Kino

Deutscher Kinomarkt erholt sich im zweiten Quartal

Selbst das miserable Junigeschäft konnte den im April und Mai erarbeiteten Vorsprung nicht aufzehren: In den ersten sechs Monaten verzeichneten die deutschen Kinos gegenüber dem Vorjahr laut ComScore ein Besucherplus von 6,5 Prozent.

04.07.2019 19:58 • von Marc Mensch
Dieses Endspiel war ein Sieg fürs Kino: "Avengers: Endgame" zog so viele Besucher in die deutschen Kinos, wie es kein Film seit "Fack Ju Göhte 3" schaffte (Bild: Walt Disney)

Wer sich auf dem Filmfest München die eine oder andere Paneldiskussion gönnte, mag sich beim Blick auf die jetzt vorgelegten ComScore-Zahlen verwundert die Augen reiben. Das Kinogeschäft in Deutschland hat also zuletzt wieder zugelegt - und das in einem durchaus soliden Umfang? Nun ja, das hat es in der Tat. Aber weder werden sich dadurch Leute beirren lassen, die die Meinung des Publikums als irrelevant abkanzeln. Noch geben die Zahlen Anlass zu echter Erleichterung. Denn man muss sie natürlich in Relation zu dem setzen, was im Krisenjahr 2018 an Besuchern und Umsatz verloren ging. Und das war doch eine ganze Menge...

Innerhalb der ersten sechs Monate 2018 hatten die deutschen Kinos gegenüber dem Vorjahreszeitraum 16,9 Prozent der Besucher und des Ticketumsatzes eingebüßt. Ein schlechtes Ergebnis, zu dem der unvermeidliche Faktor "Fußball-WM" seinen Teil beigesteuert haben dürfte. Nach dem vergangenen Juni könnte man sich allerdings fragen: Wie groß ist der Einfluss des Turniers wirklich? Denn auch ohne publikumsträchtiges Fußball-Großereignis lieferte der letzte Monat des zweiten Quartals über weite Strecken gruselige Zahlen ab - und endete mit einem Wochenende, das nicht nur das bislang schlechteste des Jahres war. Sondern das sogar die WM-Wochenenden 2018 noch hinter sich ließ. Im negativen Sinne. Was auch deshalb auf die Gemüter schlägt, weil man vom Fußball-freien Juni eigentlich erwartet hatte, den Vorsprung weiter ausbauen zu können.

Dass wir von einem Vorsprung sprechen können, ist dem April und vor allem dem Mai zu verdanken. Denn bekanntermaßen war die Bilanz nach dem ersten Quartal noch negativ: Ende März hatten 2,3 Prozent weniger Besuche und 2,9 Prozent weniger Umsatz auf der Uhr gestanden. Zum Halbjahr sind es immerhin 6,5 Prozent mehr verkaufte Tickets und 5,6 Prozent mehr Boxoffice als zum beinahe gleichen Zeitpunkt 2018. "Beinahe" deshalb, weil ComScore bekanntlich nach Auswertungswochen bilanziert, betrachtet wurde diesmal also der Zeitraum 03. Januar bis einschließlich 03. Juli. Und in diesem wurden nach absoluten Zahlen knapp 49 Mio. Tickets verkauft und damit rund 430 Mio. Euro umgesetzt. Zum Vergleich: 2018 waren es Anfang Juli 46 Mio. Tickets und 407 Mio. Euro Umsatz.

Die monetäre Differenz beläuft sich also auf rund 23 Mio. Euro - oder deutlich weniger als die Hälfte dessen, was "Avengers: Endgame" als mit Abstand erfolgreichster Neustart des ersten Halbjahres 2019 zum Ergebnis beisteuerte. Über fünf Mio. Kinobesucher in Deutschland schaffte zuletzt übrigens "Fack Ju Göhte 3" anno 2017, während 2018 sogar die vier Mio. Besucher unerreicht blieben.

Unter dem Strich kann das Fazit eigentlich nur lauten: Ein Debakel ist der Zwischenstand zwar nicht - aber zufrieden stellt er auch nicht. Zumal dann nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass man noch (sehr) knapp unterhalb der Resultate des EM-Jahres 2016 landete. Schmerzhaft fällt der Vergleich dann aus, wenn man ihn mit dem (Ausnahme-)Jahr 2015 zieht. Zu dessen fantastischen Halbjahreszahlen fehlen aktuell über 90 Mio. Euro (rund 17,4 Prozent) oder 13,7 Mio. Besucher (knapp 22 Prozent). Und um das Zahlenspiel noch ein wenig weiter zu treiben: Ausgehend von den laut ComScore ganzen 488 im ersten Halbjahr 2019 in Auswertung befindlichen Filmen entfielen im Bilanzzeitraum auf jeden Titel im Schnitt 100.399 Besucher. Der Durchschnittswert 2015 lag bei 374 ausgewerteten Filmen bei 167.744 Zuschauern. Indes ist das Ende der Fahnenstange offensichtlich noch nicht erreicht, was die Anzahl an Neustarts anbelangt - denn diese stieg im Halbjahresvergleich 2018/2019 von 332 auf 364, also um knapp zehn Prozent.

Nach unten ging es erneut beim durchschnittlichen Eintrittspreis, der von 8,84 Euro auf zuletzt 8,77 Euro sank - und das, obwohl er beim deutschen Film sogar signifikant stieg; von 7,20 auf 7,72 Euro. Was natürlich viel mit dem herausragenden Erfolg des mit weitem Abstand populärsten deutschen Films zu tun hat. Denn "Der Junge muss an die frische Luft" (über 2,7 Mio. Besucher bei einem Gesamtresultat von aktuell gut 3,6 Mio.) wurde natürlich nicht vorwiegend zum Kinderpreis gesehen. Leider war dieser Hit auch der einzige (!) deutsche Besuchermillionär im ersten Halbjahr. Am besten schlug sich noch "Ostwind - Aris Ankunft" mit knapp 750.000 Besuchern.

Tatsächlich zeigt sich beim deutschen Film ein uneinheitliches Bild. Denn nach Besuchern baute er minimal (um 0,8 Prozent) ab - was sich relativ stark bei einem von 22,3 auf 20,7 Prozent gesunkenen Marktanteil bemerkbar macht. Beim Umsatz steht hingegen ein Anstieg um 6,4 Prozent zu Buche, ergo stieg der danach bemessene Marktanteil von 18,1 auf 18,3 Prozent. Interessant werden die Werte gerade auch in Kombination mit den Detailbetrachtungen von ComScore zum US-Film. Denn dieser zog 3,8 Prozent mehr Besucher an, spülte aber nur 1,1 Prozent mehr Geld in die Kasse.

Was zu einer zwingenden Erkenntnis führt: Um auf die bereits genannten Wachstumswerte im Gesamtmarkt zu kommen, müssen Filme aus dem Rest der Welt überproportional stark zugelegt habe - wobei vor allem Titel aus Frankreich (u.a. "Monsieur Claude 2" und "Mia und der weiße Löwe") in den Top 50 auffallen. Noch ein Wort zu 3D: ComScore weist hier keine separaten Zahlen aus, aber eine Verbilligung der Tickets für US-Produktionen um gut 2,5 Prozent spricht nicht unbedingt dafür, dass der Abwärtstrend ein Ende genommen hat - obwohl vier der fünf Topfilme 3D-Filme sind.