Kino

KOMMENTAR: Crunchtime!

Die Angst geht um in Hollywood. Zumindest wenn man einem Artikel von Kyle Buchanan in der "New York Times" vom 20. Juni Glauben schenken darf.

27.06.2019 14:16 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die Angst geht um in Hollywood. Zumindest wenn man einem Artikel von Kyle Buchanan in der "New York Times" vom 20. Juni Glauben schenken darf. "How Will the Movies (As We Know Them) Survive the Next 10 Years?" betitelte Buchanan seinen "virtuellen Thinktank", für den er 24 Player vor und hinter den Kulissen in Hollywood befragt hat. Dabei ist wenig von dem, was hier erzählt wird, wirklich neu. Wer Blickpunkt:Film aufmerksam liest, dem wird das meiste bekannt vorkommen. Weil die "New York Times" aber längst nicht so "failing" ist, wie manche US-Politiker es gerne hätten, sollte man die öffentliche Strahlkraft des Textes nicht unterschätzen - nicht zuletzt, weil manche Betrachtungen von Machern wie J J Abrams, Jason Blum oder La La Land"-Produzent Jordan Horowitz durchaus alarmierend sind. Die Disruption, die vor Jahren begonnen hat, schlägt nunmehr voll durch, der Konsum von Content verändert sich durch die digitalen Möglichkeiten so radikal, dass sich das Kino an sich zwar keine Sorgen machen muss, sich gleichzeitig doch anders positionieren muss, wenn es in einer Welt bestehen will, in der Content immer und überall zur Verfügung steht.

Dass just in dieser Woche mit Ann Sarnoff ein in der Kinowelt bislang unbeschriebenes Blatt zur neuen CEO von Warner Bros ernannt wurde, deren Expertise eher im Feld des Fernsehens und der digitalen Verwertung liegt, unterstreicht den fortschreitenden Wandel ebenso wie der Abschied von Bob Berney von den Amazon Studios: Er war das letzte verbliebene Mitglied aus der ersten Phase des Kinoverleihs von Amazon Studios, der sich zunächst voll und ganz der klassischen Kinoauswertung durchaus sperriger Arthousetitel verschrieben hatte, nun aber von der neuen Studiochefin Jennifer Salke - wie Ann Sarnoff eine Veteranin aus der Welt des kommerziellen Fernsehens - komplett neu aufgestellt wird: Die Titel werden kommerzieller und gefälliger, die Kinoauswertung als solche nimmt eine nachrangige Bedeutung ein. Dass in Deutschland gleichzeitig ein Kinohalbjahr zu Ende geht, in dem sich ein leiser Aufwärtstrend ablesen lässt, kann Mut machen, sollte aber nicht Anlass sein, die Hände wieder in den Schoß zu legen. Künftig ist an jedem Tag Crunchtime, muss an jedem Tag um die Gunst des Kunden geworben werden.

Denn die Menschen gehen nicht mehr "to the movies", wie Sony-Studiochef Tom Rothman anmerkt, sie gehen "to a movie". Das ist der Unterschied - und wird den Unterschied ausmachen, wie man das Kinojahr 2019 in Erinnerung halten wird. Die großen Blockbuster werden immer funktionieren. Auf die positiven Ausreißer - wie "La La Land" oder Bohemian Rhapsody" - kommt es an. Hoffen wir also alle, dass Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" funktioniert. Die Zukunft der Branche hängt davon ab. Ein bisschen zumindest.

Thomas Schultze, Chefredakteur