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Helga Löbel: "Offenbar haben wir einen Nerv getroffen"

Helga Löbel ist Produzentin der Nickelodeon-Serie "Spotlight", deren vierte Staffel in den Sommerferien gedreht wird. Mit Blickpunkt:Film sprach sie über den Programmbereich Kids & Young Adults, den sie innerhalb der UFA verantwortet.

02.08.2019 11:43 • von Barbara Schuster
Helga Löbel ist bei der UFA Herrin über Kids&Young Adults (Bild: UFA Serial Drama/David Brosius)

Helga Löbel ist Produzentin der Nickelodeon-Serie "Spotlight", deren vierte Staffel in den Sommerferien gedreht wird. Mit Blickpunkt:Film sprach sie über den Programmbereich Kids & Young Adults, den sie innerhalb der UFA verantwortet.

Seit wann gibt es die UFA-Abteilung Kids & Young Adults?

HL: Für die UFA ist das Kids-Thema ja nicht neu. Es gab die "Hanni & Nanni"-Kinofilme, die Serie "Binny und der Geist", den Kinofilm "Die Teufelskicker" und von den Kollegen der UFA Show & Factual den "Super Toy Club". Und die Serie "Spotlight" gibt es nun auch schon im vierten Jahr. Aber dass nun alles bei einer Person zusammenläuft, die sich ausschließlich mit dem Kids-Markt beschäftigt, ist tatsächlich neu. Markus Brunnemann, dem das Thema und dieser Bereich sehr am Herzen liegen, hatte mich zur UFA zurückgeholt. Ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren, wenn man so will, als Kids- und Young-Adult-Beauftragte der UFA genau dafür zuständig. Im ersten Jahr habe ich vor allem den Markt beobachtet und evaluiert, auch unter dem Aspekt, ob das für eine große Firma tragbar ist. Schließlich ist das ein spezieller Markt und in Deutschland arbeiten im Kindersegment eher kleine und mittelständische Produktionsfirmen.

Zählt es in Zeiten, da der "fight for talent" tobt, auch zu Ihren Aufgaben, Talente für den Erwachsenenbereich zu entdecken?

HL: Unbedingt. Natürlich ist es bei der UFA Aufgabe jedes Produzenten, Talente zu entdecken und ans Haus zu binden. Aber tatsächlich bietet ein Format wie "Spotlight", das sehr schnell ist und bei dem Autoren und Regisseure viele Freiheiten haben, eine besonders gute Möglichkeit, um Talente zu fördern. Ich glaube, wir haben das jüngste Team innerhalb der UFA. Wir haben Regisseure und Regisseurinnen, die noch keine dreißig sind. Und selbstverständlich empfehle ich solche Talente an meine Kolleginnen und Kollegen bei der UFA weiter. Das Gleiche gilt für den Cast.

Gibt es konkrete Beispiele?

HL: Moritz Bäckerling, der bei uns seit der ersten Staffel spielt, wäre so ein Beispiel, er hat danach bei "Unter uns" mitgewirkt. Patrick Schlosser ist bei uns Regisseur und hat dann auch "Unter uns" und "Freundinnen - Jetzt erst recht" gedreht. Bei den AutorInnen verfahren wir genauso.

Welchem Bereich der UFA sind Sie zugeordnet, UFA Fiction, Serial Drama oder Show & Factual?

HL: Ich firmiere unter der UFA Fiction, aber Formate wie "Spotlight", die eher eine Expertise aus dem Daily-Bereich brauchen, sind in der UFA Serial Drama angesiedelt. Entwicklungen aus dem Young Adult/High End-Bereich sind eher bei der UFA Fiction angedockt. Und mit den Kollegen der Show & Factual, die Kinderformate entwickeln, bin ich auch im regelmäßigen Austausch. Auch über die Projektideen für das Kino weiß ich Bescheid, auch wenn da andere Kollegen zuständig sind. Das wird alles im Sinne von "One UFA" bei mir gebündelt.

"Spotlight" wird daher von UFA Serial Drama produziert.

HL: Genau. In der Produktion steckt das ganze Serial Drama-Knowhow drin. Insbesondere das Wissen aus den Dailys landet in so einer schnellen Produktion.

Und wie groß ist Ihre Abteilung?

HL: Ich habe noch eine Producer Kollegin, die mich im Bereich Kids & Young Adult unterstützt. Manchmal sind wir auch zu dritt. Wir bauen das sukzessive in gesunden Schritten aus. "Spotlight" ist als laufende Produktion für diesen Aufbau natürlich eine feste Säule.

