Produktion

Kinodrama über jüdische Greiferin in Vorbereitung

Kilian Riedhof und Michael Lehmann bereiten einen Kinospielfilm über Stella Goldschlag vor. Die Hauptrolle übernimmt Paula Beer. Blickpunkt:Film sprach als erstes mit den beiden Machern.

27.06.2019 10:44 • von Heike Angermaier
Kilian Riedhof und Michael Lehmann bereiten "Last Song for Stella" (AT) vor (Bild: Frank Zauritz, Stefan Malzkorn)

Der renommierte Regisseur und Drehbuchautor Kilian Riedhof nimmt sich nach Gladbeck" einen weiteren Stoff vor, der auf brisanten historischen Geschehnissen basiert. Studio Hamburg Production Group-Geschäftsführer Michael Lehmann produziert "Last Song for Stella" (AT) über die jüdische Greiferin Stella Goldschlag als Kinospielfilm. Für die Titelrolle haben die beiden mit Paula Beer eine herausragende Schauspielerin gewonnen.

Der u.a. mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Kilian Riedhof, der mit Homevideo", Der Fall Barschel" und "Gladbeck" spannend und präzise brisante Themen fürs Fernsehen umsetzte und mit dem Drama Sein letztes Rennen" auch erfolgreich im Kino war, stieß schon vor über 20 Jahren auf die Geschichte der Stella Goldschlag, die Peter Wyden 1992 in "Stella" beschrieb. Erzählt wird von einer jungen Frau im Berlin der 30er Jahre, die eine Karriere als Musikerin anstrebt. Weil sie aus einer jüdischen Familie stammt, muss sie untertauchen. Sie wird gefasst und gefoltert. Um ihre Eltern und sich vor der Deportation zu retten, willigt sie ein, als sogenannte Greiferin für die Gestapo andere untergetauchte Juden ausfindig zu machen und sie zu verhaften. Stella Goldschlag soll von 1943 bis zum Ende des Krieges laut Zeugenaussagen und Polizeischätzungen Hunderte verraten haben. Nach dem Krieg wurde sie vor Gericht gestellt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. 1994 beging sie Selbstmord. Etliche journalistische, dokumentarische und wissenschaftliche Arbeiten beschäftigten sich mit ihr. Stella ist eine Figur in Claus Räfles Dokudrama von 2017 Die Unsichtbaren - Wir wollen leben". Die Romanaufarbeitung "Stella" von Takis Würger wurde Anfang des Jahres im deutschen Feuilleton äußerst kontrovers diskutiert und Wydens Sachbuch auf Deutsch neu aufgelegt. Stella war Hauptfigur in einem Stück der Neuköllner Oper.

"Der Fall Stella Goldschlag fasziniert in seiner Komplexität. Stella ist Täterin aber eben auch Opfer und entzieht sich jeder einfachen Schwarz-Weiß-Zuschreibung", so Riedhof über seine Protagonistin und er führt aus, was ihn persönlich besonders reizte: "Stella ist eine junge, moderne Frau, wie sie es heute auch geben könnte. Sie träumt von einer strahlenden Karriere, sucht nach ihrer Bestimmung in der Welt. Eine Hedonistin, aber mit einer ethischen Unschärfe, die unter den Bedingungen des sogenannten Dritten Reichs verhängnisvolle Konsequenzen hat. Wie diese zunächst unschuldige Frau zu einer Täterin wird, hat uns nicht mehr losgelassen."

Auch Michael Lehmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Studio Hamburg Production Group (SHPG), zu der auch die Berliner Real Film und die Hamburger Letterbox Filmproduktion gehören, mit denen er Erfolgsformate wie Bad Banks" und TV-Movies verschiedener Genres sowie mit der internationalen Produktion Nachtzug nach Lissabon", Simpel" oder nun "Last Song for Stella" (AT) auch ausgewählte Stoffe fürs Kino verantwortet, fand Stellas Wandlung spannend: "Stella Goldschlag hat unmenschliche Taten begangen. Im Zuge unserer Recherchen haben wir aber erkannt, dass sie kein von Grund auf schlechter Mensch war, sondern eine junge Frau, die sich vor den schrecklichen Herausforderungen ihrer Zeit auf einen Pakt mit dem Teufel einließ. Und genau an diesem Punkt liegt für uns die Relevanz für ein heutiges Publikum.",

