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buntoTV: "AVoD-Modell hat geringste Einstiegshürde"

Immer mehr Nischenanbieter drängen in den Streamingmarkt. Dazu zählt auch der neue Service buntoTV, der im ersten Schritt vor allem ein türkischsprachiges Publikum ansprechen will. Bliickpunkt: Film sprach mit Geschäftsführerin Ecem Yüksel.

12.07.2019 09:48 • von Jörg Rumbucher
Geschäftsführerin und Mitgründerin von bentoTV Ecem Yüksel mit ihrem Vater Ünal Yüksel, Gründer und CEO des IT-Dienstleisters GOVINET (Bild: buntoTV)

Immer mehr Nischenanbieter drängen in den Streamingmarkt. Dazu zählt auch der neue Service buntoTV, der im ersten Schritt vor allem ein türkischsprachiges Publikum ansprechen will. B:F sprach mit Geschäftsführerin Ecem Yüksel.

BF: In Ihrer ersten Pressemitteilung wird buntoTV als Startup bezeichnet. Wie muss man sich das vorstellen? Sie sind jung und hatten eine prima Idee?

EY: Der mehr oder weniger klassische Entwicklungsverlauf eines Startups geht ja so, dass man als junger Mensch studiert, eine tolle Idee hat, sich Mitstreiter sucht, einen Businessplan entwickelt und dann als Team versucht, Investoren von seiner Geschäftsidee zu überzeugen. Das war bei uns völlig anders. Der Mutterkonzern von buntoTV ist das in Berlin beheimatete Unternehmen GOVINET, das von meinem Vater Ünal Yüksel vor zwei Jahren gegründet wurde. Die Idee für buntoTV ist also aus einem bestehenden Unternehmen heraus entstanden. Während meines Studiums habe ich angefangen, in der Firma meines Vaters zu arbeiten. Das VoD-Projekt buntoTV wurde mir dann als Projektleiterin übertragen. Im Oktober 2018 wurde buntoTV offiziell als eigenständiges Unternehmen mit mir als Geschäftsführerin registriert.

BF: Bevor wir konkret über buntoTV sprechen, erklären Sie bitte zu unserem Verständnis: Was macht das Unternehmen GOVINET genau?

EY: GOVINET steht für Global Video Network und ist ein IT-Dienstleistungsunternehmen. Das Kerngeschäft besteht im Schutz digitaler Inhalte, also Content Security. GOVINET beschäftigt sich viel mit dem Thema Internetpiraterie, ist aber ebenso in den Bereichen Channel Management, Distribution und Marketing aktiv. Immer vor dem Hintergrund, wie Contentinhaber ihre Inhalte in der digitalen Welt schützen und monetarisieren können.

BF: Wenn wir richtig verstanden haben, ist Ihr Vater Herr Yüksel derjenige gewesen, der sich als erster über eine deutsche Streaming-Plattform mit türkischen Inhalten Gedanken gemacht hat. Wie kam er drauf?

EY: Es war nicht so, dass er von einem Tag auf den anderen sozusagen eine geniale Idee hatte. Vielmehr hat sich buntoTV über viele Jahre hinweg entwickelt. Zunächst einmal hat sich Herr Yüksel im Laufe seiner beruflichen Karriere ein tiefes Verständnis für Video on Demand angeeignet. Vor allem hat er gesehen, wie VoD-Plattformen technisch funktionieren, und welche Fehler man dabei machen kann. Dazu kam der Faktor, wie sich die TV-Landschaft in den letzten Jahren gewandelt hat: Wie sich lineares Fernsehen verändert, und dass digitales Broadcasting immer wichtiger wird. Der dritte Faktor bestand aus einem Schlüsselerlebnis im familiären Umfeld, konkret: In unserem eigenen Wohnzimmer. Dort saß ich mit einer Freundin vor dem Fernseher, die ausschließlich deutsch spricht. Wir sahen eine türkische Serie, die ich simultan für meine Freundin übersetzte. Solche und andere Szenen in der Familie haben ihn immer gedanklich beschäftigt, bis dann buntoTV ein reales Projekt in seiner Firma wurde.

