Kino

Marc Gabizon: "Wir leben Kino, wir lieben Kino!"

Wild Bunch Germany feiert sein zehnjähriges Bestehen. Der profilierte Independent setzt auf Filme mit Relevanz und will die Produktion verstärken. Geschäftsführer Marc Gabizon über die Herausforderungen des Marktes und die Pläne für die nahe Zukunft.

28.06.2019 09:07 • von Jochen Müller
Marc Gabizon (Bildmitte) steuert von München aus die Geschäfte von Wild Bunch mit Markus Aldenhoven, Head of Legal & Business Affairs, der von Beginn an dabei ist. Pauline Striebeck ist für Acquisitions zuständig. (Bild: Wild Bunch Germany)

Wild Bunch Germany feiert sein zehnjähriges Bestehen. Der profilierte Independent setzt auf Filme mit Relevanz und will die Produktion verstärken. Geschäftsführer Marc Gabizon über die Herausforderungen des Marktes und die Pläne für die nahe Zukunft.

Vor zehn Jahren ist Wild Bunch Germany im deutschen Markt gestartet. War das seither eine Erfolgsgeschichte?

Marc Gabizon: Es ist ja überhaupt eine Erfolgsgeschichte, dass wir noch da sind (lacht). Für einen Independent ist es in einem relativ harten Marktumfeld, in dem sich in den vergangenen zehn Jahren sehr viel getan hat, nicht selbstverständlich, dass man sich hält. Zusammen mit Markus Aldenhoven, der von Anfang an dabei ist, bin ich schon ein bisschen stolz und glücklich auf das Erreichte. Zu uns sind über die Zeit gute Leute gestoßen, und die Tatsache, dass die meisten noch hier sind, spricht dafür, dass es auch Spaß gemacht haben muss. Das ist uns wichtig. Wenn ich auf die Filme zurückblicke, dann gibt es vielleicht ein paar, auf die wir nicht so stolz sind, - das kann überall passieren, - aber die meisten haben uns große Freude gemacht. Diese Wegstrecke von zehn Jahren ist für sich genommen noch kein Grund, sich zu feiern oder sich auszuruhen, aber man darf sich zumindest einen Moment zurücklehnen, ein bisschen schmunzeln und genießen.

Mit welchen Erwartungen ist Wild Bunch in den deutschen Markt gekommen?

Marc Gabizon: Wild Bunch Germany ist eine Tochter der französischen Wild Bunch Paris, die von Anfang an mehrheitliche Gesellschafterin war. Die Idee war, eine autonome Verleiheinheit zu gründen, die in Deutschland Fuß fassen und unter den Independents einen guten Platz finden kann. Der Fokus lag 2009 sehr stark auf der Herausbringung von Spielfilmen. Das hat sich ein bisschen geändert.

Haben sich die Erwartungen für den deutschen Ableger erfüllt?

Marc Gabizon: Es ist immer vermessen, sich selbst zu beurteilen. Aber ich hoffe schon, dass wir eine verlässliche Adresse für Produzenten, Filmemacher, Autoren, Filmverkäufer, Kinobetreiber, für unsere Partner, die TV-Sender und die Förderer geworden sind, und dass wir ganz gute Arbeit leisten. Nach zehn Jahren sollten die Leute wissen, dass es Wild Bunch Germany gibt, und dass es auch gut werden kann, wenn wir dabei sind.

Für welches Programm steht Wild Bunch, was ist Ihr Selbstverständnis?

