Kino

"Eine optimale Konstruktion"

Mit einem Festakt begeht die FSK heute in Wiesbaden ihr 70-jähriges Jubiläum, das auch im Zeichen anstehender grundlegender Neuerungen beim Prüfverfahren steht. Wir sprachen mit Helmut Poßmann und Stefan Linz.

18.07.2019 14:03 • von Marc Mensch
Helmut Poßmann und Stefan Linz (Bild: FSK)

Vor 70 Jahren wurde die FSK gegründet, um den Jugendschutz bei Medienprodukten zu gewährleisten. Zum Jubiläum ziehen die beiden Geschäftsführer Helmut Poßmann und Stefan Linz eine Bilanz und geben einen Ausblick auf künftige Entwicklungen.

BLICKPUNKT: FILM: Welches Resümee ziehen Sie zum siebzigsten Geburtstag der FSK?

HELMUT POSSMANN: Die Geschichte der FSK ist eng verknüpft mit der Geschichte der Bundesrepublik. Mit der Gründung der FSK wollten die filmwirtschaftlichen Verbände dem Eingreifen und der Reglementierung der staatlichen Behörden zuvorkommen. Und so hat die FSK schon zwei Jahre, bevor das Gesetz zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit in Kraft getreten ist, die Arbeit aufgenommen. Am Anfang prüfte sie nur Kinofilme, dann kamen 1985 die Videos hinzu. Wenn man auf diese lange Zeit zurückblickt, hat sich die FSK stets den veränderten Rahmenbedingungen gestellt und kontinuierlich weiterentwickelt.

BF: In diesen 70 Jahren gab es immer wieder Kritik, dass die FSK als freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft eben dieser zu nahe stände.

HP: Diese Kritik gibt es kaum noch und wenn, beruht sie auf Unkenntnis über die Struktur und Arbeitsweise der FSK. Die FSK ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine koregulierte Selbstkontrolle funktionieren kann. Wir haben den Staat mit seinen ständigen Vertretern im Haus. Sie führen den Vorsitz in den plural besetzen Prüfausschüssen. Das hat sich bewährt und ich glaube, dass man es kaum besser aufstellen kann.

STEFAN LINZ: Ich möchte noch ergänzen, dass die FSK zwar eine privatwirtschaftliche Einrichtung ist und von der Filmwirtschaft getragen wird, dass aber von Anfang an Vertreter staatlicher Institutionen, beispielsweise Prüfer und Prüferinnen, die von der Kultusministerkonferenz entsandt waren, in der FSK tätig waren, auch schon vor der Koregulierung, die seit 1985 im Gesetz institutionalisiert ist. Von Anfang an saßen also der Staat und gesellschaftlich relevante Gruppen mit im Boot. Man muss sagen, dass dieses System tatsächlich ein Vorbild für viele Jugendschutzinstitutionen im In- und Ausland ist, weil diese Kombination aus wirtschaftsnah, aber nicht abhängig von der Wirtschaft, und staatsnah, und trotzdem nicht von politischen Interessen bestimmt, für die Aufgabe des Jugendschutzes eine optimale Konstruktion ist.

BF: Wie steht es um die Akzeptanz der FSK in der Branche und wie sieht es in der Öffentlichkeit aus?

HP: Für die Antragsteller, die ihre filmischen Inhalte bei uns einreichen, ist von großem Vorteil, dass sie ein rechtssicheres Kennzeichen bekommen. Sollte ein Film nicht die beantragte Freigabe erhalten, gibt es die Möglichkeit in Berufung zu gehen. Als letzte Instanz gibt es auch noch das Appellationsverfahren, das sowohl von einem Bundesland als auch vom Antragsteller beantragt werden kann, doch das kommt bei 12.000 Entscheidungen im Jahr extrem selten vor. Statistisch gesehen durchschnittlich nur vier Mal pro Jahr. Letztes Jahr zum Beispiel nur ein Mal. Soweit ich das aus dem Blickwinkel der SPIO und der Verbände beurteilen kann, zeigt das eben auch, dass die Arbeit der FSK eine hohe Akzeptanz erfährt.

SL: Was die Öffentlichkeit betrifft: Im vergangenen Jahr haben wir, ähnlich wie in anderen Jahren, 250 Beschwerden verzeichnet, bei 12.000 Prüfentscheidungen insgesamt und davon 1570 geprüften Spielfilmen für Kino- und Bildträgerveröffentlichungen. Die Beschwerden beziehen sich auf einzelne Freigaben und gehen, zum Teil auch bei ein- und demselben Film, in beide Richtungen. Mal waren wir zu streng, mal zu liberal. Dass es ein hohes Interesse an den FSK-Freigaben in der Öffentlichkeit gibt, zeigen 244.000 Aufrufe von Kurzbegründungen im vergangenen Jahr, die wir seit 2010 mit den Freigaben veröffentlichen.

BF: Wenn Sie auf die siebzig Jahre zurückblicken, haben sich im Laufe der Zeit die Bewertungen der Filme doch sicherlich stark verändert. Wird da ein Regelkatalog jeweils neu angepasst?

SL: Gesellschaftliche Veränderungen spiegeln sich in den Entscheidungen unserer ehrenamtlichen Prüfer und Prüferinnen wieder. Wir arbeiten nicht mit einem festgelegten Kriterienkatalog, an dem man Veränderungen ablesen könnte. Diese kann man aber sehen, wenn ein Film erneut geprüft wird. Denn nach zehn Jahren kann er wieder vorgelegt werden. Ein prominentes Beispiel ist Die Sünderin. Nach zwei Prüfinstanzen hatte der Film 1951 eine Freigabe ab 16 Jahren. Dann ordnete eine Polizeibehörde ein Verbot an, das vom Gericht wieder aufgehoben wurde. Schließlich bekam der Film 1954 die Freigabe ab 18 Jahren, die zwischenzeitlich mit einem neuen Jugendschutzgesetz eingeführt wurde. In einer erneuten Prüfung 1994 viele Jahre später erhielt er die heute noch gültige FSK 12. Dieser Fall hatte insofern große Bedeutung, weil er Anschauungsobjekt dafür ist, inwiefern der Jugendschutz die Belange der Kunstfreiheit nicht über Gebühr einschränken darf. Die FSK hat mit ihrer Freigabe damals einen großen Beitrag geleistet.

BF: Je nach Verbreitungsweg gibt es ja unterschiedliche Regulierungsniveaus. Ist das der Branche und der Öffentlichkeit gleichermaßen noch vermittelbar?

SL: Warum für den gleichen Film je nach Verbreitungsweg ein unterschiedlich hohes Regulierungsniveau gesetzlich vorgesehen ist, lässt sich Anbietern, aber auch Filmfans kaum noch vermitteln. Beim Kino gibt es die strengste Regulierung. Die Branche hat kein Interesse daran, dass je nach Vertriebsweg unterschiedlich reguliert wird. Die Bedeutung des Jugendschutzes an sich steht jedoch außer Frage.

BF: Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Jugendschutz im Internet?

SL: Wie Anbieter im Online-Bereich mit Altersbewertungen umgehen, ist sehr unterschiedlich und ihr Bewegungsspielraum ist größer als im Offline-Bereich. Amazon Video zum Beispiel lässt eine große Anzahl von Inhalten von der FSK prüfen. Andere Plattformen veröffentlichen nur Inhalte, die bereits eine FSK-Freigabe haben, weil damit eine hohe Rechtssicherheit verknüpft ist. Und es gibt Anbieter, die ihre Inhalte selbst einschätzen, wie es vom Gesetz her möglich ist. Sie müssen dann aber auch die rechtliche Verantwortung tragen.

BF: Sie entwickeln gerade ein Kassifizierungs-Tool. Wie soll es funktionieren?

SL: Die Veränderung der Vertriebswege veranlasste uns, zu überlegen, wie wir unsere Prüfverfahren kompatibler machen könnten. Unser kriterienbasiertes Klassifizierungs-Tool entwickeln wir gemeinsam mit den Ständigen Vertretern der Obersten Landesjugendbehörden, auch da ist also der Staat mit im Boot. Mit diesem Tool soll die Einschätzung, die derzeit in plural besetzten Gremien getroffen werden, durch geschulte Klassifizierer - zunächst bei der FSK, später eventuell auch bei den Anbietern - erfolgen, aber nur in der ersten Instanz. Es soll die Prüfverfahren vereinfachen und beschleunigen und dieselbe Rechtsqualität bieten wie bisher. Das Tool steht nicht für sich alleine, sondern soll in einer Verfahrenskette mit Berufungsmöglichkeiten eingebunden sein. Die basieren dann wieder auf Entscheidungen von Prüfgremien wie bisher auch.

BF: Wie könnte ein Missbrauch der Möglichkeit einer Selbsteinschätzung verhindert oder geahndet werden?

