Kino

Walt Disney krönt die CineEurope

Auf Walt Disney ist und bleibt in Barcelona Verlass. Auf der Leinwand und darüber hinaus. Das mittlerweile um Fox gestärkte Studio ließ Highlight auf Highlight folgen - und begann mit einem Stargast, der das Auditorium förmlich zum Toben brachte.

20.06.2019 21:33 • von Marc Mensch
To Infinity...and Beyond mit dem Cinema-Team aus München (Bild: BF)

Auch wenn es schwer fällt, am Ende eine übermäßig positive Bilanz einer CineEurope zu ziehen, die geradezu beispielhaft für die von Jahr zu Jahr schwindende Strahlkraft der Veranstaltung stand, lässt sich doch eines sagen: Nach einem toll inszenierten Paramount-Auftritt endete der versöhnliche Mittwoch mit einer Präsentation, die eines globalen Marktführers würdig war.

Dafür, dass praktisch ab Minute Eins allerbeste Stimmung im Auditorium herrschte, sorgte der einzige Schauspieler, der es in diesem Jahr auf die Bühne des CCIB schaffte. Und selbst nach so vielen Jahren in der Branche ist es doch nach wie vor faszinierend zu sehen, wie ein Mensch einen gesamten Saal in seinen Bann schlagen kann. Einfach, indem er ihn betritt. Minutenlanger Applaus und Jubel; absolute kollektive Begeisterung. Etwas, das man in den dreieinhalb Tagen gerne öfter erlebt hätte. Für Tom Hanks war der Auftritt vor dem Fachpublikum ein Exkurs auf einer Promo-Tour für den vierten Teil jener Reihe, mit der Pixars Siegeszug auf den Leinwänden einst begann: "Toy Story". Auch wenn Hanks (augenzwinkernd, versteht sich) sehr klar machte, was für ein Unding es doch sei, Kinobetreiber bereits auf 10:30 Uhr aus dem Bett zu holen, war es selbstverständlich ein enormes Vergnügen, sich anhand des kompletten Films einen Eindruck machen zu können - und nicht nur anhand kurzer Zusammenschnitte.

Apropos "Zusammenschnitte": Davon gab es bei Walt Disney einige zu sehen - und schon zum Einstieg bereitete man mit einem grandiosen Sizzle-Reel unter dem Motto "Two Legends. One Vision" den Boden für die erste Tradeshow auf europäischem Boden, bei der Walt Disney und Fox als Einheit auftraten. Zusammengenommen haben die beiden Studios im laufenden Jahr bereits über sechs Milliarden Dollar Boxoffice erzielt (wovon der Löwenanteil natürlich auf Disney entfällt) - kein Wunder also, dass man von einer "historischen Zeit für das Unternehmen" und einem "phänomenalen Jahr" sprach. "Aladdin" hat übrigens jüngst die Marke von 700 Mio. Dollar weltweitem Boxoffice hinter sich gelassen, "Captain Marvel" die 1,1 Mrd. Dollar übersprungen und "Avengers: Endgame" ist mit 2,7 Mrd. Dollar Boxoffice in Schlagdistanz zu "Avatar" gerückt.

Womit schon der nächste Zusammenschnitt anstand - eine Kompilation wunderbarer Momente an den Sets der bisherigen "Star Wars"-Filme. Wie bei dieser Franchise üblich, zeigt Disney vor Kinostart extrem wenig Material und behandelt Fans und Fachpublikum quasi gleich. Sprich: Außer einer Botschaft von JJ Abrams gab es noch den bekannten Teaser zu "Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers". Passend dazu die augenzwinkernde Ansage: "Wir freuen uns darauf, Ihnen bald schon...auch nicht mehr zu zeigen. Aber glauben Sie uns, Sie werden uns danken!" Und wenn ich ehrlich bin, kann ich dem nur zustimmen: Als hoffnungsloser "Star Wars"-Fanboy will ich so unbefangen wie möglich ins Kino gehen. Danke also schon jetzt? Klar ist jedenfalls, dass die neunte Episode nicht nur den Abschluss einer Trilogie darstellen wird, sondern einen erzählerischen Bogen schließt, der alle bisherigen Kinofilme umfasst - und dass der Film nicht nur den letzten Auftritt von Luke Skywalker alias Mark Hamill markieren wird, sondern auch die verstorbene Carrie Fisher als General Leia Organa zu finalen Leinwandehren kommt.