Marc Gabizon: Wir waren von Anfang an ziemlich eklektisch. Wir waren nie auf ein Genre oder ein Herkunftsland spezialisiert. Unser erster Kinostart war Che" von Steven Soderbergh, wir haben Woody Allen rausgebracht und kurz danach "Der kleine Nick", einen Familienfilm aus Frankreich. Aber wir haben auch den allerersten Paranormal Activity" verliehen, ein Low-Budget-Horrorfilm. Die gemeinsame Linie zwischen diesen Filmen ist hoffentlich gewesen, dass alle diese Filme einen legitimen Platz im Kino haben. Heute sind wir mit Christoph Liedke, der den Kinoverleih und Home Entertainment Bereich verantwortet, sowie zusammen mit Hans Hertel Central Film leitet, nach wie vor überzeugt, so banal und selbstverständlich es klingt, dass man mehr denn je auf die Eignung fürs Kino achten muss. Jeder Film muss eine Einzigartigkeit für ein bestimmtes Publikum haben. Wir bringen viele Kinder- und Familienfilme heraus und achten darauf, dass sie für Familien tatsächlich attraktiv sind und sich als solche gut erkennen lassen. Es nutzt wenig, einen guten Film zu haben, der zu wenig Ansätze bietet, um ihn dem Publikum zu vermitteln. Wir wollen Filme herausbringen, die für sich stehen und gute Vermarktungsansätze bieten. Wir sind froh um jeden historischen Film, der eine wichtige Botschaft emotional vermittelt. Wir sind aber auch froh um schräge und ungewöhnliche Filme, die einfach das Kino zelebrieren oder unauffällig einen Nerv treffen und Menschen berühren. Border" oder "Shoplifters" machen uns genauso glücklich wie ein Pettersson und Findus". Natürlich ist die wirtschaftliche Seite wichtig, aber für uns ist nicht die reine Besucherzahl entscheidend, sondern Qualität, Botschaft und Anspruch des Films.

Wie gut hat sich Wild Bunch im Wettbewerbsumfeld behaupten können?

Marc Gabizon: Ich glaube schon, dass wir uns gut etablieren konnten. Wenn der Markt sich verändert, braucht es immer Zeit, darauf zu reagieren und bis korrektive Maßnahmen sichtbar werden. Für Filme, die wir 2019 herausbringen, sind die meisten Entscheidungen vor ein, zwei, manchmal drei Jahren getroffen worden. In dieser Zeit hat sich der Markt signifikant verändert. Die Besucherzahl mag insgesamt relativ konstant geblieben sein, aber die Filme, die für uns Independents zugänglich sind, ob deutsche Produktionen oder ausländische Filme, die wir kaufen, erreichen insgesamt weniger Besucher. Damit müssen wir leben, genauso wie damit, dass immer mehr Filme ins Kino kommen. Wenn man Alternative Content und Dokumentarfilme mitzählt, nähern wir uns 700 Filmen im Jahr. Da ist es für potenzielle Kinobesucher schwierig, den Überblick zu behalten, und hart für den Verleih, den eigenen Film sichtbar zu machen. In einem Gesamtkontext, in dem wir es mit einer Verknappung von kinoträchtigen Titeln in der Produktion deutscher wie im Einkauf ausländischer Filme zu tun haben, und gleichzeitig ein Überangebot von Kinostarts besteht, hat Wild Bunch eine ganz gute Linie gefunden. Allerdings, nur weil man ein halbwegs gutes Jahr hatte, heißt das nicht, dass man sich für die nächsten fünf Jahre sicher fühlen sollte. Es gilt jedes Jahr aufs Neue ein gutes Line-up aufzubauen. Man kann nur versuchen, so nahe wie möglich am potenziellen Zuschauer zu bleiben, nicht mit altbekannten Rezepten sondern mit größtmöglicher Authentizität in der Botschaft, der Emotion oder dem Unterhaltungsangebot unserer Filme zu agieren. Das ist immer wieder eine Herausforderung, die uns nach wie vor animiert.

Was ist der Grund für die Verknappung kinoträchtiger Titel?

