Kino

"Wir haben zu wenig Mut zum Scheitern!"

Kein anderer Faktor entscheidet auch nur annähernd so sehr über den Leinwanderfolg wie Thema und Story. Was die Filmfest-Debatte des Verbands Deutscher Drehbuchautoren zur denkbar wichtigen Plattform für den Austausch über die Zukunft des Kinos machte.

03.07.2019 18:01 • von Marc Mensch
Kein Blatt nahmen die Teilnehmer bei einer Diskussionsrunde des VDD zum Filmfest vor den Mund (Bild: Simona Nistor)

Wer auch immer das Drehbuch zur Filmfest-Debatte des VDD schrieb, schien sich klar an der üblichen Dramaturgie des Fernsehens orientiert zu haben: Erst mal einen raushauen, damit der Zuschauer nicht den Kanal wechselt. Und so begann die Veranstaltung mit einigen bisweilen doch recht markigen (und diskussionswürdigen) Thesen, von denen die Abrechnung mit dem Eröffnungsfilm aber durchaus zu den Traditionen nicht nur dieses Festivals zählt. Drehbuchautorin Carolin Otto jedenfalls stellte gleich zu Beginn die Frage in den Raum, weshalb "The Art of Self-Defense" denn nun "Kino" gewesen sein solle - für sie habe das Werk "wie ein besserer Übungsfilm" gewirkt. VDD-Vorstand Sebastian Andrae wiederum rieb sich an Erfolgsfranchises wie jenen des Marvel Cinematic Universe. Was dort auf der Leinwand zu sehen sei, habe nach seinem Empfinden nichts mit "Storytelling" zu tun, sei allenfalls ein Wiederkauen uralter Mythen. Kinobetreiber Christian Pfeil zeigte sich dankbar dafür, dass Netflix das Kino vor "Quatsch" wie "Polar" oder "Triple Frontier" rette, die man früher noch auf der Leinwand gehabt hätte. Und SPIO-Präsident Thomas Negele bescheinigte dem Kino glasklar, sich mitten in einer Krise zu befinden.

Einer Krise, die unter anderem auch darauf beruhe, dass der deutsche Film trotz der seit Jahren soliden Marktanteile bei Weitem nicht stark genug ist, um der zunehmenden Unzuverlässigkeit eines immer mehr mit Fokus auf asiatische Wachstumsmärkte geeichten US-Produkts zu begegnen. Und ein Schuldiger für ein Übermaß an konsequent durchgeförderten, aber nicht kinotauglichen Stoffen war schnell gefunden: die (öffentlich-rechtlichen) Sender, deren Einflussnahme dem Produkt mehr oder minder massiv schade, indem es Produktionen seinen Konventionen unterwerfe. Gerade Sanne Kurz (Bündnis 90/Die Grünen) ließ an ihrer Haltung nicht den geringsten Zweifel: "Sender in den Gremien sind das Problem!" Ein Problem, das in anderen Ländern nicht bestehe - für das sie aber keine Lösung wisse (angemerkt sei, dass die sogenannten Frankfurter Positionen hier Ansätze bieten, die man zumindest in die Debatte hätte einbringen können.)

"Falsche Partner", an die man schnell gerate, wenn man Filme alleine über die Finanzierung denke, monierte auch Pfeil: "Das führt dazu, dass wir andauernd Coming-Of-Age-Komödien im Arthouse haben!" Dies bei einem Publikum, dessen Durchschnittsalter es nun nicht gerade zur idealen Zielgruppe hierfür mache. Ganz allgemein stellte er fest: "Es schadet der Marke Kino nachhaltig, wenn wir dort andauernd Sachen sehen, die dort nichts verloren haben!" Was letzten Endes natürlich wieder einmal auf eine Debatte anspielt, die (mindestens) so alt ist wie der DFFF. Die Verpflichtung zum Kinostart, die als Schutz vor Fördermissbrauch nicht einfach so wegzudiskutieren ist, die aber ganz eigene Probleme schafft - und zwar solche, die das Panel durchaus als einen Kern der Herausforderungen erachtete.

Denn der Druck, Projekte auf Teufel komm raus zu Ende - und dann auf die Leinwand - zu bringen, kann dem Qualitätsniveau natürlich nicht zuträglich sein. Interessanter Weise kommt die im FFG durchaus existierende Freischussregelung bei derartigen Debatten (wie auch hier) regelmäßig nicht einmal zur Erwähnung. Was ebenso für ein Informationsdefizit wie auch völlige Ineffizienz dieses Instruments sprechen könnte. Ähnliches scheint für die mit der jüngsten FFG-Novelle geschaffene Drehbuchfortentwicklungsförderung der FFA zu gelten, die zumindest in der Theorie die Herausforderung adressiert, Autorinnen und Autoren die Chance zu geben, am Drehbuch zu feilen - und für die zusätzlich aufgewandte Zeit natürlich auch bezahlt zu werden. Und doch fand diese Förderung keinen Raum in der Debatte, einzig Christian Pfeil streifte sie gegen Ende kurz, ohne dass hierzu noch Nachfragen möglich gewesen wären.

