Produktion

"Playmobil: Der Film" ist etwas "Eigenständiges"

Lino DiSalvo gibt sein Regiedebüt mit dem ersten Film nach der populären Spielemarke aus Deutschland. B:F sprach mit dem ehemaligen Head of Animation von Disney.

05.07.2019 14:45 • von Heike Angermaier
Lino DiSalvo (Bild: Concorde)

Lino DiSalvo gibt sein Regiedebüt mit Playmobil: Der Film" für On Animation. Es ist der erste Film nach der populären Spielemarke aus Deutschland. DiSalvo ist bereits ein Veteran im Animationsfilmgeschäft. Er war 17 Jahre bei Disney tätig, zuletzt als Head of Animation und er arbeitete an deren Hits Rapunzel - Neu verföhnt" und "Die Eiskönigin". Seit rund drei Jahren kümmert er sich nun um sein eigenes Projekt, das das französisch-kanadische Studios On Animation, das 2015 und 2016 mit dem Animationsabenteuer "Der kleine Prinz" nach Antoine de Saint-Exupérys Kinderklassiker internationalen Erfolg feierte, produziert. "Playmobil: Der Film" ist der erste abendfüllende Spielfilm mit Playmobil-Figuren. Playmobil ist eine fast so bekannte, europäische Spielzeug-Marke wie Lego. Mitte der 1970er Jahre kamen die ersten Figuren auf den Markt und wurden in den 80er Jahren immer populärer, auch international. In den USA ist sie nicht so bekannt wie Lego. Konzipiert und hergestellt wurden sie in Zirndorf nahe Nürnberg. Ritter und Indianer waren die ersten Themen. Wie bei Lego kamen immer mehr Welten hinzu. Wie bei Lego ist das Design minimalistisch, die Gesichtszüge sind quasi auf Punkt, Komma, Strich beschränkt.

DiSalvo betont, wie wichtig es ihm und den Machern entsprechend war, sich mit "Playmobil: Der Film" von The Lego Movie" abzuheben: "Ich liebe Lego und "The Lego Movie". Wir mussten sicher sein, dass der Playmobil-Film etwas Anderes ist, sich abhebt und etwas Eigenständiges wird." Die Faszination für Playmobil sei im Gegensatz zu Lego im "Rollenspiel" begründet, so DiSalvo und er führt aus: "Ich brauche nur meine eigenen Kindern zuzuschauen, um zu erkennen, dass sie mit Playmobil anders spielen als mit Lego." Zur Recherche sprach er mit 200 Playmobil-Fans von überall auf der Welt und fragte sie, warum sie und was sie damit spielen. "Alle antworteten, Rollenspiele, niemand erwähnte Bauen. Alle wollen eine Geschichte mit den Figuren erzählen." Diese Herangehensweise und "das Springen zwischen den Genres" bildeten die Basis für die Story und das spätere Drehbuch, bei dem Blaise Hemingway, Greg Erb und Jason Oremland mitwirkten, ehemalige Kollegen DiSalvos bei Disney. Nach einem kurzen Live-Action-Einstieg gerät die junge Protagonistin Marla - ähnlich wie bei Jumanji" - in die Welt(en) von Playmobil. Sie will ihren beim Playmobilspielen verschwundenen, jüngeren Bruder wieder finden und trifft auf einige skurrile Figuren, den Foodtruck-Besitzer Del, den charmanten Geheimagenten Rex Dasher, einen liebenswerten Roboter , eine gute Fee, Einhörner und einen Piratenkapitän und stolpert zwischen Antike-, Western-, Piraten-, und Science-Fiction-Motiven von einem Abenteuer ins nächste. Als Inspiration bzw. Auswahlkriterium für die Motive nutzten die Autoren die Angaben von Playmobil, darüber" "welche Spielfiguren, welche Sets am erfolgreichsten sind, am meisten gekauft werden", so DiSalvo. Außerdem habe er bei der Abenteuergeschichte versucht, " Filme aus den 80ern, die ich liebte, als ich aufwuchs, zu ehren, wie Die Goonies" oder auch Mary Poppins", in denen Magie und Abenteuer im Hinterhof zu finden waren".

"Ich traf Dimitri Rassam und Aton Soumache, die die Filmrechte hatten, und pitchte ihnen meine Vorstellung vom Film. Gemeinsam stellten wir unser Konzept den Leuten von Playmobil vor. Alle mochten es und wir stiegen schnell in die Produktion ein" erzählt DiSalvo vom Beginn der Zusammenarbeit mit On Animation und Playmobil. Die Storyentwicklung und Preproduction regelte er noch von Los Angeles aus. "Wir stellten dort drei Animatics her. Als er genügend Material für Sequenzen hatte, zogen er und seine Familie und ein paar Leute vom Team, darunter einige ehemalige Disneykollegen, nach Montreal um, um sie im hauseigenen Studio von On Animation umzusetzen. Auch während dieser Phase arbeitete man eng mit Playmobil zusammen, hielt sie auf dem Laufenden, so DiSalvo.

