Produktion

Jan-Ole Gerster zu "Lara": "Sich selbst in anderen Figuren entdecken"

Jan-Ole Gersters nächster Film nach seinem Lola-Abräumer "Oh Boy", "Lara", wurde am Wochenende bei den Filmfestivals in München und Karlovy Vary gleich fünffach ausgezeichnet.

10.07.2019 11:39 • von Heike Angermaier
Jan-Ole Gerster (Bild: Joachim Gern)

Jan-Ole Gersters nächster Film nach seinem Lola-Abräumer Oh Boy", "Lara", wurde am Wochenende bei den Filmfestivals in München und Karlovy Vary gleich fünffach ausgezeichnet.

Sieben Jahre sind seit Ihrem vielfach prämierten Debüt vergangen. War es der sprichwörtliche verflixte zweite Film? Was waren die Schwierigkeiten?

Jan-Ole Gester: Abgesehen von einer ausbleibenden, größeren Förderung gab es fast keine Probleme. Das Frauenpowerduo Cooky Ziesche vom RBB und Kirsten Niehuus vom Medienboard fackelte nicht lange und ermöglichte Schiwago Film die Finanzierung. Sie mochten den Stoff und meine Besetzungsideen dazu auf Anhieb. Aber es stimmt schon, dass sich ein gewisser Druck aufgebaut, wenn der erste Film einigermaßen erfolgreich ist und viel Aufmerksamkeit erregt. "Oh Boy" hat mich tatsächlich lange auf Trab gehalten. Ich war zwei Jahre mit dem Film auf Festivals und für Starts im Ausland unterwegs. Ich hatte - wie das oft bei Debüts der Fall ist - alles, was ich erzählen wollte, in den Film gepackt und kam nach der Tour mit einem regelrechten "Oh Boy"-Kater zurück. Ich fühlte mich etwas leer, wurde mit einer Flut von Angeboten konfrontiert. Auch Hollywood-Agenten meldeten sich bei mir - das passiert relativ schnell, wenn ein Film ein gewisses Renommee erreicht hat - alles sehr bizarr und unwirklich. Ich las, mehr aus Neugier als aus Interesse, jede Menge Drehbücher, aber das stellte sich schnell als Zeitverschwendung heraus. Für meinen zweiten Film wollte ich doch lieber in Deutschland bleiben, zumal ein Dreh in Hollywood nicht zu einem meiner ganz großen Träumen zählt. Ich sehe mich als europäischen Filmemacher. Und so habe ich mich wieder auf eigene Ideen konzentriert und zwei Projekte u.a. mit Blaz Kutin zusammen entwickelt. Er erzählte mir irgendwann im Laufe der Arbeit von einem Drehbuch, das er bereits vor zwölf Jahren geschrieben hatte. Auch Preise hatte er schon mit diesem Skript gewonnen, aber aus irgendeinem Grund blieb es unverfilmt. Als ich "Lara" dann las, stand für mich gleich fest, dass es mein zweiter Film werden würde.

Wie kamen Sie auf Blaz Kutin?

JOG: Er ist einer der talentiertesten und klügsten Kinoautoren, die ich kenne. Er stammt aus Slowenien und lebt aber mittlerweile wie ich in Berlin. Dramaturg Franz Rodenkirchen stellte ihn mir vor drei Jahren vor, als ich auf der Suche nach einem Drehbuchautor war, was wie die Suche nach einer Lebensgefährtin ist: Man muss sich auf vielen Ebenen verstehen, im Humor, in der Sicht auf die Dinge, Figuren und Erzählweisen. Man verbringt sehr viel Zeit miteinander und muss sich auch mal streiten können. Zudem arbeiten Blaz und ich auf Englisch, was es auch nicht immer einfach macht, vor allem bei den Dialogen.

Der Film handelt von den Selbstzweifeln eines Künstlers. Sahen Sie sich auch selbst, als Filmemacher, darin?

JOG: Warum berühren oder betreffen einen bestimmte Drehbücher, warum andere nicht? Diese Frage interessiert mich brennend. Von "Lara" fühlte ich mich betroffen. Ich las das Drehbuch ganz objektiv, ließ es auf mich wirken. Selten hatte ich ein so gut geschriebenes Buch mit einem so facettenreichen und widersprüchlichen Charakter in der Hand. Was diese Geschichte, diese Figuren mit mir zu tun hat, galt es zu ergründen. Das ist ja das Spannende beim Filmemachen, dass man sich selbst in anderen Figuren entdecken kann. Auch wenn es vielleicht erst einmal den Anschein hat, dass die Figur wenig mit einem zu tun hätte. Aber es gibt erstaunlich viel, was mich mit Lara verbindet.

