Kino

Bezzel & Schwarz: "Wir sind Schauspieler aus Leidenschaft"

Nachdem "Sauerkrautkoma" 2018 der erste Eberhofer-Krimi mit mehr als einer Mio. Besucher im Kino war, startet morgen in 370 Kinos im deutschsprachigen Raum Teil sechs der Reihe, "Leberkäsjunkie". Im Exklusivinterview erklären Sebastian Bezzel und Simon Schwarz, was die Figuren für sie bedeuten und was es für Schauspieler im deutschen Raum zu verbessern gibt.

31.07.2019 09:51 • von Thomas Schultze
Sebastian Bezzel und Simon Schwarz bei der Premiere von "Leberkäsjunkie" (Bild: Constantin)

Nachdem Sauerkrautkoma" 2018 der erste Eberhofer-Krimi mit mehr als einer Mio. Besucher im Kino war, startet morgen in 370 Kinos im deutschsprachigen Raum Teil sechs der Reihe, Leberkäsjunkie", wie immer nach einem Roman von Rita Falk, wie immer produziert von Kerstin Schmidbauer, wie immer inszeniert von Ed Herzog. Im Exklusivinterview erklären Sebastian Bezzel und Simon Schwarz, was die Figuren für sie bedeuten und was es für Schauspieler im deutschen Raum zu verbessern gibt.

Nach sechs Eberhofer-Filmen: Machen Ihnen die Figuren noch Freude?

Simon Schwarz: Es macht noch Spaß. Natürlich sehen wir uns auch mit dem Problem konfrontiert, das jeder Schauspieler hat, wenn er eine Figur über eine lange Zeit in einer Filmreihe oder einer Serie begleitet. Man muss für sich selbst immer neue Ansätze finden oder Facetten der Figur, damit es nicht langweilig und gleich wird. In diesem Fall gelingt uns das aber verblüffend gut, was großteils an den Drehbüchern und der Regie liegt.

Sebastian Bezzel: Es ist sicher ein Luxus, mit so einem Ensemble und so einem Team - also Regie, Produktion, Drehbuch - einmal im Jahr mit so großem Aufwand einen Film zu drehen. Aber ich finde, dass es mit jedem Jahr auch anstrengender wird. Man muss streng mit sich selbst ins Gericht gehen und sich immer wieder aufs Neue fragen: Was machen wir hier? Wie sorgen wir dafür, uns nicht zu wiederholen oder selbstgefällig zu werden. In unserer Branche sehen wir uns oft mit dem Problem konfrontiert, wie man etwas, das anhaltend erfolgreich ist, am Laufen hält. Es ist wichtig, dass neue Impulse gesetzt werden und neue Schauspieler dazukommen, dass spannende Handlungsstränge nicht fallen gelassen, sondern weitergeführt werden und dass man manche Sachen auch einfach nicht macht, auch wenn sie zunächst verlockend wirken. Die Balance muss stimmen: Es muss lustig bleiben, man darf aber nicht immer nur Gags abfeiern. Es muss ein Wiedererkennungseffekt gewährleistet sein, aber gleichzeitig muss man doch immer eine Geschichte erzählen, die neue Wege beschreitet und sich nicht mit dem bereits Bekannten begnügt. Und natürlich sorgt auch die erhöhte Aufmerksamkeit dafür, dass es anstrengender wird: Es ist toll, dass wir so viele Fans haben. Wenn sie einem aber beim Dreh bis in die Maske folgen, ist es schwierig.

Simon Schwarz: Es muss einfach interessant bleiben. Wenn man nur noch antritt, um die Erwartungen der Fans und des Publikums zu erfüllen, ist es vorbei. Wichtig ist, den Figuren gerecht zu werden. Und das heißt, den Autoren und der Regie zu vertrauen, streng am Buch zu bleiben. Entscheidend für einen guten Film ist ein gutes Drehbuch. Und nicht das Ausruhen auf Lorbeeren und blinde Vertrauen darauf, dass man etwas, was man schon fünfmal gut ins Kino gebracht hat, automatisch auch noch ein sechstes Mal gut ins Kino bringen wird. Wir sind keine Werbeagentur. Wir stellen kein Produkt her, dass aufgrund von Erkenntnissen der Marktforschung immer weiter optimiert wird. Es ist immer noch Kunst. Und Kunst machen die Künstler und nicht die Rechteverwerter. Das ist wichtig.

