Kino

"Vive la France!"

Was läuft anders in einem Markt, der mit 20 Mio. Einwohnern weniger rund doppelt so viele Kinobesuche verzeichnet wie Deutschland? Kim Ludolf Koch hat die Situation gemeinsam mit einer Cineplex-Delegation vor Ort in Frankreich unter die Lupe genommen - und schildert hier seine Eindrücke.

02.08.2019 13:27 • von Marc Mensch
Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch (Bild: Kim Ludolf Koch)

Die Suche nach innovativen Konzepten führt Cineplex-Delegationen wiederholt an herausragende Kinostandorte. Jüngst stand Paris auf dem Programm - und Geschäftsführer Kim Ludolf Koch schildert seine Eindrücke für uns in einem Gastbeitrag:

Nach London und Seoul führte die dritte "Cineplex-Reise" in die europäische Kinohauptstadt: Paris. Auf dem Programm standen zehn Kinos, zwei VR-Angebote und ein Filmmuseum. Ausschlaggebend für die Wahl des jüngsten Reiseziels war indes weniger die Aussicht auf besonders attraktive Kinoangebote. Sondern vor allem der Wunsch, dem unglaublichen Besuchsniveau unserer Nachbarn etwas auf die Spur zu kommen. Mit knapp 20 Mio. weniger Einwohnern konnte Frankreich im vergangenen Jahr nahezu doppelt so viele Kinobesucher verzeichnen wie Deutschland. Wesentlicher Faktor ist natürlich die Reichweite. Der Bevölkerungsanteil der wenigstens einmal im Jahr ins Kino gehenden Personen liegt in Deutschland bei 39 Prozent - in Frankreich hingegen bei 66 Prozent. Die Kinos, die wir uns angesehen haben, profitieren sicherlich vom Metropolenfaktor, aber mit Ausnahme des UGC Les Halles, Europas erfolgreichstem Multiplex, war die Besuchsfrequenz für uns kein Auswahlfaktor. Dennoch wies keines der besuchten Kinos einen Sitzplatzkoeffizienten von unter 300 aus. Das UGC, eines der ältesten Multiplexe der Stadt, hatte mit 27 Sälen und 4000 Sitzplätzen im vergangenen Jahr knapp 3,2 Mio. Besucher und verkaufte somit jeden Sitzplatz etwa 800 Mal. Nicht nur die großen Multiplexe, sondern auch die Programmkinos arbeiten tatsächlich mit Absperrbändern und Wegeleitung, um den Publikumsandrang in die richtigen Bahnen zu lenken.

Auffällig war in allen Kinos der vergleichsweise geringe Sitzkomfort. Recliner oder VIP-Sitze suchten wir vergeblich, lediglich in einem Dolby Cinema wurde ein hochwertiger Stuhl mit schwenkbarer Rückenlehne und Fußbank verbaut. Doch nicht nur die relativ einfachen, meist in rot gehaltenen, Schaumstoffsessel wirkten antiquiert auf unsere Reisegruppe: Beinahe verstörend waren geringe Sitzplatzbreiten und Reihenabstände - auch bei Neubauten.

Ebenso auffällig waren Art und Umfang des Concessions-Angebots sowie dessen Präsentation. Popcorn war geradezu ein Nebenprodukt, Nachos und Postmix-Getränke suchte man sogar vergeblich, obgleich den Nebenprodukten regelmäßig große Flächen eingeräumt werden. Ein Schwerpunkt des gesamten Sortiments waren Schokoriegel, Chips und andere Produkte mit niedrigen Margen. Selbst in großen und gut laufenden Multiplexen lag der Nebenumsatz nach Aussage der Manager nie über 2,50 Euro pro Besucher. Spitzenwerte sucht man hier also genauso vergeblich wie beim durchschnittlichen Ticketpreis.