Selbstzweifel ist ein Leitmotiv des Films, es ist eine schlimme Künstlerkrankheit. Das Gefühl nicht zu genügen, ist das, was Lara dazu bringt, das, was sie liebt, aufzugeben und etwas komplett anderes zu machen. Während des Studiums hatte ich ähnliche Gedanken. Es war mitunter wie in einem Haifischbecken von künstlerischen Egos, wo man nicht umhin kommt, sich miteinander zu vergleichen. Dann gibt es die Professoren und ihre Meinung und die große Ehrfurcht vor und die große Liebe zum Kino. Man will nicht scheitern. All das behandelt das Drehbuch auf leichte und spielerische Art und Weise.

Lara ist ein bisschen der Gegensatz zu "Oh Boy" Niko, "Lara" ist entsprechend anders erzählt als "Oh Boy" - bis auf, dass beide Filme an einem Tag spielen. Wollten Sie bewusst, etwas Anderes machen?

JOG: Dass die erzählte Zeit wieder ein Tag beträgt, ist Zufall. Es gibt weitere Parallelen, etwa, dass Lara und Niko Schwierigkeiten haben, sich in die Welt einzufügen, sich mitzuteilen, weil sie es nicht können wie Niko, oder weil sie es nicht wollen wie Lara. Natürlich unterscheiden sich die Filme auch stark, Niko mäandert wie ein Stück Treibholz durch Berlin, während Lara einen genauen Plan verfolgt. Ich denke, die größte Gemeinsamkeit haben beide Filme in ihrer Tonalität.

Wie haben Sie mit Kameramann Frank Griebe das visuelle Konzept gestaltet? Was war Ihnen wichtig?

JOG: Wir haben überlegt, welche Ecken von Berlin das Milieu, Laras Welt, am besten erzählen könnte. Es war klar, dass es nicht Kottbusser Tor oder Prenzlauer Berg ist. Charlottenburg hat dieses gutbürgerliche Flair, es wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Im Gegensatz zu Ostberlin gibt es noch diese "Institutionen", Traditionsrestaurants, Bars, Orte die es schon ewig gibt. Das hat sehr gut gepasst. Und es war ein schöner Zufall, dass wir im Herbst drehten, die perfekte Jahreszeit für den Film. Wir haben die entsprechende Farbenpalette dankend angenommen und sie in der Auswahl der Motive und Kostüme forciert. Reizvoll fand ich, gemeinsam mit Frank Griebe einen sehr statischen, hermetischen Film zu drehen, was das Gefangen-Sein der Titelfigur unterstreicht.

Diese Begrenzungen sorgen für einprägsame Kinobilder.

JOG: Heutzutage, wo jeder Youtube-Clip, jede Werbung und jeder TV-Film eine entfesselte Kamera hat, weil die Kameras immer kleiner und die digitalen Möglichkeiten größer werden, finde ich, dass Ruhe, Konzentration und Verdichtung in den Bildern Kino ausmacht - viel mehr als grenzenlose, technische Möglichkeiten auszuprobieren. Ich glaube sowieso, dass Kreativität Grenzen braucht. Zügellose Freiheit ist nicht konstruktiv. Ich mag Vorgaben, nach denen ich Lösungen suchen kann. Das nimmt oft die Willkür aus den Entscheidungen.

Ihren Schauspielern geben Sie aber keine genauen Vorgaben?

JOG: In der Zusammenarbeit mit den Schauspielern bin ich an Autonomie interessiert. Ich würde sie nicht besetzen, wenn ich sie nicht Inspirierend finden würde. Ich habe das Glück, mit Leuten zu arbeiten, die ich bewundere, die sich mit sehr vielen Ideen, mit Instinkt und Erfahrung ihren Figuren nähern und dennoch an meiner Meinung und Führung interessiert sind. Ich würde die Zusammenarbeit als ein gleichberechtigtes Wechselspiel beschreiben, das geprägt ist von gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung.

Proben Sie viel vorab? Ist der erste Take der beste oder ein späterer?

JOG: Der schauspielerische Instinkt von Corinna Harfouch ist unfassbar treffsicher. So ist oft der erste Take der beste. Andere Schauspieler finden sich erst in die Szene ein, werden von Take zu Take besser. Wir proben vorab natürlich auch technische Dinge, so dass alles perfekt für die Szene vorbereitet ist, so dass es keine bösen Überraschungen gibt und trotzdem Raum für Spontanität bleibt.