Sebastian Bezzel: Ich habe auch schon 27 "Tatorte" gedreht. Das ist einfacher. Davon macht man zwei im Jahr. Jedes Mal gibt es einen neuen Fall, und der wird gelöst. Mit dem Eberhofer ist das nicht so klar, vielleicht, weil es sich um Komödien handelt, aber vor allem, weil es nicht nur um den Eberhofer geht, sondern eine ganze Fülle von Figuren zu bedienen ist: Jede braucht ihre eigene kleine Geschichte, eine neue Facette, etwas Veränderung und Entwicklung. Man kann auf diese Weise auch immer wieder etwas Neues erzählen.

Simon Schwarz: Es gibt einen Eberhofer-Kosmos, und mit dem kann man nach Belieben spielen und Akzente setzen. Es ist ein bisschen aufgebaut wie ein Computerspiel, nur dass es in unserem Fall die Regie ist, die bestimmt, in welchem Level wir uns gerade befinden.

Besteht die Kunst nicht darin, dem Zuschauer genau so viel zu geben, dass die Filmwelt, die er kennt und mag, bedient wird, innerhalb dieser Prämisse aber frei mit den Parametern zu spielen?

Simon Schwarz: Die Biographie der Figuren ändert sich ja nicht. Der Charakter der Figuren bleibt ebenso erhalten. Aber es passieren eben immer neue Dinge. Und wie wir im Leben auch unterschiedlich reagieren und älter werden und eine neue Sicht auf die Dinge des Lebens entwickeln, ist auch Bewegung bei den Figuren der Filme. Das Erkennbare sollte sich erschöpfen bei der Biographie der Figuren, der Rest muss dem Künstler freigestellt sein.

Sebastian Bezzel: Wir drehen ja auch keine James-Bond-Filme. Die haben ein ganz anderes Volumen. Daniel Craig wird sehr gut bezahlt, ist dafür aber wenigstens eineinhalb Jahre seines Lebens eingespannt und kann in dieser Zeit nichts anderes machen. Der Verschleiß ist riesig. Wenn ich nur Eberhofer machen würde, kann ich mir vorstellen, dass mich das auf die Dauer auch nicht befriedigen würde. Es ist ganz wichtig, immer auch anderes machen zu können, von anderen Rollen und Geschichten gefordert zu werden. Dann ist es jedes Jahr eine Freude, wieder zum Eberhofer zurückzukehren und sich anzusehen, was es Neues bei ihm und in seiner Welt gibt. Wenn man mir nur Rollen anbieten würde mit dem Typus grantelnder Bayer, der am liebsten für sich ist auf seinem Hof, dann könnte es sehr gut sein, dass ich dankend ablehne. Ein Eberhofer ist genug.

Und eine nationale Berühmtheit sind Sie dadurch auch nicht geworden: Die Eberhofer-Filme laufen fast ausschließlich in Bayern.

Sebastian Bezzel: Als ich jüngst in Hamburg im Flughafen durch die Sicherheitskontrolle ging, sprach mich der Beamte an und sagte mir: "Mir werden von Amazon Prime immer ihre Eberhofer-Filme angeboten. Bisher habe ich die noch nie angesehen." Ich habe ihm geantwortet: "Probieren sie doch einmal einen aus. Die sind lustig!" Und er sagte: "Na gut, versprochen, mache ich gleich nach Dienstschluss." Das fand ich herrlich.

Simon Schwarz: Bei uns sind die Dimensionen einfach weiterhin überschaubar.

Sebastian Bezzel: Noch! Wartet ab, bis Daniel Craig den Eberhofer spielt. Dann wird das eine Riesennummer.

