Kino

Filmmesse verspricht heiße Kinomonate

Keine Verschnaufpause im Cinedom: Nach einem veritablen Tradeshow-Marathon zum Einstieg rückten am zweiten Tag die Screenings kompletter Filme in den Vordergrund. Doch die vorangehenden drei Kurzpräsentationen hatten es in sich - wobei es auch Platz für mahnende Worte gab.

07.08.2019 20:05 • von Marc Mensch
"Mulan" ist eines der kommenden Disney-Highlights, die Thilo Kuhn im Cinedom vorstellte (Bild: MMmedia)

Der Stellenwert, den eine Veranstaltung bei den Studios genießt, lässt sich sicherlich nicht zuletzt an dem Material ablesen, das diese bereit sind, zur Verfügung zu stellen. Was Bände über die Bedeutung der Filmmesse spricht. Denn auch in diesem Jahr sind die dortigen Präsentationen geradezu gespickt mit brandneuen Eindrücken und exklusiven Materialpremieren. Am zweiten Messetag rückten wie üblich die Screenings kompletter Filme in den Vordergrund, drei Tradeshows gab es dennoch vorab zu genießen. Wir fassen an dieser Stelle zusammen.

Warner

Mut, Kreativität und Durchschlagskraft. All dies (und mehr) wünschte Volker Modenbach zum Einstieg in die Warner-Präsentation der frischgebackenen HDF-Vorstandsvorsitzenden Christine Berg und ihrem Vorgänger und jetzigen SPIO-Präsidenten Thomas Negele. Nicht, dass er sich nicht sicher sei, dass beide über diese Atttribute verfügten - aber angesichts der bevorstehenden Herausforderungen könne eine Extraportion nicht schaden. Einen Nachfolger für sich selbst konnte Modenbach, der Warner gegen Ende des Jahres verlassen wird, den Kinobetreibern in Köln persönlich vorstellen: Steffen Schier, der zuvor als Head of Content bei Cinemaxx fungiert hatte (wir berichteten). Und auch zum geplanten Kinofest verlor Modenbach ein paar Worte - im Bewusstsein, dass es sich mit der ursprünglich geplanten Nennung eines konkreten Termins in Köln nicht ganz ausgehen würde (siehe dazu unseren separaten Bericht). Er betonte, wie wichtig diese Initiative für den Markt sei und wünscht den Organisatoren den Mut "einen Termin für 2020 zu finden". Schließlich sei es am Ende "kein Verleiherfest". Bekanntzugeben galt es schließlich noch die Gewinner eines von Warner zur Filmwoche München ausgerufenen Marketingwettbewerbs. Wir schließen uns den Glückwünschen an und gratulieren dem Apollo Service-Kino in Altena zum mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis sowie dem Münchner Cinema und dem Cinemotion Norderstedt zu je 5000 Euro.

Damit aber nun zur eigentlichen Präsentation, die quantitativ bewusst überschaubar ausfiel, dafür aber qualitativ umso mehr zu punkten wusste. Rund 3,2 Mio. Zuschauer für den ersten Teil sind eigentlich schon Argument genug, um sich auf ES: Kapitel 2" zu freuen - aber knapp eine Viertelstunde an exklusiven Eindrücken legte da doch noch eine erwartungsfrohe Schippe drauf. Für Blinded by the Light" von Gurinder Chadha (Kick it like Beckham") reichte der Trailer - schließlich gibt es das rund um die Hits von Bruce Springsteen gestrickte Feelgood-Movie in Köln auch gleich in voller Länge zu sehen. Für "Joker" von Todd Phillips mit Joaquin Phoenix in der Titelrolle hatte Modenbach im Grunde ein einziges Wort parat: "Meisterwerk". Und die rund sechs Minuten, die er zur Filmmesse mitgebracht hatte, waren nun nicht unbedingt dazu angetan, ihm in irgendeiner Weise widersprechen zu wollen.