Ironie des Schicksals, dass "Star Wars" über sechs Kino-Episoden hinweg bei Fox beheimatet war? Nun jedenfalls ist das Studio Teil des Maus-Imperiums - und noch sind längst nicht alle Fragen beantwortet, was künftige Ansprechpartner oder auch die Zukunft des Line-ups angeht. Insofern durfte man durchaus mit einem weinenden Auge darauf blicken, dass das kommende Aufgebot von Fox Searchlight parallel zum 25. Jubiläum der Specialty Division in einem extrem knappen Zusammenschnitt abgehandelt wurde, der jenseits der Titel nicht auch nur das Geringste über die kommenden Filme verriet. Abgespult wurden im Einzelnen "Lucy in the Sky" mit Natalie Portman, "A Hidden Life" von Terrence Malick, der von Guillermo del Toro produzierte Horrorfilm "Antlers", "Downhill" (ein Remake von "Höhere Gewalt") und das satirische Kriegsdrama "Jojo Rabbit" von Taika Waititi ("Thor: Ragnarok"). Eine etwas (zu) knappe Abfertigung eines Labels, dessen Filme 153 mal für den Oscar nominiert waren - und 39 mal gewannen, davon vier mal in der Königskategorie? Könnte man womöglich so sagen.

Deutlich besser erging es da den Mainstream-Titeln von Fox, die ausführlich und (wie die gesamte Show) auf der ungewöhnlichsten Leinwandkonfiguration in der Geschichte der CineEurope präsentiert wurden. Insgesamt sechs Einzelscreens kamen zum Einsatz, um unter anderem "Le Mans 66" anzupreisen, die von James Mangold ("Logan", "Walk the Line") inszenierte Geschichte des legendären Duells zwischen Ferrari und Ford. Es spielen unter anderem Matt Damon und Christian Bale in der tragischen Rolle von Rennfahrer Ken Miles. In "Ad Astra" von James Gray verschlägt es Brad Pitt auf eine hochriskante Mission in die Tiefen des Alls. Das Ziel: Die Rettung der Welt. Sein (vermeintlicher oder echter) Gegner? Sein Vater, gespielt von Tommy Lee Jones. In der Actionkomödie "Stuber" wiederum sichert sich Dave Bautista als knallharter und leicht überambitionierter Detective ausgerechnet die Dienste eines Uber-Fahrers, um die Verfolgung von Verbrechern aufzunehmen. Und in der Bestselleradaption "Enzo und die wundersame Welt der Menschen" begleitet ein Hund seinen Besitzer durch alle Höhen und Tiefen des Lebens, Darsteller in der bewegenden Story sind unter anderem Milo Ventimiglia, Amanda Seyfried und Kevin Costner.

Die "Terminator"-Franchise ist seit ihrem unbestrittenen Höhepunkt mit "Terminator 2: Tag der Abrechnung" durch sehr unterschiedliche Iterationen gegangen, die nicht immer so recht den Nerv der Fans trafen. "Terminator: Dark Fate" soll sich nun auf die Wurzeln besinnen. Wofür nicht nur die Rückkehr von Linda Hamilton und Arnold Schwarzenegger sowie die Produzentenrolle von James Cameron stehen, sondern auch die Tatsache, dass dieser jüngste Teil direkt an den zweiten anknüpft. Für knallharte Action (und den trockenen Humor, der schon "T2" auszeichnete) standen jedenfalls schon einmal die längeren Ausschnitte, die in Barcelona zu sehen waren. Beide Attribute treffen indes auch auf eine andere Franchise zu, die mit "The King's Man" eine Art "Origin Story" bereithält, in der eine ganz eigene Version der Ereignisse erzählt wird, die zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führten. Erneut von Matthew Vaughn inszeniert, zählt der Film zu seinem Top-Cast unter anderem Ralph Fiennes, Gemma Arterton, Stanley Tucci, Djimon Hounsou sowie Daniel Brühl und Alexandra Maria Lara. Und dann wäre da aus dem Fox-Aufgebot noch der jüngste Spaß der Animationsexperten Blue Sky (u.a. "Ice Age"): "Spione undercover", in dem ein Topagent durch ein fehlgeschlagenes Experiment zur Taube wird. "Hilarity ensues", wie der Brite so schön sagt.

Schon bis dahin ein hochkarätiges Programm, doch Disney war noch lange nicht am Ende - und das sogar, ohne über 2020 hinauszublicken, insbesondere nicht auf "Avatar" & Co. Eine Marktmacht, die einen Mitbewerber übrigens zu eher unüberlegten und wirklich nur vordergründig witzigen Bemerkungen auf der Bühne verleitet hatte, die eine Menge Fragen in den Raum stellten - von Disney aber zumindest im Rahmen der Tradeshow geflissentlich ignoriert wurden. Dort wünschte man lieber der in Barcelona nicht mit einer Präsentation vertretenen Sony viel Glück für "Spider-Man: Far From Home", anstatt sich über Flops eines (anderen) Konkurrenten lustig zu machen. Aber was für einen man da hätte ansprechen können!