Simon Schwarz: Das amerikanische System lässt sich mit dem deutschen nicht vergleichen. Wir sind Schauspieler, und wir sind es aus Leidenschaft. Reich werden wir nicht damit. Das muss man ganz nüchtern so sagen. Das Finanzamt schätzt, dass es in Deutschland etwa 500 Schauspieler gibt, Theaterschauspieler inklusive, die wirklich gut von ihrem Beruf leben können. Das sind nicht viele. Ich beschwere mich nicht. Ich liebe den Beruf und freue mich über die Angebote. Aber man muss auch ganz klar sagen, dass man als Schauspieler mit einem Film im Jahr nicht überleben könnte. Wenn man nur einen Film machen würde, wäre man nicht mehr Schauspieler. Dann wäre man beispielsweise Kellner, der als Hobby Schauspielerei betreibt. Man muss schon regelmäßig beschäftigt sein, eine Rolle nach der anderen spielen, wenn man halbwegs gut über die Runden kommen will. Eine freie Auswahl hat man natürlich nicht. Ich stelle auch fest, dass man in Deutschland bei Castern recht schnell in eine Schiene gedrängt wird. Da muss man aufpassen.

Sebastian Bezzel: Das größte Privileg für einen Schauspieler ist es, die Freiheit zu haben, Rollen ablehnen zu können. Ich bin sehr froh, dass ich es mir leisten kann zu sagen, dass mir eine angebotene Rolle aus welchem Grund auch immer nicht zusagt und ich sie nicht spielen werde. Dabei ist mir wohl bewusst, dass nicht jeder Schauspieler dieses Privileg hat.

Oder das Privileg, eine Figur wie den Franz Eberhofer zuverlässig jedes Jahr wieder spielen zu können.

Sebastian Bezzel: Absolut. Für mich ist er einfach eine spannende Figur. Gerade in "Leberkäsjunkie" hat die Arbeit wieder viel Spaß gemacht, weil Franz sich mit so vielen einschneidenden Ereignissen konfrontiert sieht. Er ist jetzt Papa, seine Beziehung liegt auf Eis, er lässt sich gehen, frisst und säuft. Er steckt voll in einer Midlife-Krise, muss auf Geheiß seines Arztes auf Diät gehen. Es passiert einfach sehr viel in seinem Leben. Und als Zuschauer erhält man außerdem noch eine sehr wichtige Information aus seiner Vergangenheit, mit der auch ein bisschen erklärt wird, warum er so ist, wie er ist. Für mich war es wichtig, die Figur einfach noch einmal ein bisschen neu ausrichten zu können. Es gefällt mir, wenn wir den komischen Elementen auch etwas Ernstes entgegensetzen können. Ich glaube, dass ist es auch, was dem Publikum gefällt. Natürlich sind die Lacher wichtig, aber noch wichtiger ist es, am Leben der Figuren Anteil zu nehmen.

Und politisch ist "Leberkäsjunkie" obendrein.

Sebastian Bezzel: Wegen einer Szene in Winterkartoffelknödel" wurde ich einmal gefragt, ob der Eberhofer ein Rassist sei. Ich habe damals geantwortet: Nein, der Eberhofer mag alle Menschen gleich wenig. Er macht da keinen Unterschied. Aber es war mir wichtig, zu diesem Thema auch einmal in einem der Filme klar Stellung zu beziehen. Natürlich kann man aus dem Eberhofer keinen Aktivisten machen, das ist er nicht. Aber wir zeigen in "Leberkäsjunkie", dass Rassismus für ihn ein No-Go ist. Er betrachtet alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung, als gleich. Er hat kein Problem mit Außenseitern und Misfits - er sieht sich selbst so. Er ist nicht perfekt, im Gegenteil. Aber er ist lernfähig. Und bei Ungerechtigkeit geht ihm der Hut hoch. Es kommt ihm ganz gut zupass, dass die Leute ihn für dümmer halten, als er ist.

Er kann als Figur aber auch nur deshalb so gut funktionieren, weil er jemanden wie den Rudi Birkenberger an seiner Seite hat.

Simon Schwarz: Ein begnadeter Stürmer ist immer nur so gut wie die Mannschaft, die ihn bedient. Das ist ganz simpel. Wenn die Mannschaft eine Schwachstelle hat, funktioniert das Spiel nicht. Beim Film ist das nicht anders. Alle Positionen auf dem Spielfeld müssen gut besetzt sein. Und wer neben dem Spielfeld steht und arbeitet, ist genauso wichtig.