Meinungsunterschiede gibt es indes zu "The Shining" - denn bekanntermaßen konnte sich ausgerechnet Stephen King als Autor der Vorlage nicht 100prozentig mit dem Film von Stanley Kubrick anfreunden. Seine volle Unterstützung erfährt indes die Fortsetzung Doctor Sleep", in der Ewan McGregor als erwachsener Danny Torrance an den ikonischen Schauplatz zurückkehrt. Auch hier gab es bereits eine mehrminütige Szene zu sehen. Und abgerundet wurde die Präsentation schließlich mit Trailern zur Bestselleradaption Der Distelfink", Motherless Brooklyn", den Edward Norton in Personalunion als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller verantwortet, und The Good Liar - Das alte Böse" mit Dame Helen Mirren und Sir Ian McKellen.

Ein abschließendes Highlight hatten dann noch Leila Hamid und Martin Kochendörfer von Warner-Partner X Verleih mitgebracht: "Die Känguru-Chroniken" von Dani Levy sind - was nicht einer gewissen Ironie entbehrt - laut Kochendörfer der vielleicht kommerziellste Film, den man je im Programm hatte. Weshalb Ironie? Nun, "Hauptdarsteller" der Leinwandumsetzung des hierzulande erfolgreichsten Hörbuches überhaupt ist ein antikapitlaistisches, anarchistisches Beuteltier.

Tobis

Eine der spannendsten Fragen vor jeder Tobis-Tradeshow: Wie flicht Magnus Vortmeyer ein kommendes Highlight in sein Outfit ein? Die Antwort in diesem Jahr lautete: Ein Gürtel aus Puppen, passend zum Animationshighlight "Ugly Dolls", das einer der Dreh- und Angelpunkte der Präsentation war - mit ausführlichen Ausschnitten und einem Blick hinter die Kulissen der Synchronisation, für die nicht zuletzt als Stimme einer der Hauptprotagonistinnen Schauspielerin und Sängerin Lina Larissa Strahl gewonnen werden konnte. So ungewöhnlich der Titel von The Peanut Butter Falcon" ist, so mitreißend fielen die ersten Clips aus einem Film aus, in dem Shia LaBeouf (in der mit himmelweitem Abstand besten Leistung seiner Karriere; persönliche Ansicht des Redakteurs) einen aus einem Heim entflohenen Jungen mit Down-Syndrom unter seine Fittiche nimmt. Größter Wunsch des Jungen: Wrestler zu werden.

Aus einer stichpunktartigen Gesamtbetrachtung der Verleihstaffel 2019/2020 hob Vortmeyer unter anderem den Katastrophenthriller Greenland", den PS-starken Actionfilm Asphalt Börning" und natürlich nicht zuletzt Catweazle" hervor, der Otto Waalkes nach über 20 Jahren wieder zur Tobis führt.

Weiter ging es dann mit dem Animationsfilm Die Heinzels - Rückkehr der Heinzelmännchen", der sich zwar noch mitten in der Produktion befindet, in ersten Ausschnitten aber schon ein gutes Bild abgab. Die Tragikomödie Hope Gap" mit Bill Nighy und Annette Bening beleuchtet den Fallout nach dem Ende einer jahrzehntelangen Ehe. Und in der Actionkomödie My Spy" findet Dave Bautista als Topagent seinen Meister - in einem jungen Mädchen, das mit allen Wassern gewaschen ist. Wenn es am abschließenden Highlight - Das Wunder von Marseille" - etwas zu beanstanden gab, dann allenfalls die Tatsache, dass die Promo den Film (wenn auch in Kurzform) chronologisch erzählte und dabei sogar das Ende nicht aussparte. Immerhin lässt sich jetzt mit Sicherheit behaupten, dass der Film mit Gerard Depardieu über ein Flüchtlingskind mit extremer Schachbegabung auch emotional berühren wird...

Walt Disney / Fox

Ein wenig ironisch ist es schon, dass ausgerechnet der Country Manager des mit Abstand erfolgreichsten Verleihs in Deutschland die Zahlen des ersten Halbjahrs zum Anlass für eine Brandrede nimmt - aber umso mehr Gewicht haben Roger Crottis Worte am Ende wohl. Zufrieden kann man mit den Resultaten seiner Ansicht nach jedenfalls nicht sein, tatsächlich steuere man auf das zweitschlechteste Ergebnis des jungen Jahrtausends zu, wie Crotti betonte. Bislang gut ein Dutzend Besuchermillionäre seien schon per se zu wenig, aber man müsse sich generell Gedanken über die Zahl der Filmstarts machen. Ihn erinnere die schiere Masse an das geradezu wahllose "Draufpacken von Content" auf so manche Streaming-Plattform.

