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Ilker Çatak: "Ein Liebesfilm stellt immer ein Wagnis dar"

"Es gilt das gesprochene Wort" (X Verleih, 1. August) eröffnet die Reihe Neues Deutsches Kino beim diesjährigen Filmfest München. Regisseur Ilker Çatak spricht über die Herangehensweise und die Zusammenarbeit mit Produzent Ingo Fliess.

27.06.2019 10:04 • von Barbara Schuster
Ilker Çataks "Es gilt das gesprochene Wort" feiert Weltpremiere in München (Bild: Filmfest München/X Verleih)

"Es gilt das gesprochene Wort" (X Verleih, 1. August) eröffnet die Reihe Neues Deutsches Kino beim diesjährigen Filmfest München. Regisseur Ilker Çatak spricht über die Herangehensweise und die Zusammenarbeit mit Produzent Ingo Fliess.

Von Coming of Age bei "Es war einmal Indianerland" zum erwachsenen Liebesfilm bei "Es gilt das gesprochene Wort": War das eine bewusste Entscheidung?

Ich würde behaupten, "Es war einmal Indianerland" ist auch erwachsen, aber auf eine andere Art. Es steckt auf jeden Fall keine Strategie hinter der Auswahl meiner Stoffe. "Es gilt das gesprochene Wort" war die beste Geschichte, die ich zu jener Zeit in meinem Leben an der Hand hatte und machen wollte/konnte. Und jede Geschichte erfordert ihren eigenen Stil. Der Stil vom "Gesprochenen Wort" hat sich aus den Figuren ergeben. Die Form ist dem Inhalt gefolgt.

Im Gegensatz zu "Indianerland" basiert "Es gilt das gesprochene Wort" auf Ihrer eigenen Idee. Beim Drehbuch haben Sie dennoch wieder mit Nils Mohl gearbeitet. Was war Ihnen bei der Erarbeitung der Geschichte wichtig?

Die Idee hatte ich mit gemeinsam mit Johannes Duncker, einem alten Freund aus Istanbuler Zeiten. Meine Großmutter hatte eine kleine Pension in dem Ort, in dem "Es gilt das gesprochene Wort" auch spielt - Marmaris. Dort habe ich als Kind meine Sommerferien verbracht und durfte beobachten, wie sich "Bezness" - Beziehung/Business zwischen einheimischen Männern und Frauen aus Europa abgespielt hat. Für die Bucharbeit habe ich die Idee dann Nils Mohl dargelegt. Dabei ist uns relativ schnell klar geworden, dass man bei diesem Stoff in ganz viele Klischeefallen tappen kann. In einem ersten Entwurf war Marion zum Beispiel auch noch eine Person, die an die Liebe des nur ausnutzen wollenden Gigolos glaubte. Das haben wir ganz fix umgedreht, weil es so erwartbar ist. Mit Nils ist es immer eine große Freude zu arbeiten, weil er einen unschlagbaren Humor hat und die Dinge sehr stark hinterfragt; wobei ich seine Gedanken dann wiederum hinterfrage. Im Grunde sind wir eigentlich immer nur am gegenseitigen Hinterfragen. Bis wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, dauert es ein bisschen. So war das auch bei dem Drehbuch. Wir waren dreieinhalb Jahre mit der Entwicklung beschäftigt.

Sie haben das Umgehen von Klischeefallen angesprochen, die bei diesem Stoff an vielen Ecken lauern würden... Wie sah denn das Hinterfragen im Schreibprozess aus?

Mich hat eigentlich die ganze Zeit die Angst begleitet, weil ein Liebesfilm immer ein großes Wagnis darstellt. Der Film hätte sentimental oder absehbar oder einfach belanglos werden können. Deshalb haben Nils und ich uns immer wieder gefragt: Was ist der Kern der Geschichte? Wenn man sich nicht mit dem Kern der Geschichte auseinandersetzen will - ein Prozess der oft unterbewusst stattfindet - driftet man in der Bucharbeit ganz unbewusst in Subplots ab, die aber von der eigentlichen Geschichte nur ablenken. Beleuchtet man hingegen nur den Kern, ist es relativ klar, dass wir hier zwei Menschen haben, die einander schon auch gut und toll finden, dieses Gefühl aber nicht artikulieren können, zumal darüber hinaus noch ganz viele andere Dinge zwischen ihnen stehen. Die beiden versuchen, einen Weg für- und miteinander zu finden. Die von Anne Ratte-Polle gespielte Marion ist die komplexere Person; Baran, gespielt von Arman Uslu, ist hingegen relativ simpel gestrickt: Er will einfach nur ein besseres Leben in Deutschland. Marion hat das alles schon. Sie sucht nach anderen Dingen, u.a. nach Sinn. Erst nachdem die Schauspieler besetzt waren, und wir konkrete Gesichter vor Augen hatte, haben sich viele Probleme im Buch aufgelöst. Ein Phänomen.

Im Film werden mehrere Sprachen gesprochen. War es schwierig zwischen Deutsch, Englisch, Türkisch und sogar auch Französisch zu wechseln?