Wobei der "Durchschnitt" hier eine besondere Rolle spielt, denn erwartungsgemäß ergaben sich bei den Ticketpreisen besonders interessante Erkenntnisse. Alle der von uns besuchten Filmtheater beginnen mit dem Spielbetrieb um 10:00 Uhr morgens, manchmal sogar noch früher. Bis mittags gibt es reduzierte Preise, danach werden relativ hohe Einheitspreise (in Paris zwischen zehn und 14 Euro) über die ganze Woche hinweg verlangt. Allerdings gibt es deutliche Rabatte für bestimmte Zielgruppen wie Kinder, Schüler, Studenten, Senioren und Auszubildende. Der Hauptgrund dafür, dass der durchschnittliche Eintrittspreis in Frankreich um rund zwei Euro unter dem deutschen Wert liegt (2018: 6,64 Euro vs. 8,54 Euro) dürfte allerdings in der mittlerweile weitverbreiteten Anwendung von Flatrate-Karten liegen. Hier gibt es bei den großen Ketten Pathé, der mittlerweile Pathé gehörenden Kette Gaumont, UGC und auch den Programmkinos von MK2 drei verschiedene Angebote. Für Besucher unter 26 Jahren kostet die monatliche Flat rund 18 Euro, für älteres Publikum 23 Euro. Für einen Aufpreis von drei Euro gilt die Flatrate auch für 3D-Filme. Eine in Deutschland bislang noch unbekannte, weitere Variante stellt die Flatrate für zwei Personen dar. Der namentlich erfasste Inhaber kann für 33 Euro im Monat stets eine weitere Person mit ins Kino nehmen. Nach Angaben der verschiedenen Kinos liegt der dortige Anteil der Flatrate-Kunden am Gesamtbesuch bereits zwischen 25 und 40 Prozent. Im Zusammenspiel mit den günstigen Tickets für jugendliche Besucher, die in der Regel bei vier oder fünf Euro liegen, ergibt sich somit trotz gewisser Ausschläge nach oben somit ein Ticketpreis, der im Schnitt deutlich unter dem hiesigen Niveau liegt. Sowohl für diesen Preis als auch für den Gesamtbesuch sind auch die beiden alljährlichen Kinofeste in Frankreich von Bedeutung. Im Frühjahr und im Hochsommer werden viertägige Kinofeste, die jeweils von Sonntag bis Mittwoch reichen, gefeiert, wobei der Ticketpreis für alle Besucher bei vier Euro liegt. Viele Kinos nehmen in dieser Zeit auch keinen Aufpreis für 3-D, lediglich für Dolby Cinema, IMAX und 4DX werden Zuschläge verlangt.

Weiter begünstigt wird der hohe Gesamtbesuch durch die quantitative Breite des Kinoangebots. Während Deutschland zuletzt gut 4800 Leinwände für seine 83 Mio. Einwohner bereithielt, standen in Frankreich 5900 Leinwände für knapp 67 Mio. Einwohner zur Verfügung. Aber auch die Vorliebe für das heimische Produkt ist klarer Treiber des Marktes. Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland gar nicht einmal so gigantisch, wenn man nur auf die Zahlen für US-Filme blickt. Denn während hierzulande zuletzt rund 75 Mio. Besuche auf den US-Film entfielen, waren es in Frankreich in etwa 100 Mio. verkaufte Tickets. Der massive Unterschied: In Deutschland standen diese Besuche für über 70 Prozent des gesamten Aufkommens, in Frankreich gerade einmal für etwa die Hälfte. Knapp 40 Prozent aller Kinobesuche des vergangenen Jahres entfielen in Frankreich auf lokale Produktionen, hierzulande dümpelte man bei rund 23 Prozent dahin - und seit Jahren sind es nur wenige deutsche Produktionen, die wirklich reüssieren können.

Der Erfolg des französischen Films hat sicherlich auch damit zu tun, dass der CNC (der französischen Variante der FFA) bis zu eine Milliarde Euro pro Jahr in den Mediensektor investieren konnte, während Bund und Länder in Deutschland gerade einmal ein Drittel dieser Summe aufbringen. Mit deutlich mehr Geld lassen sich offenbar bessere Produktionen herstellen. Die französischen Fördermittel rekrutieren sich übrigens wie in Deutschland zu einem großen Teil aus einer Filmabgabe (unter anderem) auf den Verkauf von Kinotickets, die mit rund zehn Prozent indes auch deutlich höher ausfällt als ihr deutsches Pendant.

Tatsächlich ziehen Majors wie Independents im Nachbarland weniger Geld aus jeder einzelnen verkauften Karte als in Deutschland. Zwar liegt der Mehrwertsteuersatz auf Kinotickets in Frankreich mit 5,5 Prozent etwas niedriger als bei uns, aber bei einer maximalen Filmmiete von 50 Prozent, einer zehnprozentigen Filmabgabe und dem geringeren Durchschnittspreis der Tickets ergibt sich zwangsläufig ein deutlich niedrigerer Verleihanteil als bei uns.

Der Vorsprung von Frankreich war übrigens nicht immer so groß wie zuletzt. Ende der 1990er Jahre trennten die Grande Nation und Deutschland nur wenige Millionen Besucher. Doch seit mindestens einem Jahrzehnt übertrifft der Nachbarmarkt den hiesigen regelmäßig um 50 bis 100 Prozent. Neben der deutlich besseren Verfügbarkeit von Leinwänden, günstigen Preisen für Besucher mit geringerem Einkommen, Flatrates für die Heavy User und einem starken nationalen Produkt dürften aber auch noch andere Faktoren für diese erfolgreiche Performance verantwortlich sein.