BF: Auf welchem Weg haben denn Menschen mit türkischen Wurzeln bisher Inhalte in türkischer Sprache gesehen?

EY: Natürlich können türkisch sprechende Menschen türkische Pay-TV-Sender abonnieren. Aber viele türkische Produktionen wurden in den letzten Jahren vor allem auf YouTube konsumiert. Das machen Menschen mit türkischer Sprachkompetenz auf der ganzen Welt so. Doch eigentlich gehören Premium-Inhalte nicht auf diese Plattform, weil sie im Kern aus User Generated Content besteht. Auch wenn dort teilweise wertiger Content legal verbreitet wird, fand mein Vater, dass es an der Zeit sei, beispielsweise türkische Originalproduktionen auf einer Plattform zu vereinen. Was, wie ich finde, auch ihrer Qualität viel mehr gerecht wird. Denn auf YouTube geht angesichts der schieren Menge an Content vieles unter.

BF: Wäre es richtig zu sagen, dass sich buntoTV auf türkische Produktionen konzentriert, weil sie selbst türkische Wurzeln haben?

EY: Sicher, ich bin mit solchen Inhalten aufgewachsen. Aber dass wir mit Ausnahme einer spanischen Serie zunächst mit türkischen TV-Produktionen gestartet sind, hat einen anderen Grund: Unser Mutterhaus GOVINET hat in der Vergangenheit für viele türkische Produktionshäuser gearbeitet. Was bedeutet, dass wir mit vielen unserer Kunden über unser Projekt buntoTV sprechen konnten. Was den Erwerb der Lizenzen extrem erleichterte. Dies ging sehr problemlos und schnell, weil die türkischen Rechteinhaber dafür sofort aufgeschlossen waren. Dass wir mit Fernsehserien begonnen haben, hat wiederum damit zu tun, dass die Türkei nach den USA zu den größten Exporteuren von TV-Serien in der Welt zählt. Es steht daher sehr viel Content zur Verfügung, für den sich nicht nur türkischsprachige Menschen begeistern können.

BF: Trotzdem dürfte doch eine Rolle gespielt haben, dass türkisch sprechende Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine zahlenmäßig große Gruppe bilden?

EY: Natürlich, wir sprechen von etwa vier Mio. Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. So gesehen, beruht buntoTV zunächst auf einer simplen Formel: Es gibt ein Angebot und es gibt eine Nachfrage. Aber wir sind nicht angetreten, buntoTV ausschließlich in der türkischen Community zu verankern. Wir werden nach und nach noch mehr spanische Produktionen anbieten sowie arabische und russische. Unsere Plattform soll für qualitativ wertige Non-Hollywood-Inhalte stehen, die aber in ihren jeweiligen Herkunftsländern teilweise sehr populär sind.

BF: Wenn wir aus dem aktuellen buntoTV-Angebot einen Titel herauspicken müssten, wäre dies wohl "Das osmanische Imperium". Weshalb ist dies Ihr Führungstitel?

EY: Die Serie handelt von Sultan Süleyman I., ein realer Osmanenherrscher, der im 16. Jahrhundert fast 40 Jahre lang regierte. Allerdings erhebt "Das Osmanische Imperium" keinen dokumentarischen Anspruch, was ihr in der Türkei teilweise auch heftige Kritik eingebracht hat, weil sie zu wenig historisch genau sei. Im Kern handelt es sich um eine Liebesgeschichte. Neben der Herrschaft Süleymans steht eine Sklavin im Mittelpunkt, die in der Haremshierarchie immer weiter aufsteigt. ¿Das osmanische Imperium¿ besteht aus vier Staffel mit 307 Folgen.

BF: Verzeihen Sie uns, dass wir von dieser Serie zuvor noch nie gehört haben?

