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BVC-Panel: Mehr Gender-Sensibilität in der Stoffentwicklung erwünscht

Auf dem auf Einladung des Bundesverband Casting abgehaltenen Panel im Rahmen des Filmfest München stand ein brisantes Thema auf der Tagesordnung: Um "Rollenbilder in den Medien" machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gedanken. Von Seiten der Caster wurde der Wunsch laut, viel früher an Bord eines Filmprojekts hinzugezogen zu werden - idealerweise bereits in der Stoffentwicklung.

02.07.2019 18:33 • von Barbara Schuster
Die Panelteilnehmer der BVC-Veranstaltung (v.l.): Marcus Ammon, Claudia Simionescu, Manolya Mutlu, Maria Furtwängler, Sabine Derflinger, Marion Haack und Stephan Sikder (Bild: Tina Thiele | casting-network)

Auf dem auf Einladung des Bundesverband Casting abgehaltenen Panel im Rahmen des Filmfest München stand ein brisantes Thema auf der Tagesordnung: Um "Rollenbilder in den Medien" machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gedanken. In der Ankündigung hieß es, dass die anhaltenden Diskussionen um eine Frauenquote in Medien, Politik und Management sowie der Gender Wage Gap nach wie vor ernüchternd seien und deutlich machten, dass existierende strukturelle Ungleichheiten die Geschlechterdifferenz, trotz Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz, nach wie vor aufrecht erhalten.

