Kino

Warner spielt die Trümpfe aus

Ein Auftritt, der über weite Strecken zum Gruseln war - im allerbesten Sinne, versteht sich. Mit einer starken Slate und tonnenweise exklusivem Material legte Warner in Barcelona eine großartige Tradeshow hin.

18.06.2019 13:17 • von Marc Mensch
Genossen die Warner-Tradeshow: Gregory Theile (Kinopolis) und Christian Langhammer (Cineplexx) (Bild: Marc Mensch)

Eines vorweg: Man durfte sich schon im Vorfeld zurecht fragen, ob die im Programm bis zuletzt angekündigten 60 Minuten Präsentationszeit für einen Major mit einem so breiten Programm wie Warner denn ernsthaft ausreichen könnten - insbesondere eingedenk der Tatsache, dass quasi jeder Tradeshow bei der CineEurope noch ein Sponsoren-Slot vorgeschaltet ist, der im Fall von Dolby immerhin gute zehn Minuten in Anspruch nahm. Und natürlich lautete die Antwort: Nein, nicht einmal annähernd. Was aber durchaus positiv zu sehen ist, denn von der Warner-Präsentation hätte man keine Minute missen wollen.

Kurz noch ein Rückblick auf 2018. Ein Jahr, in dem Warner nicht nur ein sehr gutes, sondern sogar das beste Jahr seiner Geschichte feiern konnte. Rund 5,6 Mrd. Dollar standen am Ende auf der Uhr - von denen 3,63 Mio. in den Märkten außerhalb Nordamerikas erzielt werden konnten. Spitzenreiter im Warner-Aufgebot war "Aquaman", der das filmische DC-Universum mit rund 1,1 Mrd. Dollar globalem Boxoffice zu neuen Höhenflügen katapultierte (und nebenbei bemerkt aus Sicht des Autors den Aufpreis für 3D doppelt und dreifach wert gewesen wäre). Womit wir schon bei der Headline wären, die natürlich nicht ganz zufällig gewählt wurde. Denn in die Reihe von Trumpf oder Ass fällt auch der "Joker" - und ebendieser sorgte bei der Präsentation in Barcelona für einen Einstieg nach Maß. Wer dachte, Warner würde sich auf den gerade erst zur CinemaCon veröffentlichten Trailer beschränken, sah sich positiv überrascht - denn gleich mehrere brandneue Szenen stimmten auf das potenzielle Meisterwerk von Todd Phillips ein, in dem Joaquin Phoenix in der Titelrolle locker jene (hohe) Messlatte zu erreichen scheint, die Heath Ledger einst in "The Dark Knight" gelegt hatte.

2020 folgt aus dem wachsenden DC-Universum "Birds of Prey - The Fantabulous Emnacipation of Harley Quinn", in dem Hauptdarstellerin Margot Robbie (die auch produziert) ihre Rolle aus "Suicide Squad" in eine neue Richtung führt. Die Rolle des Schurken kommt diesmal Ewan McGregor zu, inszeniert wird der Film von Cathy Yan. In "Wonder Woman 1984" trifft Gal Gadot in der Titelrolle auf Kristen Wiig als Widersacherin - und erfährt erneut Unterstützung durch Chris Pine. Zu diesem DC-Highlight gab es bereits zwei längere Behind-the-Scenes-Clips mit etlichen Filmszenen zu sehen. Ebenfalls nicht hinter dem Berg hielt Warner mit im wahrsten Sinne des Wortes gewaltigen Impressionen aus "Godzilla vs Kong" - und zeigte mehrere Minuten an teils noch am Anfang des Postproduktionsstadiums stehenden Ausschnitten.

Noch nicht mit Bewegtbild aufwarten konnte man zu "Just Mercy", "Tenet", "The Witches" und "Richard Jewell", von denen sich zwei an wahren Begebenheiten orientieren. So ist "Just Mercy" die Adaption der Memoiren von Bryan Stevenson, der sich als Professor der New York School of Law und Gründer der Equal Justice Initiative für die Rechte von Minderheiten und sozial Benachteiligten im US-Justizsystem einsetzte. Es spielen unter anderem Michael B Jordan, Jamie Foxx und Brie Larson. "Richard Jewell" von Altmeister Clint Eastwood wiederum dreht sich um einen Wachmann, der nach dem Bombenanschlag auf die Olympischen Spiele in Atlanta zunächst als Held gefeiert wurde, dann aber (zu Unrecht) zu einem Hauptverdächtigen wurde.

Worum sich "Tenet" konkret dreht, bleibt weiterhin noch ein Geheimnis, bekannt ist immerhin, das es sich um einen Spionagethriller handeln wird. Besonders spannend ist das Projekt alleine schon wegen des Mannes, der auf dem Regiestuhl sitzt und auch das Drehbuch verfasst hat: Christopher Nolan. Auch die Namen der Hauptdarsteller stehen bereits fest, darunter John David Washington, Robert Pattinson, Kenneth Branagh, Clemence Poesy, Michael Caine und Elizabeth Debicki. Nolan arbeitet nach "Interstellar" und "Dunkirk" erneut mit Kameramann Hoyte van Hoytema zusammen. Und die Fantasy-Komödie "The Witches" von Robert Zemeckis ist eine neue Leinwandadaption des gleichnamigen Buches von Roald Dahl (u.a. "Charlie und die Schokoladenfabrik"). Vor der Kamera agieren unter anderem Anne Hathaway, Octavia Spencer, Stanley Tucci und Chris Rock.