Zu nennen wäre hier neben der starken Förderung auch die Protektion des Films als Kulturgut. Weil in Frankreich die Schulen Mittwochnachmittags geschlossen sind und deshalb auch viele Eltern sich diesen Nachmittag freinehmen, starten die Filme dort auch an einem Mittwoch (Was übrigens auch den Zeitraum des Kinofestes erklärt). Zusätzlich dürfen an diesem Tag keine Spielfilme im Fernsehen gezeigt werden. Angeblich gilt dies auch für den Samstag, eine entsprechende Aussage ließ sich aber nicht ad hoc verifizieren. SVoD-Portale wie Netflix dürfen Spielfilme ihrem Publikum erst 36 Monate nach dem Kinostart anbieten. Grundsätzlich gilt für sämtliche Kinofilme ein gesetzlich verankertes viermonatiges Fenster, von dem nur im Einzelfall für kleine Filme eine Ausnahme gemacht werden kann. Bei erfolgreichen Filmen wird die viermonatige Frist sogar häufig - und mitunter deutlich - überschritten.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar beobachtete Phänomene skizzieren, die ein starker Beleg dafür sind, dass Film an sich in Frankreich viel stärker im kulturellen Kanon verankert ist als bei uns: Mit Ausnahme der großen Animations- und Kinderfilme werden alle Filme im Original und untertitelt gezeigt. In einem der größten Einkaufscenter der Stadt (Les Halles) im Stadtzentrum zwischen Notre-Dame und Centre Pompidou ist eine erhebliche Fläche für die Filmbibliothek des Nouvelle-Vague-Regisseurs Francois Truffaut vorbehalten. Hier scheint ein kulturelles Gedächtnis auch in einer stark frequentierten (und dementsprechend teuren) Kommerzfläche wichtig zu sein. Welchen hohen pädagogischen Stellenwert Kino und Film haben, zeigte auch die Tatsache, dass wir in dem kleinen Filmmuseum neben dem Grand Rex, das neben Exponaten wie Autogrammen im Wesentlichen eine Führung durch das Kino zu seinen Anziehungspunkten zählt, eine Exkursion von Grundschülern beobachten konnten. Und noch ein kleines, aber feines Detail: Paris mag sicherlich nicht mit dem Rest des Landes vergleichbar sein. Aber die Dichte von wunderschönen altmodischen Litfaßsäulen, die ausschließlich Filme im Kino bewerben, ist bemerkenswert. In der Woche unseres Besuchs wurden auf hunderten dieser Flächen übrigens vor allem zwei Filme angepriesen: "Anna" von Luc Besson und "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck. Während der erste Film nicht verblüfft, ist derart prominente Präsenz eines deutschen Arthouse-Films schon erstaunlich gewesen.

Welche Lehren kann man also mit Blick auf unsere französischen Nachbarn ziehen? Enge Stuhlreihen und ein Rückschritt beim Komfort dürften nicht sonderlich hilfreich sein und kommen als Konzepte daher sicherlich nicht infrage. Interessanter wäre da die Übernahme einer anderen Denkweise: Die eher unselige Trennung in Mainstream und Arthouse existiert in Frankreich offenkundig schlicht nicht - dort zeigen alle Kinos alles. Angesichts der zunehmend fremdsprachenkundigen deutschen Bevölkerung könnte es zudem einen Versuch wert sein, den Anteil an OmU-Versionen zu erhöhen. Das Kino (stärker) zu schützen, ist ohnehin wünschenswert. Aber auch, es regelmäßig zu feiern. Die Bemühungen um ein bundesweites Kinofest in Deutschland sind daher gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Das Beispiel Frankreich gibt mit Sicherheit auch weiteren Anlass, die Preispolitik unter die Lupe zu nehmen. Hohe Preise für sporadische Kinogänger, Rabatte für das junge Publikum und starke Incentives für Heavy User scheinen sich in der Kombination zu bewähren. Auch wenn unsere französischen Kollegen im Vergleich pro Besucher nicht nur geringere Ticketumsätze, sondern auch geringere Nebeneinnahmen zu verzeichnen haben, geht die Rechnung für sie durch die Masse an Gästen auf. Nun sind wir nicht in der Situation, aus dem Stand Mindereinnahmen (egal ob bei Tickets oder Concessions) verkraften zu können - und deutliche Preissenkungen dürften auch erheblichen Widerstand beim Verleih provozieren. Und doch sehe ich hier Ansatzpunkte, die zumindest eine Diskussion wert wären. Den Film stärker als wesentlichen Bestandteil des kulturellen Kanons zu verankern, ist unterdessen etwas, das starke Unterstützung von Bund und Ländern erfordern würde. Abschließend jedenfalls lässt sich sagen: Über rückläufige Besucherzahlen wurde schon häufig geklagt - doch nie war es so wichtig, zu handeln. Die Marktbedingungen in Frankreich bieten viele interessante Ansatzpunkte.

Kim Ludolf Koch