Sebastian Bezzel: Rudi nimmt schon eine Schlüsselstellung ein. Kumpels hätte der Franz im Kosmos Niederkaltenkirchen viele. Aber er sucht sich den Rudi aus, der gezielt nicht von da ist. Es gibt nur zwei Menschen, denen er hundertprozentig vertraut: seiner Oma und dem Rudi. Die Oma ist der Heimathafen, der Rudi das nötige Korrektiv. Auch wenn er manchmal tierisch nervt.

Simon Schwarz: Buddy-Geschichten funktionieren einfach sehr gut. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass sich Frauen wie auch Männer dadurch in ihren Freundschaften bestätigt sehen. Man kann sofort etwas damit anfangen, man hat sofort einen Draht zu den Figuren. Sebastian und ich haben einen sehr guten Draht zueinander. Wir kennen uns sehr gut, sind auch privat gut befreundet. Wir kennen, um noch ein Fußballbild zu bemühen, unsere Laufwege. Wir verstehen uns als Teamplayer und fördern immer die Stärken des anderen. Das kommt den Eberhofer-Filmen spürbar zugute. Wir haben auch in anderen Filmen zusammengespielt und natürlich auch gerade erst zusammen die Dokureihe "Bezzel & Schwarz - Die Grenzgänger" miteinander gemacht.

Nicht nur war der riesige Erfolg der Reihe nicht abzusehen, als Sie "Dampfnudelblues" gedreht haben. Noch verblüffender ist es, dass es Ihnen gelungen ist, ein bislang von Film zu Film erfolgreicheres Franchise in einer Zeit zu etablieren, in der die Kinos allgemein zu kämpfen haben.

Sebastian Bezzel: Die Filme locken Menschen ins Kino, die sonst nicht ins Kino gehen. Wir erleben das hautnah mit bei den Kinotouren, die wir zu den Starts der jeweiligen Filme unternehmen. Sie treffen sich in Gruppen und gehen im Anschluss zusammen ins Wirtshaus. Mittlerweile erleben wir es sogar schon, dass Fans in Verkleidung zu den Vorstellungen kommen - oder manchmal auch in Tracht, was ich gar nicht nachvollziehen kann, weil in den Filmen niemand Tracht trägt. Aber anscheinend treffen wir einen Nerv, sind die Filme den Menschen so wichtig, dass sie etwas Besonderes aus dem Besuch machen wollen.

Simon Schwarz: Die Eberhofer-Filme folgen den aktuellen Sehgewohnheiten des Publikums. Wie die angesagten Serien oder die Filme aus dem Marvel-Universum ist die Reihe horizontal erzählt. Die Filme bauen aufeinander auf und laden das Publikum ein, in diese Welt einzutauchen. Dazu kommt, dass es den Eberhofer-Filmen zumindest in Bayern gelungen ist, Tagesgespräch zu sein, über die verschiedenen Schichten hinweg. Ein Arzt kann sich mit seinen Patienten über die Filme unterhalten. Sie vereinen das Publikum, wie einen früher einmal das Fernsehen vereint hat, als es nur drei oder vier Programme gab und ganz Deutschland einschaltete, wenn "Wetten, dass..." lief.

Sebastian Bezzel: Ich bin sehr stolz darauf, dass wir es mit den Filmen geschafft haben, gegen jede Sehgewohnheit erfolgreich zu sein: ein Fernsehfilm, der in die Kinos gebracht wird, nur in einem Bundesland, mitten im Sommer. Alles Dinge, die man eigentlich nicht macht und die nicht für einen Kassenerfolg sprechen. Aber vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept - sich in einer Zeit, in der alle Inhalte auf Knopfdruck jederzeit verfügbar sind, rar zu machen - und den Kinobesuch damit zum Event. Wenn man von Kinobetreibern zu hören bekommt, dass wir ihnen mit den Eberhofer-Filmen den Sommer retten, ist das sicher das größte Lob, das ich mir vorstellen könnte.

Die Menschen gehen nun einmal gerne ins Kino, weil sie unterhalten werden wollen, weil sie sich gut fühlen wollen.