Marc Gabizon: Das liegt an vielen Gründen. Der Boom im TV-Bereich, wenn man die Streamer hier mit einbezieht, hat zu einer geringeren Verfügbarkeit von Talenten geführt. Das gilt für den Cast vor der Kamera, für Autoren, Regisseure und die gesamte Crew. Es ist schwieriger geworden, die guten Leute zu bekommen, was zur Folge hat, dass weniger Stoffe für das Kino umgesetzt werden können. Dass viele gefragte Kreative im TV- oder im Streamingbereich beschäftigt sind, ist nicht nur eine finanzielle Entscheidung. Dort gibt es auch viele kreative Freiräume, und der Qualitätsanspruch ist gestiegen. Das macht also auch Spaß. Wie alle anderen produzieren bzw. koproduzieren auch wir fürs Fernsehen und für die Streamer. Gleichzeitig müssen wir als Kinoproduzent oder Kinoverleiher für die Talente konkurrenzfähig und attraktiv bleiben. Zusätzlich fischen die größeren Verleiher auch in den Gewässern der kleineren oder mittelständischen Independents. "Popular arthouse" wird inzwischen auch von den Majors gesucht, genauso wie lokale, deutsche Produktionen oder der Kinder- und Familienfilm. Und die Konkurrenz ist globaler geworden. Die großen Majors oder Multi-Territory-Konzerne wie Studiocanal oder jetzt eOne, sind mittlerweile in allen Segmenten vertreten, nicht wie früher im "rein kommerziellen Mainstreambereich" wo die Independents naturgemäß weniger stattfanden. Dieser kombinierte Effekt aus Verknappung von Talenten und Stoffen, weniger Programmfluss aus den USA und mehr Konkurrenz in der deutschen Produktion macht die Situation für Independent-Verleiher schwieriger.

Aber hat Wild Bunch durch seine internationale Aufstellung nicht auch besseren Zugriff auf Programm?

Marc Gabizon: Außerhalb von Frankreich und neben Deutschland und Österreich sind wir noch in Italien durch BIM Distribuzione und in Spanien mit Vertigo vertreten, beides Independentverleiher, die schon seit Jahren zu Wild Bunch gehören. Das ist in manchen Fällen von Vorteil, besonders wenn man sich frühzeitig an einem Film beteiligen möchte. Es hilft in der Finanzierungsphase, vier Länder mit einbringen zu können. Als Weltvertrieb fungieren und für den Weltvertrieb mit in die Finanzierung einsteigen zu können, ist gerade auch bei deutschen Filmproduktionen ein wichtiger Vorteil, den wir entsprechend nutzen und ausbauen wollen.

Wie verändert sich der deutsche Markt durch den Einstieg eines Investors wie KKR, mit dessen Mitteln hier ein neuer Independent entstehen soll?

Marc Gabizon: Alle Implikationen lassen sich jetzt noch gar nicht erkennen. Universum Film und die Tele München Gruppe, die nun unter einem Dach operieren, waren auch vorher große Verleiher, aber die Absicht von KKR lässt sich auch an den Einkäufen in Cannes erkennen: Man möchte der größte Independent in Deutschland werden. Im Einkaufsbereich haben wir es mit einem mächtigen Konkurrenten zu tun. Aber ich neige dazu, dass das in vielen Fällen nicht immer unsere Liga ist und uns nicht bei jedem Film betrifft. Wir mussten auch vorher mit der Konkurrenz leben, ob nun von Universum oder Tele München, von den Majors oder inzwischen von den Plattformen, wenn sie alle Rechte global kaufen. Wenn KKR größere Ambitionen hat, dann ist das insgesamt für die Branche gut, weil in den Markt Bewegung und Dynamik kommt. Wir konzentrieren uns auf unser eigenes Programm und fixieren uns nicht fast besessen auf neue Konkurrenz.

Ändert der Kauf etwas an der Partnerschaft mit Universum Film, die für Wild Bunch im Home Entertainment- und im VoD-Bereich Filme auswertet?

Marc Gabizon: Wichtig sind die handelnden Personen. Die Zusammenarbeit mit Universum, die es von Minute eins gegeben hat, ist keine exklusive Kooperation, aber sie ist sehr etabliert und fruchtbar. Die handelnden Personen sind noch da, genauso wie das Vertrauensverhältnis. Wir arbeiten gut zusammen und werden uns die neue Landschaft in den nächsten Monaten anschauen. Aber Stand heute sehen wir keinen Grund, an dieser Kooperation zu rütteln.

Ist Kino in einem Markt, der sich so stark verändert, für Wild Bunch Germany nach wie vor die tragende Säule?