Jetzt haben wir "Spotlight" schon so oft angesprochen. Können Sie die Serie in wenigen Sätzen beschreiben?

HL: "Spotlight" ist eine Teenager- oder noch genauer eine Pre-Teen-Serie für Nickelodeon und erzählt von Teenagern an der fiktiven Berlin School of Art, an der neben klassischen Fächern wie Mathe und Deutsch auch Gesang, Tanz und Schauspiel unterrichtet werden. Unser Ensemble hat neben Aufnahme- und Tanzprüfungen natürlich auch die üblichen Teenagerprobleme: Wer bin ich, wo will ich hin, wie sehen mich andere? Es ist ein Format mit einer stets positiven Ausstrahlung, es gibt immer gute Lösungen. Und die Serie hat einen großen Social Media-Aspekt.

Genau, erklären Sie doch mal, was "Spotlight" zur crossmedialen Serie macht?

HL: Jeder, der heute Serien für die Generationen ab 10plus entwickelt, wird gebeten, ein Social Media- Konzept abzugeben. "Spotlight" ist eine der wenigen Produktionen, wo "crossmedial" nicht nur draufsteht, sondern auch mit Inhalt ausgefüllt wird. Das hat sicher auch etwas damit zu tun, dass der Sender Nickelodeon eine große Freude an Innovationen hat. Wir haben eine Social Media-Abteilung, die genauso groß ist wie die Autorenabteilung. Das wird bei uns nicht mal schnell nebenbei gemacht. Schließlich haben wir Follower, die die Serie nicht linear schauen und nur auf den diversen Plattformen unterwegs sind. Wir bespielen TikTok, YouTube und Instagram. Im Grunde stellen wir "Spotlight" eher als Marke für Nickelodeon her, der lineare Anteil ist groß, aber längst nicht alles.

In einer Pressemitteilung bezeichnen Sie es als "Sensation", dass Sie nun eine vierte Staffel produzieren. Was ist so sensationell daran?

HL: Der Fernsehkonsum geht nachweislich zurück. Und obwohl alle sagen, in unserer Zielgruppe wäre das unmöglich, ist es uns gelungen, eine Marke auszubauen und zu etablieren. Offenbar haben wir einen Nerv getroffen. Das gelingt uns durch die Social Media-Anbindung, aber auch inhaltliche Aspekte spielen eine Rolle. Sieht man von den wesentlich früher aufgesetzten Longrunnings "Tiere bis unters Dach", "Schloss Einstein" und "Die Pfefferkörner" ab, werden Sie keine weiteren aktuellen Beispiele mit solch einer Laufzeit finden. "Armans Geheimnis" wurde nach zwei Staffeln beendet. Wir sind die einzige Neuplatzierung, die noch Bestand hat und sogar erweitert wurde.

Welche inhaltlichen Aspekte meinen Sie?

HL: Für die Zielgruppe ist es enorm wichtig, dass sie sich ernst genommen fühlt. Insofern hat das etwas mit der Erzählweise zu tun, mit der Art, wie wir der Zielgruppe auf Augenhöhe begegnen, mit der Authentizität, mit der wir arbeiten und natürlich mit dem Cast. Das macht den Appeal für die Zielgruppe aus. Der Sender spricht immer von "Aspiration", ich finde das trifft es ganz gut, denn unsere Protagonisten sind wirklich erstrebenswerte Charaktere.

Wie gehen Sie bei der Auswahl der Protagonisten vor? Sind das blutige Anfänger oder Leute, die schon Schauspielerfahrung mitbringen?

HL: Wir suchen immer Anfänger und arbeiten dabei eng mit der UFA Talentbase zusammen. In diesem Alter hat noch niemand eine Schauspielausbildung abgeschlossen. Alle 15-, 16-Jährigen sind zunächst einmal Talents. Für uns ist entscheidend, dass es Typen sind, die natürlich ihre Skills mitbringen, was das Tanzen und Singen betrifft. Da spielt uns die "Generation Casting Show", wie ich das immer nenne, in die Karten. Das Niveau steigert sich von Jahr zu Jahr.

Nach der zweiten Staffel hat sich die Folgenzahl von 31 auf 93 verdreifacht. Zufällig sind Sie seit dieser Staffel auch als Produzentin verantwortlich. Gibt es da einen Zusammenhang?