Sebastian Bezzel: Ein Regisseur hat einmal zu mir gesagt: Ein Kritiker im Feuilleton einer Zeitung, der Spezialist ist für moderne Klassik, also Stockhausen, Schönberg, Alban Berg, würde niemals den Auftrag erhalten, über ein Death-Metal-Konzert zu schreiben. Im Film wird dagegen alles über einen Kamm geschoren. Das ist ein Problem. Wir machen Arthouse, ernsten Mainstream, leichte Komödien, Blödelfilme - das Kino in Deutschland ist, zum Glück, ein weites Feld. Und doch wird alles über einen Kamm geschoren. Eberhofer ist nicht Toni Erdmann". Das weiß ich auch. Ich mag aber beides. Wenn ich mir den Deutschen Filmpreis ansehe, frage ich mich: Ist das jetzt die Rache am Mainstream? Ein Arnold Schwarzenegger hat auch nie einen Oscar bekommen, aber er geht auf jede Oscarverleihung und wird dort von seinen Kollegen gefeiert. Seine Leistung wird anerkennt. Warum soll es nicht möglich sein, dass der Besucher eines Eberhofer-Films auf das Plakat oder den Trailer eines Arthousefilms aufmerksam wird und sich dann sagt: Den könnte ich mir auch einmal ansehen? Wir sitzen alle zusammen in diesem Boot. Und wir sollten zusammen daran arbeiten, dass es nicht untergeht.

Simon Schwarz: Jedem von uns sollte an einer vielfältigen Filmlandschaft gelegen sein. Das gilt fürs Kino genauso wie für das Fernsehen. Es braucht eine sehr große Vielfalt. Nur diese Vielfalt kann eine breite Masse abfangen. Dazu würde definitiv auch eine Quote beitragen, wie sie sich in Frankreich durchaus bewährt hat.

Sebastian Bezzel: Man kann doch ein kritischer Mensch sein und trotzdem gerne einfach nur zwei Stunden im Kino lachen wollen. Die Schauspielerin Lilith Stangenberg, die an der Volksbühne in Berlin arbeitet und knallharte Sachen wie Nicolette Krebitz' "Wild" dreht, hat sich sehr gefreut, als wir sie für Grießnockerlaffäre" angefragt haben. Das war eine tolle Zusammenarbeit. Können wir nicht alle einmal etwas entspannter mit all dem umgehen?

Simon Schwarz: In Frankreich ist Film Kultur, ungeachtet dessen, ob es Kunst- oder Unterhaltungskino ist. Bei uns ist Film nicht Kultur. Weil Kino bei uns nur als Unterhaltung rezipiert wird, kommt es zu dem Zustand, dass sich die Kritik teilt und die verschiedenen Lager sich feindselig gegenüberstehen. Deshalb gibt es die Gruppe, für die der Unterhaltungsanspruch nicht gilt, die wollen die Kultur, schwere Themen, radikale Umsetzung, da muss Film weh tun und an die Grenzen gehen. Ich denke, dass das eine fatale Haltung ist. Film ist alles. Unterhaltung und Kultur. Man muss anders ansetzen. In der Schule lernen wir, was Literatur und was ein Groschenroman ist. Das gleiche machen wir mit dem Theater. Aber ins Kino werden Schüler nur dann geschleppt, wenn ein Film ein Thema hat, das im Unterrichtsplan vorgesehen ist. Das hat aber nichts mit Film zu tun. Wir brauchen eine Filmbildung - was ist Film, wie wird Film gemacht? Das Kino als Ganzes gilt bei uns deshalb nicht als Kultur, weil wir es nicht beigebracht bekommen in der Schule.

Sebastian Bezzel: Sehen Sie sich Tarantino und Scorsese an, zwei Männer, die das Kino lieben. Wenn einer von ihnen ins Kino geht, dann überlegt er sich nicht, was er an diesem Film womöglich nicht mögen könnte. Sie freuen sich auf das, was sie zu sehen bekommen. Sie haben keine Vorbehalte, weil sie das Medium verehren. Deshalb können sie auch eine Begeisterung für das Kino vermitteln. Davon bräuchten wir mehr. Viel mehr.

Das Gespräch führte Thomas Schultze