Sie haben in zwei Blöcken gedreht, im Oktober und im Februar. Warum?

JOG: Wir haben 20 Minuten Konzertszenen im Film, auf der Bühne, im Foyer, im Zuschauerraum. Und wir haben im Herbst einfach kein Theater bekommen, das wir für zehn Tage in Beschlag nehmen konnten.

Apropos Musik. Wie haben Sie die Musikauswahl getroffen? Sie mischen Pop- und klassische Musik.

JOG: In Blaz' Drehbuch waren Szenen bereits explizit so beschrieben, dass im Hintergrund Popmusik läuft. Er wollte der Welt der klassischen Musik eine andere entgegen setzen, eine, an der Lara nicht teilnimmt. Diese Musik ist aber omnipräsent im Alltag vieler anderer Menschen. France Galls Song "Il jouait du piano debout" handelt passenderweise auch von einem Pianisten, der rebelliert. Das Sehnsuchtsvolle des Songs ist für mich auch eine Art Metakommentar zu Lara, die sich insgeheim nach einem Neuanfang sehnt. Ich habe das Stück mehrfach eingesetzt, immer verbunden mit Laras von André Jung gespielten Nachbarn. Es ist zu hören, als er ihr Blumen schenkt oder sie im Taxi chauffiert. Der Nachbar ist der einzige, der Lara so nimmt, wie sie ist, ohne aversiv auf sie zu reagieren. Der Song beendet den Film auch mit einer fast optimistischen Note.

Wie war die Weltpremiere in Karlovy Vary?

JOG: Ich gestehe, dass ich nicht im Saal saß, sondern so nervös war, dass ich vor der Türe auf und ab getigert bin. "Oh Boy" feierte auch in Karlovy Vary und München Premiere. Mir war schon klar, dass sich diese Magie nicht wiederholen lässt, aber ich war sehr glücklich mit der ersten Etappe. Die Kritiken waren sehr gut und es gab warmen Applaus.

Nun haben Sie fünf Preise am Wochenende aus Karlovy Vary und München mitgenommen. Was sagen Sie dazu?

JOG: Ich bin tatsächlich noch immer überwältigt davon. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Aber es gibt mir auch die Bestätigung, dass es die Zeit und Sorgfalt gebraucht hat.

Arbeiten Sie mit Blaz Kutin nun an "Imperium" nach Christian Krachts Roman?

JOG: Wir haben an mehreren Stoffen gearbeitet und werden das auch weiterhin tun. Man wünscht sich zwar, dass während der Produktion des einen Filmes noch Zeit bleibt, den nächsten zu entwickeln, aber oft ist man dann doch so vom aktuellen Projekt vereinnahmt, dass wenig Zeit für eine parallele Stoffentwicklung bleibt. Wir konzentrieren uns erst einmal darauf, "Lara" so gut wie möglich herauszubringen. Er startet am 7. November über Studiocanal. Fest steht allerdings, dass nicht wieder so viel Zeit verstreichen soll, wie zwischen "Oh Boy" und "Lara", bis wir wieder am Set stehen.

Werden Sie auch weiterhin mit Schiwago Film zusammenarbeiten, die "Oh Boy" und "Lara" produzierten?

JOG: Ja, Marcos Kantis von Schiwago kenne ich seit 19 Jahren. Wir arbeiteten beide damals bei X-Filme Creative Pool. Das Vertrauen und die gemeinsame Erfahrung bilden eine tolle Grundlage für eine Zusammenarbeit auch in der Zukunft und beschleunigen Prozesse. Ich schätze Marcos als Produzent, er ist ein "Ermöglicher". der alles dafür tut, einem die Dinge, die man sich für den Film wünscht, zu ermöglichen. Und er gibt mir Zuversicht. Ich entwickle auch einen als internationales Projekt angedachten Stoff mit zwei anderen Produzenten, der aber noch nicht spruchreif ist.

"Imperium" um einen Deutschen, der in der Südsee eine Kokosnussplantage und damit ein Imperium aufbauen will, braucht wahrscheinlich auch internationale Partner.

JOG: Um mal dieses schlichte Wortspiel zu bemühen: "Imperium" ist eine harte Kokosnuss, die es noch zu knacken gilt - zum einen als Adaption, zum anderen, was die Produktion und die Finanzierung betrifft. Es ist ein sehr recherche- und planungsintensives Projekt. Darüber hinaus ist der Stoff aber so einzigartig, reich und vielschichtig wie nur wenige Projekte, mit denen ich in Berührung war. Wir bleiben dran.

Das Interview führte Heike Angermaier