SL: Im Kern besteht dieses Tool aus einem dynamischen Fragebogen mit Fragen zu jugendschutzrelevanten Sachverhalten. Die Fragen wurden von Jugendexperten festgelegt und sind mit einer Beurteilungslogik verknüpft, die die etablierte Spruchpraxis der Ausschüsse und deren Wirkungsannahmen anhand von definierten Kriterien abbildet. Eine Frage ist zum Beispiel, ob es bildliche Darstellungen von körperlicher Gewalt gegen einen oder mehrere Charaktere gibt. Aus den Antworten generiert das Tool dann die Bewertungen. Wenn man sich den filmischen Inhalt anschaut, kann man feststellen, ob die Frage richtig oder falsch beantwortet wurde. Das lässt sich auch im Nachhinein überprüfen und korrigieren.

HP: Es gibt inzwischen einen vollfunktionsfähigen Prototyp. Das System muss jetzt noch technisch umgesetzt werden. Unser Ziel ist, das Tool im nächsten Jahr in der Praxis einzusetzen. Momentan sind wir im Gespräch mit den Obersten Landesjugendbehörden, die das Verfahren begleiten, um ein mehrstufiges Qualitätsmanagement zu etablieren und Missbrauch zu vermeiden. Daran haben auch die Antragsteller, die ja für eine rechtssichere Prüfung bezahlen, ein hohes Interesse.

BF: Die klassische FSK-Jury hätte damit ausgedient - außer in Streitfällen?

SL: Es wird keinen Zwang geben, das Klassifizierungs-Tool zu nutzen. Ein Antragsteller soll seinen Inhalt auch weiterhin von einem Gremium prüfen lassen können. Und in Berufungsfällen, also wenn ein Antragsteller mit einem Ergebnis nicht einverstanden ist, wird wie bisher ein personenbasiertes Prüfverfahren zum Einsatz kommen. Die Existenz dieses Tools wird die Personenprüfung also nicht vollständig überflüssig machen.

BF: Sind die FSK-Abstufungen eigentlich noch zeitgemäß?

SL: Die Diskussion darüber ist so alt, wie es die Stufen sind. Man kann immer darüber streiten, ob es die richtigen sind, ob man sie verändert oder feiner granuliert. Im europaweiten Vergleich zeigt sich, dass die meisten Länder mit fünf Altersstufen arbeiten.

BF: Seit 2003 gibt es ein Elternprivileg, bei dem Eltern Kinder ab sechs Jahren in Filme mitnehmen dürfen, die ab 12 Jahren freigegeben sind. Hat es sich bewährt?

HP: Die Kenntnis darüber ist nach meinen privaten Erfahrungen nicht weit verbreitet. Andererseits fragen Eltern durchaus, wieso sie mit ihrem elfjährigen Kind in einen Film mit FSK 12 dürfen, mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter dagegen nicht in einen Film mit FSK 16.

SL: Wir würden gerne erreichen, dass das Elternprivileg nicht nur für die FSK 12 gilt, sondern auf FSK 6 und FSK 16 ausgedehnt wird. Es ist ein grundgesetzlich garantiertes Gut, dass Eltern das Erziehungsprivileg haben und der Staat, was Jugendschutz anbelangt, erst im zweiten Glied zuständig ist. Zuhause können Eltern das ja schließlich auch frei entscheiden. Es wäre ein Schritt hin zu einer konvergenteren Regulierung unabhängig von den Vertriebswegen. Da sind wir im Gespräch.

HP: Außerdem möchten wir erreichen, dass das Elternprivileg nicht ausschließlich für Personensorgeberechtigte gilt, sonder auf Erziehungsberechtigte ausgedehnt wird. Bisher können Eltern anderen Erwachsenen keine Vollmacht für den Kinobesuch mit ihren Kindern erteilen, etwa bei einem Kindergeburtstag. Diese Änderungsvorschläge werden wir bei der Novellierung des Jugendschutzgesetzes einbringen.

BF: Gibt es für die FSK eine Zukunftsvision?

HP: Unser Wunsch ist, dass sich die FSK, wie in der Vergangenheit auch, flexibel den gesellschaftlichen Herausforderungen stellt. Mit dem Klassifizierungs-Tool sind wir auf dem richtigen Weg.

SL: Die FSK-Altersfreigaben sind die bekannteste Jugendschutzmarke in Deutschland, ein hohes Gut, auf das die Filmwirtschaft als Träger zu Recht stolz sein kann. Wir sind überzeugt, dass auch zukünftig ein großes Interesse daran bestehen wird, denn Alterskennzeichen sind die Grundwährung des Jugendschutzes auf allen Vertriebswegen. Unser Ziel ist es, die Prüfverfahren mit den Anforderungen des digitalen Zeitalters kompatibel zu machen.

Das Gespräch führte Herdis Pabst