Kino

KOMMENTAR: Vom Leuchten zum Strahlen

München leuchtet spätestens seit Thomas Mann. Das Filmfest München ist ein wahrer Leuchtturm in der deutschen Festivallandschaft. Auf Wunsch des bayerischen Ministerpräsidenten soll es nun alle anderen Festivals überstrahlen. Kein Grund für eine Provinzposse!

04.07.2019 07:47 • von Barbara Schuster

München leuchtet spätestens seit Thomas Mann. Das Filmfest München ist ein wahrer Leuchtturm in der deutschen Festivallandschaft. Auf Wunsch des bayerischen Ministerpräsidenten soll es nun alle anderen Festivals überstrahlen. Kein Grund für eine Provinzposse! Die Eröffnung des Münchner Filmfests war von viel medialem Theaterdonner begleitet. Ministerpräsident Söder schaffte es - wie vielleicht keiner vor ihm - auf die erste Seite des SZ-Feuilletons und schwelgte dort wie zuvor schon in Blickpunkt:Film in seinem Traum von einer neuen Bedeutung und Strahlkraft des Münchner Filmfests und des Filmstandorts Bayern. Medienministerin Gerlach legte ganz in seinem Sinne in der Bild-Zeitung nach, deren sensationsgierige Headline gleich "Filmfest vor Aus!" lautete. Dabei hatte Frau Gerlach nur die Stadt auffordern wollen, ihrerseits Mittel zu finden, um mit Söders generöser Budgeterhöhung mitzuziehen. Zusätzliche drei Mio. Euro will der "Game of Thrones"- und "Avengers"-Fan jährlich locker machen, damit München der Winterberlinale den Rang abläuft. Geht es nach ihm, soll das Filmfest bald in einem Atemzug mit Cannes und Venedig genannt werden. Dass die Regeln der FIAPF ein Hindernis sein könnten, die pro Land nur ein A-Festival vorsehen, hat sich inzwischen bestimmt zu ihm durchgesprochen. Dass die Mitveranstalter von der Stadt "not amused" über die reichweitenstarke Aufforderung waren, nun ihrerseits Geld nachzuschießen, war dem zornroten und ungewohnt uncharmanten Oberbürgermeister am Eröffnungsabend anzuhören. In einer bedauernswerten Zwickmühle steckt Festivalchefin Iljine, die auch sonst genug damit zu tun hat, dass Stadt und Staat an einem Strang ziehen. Dabei ist das Projekt, das Filmfest und damit den Standort noch stärker zum Strahlen zu bringen, durchaus lobenswert. Längst ist es ein unverzichtbarer Treffpunkt für Filmschaffende im Kino, fürs Fernsehen und für die Streamingplattformen. Es könnte darüberhinaus alle Formen des filmischen Erzählens, vom Kinofilm bis hin zur Internet-Serie, für fiktionale Spielewelten oder Virtual Reality, zusammen mit den weltweit wichtigen Machern präsentieren und in einen konstruktiven Diskurs bringen. München als Mekka des Films in allen seinen Formen, mit dem traditionellen Filmfest als strahlendem Kern wäre tatsächlich eine Zukunftsidee. Und einen filmverrückten Ministerpräsidenten, der freiwillig seinen Budgetbeitrag fast verdreifacht, kann man bundesweit suchen gehen. So wäre es schön, wenn die Stadt über das ungestüme Auftreten ihres Veranstaltungspartners hinwegsehen könnte und sich für die gute Idee von der Erweiterung des jetzt schon zweitgrößten deutschen Filmfestivals zum jährlichen Treffpunkt für filmisches Erzählen erwärmen könnte. Damit München nicht nur leuchtet, sondern strahlt.