EY: Das ist völlig verständlich, wenn man keine Berührungspunkte zu türkischer Kultur und Sprache hat. Dass die Serie wiederum bei türkischstämmigen Menschen im deutschsprachigen Raum einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, ist angesichts ihres Erfolgs im Herkunftsland ebenso verständlich. Wobei man sagen muss: "Das Osmanische Imperium" wurde bereits in 70 Länder lizensiert, unter anderem in Japan, Indien, sowie in südamerikanische und afrikanische Territorien. Von daher war es höchste Zeit, sie nach Deutschland zu bringen.

BF: Und nicht nur das. Sie haben von "Das Osmanische Imperium" eine deutsche Synchronisation anfertigen lassen. Weshalb dieser finanzielle Aufwand, da die Zielgruppe doch türkisch-sprechende Menschen sind?

EY: Ich verstehe buntoTV auch als Projekt, das einen kleinen Beitrag für Integration und Verständnis leisten soll. Wie schön wäre es, wenn im deutschsprachigen Raum Menschen mit und ohne Migrationshintergrund eine solche Serie gemeinsam sehen können. Das war neben der rein geschäftlichen Machbarkeit immer mein Antrieb, mich für dieses VoD-Projekt einzusetzen. Meine Freundin, mit der ich türkische Produktionen in unserem Wohnzimmer sah, hatte damals keinen gleichberechtigten Zugang. Dies zu ändern, war mir von Anfang an sehr wichtig. Es gibt so viele interessante Geschichten aus den unterschiedlichsten Ländern zu erzählen und genauso viele Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln, welche alle eines verbindet: die deutsche Sprache. Aus dem Pool der TV-Serien in Originalsprache planen wir weitere deutsche Vertonungen. Das ist der eigentlich aufregende und wichtige Fokus unserer Plattform.

BF: Daraus ergibt sich entgegen unserer Annahme doch ein Zielgruppen-Problem ...

EY: Würden wir uns ausschließlich auf türkische Produktionen konzentrieren, wäre alles sehr einfach. Auch das kommende Angebot spanischer, arabischer und russischer Inhalte wird eine Erweiterung des Ansatzes sein, fremdsprachigen Content für die jeweiligen Muttersprachler anzubieten. Bei deutsch synchronisierten Inhalten wird es schon schwieriger. Ich erfahre dies bei meinen Geschäftskontakten immer mal wieder, wie erklärungsbedürftig das ist. Wie gesagt; das Konzept basiert auch darauf, erfolgreiche, fremdsprachige Produktionen deutschsprachigen Menschen näher zu bringen. Jedenfalls liegt es mir sehr am Herzen, verschiedene Communities zusammen zu bringen.

BF: In jedem Fall muss sich Ihre VoD-Plattform finanziell tragen. Warum haben Sie sich für werbefinanziertes Streaming entschieden?

EY: Dafür gibt es einen Mix aus Argumenten: Aufgrund von Analysen unseres Mutterkonzerns GOVINET haben wir herausgefunden, dass es zwei wichtige Gründe gibt, weshalb User auf illegal eingestellte Inhalte zugreifen: Zum einen, weil die Inhalte legal nicht zugänglich sind. Wer einen Film oder eine Serie sucht und in der Trefferanzeige als erstes eine illegale Plattform angezeigt bekommt, wird sie auch nutzen. Häufig auch dann, wenn ein legaler jedoch zweit- oder drittrangiger Zugriff möglich wäre. Jedenfalls führen die illegalen Angebote im Internet dazu, Inhalte weder transaktional abzurufen, noch für sie ein Abo abzuschließen. Was wir zum Start von buntoTV erst einmal verhindern wollten: Dass User sich mit dem Angebot gar nicht erst beschäftigen, weil von Anfang an eine Bezahl-Hürde besteht. Wir gewähren sofortigen Zugang zu legalem Content ohne Zahlungsverpflichtung. Dazu kommt: Ein Teil unserer Zielgruppe ist aufgrund ihres Konsumverhaltens gewohnt, Inhalte auf YouTube anzuschauen. Wenn wir sofort mit einem TVoD- oder SVoD-Modell eingestiegen wären, würden wir den Transfer dieser Zielgruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindern. Außerdem ist uns bewusst, dass wir in einer gewissen Konkurrenz stehen. Nicht, was die Inhalte betrifft, aber mit Blick auf die Zahlungsbereitschaft für Streaming-Plattformen. Und davon gibt es inzwischen ja eine ganze Menge. Das AVoD-Geschäftsmodell erschien uns als dasjenige, mit der geringsten Einstiegshürde.