Marc Gabizon: Ja! Wir leben Kino, wir lieben Kino, Kino ist unsere DNA! Das sind unsere Wurzeln, und wir werden Kino auch treu bleiben. Dennoch können wir nicht nur naiv und leidenschaftlich im Markt unterwegs sein, ohne auf die wirtschaftliche Entwicklung von Kino in den letzten Jahren zu achten. Und auch wenn Kino nach wie vor eine zentrale Tätigkeit von uns ist, ist es wichtig für Kinoverleiher, daneben etwas stabilere Säulen aufzubauen, denn Kino bleibt sehr volatil. Gerade weil wir international aufgestellt sind, will Wild Bunch stärker in die Produktion gehen. Und in der Produktion mehrere Länder bedienen zu können, ist von Vorteil. Genauso verfügen wir aus dem Kinobereich über ein gutes Netzwerk an Talenten, was uns hilft, mit ihnen im TV-Bereich zu arbeiten. Kino ist nach wie vor sehr wichtig, aber nicht mehr ausreichend.

Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang Home Entertainment zu, und welche Rolle spielt der digitale Bereich als Wachstumsgeschäft?

Marc Gabizon: Die Zahlen im Videogeschäft können sich im Vergleich zu unseren Nachbarn immer noch sehr gut sehen lassen - manchmal vergessen wir in Deutschland, wie verwöhnt wir sind. Aber trotz solider Zahlen ist klassisches Home Entertainment ein rückläufiger Markt, besonders wenn man im Mittelfeld operiert. Es ist immer noch ein dankbarer Markt für Blockbuster-Produkt und für manche Special-Interest-Titel, aber Filme im Mittelfeld haben kräftig verloren, und das trifft uns auch. Das ist auch digital durch TVoD nicht aufzufangen. Home Entertainment Revenues werden in den nächsten Jahren weiter sinken. Genauso hat FreeTV für viele akquirierte Spielfilme - es gilt also deutlich weniger für die Finanzierung von deutschen Spielfilmen - an Wert verloren, die im Vergleich mit den letzten zehn Jahren auch nicht mehr denselben Stellenwert für die Sender haben. Entsprechend reduzieren sich die potenziellen Erlöse. Kino bleibt sehr wichtig, auch in der wirtschaftlichen Verwertungskette, denn Kino muss schon einen substanziellen Teil der Erlöse bringen. Sehr wichtig geworden sind für alle Verleiher, nicht nur für uns, die Erlöse aus SVoD, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Genauso spielt PayTV eine große Rolle. Beide Erlösquellen sind auch von der Chronologie her relativ ähnlich und für die Refinanzierung unabdingbar.

Welche Rolle spielen die kleineren Sender, nachdem der Rechtehandel mit den großen öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Sendern an Bedeutung verliert?

Marc Gabizon: Die Sender der zweiten oder dritten Generation, aber auch die kleineren Sender sind wichtige Bestandteile der Refinanzierung. Insgesamt ist der FreeTV-Markt kleinteiliger geworden. Früher hat man Rechte in der Regel für längere Zeit an einen FreeTV-Sender verkauft. Heute verkauft man häufiger kürzere Windows, aber an mehrere Sender. In der Summierung sind die kleineren Sender sehr wichtig geworden. Wir waren uns immer der Bedeutung des TV-Markts bewusst und haben immer versucht, nah an diesem Markt und unseren Kunden zu sein.

Sehen sie die Entwicklungsperspektive für Wild Bunch also im Ausbau der Produktion, und zwar der Film-, Fernseh- und Serienproduktion?