Grundlage des von BVC-Mitglied Stephen Sikder moderierten Panels war die 2017 auf Initiative von Maria Furtwänglers Stiftung MaLisa in Auftrag gegebene Studie "Audiovisuelle Diversität? - Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland". Aufbauend darauf berichteten zunächst die beiden Casterinnen Marion Haack aus Hamburg undManolya Mutlu aus Stuttgart aus ihrem Alltag im Zusammenspiel mit Produzenten und Fernsehredakteuren. Die Zuschauer erhielten hier haarsträubende Berichte, wobei Haack vorab unterstrich, dass sich in den letzten zwei Jahren seit Veröffentlichung der Studie, aber auch durch die Arbeit von Pro Quote Film und den Offenen Brief des BVC "wahnsinnig viel bewegt" habe: "Die Problematik des nach wie vor enormen Geschlechter-Ungleichgewichts on screen ist ins Bewusstsein geraten bei der Regie, der Produktion und Redaktion." Was heute bereits stattfinde, sei, so Haack, dass man bei den Drehbüchern genau durchforste, wie viele Männerrollen, wie viele Frauenrollen es gebe, welche Männerrollen eventuell auch in Frauenrollen umgewandelt werden könnten: "Das ist natürlich oft nur bedingt möglich, weil man bei einem fertigen Drehbuch nicht mehr einfach herumschrauben kann, wie man möchte." "Fuchsteufelswild" mache es Haack jedoch nach wie vor, dass Frauen im deutschen Film und Fernsehen nicht altern dürften. "Ab 35/40 wird es eng, selbst wenn es im Drehbuch so angelegt ist! Eine Ärztin, die eine erfolgreiche Praxis leitet und drei Kinder großgezogen hat, soll plötzlich 40 Jahre alt sein. Mein Vorschlag, hier eine etwa 50-jährige Frau zu besetzen, was sehr viel realistischer wäre, stößt dann auf Ablehnung mit der Begründung, man wolle ein 'frisches, junges Gesicht' sehen." Besonders eklatant werde es bei der Zusammenstellung von Paaren: "Wenn ich zum Beispiel eine fünf bis sieben Jahre ältere Frau an die Seite eines Mannes stellen möchte, blicke ich regelmäßig in entsetzte Gesichter", so Haack. Genauso wie ihre Kollegin Manolya Mutlu plädiert Haack vehement dafür, viel früher ins Boot geholt zu werden. "Wir sollten viel engeren Kontakt zu den Drehbuchautorinnen und -autoren haben", so Mutlu, "um den Blumenstrauß des Ensembles von Anfang an bunter gestalten zu können." Immer wieder betonte die Casterin aus Stuttgart, dass miteinander Reden wichtig sei, dass Autorinnen und Autoren jederzeit und immer auf die Mitglieder des BVC zukommen können. Denn: "Oft geschieht beim Schreiben das Festlegen von Rollen ganz unbewusst." Mit Wiener Schmäh mischte sich Sabine Derflinger in die Gesprächsrunde ein. Die renommierte Regisseurin, die vor allem für die "Vorstadtweiber" bekannt ist, erzählte eingangs von ihrem abenteuerlichen Weg zu ihrer ersten "Tatort"-Regiearbeit, wie schwer man es doch als Frau habe, Zutritt in dieses Männer dominierte Krimiformat zu erlangen. Sechs Jahre sei sie dem ORF hinterhergesprungen, habe die Redakteure immer wieder bekniet, habe Regiekollegen bezüglich ihrer Gage ins Verhör genommen, um dem Sender ein günstigeres Angebot zu machen - und schließlich sogar damit gedroht, aus dem Fenster zu springen. Das sorgte für Lacher im Auditorium des Carl-Orff-Saal. Derflinger, die mittlerweile drei "Tatorte" inszenieren durfte und für die Folge "Angezählt" sogar den Grimme-Preis erhalten hat, monierte mit Blick auf die Frauenrollen im Fernsehen, dass man hierzulande viel zu sehr auf die Schönheit der Frau fixiert sei. "Für die Schönheit gibt es doch den Roten Teppich!" Allgemein fehle in der Gesellschaft, ergo bei den Sendern, Produzenten und Filmschaffenden, eine gewisse Gender-Sensibilität. "Wir sind alle vorurteilsverhaftet", brachte es Panelteilnehmerin Maria Furtwängler auf den Punkt. Die Schauspielerin und Initiatorin bereits genannter Studie will sich selbst davon auch nicht ausnehmen. "Ich kann mich noch gut erinnern, als ich im Flugzeug saß und sich plötzlich eine Pilotin per Durchsage meldete. Es war mein erster Flug mit einer Frau und ich dachte nur: 'Scheiße, wie komme ich hier raus?' Ich bin selbst voller Vorurteile, das sind oft ganz archaische Reaktionen, die fest und tief in uns drin sind. Wir denken über viele Dinge gar nicht nach." Deshalb war es ihr auch ein so großes Anliegen, über ihre Stiftung MaLisa die Genderstudie anzuschieben, um den Druck in der Branche zu erhöhen. Die Folgestudie sei bereits in Arbeit, "2020 werden wir nachmessen, für 2021 ist die Veröffentlichung geplant. Alle Partner sind wieder an Bord", so Furtwängler.

Dass man in den weiblichen Rollenbildern, wie sie uns die Medien widerspiegeln, nach wie vor der Realität hinterherhinkt, lässt sich nicht von der Hand weisen. Auch lässt die Gender Equality hinter der Kamera weiterhin zu wünschen übrig. Dennoch sei Dank der Studie 2017 ein Ruck durch die Branche gegangen, wie die Panelteilnehmer unisono bestätigten. Claudia Simionescu, Redaktion Spiel Film Serie beim Bayerischen Rundfunk, erzählte, dass es bei ihrem Sender längst einen Diversitätsbeirat gebe, dass Initiativen angeschoben wurden, man die Carta der Vielfalt unterschrieben habe - vieles sogar schon lange vor der Studienveröffentlichung. Als Vorbild wurde immer wieder Großbritannien zur Sprache gebracht. Bei Sky UK spiele Diversität eine ganz andere Rolle, wie Marcus Ammon, Senior Vice President Fiction und Entertainment Sky Deutschland, zu berichten wusste. "Bei den britischen Kollegen ist es bereits viel besser gelungen, ein Gespür für dieses Thema zu entwickeln - ohne Quote wohlgemerkt!" Auch die BBC gilt als Paradebeispiel: Innerhalb eines Jahres sei der Anteil in den Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Senders auf über 50 Prozent angestiegen - nicht etwa mit einer Quote, sondern mit dem Aufruf eines freiwilligen Wettbewerbs.