BF: Umgekehrt ließe sich argumentieren, dass nicht jeder User bereit ist, auf einer Streaming-Plattform Werbung zu akzeptieren. Deswegen zahlen Menschen gerne für Spotify und Netflix.

EY: Deswegen werden wir innerhalb eines Jahres die Möglichkeit anbieten, ein Abonnement abzuschließen. Dann sind wir in der Situation wie bei einem türkischen Obst- oder Gemüsehändler: Erst ausprobieren, dann kaufen. Das funktioniert seit Jahrhunderten. Ich glaube, dass das parallele Anbieten von einem Gratis-Zugang mit Werbung und einer kostenpflichtigen Variante ein zweigleisiges Modell mit Perspektive ist.

BF: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Lizenzgeber zurückhaltend sind bei der Rechtevergabe für ein AVoD-Geschäftsmodell?

EY: Bisher nicht; vielleicht weil wir noch am Anfang unseres Weges stehen. Wobei ich solche Lizenzgeber verstehen würde: AVoD wird sehr stark mit YouTube assoziiert, was eben keine Premium-Plattform ist. Andererseits: Trotz der enormen Zunahme an Digitalabos wird es immer Menschen geben, die für Content kein Geld ausgeben wollen. Und wenn AVoD-Modelle einen kleinen Beitrag leisten, dass weniger Piraterie-Websites angesteuert werden, wäre schon viel gewonnen.

BF: Darf man Sie eigentlich als "Nischenanbieter" bezeichnen?

EY: Klar, für mich ist das keine Negativ-Charakterisierung. Es ist doch so: Eben weil wir eine Nischen-Plattform sind, treten wir nicht in Konkurrenz zu Netflix. Obwohl wir dem großen Vorbild schon ein wenig nacheifern werden.

BF: Wie bitte? Wie das denn?

EY: Wie Sie wissen, setzt Netflix immer mehr auf seine Eigenproduktionen. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass das SVoD-Modell u.a. auf dem Angebot von Exklusivinhalten beruht. Dem werden wir Rechnung tragen, indem wir unsere eigenen Originals anbieten werden.

BF: Das klingt, vorsichtig formuliert, nach einem sehr ehrgeizigen Plan ...

EY: Wenn man keine ehrgeizigen Ziele verfolgt, macht es keinen Spaß. Unsere Aufgabe besteht nun darin, dass Originals-Konzept an unsere Möglichkeiten anzupassen. Was konkret heißt: Wir müssen uns zwischen einer teuren Serie mit 45-minütigen Folgen und vergleichsweise kurzen YouTube-Videos einordnen. Ich sehe Formate im Trend, die genau dazwischen liegen. Was den Produktionsaufwand, aber auch die Länge betrifft. Eine digital ausgerichtete Serie kann auch 20 Minuten dauern, oder noch weniger. Das entspricht eher den Sehgewohnten der heutigen Smartphone-Generation.

BF: Weil die Aufmerksamkeitsspanne Jugendlicher inzwischen sehr kurz geworden ist?

EY; Angesichts der Fülle an Informationen und Inhalten finde ich das sehr verständlich. Der schnelle, oberflächliche Blick ist heutzutage überlebenswichtig. Sehgewohnheiten ändern sich und dem müssen Produktionshäuser Rechnung tragen.

Das Gespräch führte Joerg Rumbucher