Ob das Problem aber womöglich schon in der Ausbildung beginnt? Andrae jedenfalls bemängelte, dass es zu wenig Austausch zwischen den Studenten und den Kinobetreibern gebe - was laut Pfeil nicht an deren mangelnder Bereitschaft liege, sondern daran, dass dieser Austausch kaum ermöglicht werde. Vor allem aber bemängelte Andrae, dass angehenden Drebuchautor*innen nicht ausreichend Selbstwertgefühl vermittelt werde. Dass diese "die erste Reihe bilden", habe auch insofern in die Ausbildung mit einzufließen, als man sie zu Mitentscheidern über das Budget von Abschlussfilmen machen müsse. Kritisch über die Situation an den Hochschulen äußerte sich auch Negele. Es sei schlicht ein Dilemma, wenn Vorlesungen von Leuten gehalten würden, die dazu zwar intellektuell befähigt seien, im Filmbereich allerdings keine Erfolge aufzuweisen hätten. "Ohne die richtigen Ausbilder werdet Ihr nicht gut werden!", gab es der neue SPIO-Präsident angehenden Drehbuchautor*innen mit auf den Weg. Sanne Kurz sprang ihm mit einer Feststellung bei, die in dieser Form auf Bundesebene womöglich nicht von jeder Parteifreundin geteilt wird: "Auch Kunsthochschulen müssen nicht nur für die Kunst, sondern auch den Wirtschaftsmarkt ausbilden!" Ergänzend dazu Pfeil: "Kulturelle Marotten haben uns sehr geschadet!"

Wobei man diese Einlassungen nicht dahingehend missverstehen sollte, dass sie Plädoyers für den (nur vermeintlich) sicheren Konsens wären - eher im Gegenteil. Denn Stoffentwicklung müsse auch den Raum für Experimente geben, für Ideen, die nicht zwangsweise bis zum bitteren Ende verfolgt werden müssten. "Wir haben hierzulande einfach viel zu wenig Mut zum Scheitern!", benannte Andrae ein wesentliches Defizit - und brachte eine ganz grundsätzliche Wahrheit auf den Punkt, als er feststellte, dass gemeinsame Probleme zwar regelmäßig erkannt, aber keine Lösungen geschaffen würden. Nicht dass das so einfach wäre - wie er selbst gleich am Beispiel des (beileibe nicht nur) von ihm befürworteten Erlöskorridors zugunsten der Produzenten illustrierte. Denn die Gegenargumente der Verleiher seien ja auch nicht per se von der Hand zu weisen. Für Thomas Negele liegt die Antwort auf dieses spezielle Dilemma in einer Maßnahme, die ohnehin angezeigt sei, um Filme überhaupt sichtbar zu machen: 30 Prozent eines durchschnittlichen Filmbudgets müssten dem Verleih/Marketing zufließen und entsprechend gefördert werden. Bei einer damit einhergehenden Absenkung des Verleihrisikos könne man dann auch über einen Erlöskorridor sprechen.

Was das konkret mit den Drehbuchautoren zu hat? Nun, am Ende geht es nicht zuletzt um ganz elementare Punkte, die eng mit der Situation der Produzenten verwoben sind: Dass sich angemessene Bezahlung und ausreichend Zeit im Zweifel nicht negativ auf die Güte eines Drehbuchs auswirken werden, sollte man schon gar nicht diskutieren müssen. Oder um es mit Carolin Otto zu sagen: "Billige Drehbücher werden zu billigen Produktionen!" Und wo es an Respekt für die Arbeit der Autor*innen fehle, würden deren Werke umso stärker verwässert - nicht umsonst geht es dem VDD ganz elementar um gesteigerte Anerkennung, die sich auch in mehr Einfluss ausdrücken müsse.

Dass das Kino selbst das allergrößte Interesse an starken Geschichten haben muss, liegt auf der Hand - und wer dies in Zahlen ausgedrückt sehen will, dem half Moderatorin und VDD-Vorstand Brigitte Drodtloff mit einer Erkenntnis aus der jüngsten Kinobesucherstudie der FFA auf die Sprünge. "Thema und Story" eines Films waren demnach 2018 in 31,4 Prozent der Fälle ausschlaggebend für einen Kinobesuch. Um das in Relation zu setzen: Der zweitmeistgenannte Besuchsgrund (Film ist Fortsetzung/Teil einer Serie) brachte es nur auf 13,8 Prozent...

"Lust zu schaffen, leidenschaftlich für das Kino zu schreiben", ist für den neuen SPIO-Präsidenten daher sicherlich schon deshalb ein Anliegen, weil er aus dem Kinobereich kommt. Und mit seinem Appell, die Stoffentwicklung stärker in den Fokus zur rücken, rannte er natürlich gerade bei dieser Veranstaltung offene Türen ein. Bleibt am Ende eigentlich nur noch die simple Frage: Zu wessen Lasten würde eine dafür notwendige Umverteilung erfolgen - insbesondere vor dem Hintergrund der parallelen Forderung nach einem signifikanten Ausbau der Förderung im Bereich Verleih/Marketing? Stoff für die nächste angeregte Debatte liefert das sicherlich zur Genüge...