Bei der Umsetzung beherzigt DiSalvo die Arbeitsweise und den damit verbundenen Qualitätsanspruch, die er bei Disney gelernt hat: "Bei einem Animationsfilm erfindet man die Geschichte immer wieder neu. Ich glaube nicht an ein endgültiges Drehbuch. Über die letzten zweieinhalb Jahre hatten wir mindestens sechs verschiedene Fassungen des Films. Man destilliert, hegt und pflegt die Geschichte, macht auch Fehler, um aus ihnen zu lernen und am Ende nur das Bestmögliche auf der Leinwand zu haben. Mir geht es seit Beginn meiner Karriere um Qualität und nicht darum, möglichst schnell oder möglichst billig etwas herzustellen."

DiSalvo ist stolz bei Disney gearbeitet zu haben, wollte auch nach seiner Ausbildung unbedingt zum Studio, das Toy Story", "Arielle die Meerjungfrau" und "König der Löwen" produziert hat. "Gefühl ist ganz wichtig, als Publikum muss man sich mit der Figur identifizieren können. Es geht immer darum, den Zuschauer mit auf eine emotionale Reise zu nehmen, er soll lachen und weinen. "Playmobil: Der Film" ist klar eine Komödie, aber der Film soll mehr als ein Witz sein, er soll eine Message haben, eine vielschichtige Erfahrung sein." Den Unterschied zwischen Disney und seiner neuen Tätigkeit beim viel kleineren, unabhängigen Studio beschreibt er neben dem Budget so: "Disney bedeutet 800 All Stars unter einem Dach. Wenn man als unabhängiger Regisseur in der Wildnis unterwegs ist, ist es sehr organisch und grassroots. Es ist unglaublich wichtig, dass alle Heads of Department meine Vision, meinen Anspruch an den Film teilen. Bei Disney kann man sich auf ein Ding konzentrieren, bei einem unabhängigen Studio muss man mehrere Dinge können. Das ist aufregend und beängstigend zugleich. Aber es macht Spaß. Meine Vision ist auf der Leinwand zu sehen. Was kann ich als Regisseur mehr verlangen?" DiSalvo agiert übrigens auch als Executive Producer.

"Playmobil: Der Film" eröffnete am 10. Juni das Animationsfilmfestival in Annecy und feierte dort seine Weltpremiere. Er startete kurz danach in Kanada. Am 7. August läuft er über Pathe in den französischen Kinos, am 9. August über Studiocanal in Großbritannien, am 29. August über Concorde in den deutschen und am 30. August über STX in den USA an. Prognosen darüber, wie der Film ankommen wird, will er nicht abgeben. "Meine Verantwortung ist, einen tollen Film abzuliefern, wie viele Leute reingehen, kann ich nicht beeinflussen, aber ich hoffe, dass das Publikum überrascht wird." Er steht auch unter einem gewissen Druck : "vor allem weil hier In Europa die Leute sagen, Playmobil ist meine Kindheit! Da will man natürlich keinen Mist abliefern." Natürlich denken die Macher längst über Fortsetzungen nach, in denen man u.a. auch herausgeschnittenes Material und nicht umgesetzte Ideen aus dem ersten Film nutzen könnte. "Es gab tolle Sachen, die aber nicht zur aktuellen Erzählung bzw. zur Figur passten. Jeder Regisseur wünscht sich, dass aus der Welt, die er kreiert, ein Franchise wird. Ich schaue noch nicht so weit voraus, aber habe mir schon Gedanken gemacht. Ich würde auch gern wieder auf das Team zurückgreifen, das schon in der Materie ist und dem man nicht alles von Null an beibringen muss."

DiSalvo schreibt auch an einer Originalgeschichte nach einer italienischen Sage "The Badalisc", das er mit On Animation realisieren will, mit dem er über einen Overall-Deal verbunden ist. Es ist "ein Herzensprojekt, bei dem wir ganz neue Techniken nutzen werden, im Geschichtenerzählen, beim Rendering und in den Characterdesigns. Ich werde auch Regie führen und produzieren." Er wirft darin einen moderner Blick auf die Kreatur aus dem norditalienischen Märchen, das die Vergangenheit und Zukunft kennt. Es geht um Erinnerung, wie Erinnerungen einen Menschen ausmachen. In der Entwicklung befindet sich außerdem das Kinoprojekt "Little Nemo in Slumberland" nach den klassischen Cartoons von Winscor McCay. Die Regie wird der ehemaliger Disneykollege Hyrum Osmond übernehmen. DiSalvo entwickelt daneben auch Serienideen für das Studio. "Ich muss beschäftigt sein. meine Frau sagt zwar, ich sei verrückt, an so vielen Projekten zu arbeiten, aber ich brauche das, um meine Kreativität zu ölen", so DiSalvo.