Kino

KOMMENTAR: Das war vor Jahren

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass der originale "Der König der Löwen" seinen weltweiten Siegeszug durch die Kinos antrat, künstlerischer und kommerzieller Höhepunkt der fünf Jahre davor von Jeffrey Katzenberg mit "Arielle, die Meerjungfrau" initiierten Renaissance der Animationsabteilung von Disney:

12.07.2019 08:07 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass der originale "Der König der Löwen" seinen weltweiten Siegeszug durch die Kinos antrat, künstlerischer und kommerzieller Höhepunkt der fünf Jahre davor von Jeffrey Katzenberg mit Arielle, die Meerjungfrau" initiierten Renaissance der Animationsabteilung von Disney: Allein in Deutschland holte der Film 1994 in der Erstauswertung mehr als elf Millionen Besucher - und ist bis heute, sieht man von "Das Dschungelbuch" ab, der meistgesehene Animationsfilm aller Zeiten. Wie alle wissen, die gerade nicht unter einem Fels leben, kommt nun die fotorealistische Neuverfilmung von Jon Favreau, der das bei "The Jungle Book" Gelernte noch weiter perfektioniert hat, zu einem Punkt, an dem CG-Animation nicht mehr von Realfilm zu unterscheiden ist.

Schon im Januar hatte Deutschlands Disney-Chef Roger Crotti auf der Filmwoche angekündigt, dies sei der Film, der am Ende des Jahres auf dem Siegertreppchen ganz oben stehen wird, noch vor Avengers: Endgame" und Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers". Man wünscht Crott und den Kinobetreibern alles Gute und schlechtes Wetter am Startwochenende. Die Branche könnte einen Überflieger dieser Größe gerade gut vertragen.

Aber werfen wir doch noch einen Blick zurück auf das Jahr 1994, in dem der originale "König der Löwen" als größter Hit reüssierte. Mit Forrest Gump" und Schindlers Liste" kamen zwei Oscar-Gewinner auf jeweils mehr als sechs Millionen Besucher. "The Flintstones - Die Familie Feuerstein", heute nicht ganz zu Unrecht völlig vergessen, verkaufte ebenfalls mehr als sechs Millionen Tickets. Und mit Der bewegte Mann" begann die Ära der neuen deutschen Erfolgskomödie, und Til Schweiger wurde damit zum Superstar. Insgesamt kamen zwölf Filme auf mehr als drei Millionen Besucher. "Avengers: Endgame" würde es im Jahresranking nach Besuchern nur auf Platz sieben schaffen.

Aber, und auch das muss gesagt werden und auch das unterstreicht, wie sehr sich die Zeiten geändert haben, nach Umsatz wäre "Endgame" auch 1994 die Nummer eins gewesen: "Der König der Löwen" setzte 50,4 Millionen Euro um. Dass wir uns 25 Jahre nach Überfliegererfolgen wie Speed" oder Cool Runnings" in völlig anderen Unterhaltungssphären bewegen, beweist nichts mehr als die Tatsache, dass nicht einmal mehr eine große Actionkomödie mit Dwayne Johnson, Ryan Reynolds und Gal Gadot als sichere Sache angesehen wird: Universal hat Red Notice" an Netflix abgegeben (wir berichteten). Die Implikationen dieser Entscheidung lassen einen erschaudern: Ein Film, der 1994 noch ziemlich sicher zur Top Ten des Jahres gehör hätte, soll 2020 nicht mehr gut genug fürs Kino sein. Nur noch auf Franchises und Marken und Fortsetzungen zu setzen, ist keine nachhaltige Strategie. Denn gerade der Erfolg der Standalone-Filme sichert den Kinos die Relevanz, die sie zumÜberleben brauchen.

Thomas Schultze, Chefredakteur