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Dagmar Rosenbauer: "Ein Format wie die 'Soko' ist ein Glücksfall"

Auf dem Filmfest München gewann Dagmar Rosenbauer gemeinsam mit Jakob Krebs für den Thriller "Ein verhängnisvoller Plan" den Bernd Burgemeister Preis. Mit Blickpunkt:Film sprach sie über ihren Gewinnerfilm, ihre Firma Cinecentrum, das Serienformat "Soko Wismar", eine bevorstehende Comedy-Serie über das Europäische Parlament und aktuelle Herausforderungen im Produktionsgeschäft.

12.07.2019 08:15 • von Frank Heine
Dagmar Rosenbauer ist seit 1996 Geschäftsführerin von Cinecentrum Berlin und seit 2015 alleinige Geschäftsführerin der Cinecentrum-Gruppe (Bild: Cinecentrum)

Wie gut kannten Sie Bernd Burgemeister?

Dagmar Rosenbauer: Ich kannte ihn sehr gut. Im Vorgängerverband der Produzentenallianz, dem Verband der Deutschen Fernsehproduzenten, war ich seine Stellvertreterin im Vorstand. Ich habe ihn immer sehr geschätzt und bewundert, weil er so sorgfältig war in der Auswahl seiner Stoffe. Er verstand es aber auch sehr gut, den Spagat zwischen wirtschaftlichen Zwängen und künstlerischem Gestalten zu meistern. Darin ist er mir ein Vorbild. Er war ein großer, inspirierender Produzent.

Hat der Preis dadurch eine besondere Bedeutung?

DR: Es gibt nicht so viele Produzentenpreise. Die Produzentenverbände hatten schon immer das Ansinnen, dass eine Produzentenleistung nicht nur als eine organisatorische und ökonomische, sondern auch als eine kreative Leistung betrachtet wird. Ideen zu entwickeln, auf Drehbücher einzuwirken, Konstellationen zwischen Regie, Autoren, Cast und den weiteren Gewerken zusammenzustellen, all das ist ein kreativer Akt. Wir bedauern, dass wir für die kreative Leistung, die wir in unsere Projekte einbringen, kein Urheberrecht erhalten. Bernd Burgemeister hat immer für diese Belange gekämpft. Insofern ist ein Preis, der seinen Namen trägt, eine ganz besondere Auszeichnung, und mein Kollege Jakob Krebs und ich sind besonders stolz darauf.

Gab es bei Ein verhängnisvoller Plan" eine spezielle Herausforderung für Sie als Produzentin?

DR: Das ist schwer zu beantworten. Ich empfinde jeden Film und jede Serienfolge als besondere Herausforderung. Was hier tatsächlich anders war, ist die Beharrlichkeit von Jakob Krebs und mir, diesen Stoff unterzubringen. Schließlich haben wir es mit einem ambivalenten Helden zu tun, von dem man lange Zeit glaubt, er könnte ein Mörder sein. Damit ist das deutsche Publikum anders als in amerikanischen Serien, noch nicht so vertraut. Der Stoff war gar nicht so einfach zu platzieren, bis wir mit Pit Rampelt vom ZDF jemanden gefunden haben, der Lust darauf hatte, so eine Geschichte zu erzählen. Auch die Zusammensetzung des kreativen Teams ist nicht alltäglich. Zum Beispiel, dass wir Ed Herzog für die Regie gewinnen konnten, von dem viele denken, er mache nur noch bayerische Krimikomödien. Und natürlich ist es eine Produzentenleistung, dass wir diesen aufwendigen Film mit dem üblichen Budget für einen Montagabendfilm im ZDF realisiert haben.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ed Herzog?

DR: Jakob Krebs und ich haben uns jahrelang um ihn bemüht. Wir wollten ihn unbedingt haben, aber er ist enorm gut beschäftigt. Doch es gab eine Schicksalsfügung, weil sich ein Projekt von ihm nach hinten verschob. Er ist auch sofort auf das Buch angesprungen. Ed Herzog ist in seiner Arbeit präzise, sehr fein und ein ungemein netter und konstruktiver Partner.

Mit den Autorinnen Katharina Hajos und Constanze Fischer haben Sie schon vor vielen Jahren einen Thriller realisiert, Dornröschens leiser Tod", auch schon für das ZDF. Was können Sie uns über die beiden sagen? Arbeiten sie immer im Duett?