Riedhof entwickelte gemeinsam mit seinen Autorenkollegen Marc Blöbaum und Jan Braren aus dem nicht einfach zu fassenden Stoff eine Filmgeschichte. Nach "Homevideo", der das komplexe Thema Mobbing unter Schülern auslotet, brachte er die beiden Autoren erstmals zusammen und arbeitet seitdem mit ihnen kontinuierlich an Filmstoffen zusammen. "Die Frage, wie würde ich mich verhalten in einer solchen Lage bzw. wie viel Verräter steckt in jedem von uns, ist für uns zentral. Unsere Herangehensweise an den Stoff ist, ihn nicht aus wohliger, historischer Distanz zu beurteilen, sondern uns in die Zeit bzw. in diese Figur hinein zu versetzen." Das gelte auch für den Zuschauer: "Es wird aus Stellas Perspektive und somit für den Zuschauer radikal erfahrbar erzählt. Wir wollen uns nicht von ihr distanzieren, sondern den Zuschauer spüren lassen, was die Figur erlebt ", fasst Riedhof zusammen. Er betont, dass sich "Last Song for Stella" (AT) stark von Würgers freier Adaption abhebe: "Unser Drehbuch fußt auf eigenen, profunden Recherchen u.a. der beiden Gerichtsprozesse von 1946 und 1957. Wir lasen Stellas Aussagen ebenso, wie die der Zeugen. Deren Widersprüche richtig einzuschätzen, ist eine detektivische Arbeit. Wir sind minuziös in der zeitlichen Abfolge. Die größtmögliche historische Genauigkeit ist uns sehr wichtig" betont Riedhof und erklärt: "Jeder spekulative oder bewusst fiktionalisierende Moment würde der Authentizität von Stellas Charakter Abbruch tun und damit auch der Einordnung ihres Verbrechens. Verwässert man den belegbaren Gehalt bei einer so brisanten Geschichte, wäre das historisch verantwortungslos." Riedhof versichert, dass "Stella" aber kein Doku-Drama werde, sondern sich ähnlich wie "Der Fall Barschel" oder "Gladbeck" an genau recherchierten US-amerikanischen oder britischen Spielfilmen orientieren werde.

Er wollte ebenso wie Lehmann den Stoff von Anfang an für die große Leinwand realisieren: "Für mich ist 'Last Song for Stella' eine Geschichte, die ins Kino gehört. Sie ist hochemotional, psychologisch vielschichtig und politisch relevant. Ich gehe ins Kino, weil ich dort Erfahrungen machen kann, die nicht vorgekaut wurden, sondern denen ich mich in ihrer Ambivalenz aussetzen kann. "Last Song for Stella" braucht die Aura der Leinwand." Vor drei Jahren gingen Riedhof, Blöbaum und Braren mit der Idee zu "Last Song for Stella zu Lehmann. "Wir hielten ihn für genau den richtigen Partner für diese Geschichte", so Riedhof, der in Hamburg studierte und dort lebt und arbeitet. " Michael ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler und Produzent. Er hat ein Herz für große Kinostoffe und wie ich ein Faible für den Jazz der damaligen Zeit." Sie waren sich schnell einig, den Stoff gemeinsam umzusetzen. Auch mit den weiteren Produzenten Günther Russ, seit 2004 bei Studio Hamburg, und Katrin Goetter, seit 2013 bei Real Film, fühle er sich inhaltlich stark verbunden. "Wir wollen alle eine emotionale, intelligente und vor allem für den Zuschauer wahrhaftige Geschichte fürs Kino erzählen."

Außer dass "Stella" die Macher inhaltlich vor eine anspruchsvolle Aufgabe stellt, weswegen es ihnen besonders wichtig war, mit einem ausgereiften Drehbuch an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ein Historienfilm auch in der Finanzierung und weiteren Umsetzung anspruchsvoll und aufwändig. "Wir sind froh aus einer intensiven Bucharbeit mit einem sehr guten Skript gekommen zu sein, in dem die produzentische und Regie-Vision deutlich wird. So können wir weitere potenzielle Partner ansprechen" sagt Lehmann und ergänzt: "Mit Katrin Goetter und Günther Russ habe ich bei Studio Hamburg ein bewährtes Team, mit dem ich hervorragend zusammenarbeite. Sie treiben das Projekt mit aller Kraft voran, was es auch bedarf." Er rechnet damit, dass "Last Song for Stella" ein Budget von jenseits von acht Mio. Euro haben werde. Für Riedhof ist auch das eher eine inhaltliche Frage: Es geht am Ende darum, was man ausspart. Unser Film wird ausschnitthaft, subjektiv und unmittelbar sein. Ein historischer Stoff, der hingegen alles zeigen will, vermeidet Haltung." Mit Stefan Gärtner von SevenPictures haben Lehmann und sein Team bereits einen wichtigen Partner an der Seite. Mit ihm und Verena Schilling arbeitet er schon länger bei "Lindenberg! Mach dein Ding" zusammen. Die Postproduktion und Tonbearbeitung zum Biopic und Zeitporträt läuft. Lehmann beschreibt seine Partner bei SevenPictures als "große Verfechter von starken, ungewöhnlichen Kinostoffen". Gespräche mit Weltvertrieben und Verleihern laufen. Angedacht sei, "Last Song for Stella" als deutsche Geschichte auf Deutsch umzusetzen, wobei mögliche Konstellationen auch einen Dreh auf englisch erforderlich machen könnten, wie es bei "Nachtzug nach Lissabon" der Fall gewesen war, schränkt Lehmann ein. Momentan werden Förderanträge vorbereitet, Motive gesucht.

Und natürlich läuft das Casting. Die erfahrene Nina Haun betreut es. Mit Paula Beer haben Lehmann und Riedhof bereits eine tolle Darstellerin für die Titelheldin verpflichtet. Beer erregte in Poll" 2010 Aufmerksamkeit, wurde für ihre Rolle in Francois Ozons Kriegsdrama Frantz" mit dem Nachwuchspreis in Venedig ausgezeichnet und war 2018 gleich in drei hochkarätigen Projekten präsent, in Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbs-Beitrag "Transit", Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-nominiertem Werk ohne Autor" und in der kritisch wie kommerziell erfolgreichen Serie von Letterbox,' "Bad Banks", die ihr gleich mehrere Auszeichnungen bescherte. Ihre Besetzung ist auch ein weiteres Argument für einen Kinofilm. "Paula Beer ist in ihrer Altersstufe aktuell eine der spannendsten deutschen Kinodarstellerinnen und genießt auch im Ausland enormes Renommee", so Riedhof und Lehmann ergänzt: "Natürlich steht und fällt dieser Film mit der Besetzung. Paula Beer ist eine Schauspielerin, die kein Klischee spielt, sondern bei der man auch die Empathie für ihre Figur nicht verliert, wenn sie sich von einer negativen Seite zeigt." Auch die Besetzung für die Head of Departments läuft. Benedict Neuenfels, der bereits bei "Homevideo" und "Der Fall Barschel" die Bildgestaltung übernahm, wird die Kamera verantworten. Er ist zuletzt für Styx" mehrfach ausgezeichnet worden. Der Filmkomponist Peter Hinderthür wird Jazz-Titel der 30er und 40er Jahre mit einem Score kombinieren, der die Innenwelt von Stella spiegelt.

Dass er den Film erst vor kürzerer Zeit ganz konkret in Angriff genommen habe, erklärt der renommierte Regisseur so: "Je älter ich werde, desto gegenwärtiger wird mir die Zeit des Nationalsozialismus. Sieht man den Alltag und nicht das, was im Geschichtsbuch steht, wird erst klar, wie zugleich banal und ungeheuerlich war, was passierte. Für mich vermittelt die Geschichte von Stella Goldschlag eine völlig neue Sicht auf eine Zeit, die wir allzu gut zu kennen glauben " Riedhof will mit dem Film auch ein Zeichen im Heute setzen: "In Zeiten des aufkommenden Rechtsradikalismus sind wir gezwungen, uns in unserer Haltung zu hinterfragen und klar zur Menschlichkeit bekennen. Vermeiden wir dies, kann das fatale Folgen für uns haben. Stellas Geschichte sollte uns hierfür Warnung sein."