Kino

KOMMENTAR: Unser täglich Gift

Verstanden habe ich nie, warum ausgerechnet die erfolgreichen Filme im Kino die sein sollen, die das Kino zerstören.

25.07.2019 08:10 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Verstanden habe ich nie, warum ausgerechnet die erfolgreichen Filme im Kino die sein sollen, die das Kino zerstören. Aber so hartnäckig, wie sich die alberne Mär hält, Krieg der Sterne" habe die Ära des New Hollywood zerstört und die Blockbusterära eingeläutet, wo doch Scorsese, Coppola, Schrader, Friedkin und Co. anno 1977 viel mehr an der eigenen Hybris, Drogenproblemen und Größenwahn scheiterten, muss man nun nicht nur in den geläufigen Blogs und auf Twitter, sondern auch in den angesehenen amerikanischen Branchenblättern hyperventilierende Meinungsartikel lesen, die Disney vorwerfen, das Kino zu zerstören, und sich insgeheim die Hände reiben, dass jede Erfolgsära auch einmal vorüber geht. Die am galligsten giften, sind immer auch an vorderster Front, wenn es vermeintliche Ungerechtigkeiten anzuprangern und einen Mangel an Diversität zu lamentieren gilt. Wenn der erklärte Erzfeind Disney nun bekannt gibt, eine seiner bekanntesten Animationsfiguren in einer kommenden Realverfilmung mit einem schwarzen Mädchen zu besetzen, die Realverfilmung von "Mulan" nicht nur von einer Frau mit ausschließlich asiatischstämmigen Schauspielern inszenieren zu lassen und Marvel ankündigt, in den nächsten zwei Jahren Filme mit asiatischen Superhelden, einer lesbischen Superheldin und einem schwarzen Captain America zu machen, wird das weder begrüßt, noch als der beachtliche Durchbruch für selbstverständliche Diversität gefeiert, der er ist, sondern man wirft dem Studio eiskaltes Kalkül vor. Und natürlich ist es gar nicht so toll, dass Avengers: Endgame" der umsatzstärkste Kinofilm aller Zeiten ist, weil man ja die Inflation mit einrechnen muss und Vom Winde verweht" sowieso unerreichbar bleibt - ein Film wohlgemerkt, an dem in unserer aktuellen Welt der gerecht zornigen Social-Justice-Kreuzritter sonst wegen seiner rassistischen Zeichnung schwarzer Figuren kein gutes Haar gelassen wird. Aber wenn man damit die Leistung anderer erklärter Gegner herabwürdigen kann, ist dann auch ein Film recht, der 1939 noch nicht absehen konnte, wie man 80 Jahre später auf die Welt blickt. Nur wer immer ganz oben auf dem Kamm der Entrüstungswelle mitsurft, der kann in seiner Echoblase die nötigen Punkte einsammeln und sich virtuell auf die Schulter geklopft fühlen. Weshalb sich ansonsten kluge Köpfe nicht entblöden, tagelang abschätzige Einzeiler über einen ersten Trailer von "Cats" abzusondern und dem noch nicht einmal fertiggestellten Film das Daseinsrecht abzusprechen. Wer den markigsten Spruch bringt, der bekommt die meisten Likes. Unser täglich Gift gib uns heute. Ich schlage vor: Leben und leben lassen. Sich über Erfolge Anderer freuen. Und wieder mehr ins Kino gehen und Spaß haben am schönsten Medium der Welt, auch wenn nichtjeder Film ein Meisterwerk sein kann.

Thomas Schultze, Chefredakteur