DR: Die beiden treten immer im Duo auf. Unsere erste Zusammenarbeit war Lotti auf der Flucht", eine ganz süße Geschichte, in der ein Elbkahn entführt wird. Eine MDR/ORF-Produktion, die, wie mir die beiden nun berichtet haben, fast 30 Mal wiederholt wurde. Die beiden haben eine große Bandbreite, schreiben romantische Geschichten, Komödien und Thriller. Beim ORF sind sie mit Schnell ermittelt" sehr erfolgreich. Dadurch, dass sie in Wien leben und auch keine allzu großen Selbstvermarkterinnen sind, laufen sie in Deutschland etwas unterm Radar. Aber wir haben seit den Nullerjahren immer wieder gemeinsam Projekte gemacht und arbeiten sehr gerne miteinander.

"Ein deutscher Fernsehthriller auf Weltniveau" urteilte die Jury. Die Worte kamen von Rafael Parente, einem Vertreter der jungen Generation, die das klassische Fernsehen nicht unkritisch sieht. Macht auch das die Auszeichnung zu etwas Besonderem?

DR: Aber ja! Ich bin fast umgefallen, als ich das gehört habe. Rafael Parente hat uns verraten, dass er die Laudatio selbst geschrieben hat. Aber es war eine einvernehmliche Entscheidung, auch von Klaudia Wick und Klaus Schaefer getragen. Natürlich ist es schön, wenn man jemanden aus der jungen Generation für seine Geschichte begeistern kann. Ich glaube, dass das vor allem mit dem ambivalenten Erzählstil zu tun hat. Wir alle lieben diese Serien, in denen anständige Menschen zu Drogendealer werden oder in denen, wie in Mad Men", die ganze Zeit getrunken, geraucht und betrogen wird. Aber wir machen diese Art von Geschichten in Deutschland noch nicht oft genug, obwohl ich glaube, dass das Publikum das annehmen würde.

Katharina Nesytowa hat als Opfer und Auslöserin der Geschichte einige Nacktszenen. Hat sich der Blick durch die MeToo-Debatte darauf geändert? Ist das inzwischen ein Thema, das stärker diskutiert wird als früher noch?

DR: Es ist eine heikle Frage, was geht und was nicht. Wenn es für eine Geschichte wichtig ist, sollte man das machen. Aber es geht natürlich nur, wenn eine Schauspielerin dazu bereit ist und dazu steht. Katharina Nesytowa wollte es und musste auch nicht überredet werden. Und ich finde diese Szenen auch toll. Es gehört zu unserer Geschichte, dass die Protagonistin ihre Sexualität offensiv einsetzt. Ich verstehe die Zielrichtung solcher Bedenken, aber ich glaube, man muss aufpassen, dass man sich nicht zu sehr künstlerisch einschränkt, nur weil jemand etwas anstößig finden könnte. Nacktheit ist etwas sehr Natürliches.

Pro Quote Film, Kontrakt 18, der überall zitierte Kampf um Kreative, um Fachkräfte. Wie macht sich das für Ihre Arbeit bemerkbar? Ist das Produzieren schwieriger geworden?

DR: Es war schon immer so, dass man als Produzentin auf sehr vieles achten musste. Ich würde gerne zu den einzelnen Punkten etwas sagen.

Gerne.

DR: Zur Quote: da bin ich eine große Befürworterin. Im 5. Diversitätsbericht des Regieverbandes war die Cinecentrum, die absolute Spitzenreiterin von allen Produktionsfirmen. 62,5 Prozent unserer Produktionen wurden 2017 von Regisseurinnen inszeniert. Bei Soko Wismar" versuchen wir schon lange, ein ausgeglichenes Verhältnis zu erreichen. Im letzten Jahr waren es sogar mehr Frauen als Männer, die bei unserer "Soko" Regie geführt haben. Ich habe gerade auf dem Filmfest in München mit einer Regisseurin gesprochen, die sagte, dass sie früher nicht von ihrem Beruf leben konnte, nun aber dank Pro Quote die Auftragslage sehr gut sei. Dank Pro Quote haben die Frauen jetzt die Chance, ihre Fähigkeiten zu zeigen.

Wie stehen Sie zu Kontrakt 18?

DR: Ich finde das eine positive Entwicklung. Ich denke aber auch, dass man immer berücksichtigen sollte, wie sich bestimmte Forderungen mit dem jeweiligen Format vereinbaren lassen. Bei einem Neunzigminüter würden wir niemals jemanden für die Regie anfragen, von dem der Autor oder die Autorin sagt, dass er mit ihm schon schlechte Erfahrungen gemacht hat. Bei Einzelstücken trifft man solche Entscheidungen immer im Einvernehmen. Bei Formaten wie der "Soko" mit 30 Folgen im Jahr ist das natürlich nicht möglich. Aber in vielen Punkten sind die Forderungen von Kontrakt 18 umsetzbar. Für Produzentinnen und Produzenten, die schon in der Vergangenheit fair mit den Autorinnen und Autoren umgegangen sind, ist das letztlich keine großartige Neuerung.