Wie lässt sich nun aber gegen die Geschlechterdifferenz im deutschen Film- und Fernsehmarkt ankämpfen, wie lassen sich die in der Studie "Audiovisuelle Diversität?" Schwarz auf Weiß aufgezeigten Missstände - hinter der Kamera wie on screen - tilgen? Bezüglich der Herangehensweise beim Geschichtenerzählen, der Entwicklung von Fictionformaten fiel in der Gesprächsrunde immer wieder der Appell, bereits in der Stoffentwicklung Gender-bewusst zu agieren. Als ein mögliches Hilfsmittel erwähnte Moderator Stephen Sikder das von Belinde Ruth Stieve entwickelte Gender & Diversity Tool NEROPA. Mit der dort angewandten Methode können Drehbücher nachträglich geschlechtergerechter und diverser gestaltet werden, mit Blick auf alle Rollen.

Marion Haack findet, dass es allgemein zu wenig Protagonistinnen gibt. "Die Sender sollten viel mehr tolle weibliche Hauptrollen entwickeln!" Maria Furtwängler unterstrich, dass es nicht darum geht, nur "starke Frauenfiguren" - ein Ausdruck, den die Schauspielerin nicht mehr hören kann - zu haben. "Klar dürfen wir auch Heldinnen sein, aber es geht auch darum, gebrochene Figuren, böse Figuren spielen zu dürfen." Claudia Simionescu wiederum vertrat die Meinung, dass es nicht der Weisheit letzter Schluss sei, Rollen in bereits fertigen Drehbüchern umzudrehen, eine "Differenzierung ist wichtig. Die fängt bei der Entwicklung eines Stoffes an. Wenn man das macht, dürften sich diese Fragen gar nicht mehr stellen." "Es geht doch darum, was wir uns an Vielfältigkeit erlauben", schob Sabine Derflinger ein. Eine Frage aus dem Publikum zielte darauf ab, ob der vorherrschende Status quo nicht auch die Wünsche der Fernsehzuschauer widerspiegle? Vielleicht wollten die Zuschauer gar nichts anderes sehen? Marcus Ammon musste einräumen, dass der Zuschauer ein "unbekanntes Wesen" sei. "Wir stellen uns natürlich immer die Frage nach dem Zielpublikum. Wir hätten nie gedacht, dass 'Das Boot' von mehr Frauen als Männern angeschaut wird, 'Babylon Berlin' hingegen dominierend von Männern. Das passt nicht in meinen Kopf. Die Planung ist immer sehr schwierig."

Maria Furtwängler gab zum Schluss mit auf den Weg, dass die Macht der Bilder, die man als Medienschaffende produziere, die Vorbilder, die man damit auch kreiere, nicht unterschätzen dürfe. Ganz wunderbar fand sie die BBC-Serie "Bodyguard", in der gleich zu Beginn die Rollen des Terroristen und des Einsatzleiters des SWAT-Teams mit Frauen besetzt waren. Die Sky-Produktion "Der Pass" hingegen hätte mehr Frauenfiguren vertragen. Zu Ammon gewandt sagte sie: "Bei eurer Premiere standen doch fast ausschließlich Männer auf der Bühne. Ich hätte mir einige Rollen vorstellen können, die viel besser mit Frauen gewesen wären." Und keck hinterher: "Was machst'n jetzt?". Und Ammon, ebenso schlagfertig: "Ois anders."

Die Veranstaltung ist demnächst als Mitschnitt bei casting-network zu finden.