Aber zurück zum eigenen (Maus-)Haus. 22 Mio. Besucher mit seinen Filmen habe er den Kinobetreibern zur Filmwoche München versprochen, rekapitulierte Crotti - und mit bislang bereits rund 15 Mio. ist er auf dem allerbesten Weg, das Versprechen nicht nur einzulösen, sondern noch zu übertreffen. Denn neben dem gerade erst mit einem Gold-Bogey ausgezeichneten und weiter tolle Zahlen schreibenden "Der König der Löwen" kommen ja noch Toy Story 4", Die Eiskönigin 2" und Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers".

Der erste programmatische Ausblick in einer dann von Thilo Kuhn übernommenen Präsentation galt indes einer deutschen Produktion: Vier zauberhafte Schwestern" stemmen sich gegen eine von Katja Riemann verkörperte Hexe, die ihnen ihre Kräfte rauben will. Sven Unterwaldt inszenierte auf Basis einer erfolgreichen Buchreihe. Erfolg konnte mit rund 1,4 Mio. deutschen Kinobesuchern auch Maleficent" für sich verbuchen - nun komm mit Maleficent: Mächte der Finsternis" ein Sequel, in dem Angelina Jolie unter anderem Elle Fanning und Michelle Pfeiffer zur Seite stehen.

Während "Der König der Löwen" aktuell (erneut) die Boxoffice-Macht demonstriert, die in den Realfilmadaptionen der Disney-Animationsklassiker steckt, darf man sich bereits auf das nächste Highlight freuen: "Mulan" von Niki Caro, der die zeitlose Geschichte mit grandiosen Bildern vermählt. Dass das bereits erwähnte Sequel zu "Die Eiskönigin" einen ordentlichen Teil dazu beitragen wird, Crottis Besucherversprechen zu erfüllen, dafür sprechen schon die fast 4,8 Mio. Zuschauer, die der Erstling vor die Leinwände zog - sowie die ersten Clips aus einem Film, der die Frage beantwortet, wie Elsa zu ihren Kräften kam. Und dann wäre da ja noch ein anderer kleiner Film, zu dem in Köln aber natürlich nur der bekannte (aber immer wieder gern gesehene) Teaser aufgefahren wurde: das Finale der Skywalker-Saga.

Wie es in Deutschland organisatorisch mit der Disney/Fox-Vermählung weitergeht, war in Köln noch nicht zu erfahren - aber immerhin stellte man dort nach Angaben von Horst Müller die weltweit einzige Tradeshow auf die Beine, die in dieser Form gemeinsam getragen wurde. Und so durfte man nicht nur noch einmal die brillante Fox-Fanfare im Atmos-Ton des Cinedom hören, sondern auch noch etliche Minuten aus kommenden Highlights sehen, die noch unter dem Fox-Banner ins Kino kommen.

Den Anfang machte Terminator: Dark Fate", der bekanntlich schon dadurch punktet, dass er die Teil 3 bis 5 ignoriert und direkt an James Camerons episches Meisterwerk "Terminator 2: Tag der Abrechnung" anschließt (den Studiocanal ja im Vorfeld auch noch einmal in die Kinos holt). Der Actionkracher bringt die Terminator"-Veteranen Linda Hamilton und Arnold Schwarzenegger erneut zusammen. Die Vorgeschichte zu "Kingsman" wiederum erzählt Matthew Vaughn in "The King's Man", angesiedelt vor der Kulisse des Ersten Weltkriegs. Zu den Hauptdarstellern zählen Ralph Fiennes und Gemma Arterton.

Einen ausführlichen Appetithappen hatte Müller auch zu "Spione Undercover" von den Animationsspezialisten von Blue Sky (Ice Age") mitgebracht. Ein Topagent wird durch ein fehlgeschlagenes Experiment zur Taube - eine Prämisse, die Humor und (familienfreundliche) Action vereint. Und auf die Spur des legendären Duells zwischen Ford und Ferrari begeben sich Matt Damon und Christian Bale unter der Regie von James Mangold schließlich in "Le Mans 66". Rasanter Abschluss eines gelungen Tradeshow-Vormittags.