Marc Gabizon: Mit Sicherheit. Wir sind in diesem Segment schon jetzt umfassend aktiv. "Deutschstunde" von Christian Schwochow ist ein schönes Beispiel, für das, was wir im Kinobereich tun. Hier sind wir neben Network Movie mit unserem Produktionslabel Senator Film einer von zwei Produzenten. Das illustriert im Spielfilmbereich, wie wir uns engagieren können. Wir sind im Bereich der Co-Produktion sehr aktiv. Zusammen mit Tempest Film sind wir bei der Komödie Meine teuflisch gute Freundin" Produzent gewesen, die in Deutschland und Österreich fast 400.000 Besucher gezählt hat. Oder zusammen mit Little Shark bei Christian Züberts Lommbock". Wir wollen weiter Stoffe entwickeln, versuchen, sie zu finanzieren und dann ins Kino zu bringen. Sowohl lokal in Deutschland, als auch international, in Partnerschaft mit Wild Bunch Paris und den anderen Wild Bunch-Filialen. Ähnlich agieren wir im TV Bereich. Hier entwickeln wir lokale und internationale TV-Movies und mehr noch Serien. In Deutschland beginnen beispielsweise noch in diesem Monat die Dreharbeiten zu dem Event-TV-Movie "Schatten des Lichts", das auf einer Romanvorlage von Jojo Moyes basiert, die Ein ganzes halbes Jahr" geschrieben hat, und als Auftragsarbeit für einen großen privaten Sender produziert wird. Ab September werden wir eine Sitcom für einen öffentlich-rechtlichen Sender drehen. Und mit unserem Entertainment-Format, der Olaf Schubert Show "Olaf macht Mut" sind wir mittlerweile bereits in der dritten Staffel für den MDR und die ARD. Amazon haben wir zwei Formate mit dem Comedian Jan Philipp Zymny geliefert. Das sind alles Beispiele, bei denen Wild Bunch bzw. Senator als Produzent für Programme fungiert, die direkt ans Fernsehen bzw. die Streamer gehen.

Von wo aus wird das gesteuert?

Marc Gabizon: Das wird über die Senator Film von Ulf Israel, der unsere Produktion leitet, von Berlin aus gesteuert. Auch Reik Möller, der u. a. den Bereich Comedy Show verantwortet, sitzt in Berlin. Manche Stoffe werden auch von Köln aus betreut, wo Sonja Ewers mit Schwerpunkt auf Kinder- und Family Entertainment sowie Barbara Mientus mit besonderem Augenmerk für Buchverfilmungen arbeiten, manche Entscheidungen fallen auch in München. Impulse, Ideen und Stoffe können und sollen von vielen Seiten kommen, aber die Gesamtkoordination des Bereichs Produktion sitzt in Berlin.

Was waren die größten Erfolge bisher, und was sind die Projekte, auf die Sie sich besonders freuen?

Marc Gabizon: "Meine teuflisch gute Freundin" war eine sehr gute Erfahrung. Wir lieben den Film, wir finden ihn sehr gelungen und arbeiten an einer Fortsetzung. Im internationalen Bereich war Wild Bunch der Produzent von Blau ist eine warme Farbe". Auch das war eine besondere Erfahrung, insbesondere als der Film mit der Palme d'Or in Cannes ausgezeichnet wurde. Im Serienbereich freuen wir uns besonders auf ein Projekt mit Robert Schwentke, das auf seinem Film "Tattoo" basiert und nächstes Jahr in Produktion gehen soll. Besonders vielversprechend finden wir mit den Kollegen von Wild Bunch Paris auch ein Serienprojekt zu "Doktor Schiwago" mit Michael Hirst, dem Showrunner von Vikings" und Die Tudors". Ebenfalls mit Wild Bunch Paris arbeiten wir an einem Buch von Jean-Christophe Grangé, der "Die purpurnen Flüsse" geschrieben hat. "Lontano" ist eine achteilige Thriller-Serie mit Jean Reno und Mathieu Kassovitz in den Hauptrollen. Das sind alles Stoffe, die sich in der Entwicklung spürbar weiter als das reine Projektidee-Stadium befinden, und wir sind guter Dinge, dass sie alle Ende des Jahres oder nächstes Jahr in Produktion gehen können.

Und in alle diese Projekte sind auch Sie und Wild Bunch Germany involviert?

