unter meiner künstlerischen Leitung vorstellen würde. Sechs Kandidatenwurden schließlich zu einem Interview mit dem Gremium eingeladen. Als die Wahl schließlich auf mich fiel, konnte ich beim besten Willen nicht nein sagen. Die Zusage fiel mir sehr leicht. Das Festival zu leiten, ist die Erfüllung eines Traums. Ich brenne mit Haut und Haar für Locarno.

Wie sind Sie vorgegangen, um Locarno zu Ihrem Festival zu machen?

Lili Hinstin: Locarno hat eine wunderbare Tradition. Carlo Chatrian war ein großartiger künstlerischer Leiter mit einer starken Persönlichkeit, ebenso wie Olivier Père, Frédéric Maire oder Irene Bignardi. Marco Mueller war davor derjenige, der Locarno zu internationaler Bedeutung verholfen hat. Man wäre töricht, wenn man etwas völlig Neues machen wollte. Es geht nicht um mich. Es geht um die Filme und das Festival, dazu muss man das Festival verstehen, seine 72 Jahre alte Tradition, seine Mechanismen, seine Funktion. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln. Dann kann man eine Auswahl vornehmen, die natürlich ein Vorschlag ist, ein Angebot. Ich will neues Kino fördern und sichtbar machen, wichtigen Stimmen ein Sprachrohr geben. Dazu muss man Locarno nicht umkrempeln, sondern im Gegenteil einfach nur für sich nutzen, was es ohnehin schon bieten kann. Mir gefällt es, dem Festival eine bedeutsame Form zu geben. Wir haben die »Crazy Midnight«-Reihe eingeführt, öffnen das Festival in Richtung mittellanger Filme. Und dann werden wir sehen, ob sich das gut in die Veranstaltung fügt.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Festival-Präsident Marco Solari aus?

Lili Hinstin: Er ist einfach wunderbar, ein gebildeter, intelligenter Mann. Wir haben nicht immer die gleichen Ansichten, aber mir gefällt seine Offenheit, er beharrt nicht auf seine Ideen, lässt sich von guten Argumenten überzeugen, hat aber auch selbst immer gute Argumente. Er ist der perfekte Festivaldirektor, hält politisch und finanziell alle Zügel in der Hand. Bei meiner Arbeit als künstlerische Leiterin wird mir völlig freie Hand gelassen, da redet keiner rein. Und bei den übergreifenden Themen, die das Festival betreffen, ist die Diskussion mit Marco Solari, dem operativen Leiter Raphaël Brunschwig und Nadia Dresti, der Leiterin von Locarno Pro, immer anregend und offen.

Was macht Locarno besonders?

Lili Hinstin: Es ist ein Filmfestival wie kein anderes, mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Dazu trägt natürlich die Piazza Grande bei mit 8000 Plätzen, ihrer riesigen Leinwand und, das muss betont werden, einem Sound, wie man ihn bei Open-Air-Kino eigentlich nicht erwarten würde - ein technisches Wunder. Was mich als Programmiererin natürlich besonders anspricht, ist die Radikalität des Festivals. Das hebt Locarno von Venedig, Toronto oder Cannes ab. Locarno ist ein Ort, an dem die Freiheit der Gedanken zelebriert wird. Ich freue mich sehr, dass wir in diesem Jahr John Waters als Gast willkommen heißen können, der Inbegriff eines radikalen Filmemachers. Die Radikalität allein würde jedoch verpuffen, wenn Locarno nicht ein Festival für das große Publikum wäre. Normalerweise bleibt man unter sich, wenn man strenges, forderndes Kino zeigt. Hier wird es von ganz normalen Menschen gesehen und gefeiert. Und das ist einzigartig.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.