Egal, wie gesagt: Man drückte lieber die Daumen. Und "man" bedeutet in diesem Fall Marvel-Chef Kevin Feige, der für Disney eine nie dagewesene Erfolgsgeschichte hinlegte, von der zu Beginn nur die zwei jüngsten Beispiele genannt wurden. Rund 21 Mrd. Dollar haben die 22 Filme des Marvel Cinematic Universe bislang eingespielt - und mit "Avengers: Endgame" wurde eine Zäsur geschaffen, die Fans mit Spannung in die Zukunft blicken lässt. Was Marvel geplant habe, wolle man demnach schon bald verraten. Aber noch nicht in Barcelona.

Was uns zur nächsten Erfolgsschmiede unter dem Disney-Dach führt: Pixar. Zwei neue Projekte galt es in Barcelona vorzustellen, zwei innovative Konzepte wurden es wieder. In "Onward" begeben sich zwei Elfen-Brüder auf ein Abenteuer, in einer Fantasy-Welt, die der unseren (bis auf eine Einhorn-Plage) durchaus ähnelt. Auch, weil Magie von Technologie zur Seite gedrängt wurde. Und in "Soul" von Pixar-Urgestein Pete Doctor wird die Frage aufgeworfen, wie es kommen kann, dass Menschen von Geburt an eine ganz eigene Persönlichkeit besitzen. Die Antwort ist denkbar einfach: Seelen werden vorab bestens geschult. Der Frage, weshalb Elsa mit magischen Kräften geboren wurde, geht hingegen "Die Eiskönigin 2" auf den Grund. Zu der erneut von Chris Buck und Jennifer Lee inszenierten Fortsetzung des erfolgreichsten Animationsfilms in der Geschichte des Kinos wurden gleich zwei längere Clips gezeigt, von denen einer einen Song beinhaltete, der ähnliche Ohrwurmqualitäten entfalten soll wie "Let it Go".

Womit wir beim abschließenden Block und (beinahe) einem Film angekommen wären, der auch bei Mitbewerbern von Disney als womöglich wichtigster Titel des Jahres in Deutschland gehandelt wird. Aber bevor "Der König der Löwen" der Disney-Präsentation ein würdiges Ende und der CineEurope einen weiteren einsamen Höhepunkt bescherte, gab es noch erste Impressionen aus drei anderen vielversprechenden Titeln zu sehen: In "Maleficent: Mächte der Finsternis" wird Angelina Jolie in Sachen Bosheit locker von Michelle Pfeiffer ausgestochen, die die Zuneigung von Maleficents Tochter zu ihrem Sohn missbraucht, um einen Krieg heraufzubeschwören. "Jungle Cruise" mit Dwayne Johnson, Emily Blunt und Paul Giamatti weckt Erinnerungen an Franchises wie "Indiana Jones" oder "Pirates of the Caribbean" und punktet nicht zuletzt mit einzigartigen Schauplätzen. Die Inspiration lieferte übrigens (wie bei letzterem) eine der ersten Disneyland-Attraktionen überhaupt. Der titelgebende "Jungle Cruise".

Ganz besonders gespannt darf man auf die Realfilm-Adaption des (persönliche Meinung der Ehefrau des Autors) besten Disney-Animationsklassikers überhaupt sein: "Mulan". Der von Regisseurin Niki Caro inszenierte Film mit Yifei Liu in der Titelrolle holt unter anderem die Martial-Arts-Legenden Jet Li und Donnie Yen gemeinsam auf die Leinwand. Extra für die CineEurope hatte Walt Disney einen weltweit exklusiven Teaser zusammengestellt.

Exklusiv war auch das Erlebnis mit dem Walt Disney die Gäste der CineEurope in (auch das eine einsame Leistung in diesem Jahr) ein Abendessen entließ, das wenigstens mit der Deko ein wenig Hollywood-Luft schnupperte (auch wegen einer Handvoll gecasteter "Besucher", oder?). Nach ersten, absolut umwerfenden Ausschnitten aus "Der König der Löwen" wurde noch "Circle of Life" zum Besten gegeben. Von einem die Bühne ausfüllenden Chor. Gerade in diesem enttäuschenden Messejahr: Eindeutig die Krönung. Nicht weniger.