Marc Gabizon: Viele dieser Projekte entstehen nicht nur in einem Land. Um sie überhaupt zu finanzieren, muss man versuchen, mehrere Partner zusammen zu bringen. Ohne Deutschland als Co-Produzent können bestimmte Projekte nicht gemacht werden. Deswegen sind wir natürlich involviert und dann als deutscher Co-Produzent tätig. Das kann diverse Formen haben, von der federführenden Entwicklung und Herstellung bis zur Rolle eines Junior-Co-Produzenten, die wir beispielsweise bei einem weiteren Projekt einnehmen. Wenn wir so dazu beitragen können, dass ein gutes Projekt entsteht, macht uns das auch glücklich. Der aktuelle Fall heißt "Mirage" und ist eine Co-Produktion mit dem ZDF. Als Projekt ist es Teil der Allianz, die das ZDF mit France Télévisions und RAI gebildet hat. Es ist jetzt in Produktion, gedreht wird in Abu Dhabi und Marokko, im Cast sind von deutscher Seite Hannes Jaenicke und Jeanette Hain dabei.

Was sind für sie Erfolge oder Leistungen der Wild Bunch Germany, auf die Sie besonders stolz sind?

Marc Gabizon: Ganz am Anfang unserer Tätigkeit, waren wir als Wild Bunch bei "The King's Speech" dabei. Mit so einem Film beglückt zu werden, ist ein großer Segen. Die Vorführung auf der Berlinale, und zu erleben, wie der Film das Publikum mitnimmt, das sind schöne Momente gewesen. Auch an einem Film wie Der Geschmack von Rost und Knochen" von Jacques Audiard zu arbeiten, war eine bereichernde Erfahrung. Das gilt auch für "Die Jagd" von Thomas Vinterberg, der eine wichtige Botschaft und uns alle sehr bewegt hat. Wichtig für uns war auch die "Petterson und Findus"-Reihe wegen ihrer Kontinuität, weil wir gesehen haben, dass jeder dieser warmherzigen Filme wieder sein Publikum gefunden hat. Auch Pfefferkörner" hat uns glücklich gemacht, und natürlich war Spring Breakers" von Harmony Korine ein prägendes Erlebnis und klarer Teil der Reise. Und selbst ein Film, der sehr kritisiert und kontrovers aufgenommen wurde, wie "Mackie Messer" war in seiner Einzigartigkeit und Originalität für uns wichtig. Wir wollen ab und zu etwas Ungewöhnliches wagen und Menschen im Kino größere Emotionen vermitteln. Das geht selten ohne Gegenbewegung, aber das muss man in Kauf nehmen. Ich denke, wir dürfen auch stolz sein auf unsere beiden deutschen Co-Produktionen, die noch in diesem Herbst ins Kino kommen, Christian Schwochows großartige Literaturverfilmung "Deutschstunde" und "Mein Lotta-Leben, Alles Bingo mit Flamingo", von Lieblingsfilm nach der überaus erfolgreichen Kinderbuchserie produziert und unter der Regie von Neele Leana Vollmar.

Was sind Ihre Vorsätze oder Ziele für die nächsten zehn Jahre?

Marc Gabizon: Die sind nicht grundlegend neu im Vergleich zu den Vorsätzen, die wir am Anfang hatten. Wir wollen nach wie vor ein freundliches Zuhause für Talente sein. Das ist das A und O, und dies in guten Synergien mit unseren Wild Bunch-Kollegen, damit wir auch international gute Filme und ein gutes Programm machen. Wir versuchen unterhaltsame Stoffe mit Relevanz zu entwickeln, für das Kinopublikum aber auch das Fernseh- und Streamerpublikum. Und wir wollen gute Partner sein für Kinobetreiber, für Produzenten und Talente, für die Sender, die Plattformen und die Förderer. Wir wollen nach dem nun erfolgten Abschluss der finanziellen Restrukturierung auf Gruppenebene konzentriert an vielen Projekten verstärkt arbeiten, aber alle mit einer gewissen Einzigartigkeit in ihrem Feld. Das kann man nur mit guten Leuten erreichen. Also ist eines unserer Ziele, nach wie vor die guten Leute bei uns und um uns herum zu haben und hoffentlich neue aufnehmen zu können.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl.