Kino

KOMMENTAR: Kings of Content

Content is King, und über zu wenig Content müssen sich die Kinos wahrlich nicht beklagen. Fast 800 neue Filme werden bis Jahresende in den Kinos gestartet sein. Viele davon sind herausragender Content, für den die Verbraucher gerne und manchmal in Scharen Tickets lösen, viele sind es nicht. Immer mehr herausragende Filme bleiben den Kinos vorenthalten. Muss uns das Sorgen machen?

01.08.2019 08:01 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Content is King, und über zu wenig Content müssen sich die Kinos wahrlich nicht beklagen. Fast 800 neue Filme werden bis Jahresende in den Kinos gestartet sein. Viele davon sind herausragender Content, für den die Verbraucher gerne und manchmal in Scharen Tickets lösen, viele sind es nicht. Immer mehr herausragende Filme bleiben den Kinos vorenthalten. Muss uns das Sorgen machen? Zur Filmmesse in Köln mit vier Tagen Filmprogramm und Verleihpräsentationen kann sich auch der kritischste Kinobetreiber wieder davon überzeugen, wie viel hervorragendes Produkt in den nächsten Monaten in die Kinos kommen wird, Mainstream oder Arthouse. Allen dürfte längst klar sein, dass die schiere Masse an Filmstarts nicht die Lösung ist. Die Kinogänger werden immer wählerischer, begeistern sich für die großen Blockbuster, derzeit vornehmlich von Marvel und Disney, und für ausgewählte Arthouse-Pretiosen, die für den überschaubaren Aufwand, mit dem sie ins Kino gebracht werden können, beachtlich gute Zahlen schreiben.

Dazwischen liegt ein weites Wasteland an bald einem Dutzend Neustarts pro Woche, die sang- und klanglos auf der Leinwand untergehen. Längst ist es besser, sichtbaren Starts länger die Treue zu halten, als Woche für Woche auf Neuheiten zu setzen, die mit wenig Vorbereitung auf den Markt geworfen werden. Kino braucht herausragenden Content, zählt der scheidende HDF-Vorstandsvorsitzende als Kriterium Nummer Eins auf, damit Kinos weiter erfolgreich bleiben. Dazu muss die digitale Kundenkommunikation vorangetrieben und professionalisiert werden. Und es muss dafür gesorgt werden, dass der deutsche Film die Rolle im Kino einnimmt, die lokaler Content in anderen Märkten spielt. Dann ist es vielleicht zu verschmerzen, dass die Streaming¬anbieter Toptalente für ihre Originals abziehen, die sie dem Kino nur für einen kurzen Vorstart exklusiv zur Verfügung stellen wollen. Natürlich schmerzt es, wenn die großen Festivals in Venedig oder New York mit Streamingfilmen auftrumpfen. Denn natürlich sollte The Irishman", die neue 200-Mio.-Dollar-Produktion von Martin Scorsese, zuerst im Kino zu sehen sein. Auch Noah Baumbach oder Steven Soderbergh haben ihre neuen Filme für Netflix gedreht. Und Amazon kündigt schon vorsichtig an, dass monatelange exklusive Fenster für ihre Filme der Vergangenheit angehören. Kinobetreiber haben genügend Ware, die sie erfolgreich spielen können. Die Flexibleren unter ihnen werden Streamingfilme als Alternative Content und nur kurze Zeit exklusiv zeigen.

Für den deutschen Film sollte sich die Branche neue Modelle überlegen, meint der neue SPIO-Präsident. Über 20 Mio. Euro investieren die Kinos heute schon in den deutschen Film. Vielleicht sollten sie sich in Zukunft noch stärker an der Produktion beteiligen, als alte und neue Kings of Content.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur