Produktion

Tony Loeser und Romy Roolf über Motionworks

Tony Loeser gab nach 20 Jahren die Geschäftsführung der Motionworks ab. Blickpunkt:Film sprach mit ihm und Geschäftsführerin Romy Roolf über die Entwicklung des Studios und der Animationsbranche.

20.06.2019 09:41 • von Heike Angermaier
Tony Loeser und Romy Roolf (Bild: Motionworks)

Tony Loeser gab nach 20 Jahren die Geschäftsführung der Motionworks ab. Blickpunkt:Film sprach mit ihm und Geschäftsführerin Romy Roolf über die Entwicklung in der Animationsbranche und des Studios.

Sie haben Motionworks vor 20 Jahren gegründet. Wie hat sich die Firma entwickelt?

Tony Loeser: Wir haben die Firma zu zweit, Romy Roolf und ich, gegründet und sind mittlerweile auf 26 festangestellte und bis zu 70 freie Mitarbeiter gewachsen. Zu Anfang haben wir viele Künstler und Produktionskräfte aus ganz Deutschland und der Welt rekrutiert, weil es hier in Halle niemanden oder fast niemanden mit der passenden Qualifikation gab. Wir haben unsere Leute selbst ausgebildet. Inzwischen stammen 90 Prozent unserer Mitarbeiter aus der Region.

Romy Roolf: Es ist uns sehr wichtig, Talents aus Mitteldeutschland zu beschäftigen. Es gibt hier sehr viele Hochschulen und entsprechend gut ausgebildete Nachwuchstalents, die wir im Animationsbereich spezialisieren. Wir setzen diese Fachkräfte bei den großen internationalen Produktionen auch bei unseren Partnerstudios im Ausland ein. Sie sorgen für die Einhaltung unserer Qualitätsvorgaben und der Produktionspläne.

Was war bzw. ist der Schwerpunkt der Firma?

Tony Loeser: Das Grundprinzip unserer Firma basierte und basiert auf einer Mischung aus Eigenproduktion und Dienstleistung. Wir haben mit einem eigenen Spielfilmprojekt begonnen, "Globi und die gestohlenen Schatten" bzw. "Globi und die Schattenräuber" und parallel als Dienstleister bei "Der kleine Eisbär" für Cartoon Film Berlin gearbeitet. Uns war von Anfang an klar, dass wir Partner für unsere Projekte brauchen und haben auf internationale Koproduktionen gesetzt. Das hat sich in 20 Jahren bewährt, in denen wir ein stabiles Netzwerk an Finanziers und anderen Partnern aufgebaut haben, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten.

Was waren die wesentlichsten Veränderungen in der Animationsbranche?

Tony Loeser: Zum einen die technische Veränderung hin zur digitalen Welt. Wir arbeiten nicht mehr mit Rein- oder Zwischenphasenzeichnern, sondern mit Administratoren, Pipeline und Technical Directors, Spezialisten, die scripten können und die Pipeline auf die speziellen Bedürfnisse einer Produktion programmieren. Zum anderen findet gerade eine für uns viel dramatischere Entwicklung statt. Es gibt immer weniger Möglichkeiten zum Abspiel von Animationen für Kinder. Die öffentlich-rechtlichen Sender ziehen sich immer weiter aus dem Bereich zurück. Sie kaufen mehr Lizenzen statt eigene Inhalte in Auftrag zu geben. Beim Rückgang in Auftrags- bzw. auch Koproduktion gibt es allerdings eine positive Ausnahme zu beachten, den MDR und das ZDF. Wenn man bedenkt, dass acht Prozent der Deutschen Kinder sind und für Programm für sie maximal ein bis 1,5 Prozent des öffentlich-rechtlichen Budgets ausgegeben wird, dann ist das ein deutliches Missverhältnis.

Romy Roolf: Wir haben auf diese Entwicklung reagiert, unser Portfolio erweitert und unseren Fokus auch auf Hybridprojekte gelegt, Projekte, die Animations- und Realfilm kombinieren, wie in dem Spielfilmprojekt Coppelia". Und wir haben die Zielgruppe vergrößert. Wir produzieren nicht mehr nur für ein sehr junges bis neunjähriges Publikum, sondern auch für ältere Kinder und junge Erwachsene.

Sie stoßen auch in andere Bereiche vor, wie der Herstellung von Apps u.a..

Romy Roolf: Ja. Wir konzeptionieren crossmedial, bedienen alle Medien. Zu unserer großen Animationsserie Die Abenteuer des jungen Marco Polo" haben wir zum Beispiel eine Spieleapp entwickelt und produziert. Zuletzt haben wir im März die App "Der bronzene Himmel" über die Himmelsscheibe von Nebra zusammen mit einem Comic auf den Markt gebracht. Dazu entwickeln wir gerade eine Serie, für die wir erste positive Signale von einem Sender bekommen haben.

Tony Loeser: Es gab eine große Umwälzung im Medienmarkt. Was uns noch fehlt im klassischen, seriellen Bereich ist eine Zusammenarbeit mit Playern wie Netflix und Amazon. Ich denke, die Streaminganbieter werden ihr Engagement im Kinderbereich noch ausweiten.

Romy Roolf: "Marco Polo" ist übrigens als erste deutsche Animationsserie an Netflix verkauft worden. Beta Film, die schon zu Beginneingestiegen waren, veräußerten die SVOD-Rechte für USA, Großbritannien, Australien und Neuseeland. Momentan knüpfen wir direkten Kontakt zu Amazon Prime.

Herr Loeser, Sie haben als Geschäftsführer und auch kreativ als Regisseur u.a. der "Mullewapp"-Filme gewirkt. Wie haben Sie beides vereinbart?

Tony Loeser: Das ist im Animationsbereich eigentlich üblich. Ich sehe da keinen Widerspruch und den Job des Produzenten als kreativ. Der Produzent entwickelt Stoffe. Er begleitet den Film von der ersten Idee bis zur Fertigstellung. Er hat den Überblick im Gegensatz zum Drehbuchautor oder Regisseur, die nicht in allen Phasen involviert sind. Es ist nicht wie manche glauben, dass der Produzent nur das Geld besorgt und verwaltet. Ich komme aus dem inhaltlichen Bereich. Die Idee zur Gründung der Firma war ja, Projekte, die man toll findet, Bücher oder eigene Stoffideen wie die zu "Marco Polo", selbst umzusetzen und durchzuführen.

War "Mullewapp" ein typisches Projekt für die Firma? Es begann als Serie, später wurden zwei Filme realisiert.

Tony Loeser: Wir haben am Anfang lange mit den Autoren der Kinderbücher Helme Heine und Gisela von Radowitz über die Umsetzung gesprochen. Als Schöpfer der Figuren und Geschichten gibt man seine Kreationen nur ungern aus der Hand. Wir haben ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufgebaut, mit einer Serie für den WDR angefangen, als Teil der Sendung mit der Maus". Sie war so erfolgreich, dass wir eine zweite Staffel produzierten und begannen über einen Spielfilm nachzudenken. Die Figuren der Freunde Johnny Mauser, Franz von Hahn und der dicke Waldemar boten sich dafür an.

Wird es noch weitere Projekte um die Freunde aus Mullewapp geben?

Tony Loeser: Nein, vorerst nicht. Nach dem zweiten Spielfilmabenteuer aus dem Jahr 2016 war das "Mullewapp"-Universum für uns auserzählt. Wir konzentrieren uns auf die Eigenentwicklung "Marco Polo", zu der die zweite Staffel Anfang des Jahres bei KiKa ausgestrahlt wurde und zu der wir nun einen Kinofilm planen. Wir arbeiten mit mehreren Autoren zusammen am Buch, u.a. mit einem kanadischen. Der Film ist als internationale Koproduktion angedacht, da man wie gesagt allein aus Deutschland heraus nicht die Finanzierung schließen kann. Der Verkauf an Netflix hat ja bewiesen, dass der Stoff auch für den internationalen Markt interessant ist.

Romy Roolf: Wir stecken Referenzgelder und Eigenmittel in die Entwicklung. Wir sind noch in einer sehr frühen Phase, aber das Buch ist auf einem guten Weg.

Gab oder gibt es ein besonders wichtiges Projekt für Ihre Karriere, Herr Loeser?

Tony Loeser: "Der kleine Eisbär" hat bei unserem Einstieg als neues Studio in die Animationswelt geholfen und unser aktuell wichtigstes Projekt ist "Marco Polo".

Seit 1. Juni sind Sie nicht mehr Geschäftsführer. Wie bleiben Sie der Firma verbunden?

Tony Loeser: Ich bleibe Gesellschafter und bin künstlerischer Berater. Es gibt auch noch überlappende Projekte, um die ich mich weiter kümmere, wie die Serie "Labyrinth der Lüge" für das ZDF, für das wir die Drehbücher fertig machen.

Was geben Sie ihren Nachfolgerinnen Romy Roolf und Grit Wißkirchen in der Geschäftsführung auf den Weg?

Tony Loeser: Es ist eine schöne Übergabe. Ich habe großes Vertrauen in die beiden. Zum einen, weil Romy Roolf ja wie gesagt bereits seit 20 Jahren dabei ist, als ausführende Produzentin und Prokuristin arbeitete und mit allem, was die Firma betrifft, bestens vertraut ist. Zum anderen, weil Grit Wißkirchen eine Kraft ist, die auch schon lange in der Animationsbranche zu Hause ist, u.a. 16 Jahre als Geschäftsführerin bei Balance Film. Mit ihr und ihrer Firma Filmvermoegen gemeinsam realisieren wir die dritte Staffel der Koproduktion mit Le Film de l'Alecan Boris" für MDR.

Romy Roolf: Grit und ich kennen uns seit langem. Seit einem Jahr co-produzieren wir bereits. Pariser Produzenten für eine TV Serie suchten einen deutschen Partner und fragten Grit Wißkirchen, die wiederum für die Umsetzung mit ihrer neuen Firma an ein größeres Studio andocken wollte. Sie stellte uns die Serie vor und wir waren, nachdem der MDR und der KiKA zugesagt hatten, gerne dabei. Wir freuen uns nach dieser Zusammenarbeit auf die gemeinsame Führung der Motionworks.

Wie stellen Sie sich für die Zukunft auf?

Romy Roolf: Wir verfügen beide über zuverlässige Netzwerke, haben starke Stoffe und uns viel vorgenommen. Wir kleben nicht an der Vergangenheit, sondern richten uns mit Motionworks auf den sich rasant verändernden Markt aus, fühlen uns für die Zukunft gut gerüstet. Das Kerngeschäft bleiben Serien und Kinofilme, aber wir denken wie gesagt unsere Konzepte crossmedial und möchten weitere Abspielmöglichkeiten auftun.

Die Fragen stellte Heike Angermaier