Ich hatte immer den Wunsch, in mehreren Sprachen zu drehen. Im echten Leben ist es ja nicht anders. Unser Leben zeichnet sich durch einen Mischmasch an Sprachen aus. Wir haben uns natürlich Gedanken gemacht, wie wir das umsetzen wollen, ob der Zuschauer bei einer Untertitelung mitgeht. Aber unser Produzent Ingo Fliess war da von Anfang an total cool und fand die Idee eines mehrsprachigen Films super.

Sie haben zum ersten Mal mit Ingo Fliess und dessen if... Productions zusammengearbeitet. Der Film beinhaltet nicht nur mehrere Sprachen, sondern entstand zu großen Teilen auch in der Türkei. Zudem ist ein französischer Koproduzent an Bord... Ging denn alles glatt über die Bühne?

Ich kenne Ingo aus meinem Studium, er ist gelegentlich Dozent an der Hamburg Media School. Schon damals ist er auf mich zugekommen, nachdem er meine Kurzfilme gesehen hatte, und wollte gerne ein Projekt mit mir realisieren. Ich habe ihm 2015 von der Idee zum "Gesprochenen Wort" erzählt, und er war sofort Feuer und Flamme. Wir sind daraufhin in eine Entwicklungsphase gegangen, die Ingo sehr eng begleitet hat. Das Tolle an ihm ist, dass er einem auch den Raum und die Zeit gibt, die es manchmal eben braucht. Er liest dann oft ein Papier und sagt: "Hey, warum fliegt ihr nicht eine Woche nach Venedig, mietet euch eine Wohnung und schreibt?" So hat er mich und Nils drei Mal auf Reisen geschickt. Ohne Ingo hätten wir das so nicht hingekriegt. Und auch während des Drehs hat er alles in seiner Macht Stehende ermöglicht und hat zuvor unseren französischen Koproduzenten Xavier Delmas aus Paris an Bord geholt.

Ihr Kameramann ist wieder Florian Mag. Die Ernsthaftigkeit, die Tiefe ist unglaublich gut in der Kameraführung eingefangen. Wie sind Sie in der Bildgestaltung vorgegangen?

"Es gilt das gesprochene Wort" ist der dritte Film mit Florian. Er ist ein Kameramann, der sich inhaltlich sehr einbringt, vieles hinterfragt. Wir haben es so gemacht wie immer: Wir haben aus den Figuren heraus eine Bildsprache entwickelt. In Marmaris, mit Baran zu Beginn des Films, ist die Kamera freier, weniger gesetzt. Später, in Deutschland, bei Marion, wird sie ruhiger, statischer. Wir haben uns über die Figuren ans Bild vorgearbeitet. An der Stelle ist Zazie Knepper nicht zu vergessen - unsere Szenenbildnerin. Sie hat die Welten erst ermöglicht und dadurch maßgeblichen Anteil an der Bildgestaltung.

Mit Anne Ratte-Polle haben Sie eine starke Hauptdarstellerin. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihr und O?ulcan Arman Uslu, den wir als Baran kennenlernen?

Anstrengend! Das kann ich nicht anders sagen. Arman spricht nämlich nicht nur kein Deutsch, sondern auch kein Englisch. Es gab also keine Sprache, auf der sich Anne und Arman hätten unterhalten konnten. Jede Regieanweisung musste auf deutsch und türkisch erfolgen. Es gab zwar einen Übersetzer, aber das war auch schwierig, besonders wenn man eine intime Szene besprechen wollte und er dann wie ein "Eindringling" danebenstand. Dennoch mochte ich die Idee, dass unser Baran kein Deutsch und Englisch kann und noch nie im Ausland war. Unsere Casterin in der Türkei - Ezgi Balta - hat einen wirklich tollen Job gemacht, sie hat Arman in Bursa am Stadttheater entdeckt!

Es entwickeln sich schöne Momente mit feinem Humor zwischen den beiden, der fast ohne Sprache funktioniert...

Wir haben sehr darauf geachtet, dass es nicht zu flott geht mit Barans Erlernen der deutschen Sprache. Da spreche ich aus Erfahrung. Deutsch ist nämlich erst meine zweite Sprache gewesen - davor konnte ich nur Türkisch. Und ich finde man spürt es in Filmen, wenn jemand die Sprache eigentlich spricht, aber so tut, als wenn er sie nicht kann. Das wollte ich vermeiden.

In einer Zeit, in der sich diese Form von erwachsenem Kino immer schwerer tut: Wie definiert man sich da als Kinoregisseur? Wie entwickelt man seine Visionen?

Das ist ja das große Mysterium, über dem alle brüten. Vermutlich gibt es da keine Formel, außer den inneren Kompass. Ich für meinen Part denke immer: Ist es eine gute Geschichte? Interessieren mich die Figuren? Mit welchen Leuten kann ich die Geschichte umsetzen? Wenn diese drei Parameter stimmen, mache ich den Film und versuche, Cast und Crew einen Raum zu geben, in dem sich jeder entfalten kann. Das ist mein Verständnis von Vision. Natürlich habe ich auch ein Bewusstsein fürs Publikum und stelle mir die Frage: "Wer soll das eigentlich sehen?" Aber als Regisseur darf diese Frage nicht Überhand nehmen, weil man sonst fremdgesteuert ist. Das sind dann Überlegungen, die ins Arbeitsfeld des Produzenten fallen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster