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"Deutschland ist wichtig für unsere Wachstumspläne"

Mitte April startete in Deutschland der transaktionale VoD-Dienst Chili. Vor seinem Besuch beim Filmfest München sprach Blickpunkt:Film mit Firmengründer und CEO Giorgio Tacchia.

26.06.2019 16:17 • von Jörg Rumbucher
Giorgio Tacchia ist Gründer, President und CEO von Chili; einem Entertainment-Unternehmen mit Sitz in Mailand. Tacchia begann seine Laufbahn bei Unilever und wechselte von dort zu Fastweb, einer auf Glasfaserverbindungen spezialisierten Firma. Bei Fastweb arbeitete er zwölf Jahre, zuletzt als Head of Media & TV. 2012 entschied er sich für eine eigene Unternehmenskarriere und gründete Chili. Neben diversen US-Studios und der Investmentfirma Torino 1895 zählt Tacchia zu den Gesellschaftern. (Bild: Chili)

Mitte April startete in Deutschland der transaktionale VoD-Dienst Chili. Vor seinem Besuch beim Filmfest München sprach B:F mit Firmengründer und CEO Giorgio Tacchia.

BF: Lassen Sie uns mit einer einfachen Frage beginnen. Was bedeutet der Name "Chili"? Auf den ersten Blick bietet der Name keinen Hinweis auf einen VoD-Service mit Filmen und Serien.

GT: Wir suchten nach einem Markennamen, der gerade nicht direkt definiert war von der technischen Dienstleistung, die wir anbieten. Es sollte ein Name sein, der sich gut einprägt, international verwendbar ist, der kurz und prägnant und damit schnell lesbar und wiedererkennbar ist. Wichtig aus praktischen Gründen war auch, dass der Anfangsbuchstabe einer der ersten im Alphabet ist, um als App immer weit vorne zu stehen. Irgendwann im Prozess stand der Vorschlag "Chili" im Raum, und mir kam dabei die Markengeschichte von Apple in den Sinn, und ich dachte mir: "Vielleicht ein bisschen verrückt, aber warum eigentlich nicht?"

BF: Wie kamen Sie auf Idee, einen transaktionalen VoD-Service für Filme und Serien zu gründen? Und steht die Idee in irgendeinem Kontext Ihres beruflichen Werdegangs

GT: Direkt vor der Gründung von Chili leitete ich die Abteilung Media & Entertainment bei Fastweb, der Firma, die in Italien die Breitband-Abdeckung mit Glasfaser eingeführt hat. 2012 bin ich dann nach Palo Alto gefahren, um besser zu verstehen, was dort alles passierte. Dort traf ich sehr viele Unternehmer, die kurz darauf zu den wichtigsten innovativen Playern im Unterhaltungsbereich wurden. Netflix, Vudu, Hulu, Roku waren damals zumeist ja noch wenig mehr als Start-Ups mit ehrgeizigen Plänen. Die künftigen Entwicklungslinien dieses Geschäfts waren damals schon deutlich absehbar. Nach meiner Rückkehr nach Italien stellte sich dann eines Tages die Frage, ob wir die Abteilung Media & Entertainment schließen oder ein ganz neues Geschäft aufbauen sollten. Nach den Erfahrungen aus den USA entschied ich mich für Letzteres und wurde, auch für mich etwas unverhofft, zum Unternehmer. Ich habe meine Ersparnisse aus 15 Jahren Arbeit in das Geschäftskapital gesteckt, und los ging es. Wir haben zu fünft angefangen, die Firma aufzubauen, jetzt haben wir 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist schon ein schönes Gefühl.

BF: Soweit wir wissen, zählen Warner Bros., Sony Pictures und Fox zu den Anteilseignern von Chili. Welchen Vorteil hat dies für Ihr Unternehmen?

GT: Die Majors als Gesellschafter zu haben, bringt keine besonderen wirtschaftlichen Vorteile bei Titeln, die ohnehin in die Kinos kommen. In dieser Hinsicht werden wir behandelt wie alle anderen TVoD-Plattformen auch. Aber es ist natürlich hilfreich, durch die sechs Majors eine direkte Beziehung zum Studiosystem in Los Angeles zu haben, wenn es um Marketing, Promotion und um den Zugriff auf das Star-System geht. Natürlich haben wir darüber hinaus auch exklusiv Filme und Serien, für die wir selbst ad hoc Kommunikationspläne entwickeln. Aber auch aus Gründen der Marktbeobachtung ist es für mich eine sehr angenehme und positive Verpflichtung, zweimal im Jahr unseren Investoren in L.A. über unsere Geschäftsentwicklung zu berichten und mich mit ihnen auszutauschen.

BF: Ist es richtig, dass das italienische Kaffee-Unternehmen Lavazza zu den Anteilseignern gehört?

GT: Ja, seit Ende 2017 hat die Lavazza-Familie über ihre Finanzholding Torino 1895, zirka 25 Mio. Euro in Chili investiert und ist damit unser größter Anteilseigner.

BF: Chili startete 2012 in Italien. Welche wichtigen Einsichten und Erkenntnisse haben Sie seitdem gewonnen?

GT: Seit 2012 hat sich das Umfeld in Italien wie in Europa insgesamt enorm verändert: Konsumentenverhalten, Technologien - Breitband und mobile Datenübertragung -, die massive Marktdurchdringung mit multimediafähigen Mobilgeräten, das Wachstum bei Smart TV, in Kürze die 5G-Einführung. Unser relativ früher Start hat es uns erlaubt, einige der Dynamiken in diesem Prozess sehr gut zu verstehen, aber wie alle anderen auch sind wir mit einer Phase radikaler Veränderungen konfrontiert, von der Art und Weise der Mediennutzung bis zu den verschiedenen Typologien von Inhalten. Unsere Aufgabe sehen wir darin, jedem die Möglichkeit zu geben, über jede Art von internetfähigem Endgerät, zuhause und unterwegs alle Spielarten des Kinos genießen zu können.

BF: Warum war der richtige Zeitpunkt gekommen, 2018 nach Großbritannien und in diesem Jahr nach Deutschland und Österreich zu expandieren?

GT: Nach der Gründung 2012 war es unser erstes Ziel, Chili als wichtigen Player in Italien zu etablieren, aber es war immer als zweiter Schritt geplant, die Technologie aufzubauen, die uns einen Launch im Ausland ermöglichen würde. Dabei standen von Anfang an das Vereinigte Königreich, Deutschland, Österreich und Polen im Fokus, weil sie zusammen rund 65 Prozent des finanziellen Marktvolumens in Europa abdecken. Unser Geschäftsmodell basiert auf einer Summe von Einzeltransaktionen, nicht auf einem Abonnement-Prinzip, daher brauchen wir eine so große Zahl von Kunden, dass eine Marktpräsenz in nur einem Land nicht ökonomisch sinnvoll ist, zumindest in Europa. Die erforderlichen Technologien hatten wir schon 2015 marktreif entwickelt, haben uns aber entschlossen zunächst abzuwarten. Wir wollten auf der Angebotsseite zunächst ein wirklich überzeugendes Produkt entwickeln, dass wir in gleicher Form in allen Ländern an den Markt bringen konnten, und genauso haben wir es gemacht, zunächst in Großbritannien und seit April auch in Deutschland. Die Geschäftsentwicklung in Polen läuft hervorragend, und auch in Österreich sind wir inzwischen am Markt.

BF: Wie viele Kunden hat Chili aktuell in Europa? Und welches Ziel haben Sie für die nächsten Jahre?

GT: Wir haben in diesem Jahr die Schwelle von drei Mio. registrierten Kunden überschritten. Im Moment kommt der größte Anteil noch aus Italien, aber die größten Wachstumsraten haben wir derzeit in Großbritannien - und hoffentlich sehr bald auch in Deutschland. Wir wollen die wichtigste transaktionale Plattform in Europa werden - das ist sicher ehrgeizig, wir sind aber auch sehr entschlossen.

BF: War der Markteintritt für Chili in Deutschland schwieriger oder leichter als in anderen Territorien?

GT: Wir sind in Deutschland ja gerade erst kommerziell gestartet, darauf werde ich nach dem Sommer sicher eine bessere Antwort haben. Deutschland ist für uns von besonderer strategischer Bedeutung. Auch wenn die Entwicklung an den Kinokassen 2018 nicht überwältigend war, steht Deutschland immer noch an siebter Stelle weltweit bei Kinokartenverkäufen und Anzahl von Kinosälen und auf dem neunten Platz bei Produktionen. Im Smart-TV-Markt ist Deutschland Italien und Großbritannien um Jahre voraus. Unsere Angebote sind bei aktuellen Filmen zeitgleich mit der Kinoauswertung, allein schon dadurch ist Deutschland zentral wichtig für unsere Wachstumspläne.

BF: Die Wachstumsraten für abobasiertes Streaming sind gigantisch. Immer mehr Haushalte sind bereit, für mehrere Streaming-Services zu bezahlen. Warum glauben Sie trotzdem, dass transaktionales VoD erfolgreich sein kann?

GT: Zunächst einmal gibt es hier eine zeitliche Komponente im Rahmen der Verwertungskette, die uns differenziert: Im Zeitfenster für Einzeltransaktionen können wir brandaktuelle Inhalte kurz nach dem Kinostart anbieten; Inhalte, die auf anderen Plattformen immer eine geringere Präsenz haben werden. Viele Majors haben bereits angekündigt, dass sie ihre Titel in Zukunft nicht mehr über Netflix und Amazon anbieten werden. Wir sind also zu 100 Prozent eine Ergänzung zu den Angeboten von Amazon oder Netlix und in Kürze Apple+ und Disney+. Wir verlangen kein Abonnement, für uns liegt der Wert in jedem einzelnen Titel, von großen Kinofilmen bis hin zu kleinen unabhängigen Produktionen, darunter eben auch qualitativ hochwertige Filme, die oft unter schlechten Vertriebsmöglichkeiten leiden und oft nur viel zu kurz in den Kinos zu sehen sind.

BF: Was unterscheidet Chili von anderen transaktionalen Services? Gibt es spezielle Vorteile für Chili-Kunden?

GT: Chili hat den bislang einzigen unterhaltungszentrierten Marktplatz geschaffen, eine einzige Anlaufstelle für alles was Filmliebhaber interessiert. Wir haben 2012 als digitale Filmbibliothek begonnen; inzwischen sind wir einen Schritt weiter als "one-stop-shop" für alle Unterhaltungswünsche im Film- und Fernsehbereich. Chili bietet unter anderem aktuelle Nachrichten zu Filmen über unser digitales Magazin hotcorn.com, übersichtliche Informationen zu Kinoprogrammen, digitale Inhalte zu Filmen auch nach dem Kinostart und offizielle Merchandise-Artikel. In Kürze werden wir auch DVDs anbieten können, und wir arbeiten an einem Online-Ticketingsystem für Kinokarten. Aber natürlich bleibt das wichtigste Element das Film- und Serienangebot auf Chili. Es ist für uns von zentraler Bedeutung, das Angebot ständig zu erweitern und zu bereichern, auch durch immer engere Zusammenarbeit mit lokalen Produzenten, um deutsche Produktionen zu fördern und zu verbreiten. Das Filmfest München ist dafür ein strategisch wichtiger Ort.

BF: Jeder VoD-Dienst hat ein großes Problem: Wie finden Nutzer die richtigen Inhalte für ihre jeweilige Stimmung? Was meinen Sie: Wie gut muss das Vorschlagsystem sein?

GT: Richtig, bei der ungeheuren Breite unserer Library und einem großen Publikum mit sehr unterschiedlichen Vorlieben sind Vorschlag-Algorithmen von fundamentaler Bedeutung. Nachdem wir einige Produkte von Fremdanbietern ausprobiert haben, kamen wir zu dem Schluss, dass wir diese Systeme selbst entwickeln müssen. Wir sind derzeit in der Testphase. Wir nutzen in unserem Klassifizierungsmodell sowohl selbst generierte Daten, etwa Inhaltsbeschreibungen, Geolokalisierung, Kundendaten, Nutzungshistorie, Tageszeit und Wochentag ebenso wie exogene Daten wie relevante Ereignisse, Jahrestage und Geburtstage bis hin zum Wetter. Wir brauchen all dies, um wirklich zu verstehen, wer uns gegenübersteht, um unseren Kunden zunehmend passgenaue Angebote machen zu können. Das ist aber nicht nur eine technologische Herausforderung. Wir nutzen auch das Wissen und die Filmleidenschaft unserer Mitarbeiter, vor allem in der HotCorn-Redaktion, die ständig Filme vorschlagen - häufig solche, die ungerechterweise in der Versenkung verschwunden sind, und zwar aus der ganzen Geschichte des Weltkinos.

BF: Ist es wichtig, neben Hollywood-Produktionen auch lokalen Content anzubieten?

GT: Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, unseren Kunden auch Inhalte aus ihrer Heimat und ihrer eigenen Filmgeschichte anzubieten. Natürlich sind US-Produktionen wichtig und unumgänglich, aber sie können nicht das einzige Angebot sein. Das ist keine ideologische Überzeugung, wir können das ganz eindeutig an unseren Nutzungsdaten ablesen.

BF: Soweit wir wissen, ist Chili regelmäßig auf Filmfestivals, aktuell beim Filmfest München, präsent. Was versprechen Sie sich davon?

GT: Unser Auftritt beim Filmfest München ist motiviert durch den Wunsch und die Notwendigkeit, direkte Kontakte zu deutschen Produzenten und Verleihern aufzubauen und dadurch die Dynamiken und Bedingungenvor Ort besser verstehen zu lernen. Wir bieten im Gegenzug gute Möglichkeiten, für alle Seiten auch wirtschaftlich interessante Wege der Zusammenarbeit aufzubauen.

BF: Kinobetreiber haben teilweise keine gute Meinung über VoD-Services. Wie denken Sie über die Beziehung von Kino und digitalen Plattformen?

GT: Für mich stehen die Erfahrungen im Kinosaal und auf einzelnen Endgeräten nicht so sehr in Konkurrenz, sondern ergänzen sich gegenseitig. Ich sehe wirklich keinen Kampf bis aufs Messer zwischen Kinosaal und Wohnzimmer. Die spezielle Kinoerfahrung ist unvergleichlich, aber leider nicht immer möglich, sei es aus Zeitgründen, Schwierigkeiten beim Verleih oder schlicht wegen der Kosten. Wir sollten die Augen nicht vor der Realität verschließen, die Situation hat sich in den vergangenen fünf Jahren massiv verändert, und wir sollten zusammen daran arbeiten, ein neues Modell zu erarbeiten, von dem alle im größtmöglichen Umfang profitieren. In anderen Märkten haben wir zum Beispiel Filme als Premium VOD vertrieben - parallel zum Kinostart, aber zu einem deutlich höheren Preis -, und die Nutzerdaten zeigen, dass es Publikumssegmente gibt, die bereit sind, sehr viel mehr für den sofortigen Zugang zu bezahlen. Da gibt es viele andere Beispiele. Wir erhoffen uns auch zu diesen Überlegungen praxisrelevante und schnell umsetzbare Anregungen aus der Publikumsdiskussion zum Thema auf dem Filmfest München.

Das Interview führte Joerg Rumbucher

Chili auf dem Filmfest München

"Euroflix? Unterwegs zu starken (T)VoD-Anbietern in Europa". So lautet ein Panel auf dem Filmfest München, das von dem VoD-Unternehmen Chili präsentiert wird. Thema ist u.a., wie sich deutsche und europäische Produzenten im Umfeld von Online-Plattformen präsentieren können. An der Diskussion am 28. Juni (14 Uhr) in der Black Box im Gasteig nehmen neben Chili-Chef Giorgio Tacchia die Produzentin und Schauspielerin Feo Aladag, der Produzent Wasiliki Bleser (Starhaus) und der Produzent Philipp Kreuzer (Maze Pictures) teil. Moderator ist der Journalist Geoffrey Macnab (Screen International).