In Gangsterfilmen geben zumeist Männer den Ton an. Ganz anders ist dies in "The Kitchen: Queens of Crime", in dem eine Gruppe von Frauen die Dinge in die Hand nehmen muss, nachdem ihre Männer im Gefängnis landen - und die dabei eine Blutspur durch die irische Mafia ziehen. Aus dem Film von Regisseurin Andrea Berloff (die zuvor unter anderem das Drehbuch zu "Straight Outta Compton" schrieb) gab es bereits eine lange Promorolle zu sehen, die unter anderem Melissa McCarthy und Tiffany Haddish von ungewohnt harter Seite zeigte.

"Blinded by the Light" ist nicht nur der Titel eines Songs von Bruce Springsteen, sondern auch jener eines Films, der sich an der Lebensgeschichte des Schriftstellers Sarfraz Manzoor orientiert, welcher sich im London der späten 1980er Jahre als Junge pakistanischer Abstammung von den Liedern Springsteens dazu ermutigen ließ, seinen Weg zu gehen. Dass der Film großen Wert auf die musikalische Untermalung legt, versteht sich wohl von selbst. Mit "Der Distelfink" wiederum adaptiert John Crowley ("Brooklyn") einen mit dem Pulitzer Preis prämierten Bestseller, eine Coming-of-Age-Geschichte der etwas anderen Art, in der ein Teenager seine Mutter bei einem Bombenanschlag verliert. Ein Herzensprojekt für Edward Norton ist der Kriminalfilm "Motherless Brooklyn", den Norton in Personalunion als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller verantwortet und in dem er einen Ermittler mit Tourette-Syndrom spielt, der den Mord an seinem Mentor (Bruce Willis) aufzuklären versucht. In weiteren Rollen: Leslie Mann, Willem Dafoe und Alec Baldwin.

"Torrance" ist aktuell noch der Arbeitstitel eines Dramas, das Ben Affleck wieder mit Regisseur Gavin O Connor ("The Accountant") vereint. Affleck spielt darin einen ehemaligen Basketballstar, der sein Leben der Sucht geopfert hat und im Basketballteam seiner alten Schule eine neue Chance findet. Als gealterter Trickbetrüger trifft Ian McKellen in "The Good Liar" von Bill Condon auf Helen Mirren - und jede Menge Probleme. Jede Menge Spaß wiederum machte ein grandios eingespieltes Sizzle-Reel, in dem die Belegschaft der Warner Animation Group zu den Klängen von "Any Way You Want It" im Schnelldurchlauf vier kommende Animationstitel vorstellte: "DC Super Pets", "Space Jam 2", "Tom & Jerry" und "Scoob!".

Womit wir beim abschließenden Block der Warner-Präsentation wären - und einem Genre, dem das Studio gemeinsam mit New Line einen ganz besonderen Stempel aufgedrückt hat. Mit der "Conjuring"-Reihe schuf man die weltweit erfolgreichsten Horror-Franchise, die es bislang auf über 1,5 Mrd. Dollar globales Boxoffice bringt - und selbstverständlich in die Verlängerung geht. Jüngster Titel ist "Annabelle 3", der das Erfolgsrezept konsequent fortsetzt, der schon in ersten Ausschnitten für erhöhten Pulsschlag sorgte (An die aufmerksamen Stammleser: Diesmal hatte der Autor seinen Stift vorab sicher verwahrt) und den Warner am Abend auch noch in voller Länge zeigte.

Besonders ausführlich fiel im Anschluss der exklusive Ausblick auf eines der vermutlich spannendsten Projekte im Horror-Genre überhaupt aus: "Doctor Sleep", die Adaption des gleichnamigen Romans von Stephen King, der die Fortsetzung seines Kultbuches "The Shining" darstellt. Der Film setzt dabei nicht nur den Bestseller um, sondern knüpft bei der Rückkehr an den ikonischen Schauplatz auch visuell an Stanley Kubricks Meisterwerk an. Unter der Regie von Mike Flanagan spielt Ewan McGregor den mittlerweile erwachsenen Danny Torrance, dessen Gabe ihn - und andere - zum Ziel bedrohlicher Wesen macht. Flanagan arbeitet für seinen Film nicht nur eng mit Stephen King, sondern auch dem Kubrick Estate zusammen.

Und apropos King - da wäre ja noch ein Film, dessen Vorgänger zum weltweit erfolgreichsten Horrortitel überhaupt avancierte. Allzu viele Worte muss man über "ES: Kapitel 2" womöglich nicht verlieren. Außer, dass die langen, exklusiven Ausschnitte wirklich jede Erwartung an das Material und die starbesetzte Cast um unter anderem James McAvoy, Jessica Chastain, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, James Ransone und natürlich Bill Skarsgard in der Rolle des Pennywise mehr als nur erfüllte. Das wird groß!