HL: Nicht direkt. Es hat eher damit zu tun, dass ich die Hüterin der DNA dieser Serie bin, weil ich, zunächst als Redakteurin, von Anfang an dabei bin und für die Serie gekämpft habe. In sechs Drehwochen - wir haben dafür ja nur die Ferienzeit -, über tausend Sendeminuten zu produzieren, erfordert einerseits ein besonderes Produktionsmodell. Ich glaube aber auch nicht, dass es andere Firmen gibt, die so ein Programm in so einer Geschwindigkeit in unserer Preislage herstellen können. Und dass sich das einer der kleinsten Sender leistet, ist schon eine Besonderheit und hat damit zu tun, dass wir Modelle gefunden haben, in denen das möglich ist. Da kommt auch wieder das bereits angesprochene Knowhow der UFA Serial Drama ins Spiel. 31 Folgen à 11 Minuten wären aber auch kein Modell gewesen, das auf Dauer wirtschaftlich für uns Sinn gemacht hätte. Letztlich war für die Erweiterung natürlich die gute Performance der ersten beiden Staffeln ausschlaggebend. Und dass sich eine zweite Staffel noch einmal steigert ist auch nicht alltäglich.

Wie setzt sich das "Spotlight"-Team hinter der Kamera zusammen?

HL: Das ist eine gesunde Mischung. An entscheidenden Positionen greifen wir auf Personen aus dem Serial Drama-Kosmos zurück wie etwa unseren DOP, Jens Tukiendorf. Aber weil wir ein sehr großes Team sind, geht es gar nicht anders, als viele neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Wir können ja schlecht aus den anderen laufenden Produktionen Personal abziehen. Daher war es eine Riesenchance, ein junges Team aufzubauen, in dem die Geschlechter in allen Bereichen fifty-fifty verteilt sind. Wir haben auch unglaublich viele verschiedene Nationalitäten am Set. Wir sind sehr bunt, sehr jung, sehr frisch.

Sie haben "Spotlight" zunächst als Redakteurin begleitet, jetzt als Produzentin. Wie hat sich dadurch Ihr Blick auf die Serie verändert?

HL: Der Blick darauf hat sich nicht verändert, weil ich immer an die DNA der Serie geglaubt habe. Aber wenn man die Seiten wechselt, kennt man einfach die Bedürfnisse des Partners besser. Ich weiß genau, was von Senderseite gebraucht, gefordert, gewünscht wird. Das vereinfacht die Kommunikation und ist bei einem Format, das so schnell produziert werden muss, ein großer Vorteil.

Bis auf einen Ausflug in die Erwachsenenwelt zu "GZSZ" waren Sie stets im Kinder-/Jugend-Fernsehen tätig. Was reizt Sie daran?

HL: Ich liebe diese Zielgruppe. Eigentlich sind es vier Zielgruppen, die Vorschüler, die Grundschüler, die Pre-Teens und die Young Adults. Das macht die Besonderheit des Kindermarkts aus. Es ist eine völlig andere Art des Arbeitens, weil das Rezeptionsverhalten der Kinder und Jugendlichen immer direkt mit der Entwicklungspsychologie verknüpft ist. Es gibt entwicklungspsychologische Meilensteine, die im Grunde alle Heranwachsenden durchschreiten. Die Erzählweise ist damit immer im Wechselspiel und deshalb ist es eine ganz andere Art, als für Erwachsene zu arbeiten, bei denen es viel mehr unterschiedliche Sehbedürfnisse gibt. Für die Young Adults habe ich eine ganz besondere Passion, die kippen in ihrer Stimmung binnen Minuten um 180 Grad, eine Altersgruppe in der alle erdenklichen Sehnsüchte stattfinden. Man kann extrem erzählen, sehr zugespitzt, weil es entwicklungspsychologisch vorgegeben ist. Das ist ein Geschenk.

Durch die Young Adults dürfte die Bandbreite der potenziellen Abnehmer für Ihre Programme recht groß sein. In welche Richtung zielen Sie mit Ihren Entwicklungen?

HL: Die Demographie ist nicht auf unserer Seite. Deshalb gibt es nur noch zwei Möglichkeiten, Programm auf die Beine zu stellen. Entweder finden wir alternative Finanzierungsformen, Stichwort "neue Player", oder Modelle, die Kinderfernsehen national finanzierbar machen. So ein Modell ist "Spotlight". Die Young Adults-Zielgruppe hat im linearen Fernsehen keine verlässlichen Sendeplätze. Verlässlich findet sie nur auf den Plattformen statt. Und genau da sind wir aktiv mit mehreren vielversprechenden Entwicklungen. Das eine Ende wäre "Spotlight", das andere bilden High-End-Produktionen für Plattformen, das schließt sich in keiner Weise aus. Und da käme dann wieder die "One UFA"-Power zum Tragen.

 Das Gespräch führte Frank Heine