Wie steht es um den "fight for talent"?

DR: Den gibt es. Aber auch da ist ein Format wie die "Soko" ein Glücksfall. Da bieten sich den Talenten innerhalb der Gewerke Aufstiegsmöglichkeiten. Kameraassistenten werden zu Kameraleuten, Regieassistentinnen zu Regisseurinnen. Wir finden die Talente im eigenen Haus. Uns ist es jedenfalls noch nicht passiert, dass wir eine Produktion absagen mussten, weil wir das Team nicht zusammenbekommen haben. Natürlich kann man die Talente nicht dauerhaft an sich binden, die wollen auch mal den nächsten Schritt gehen, Nils Willbrandt, Felix Herzogenrath und Kerstin Ahlrichs sind Beispiele, die früher auch schon für die "Soko" gearbeitet haben.

Nun haben Sie die "Soko Wismar" schon ein paar Mal erwähnt. Wie würden Sie den Stellenwert des Formats für die Cinecentrum beschreiben?

DR: Das ist für uns nach wie vor eine der wichtigsten Produktionen. Ich selbst bin beispielsweise stark in die Drehbucharbeit eingebunden und bei jeder finalen Drehbuchbesprechung dabei. Da die "Soko" unser wichtigstes Projekt ist, gehen wir sehr sorgsam mit ihr um. So eine Serie will gepflegt werden, was unter anderem bedeutet, auch immer wieder neue Leute in die verschiedenen Gewerke zu holen, Wechsel in der Regie, aber auch im Cast. Mit 30 Folgen ist das schon ein ordentliches Schiff. Wir haben im Februar angefangen zu drehen und hören im Dezember auf. Parallel zur Serie haben wir gerade noch ein Special gedreht.

In Spielfilmlänge?

DR: Ja, einen Neunzigminüter, den wir auf Langeoog gedreht haben. Wir haben Udo Kroschwald und Katharina Blaschke, die unseren Revierleiter und die Pathologin spielen, zum Kurzurlaub auf Langeoog geschickt. Das war logistisch sehr kompliziert, weil es auf Langeoog keine Autos gibt. Außerdem war es der kälteste Mai ever, und das Team war danach ziemlich geschafft. Aber wir hatten eine großartige Unterstützung durch die Leute von der Insel, und es ist ein ganz toller Film geworden.

Konkurrenz besteht in erster Linie intern, durch neue "Sokos". Frank Zervos vom ZDF hat in einem Interview angedeutet, dass die eine oder andere "Soko" verschwinden könnte. Ist die Zukunft von Wismar als "Soko"-Standort gesichert?

DR: Das müssen Sie Herrn Zervos fragen. Wir haben sehr gute Quoten, auch in der Wiederholung alter Folgen. Wir sind eine Nordost-Serie, in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt. Daher kann ich es mir nicht vorstellen, dass wir verschwinden. Wir geben uns jedenfalls große Mühe, dass das ZDF nicht auf uns verzichten kann.

Cinecentrum ist ein sehr breit aufgestelltes Unternehmen und auch sehr stark im Nonfiktionalen aktiv. Was man im Portfolio noch nicht findet, sind Kooperationen mit den neuen Anbietern, mit Streaming-Diensten. Empfinden Sie das als Lücke, die Sie noch schließen wollen?

DR: Wir sind dabei, diese Lücke zu schließen und befinden uns in entsprechenden Gesprächen. Aber ich sage dann erst was zu Projekten, wenn wir sie unter Dach und Fach sind. Bei einer Serie, die wir gemeinsam mit der französischen Firma Cinétévé machen, ist dies der Fall. Das wird eine zehnteilige, trilinguale Comedy, die von den Praktikanten im Brüsseler Parlament handelt. Wir sind Juniorpartner und ich konnte One und den WDR als Partner gewinnen. Der Titel ist "Le Parlement", gedreht wird auf französisch, englisch und deutsch. One bekommt die deutsche Erstausstrahlung. In Frankreich soll die Serie die neue digitale Plattform von France Télévisions eröffnen. Außerdem haben wir bei ZDFNeo einen Comedy-Entwicklungsauftrag für eine Serie über einen britischen Brexit-Flüchtling, der versucht in Berlin Fuß zu fassen.

Was steht darüber hinaus für Sie an?

DR: Wir drehen wieder zwei Falke-"Tatorte" für den NDR mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz.

Das Interview führte Frank Heine