Kino

CineEurope: Diversifizierung als Gebot der Stunde

Traditionell startet die CineEurope mit einem Auftakt in Form des ICTA-Seminars. Das nicht zuletzt mit einem nüchternen Blick auf den Status Quo des Kinos überzeugen konnte.

17.06.2019 21:08 • von Marc Mensch
Das ICTA-Seminar lieferte erneut viel Diskussionsstoff vor dem eigentlichen Beginn der CineEurope (Bild: BF)

Keine Frage: Auch wenn es sich regelmäßiger Unkenrufe zu erwehren hat, ist das Kino weltweit nach wie vor auf Wachstumskurs - und das nicht nur nach (naturgemäß nicht inflationsbereinigtem) Umsatz. Allerdings ist dieses Wachstum relativ teuer erkauft, wie das Seminar der International Cinema Technology Association (ICTA) am Vorabend der CineEurope einmal mehr verdeutlichte. In diesem Fall mit dem Vergleich der Jahre 2013 und 2018. Laut Erhebungen von IHS Markit stiegen die weltweiten Ticketverkäufe in diesem Zeitraum um 15,3 Prozent. Ein Wert, der sich gerade in Anbetracht wachsender medialer Konkurrenz absolut sehen lassen kann - der allerdings auch mit einem Ausbau des globalen Leinwandparks um ganze 40,2 Prozent erzielt wurde.

Dabei zeigen sich massive regionale Unterschiede. So stieg die Zahl der Leinwände in Nordamerika in diesem Zeitraum um 2,1 Prozent - die Besucherzahlen sanken jedoch um 1,5 Prozent. Ebenso schwach fällt das Verhältnis in Westeuropa aus, wo die Zahl der Säle zwar um 5,5 Prozent zunahm, die Besucherzahlen aber nur um 0,5 Prozent stiegen. Während der asiatisch-pazifische Raum mit 23,3 Prozent mehr verkauften Tickets punkten kann, geht dieser Erfolg (auch) auf eine Steigerung der Leinwandzahl um satte 109,9 Prozent zurück. Nicht umsonst mahnen Experten, dass das enorme Wachstum beispielsweise in China mit Auslastungsraten korrespondiert, die nicht gerade Anlass für Rekordmeldungen geben.

Spitzenreiter im Wachstumsranking ist Afrika als einziger Kontinent, bei dem der Leinwandzuwachs (18,9 Prozent) gegenüber dem Besucherwachstum (31,7 Prozent) verblasst. Wobei man gerade mit Blick auf Deutschland einen wesentlichen Faktor nicht außer Acht lassen sollte: den Trend hin zu kleineren Auditorien respektive zu "Premium"-Sälen, bei denen Sitzplätze zugunsten des Komforts geopfert werden.

Apropos "Premium": Was unter diese Klassifizierung fällt, liegt durchaus im Auge des Betrachters - aber die Erhebungen von IHS Markit machten doch sehr deutlich, dass Deutschland im Vergleich mit den europäischen Lead-Märkten Frankreich und Großbritannien verhältnismäßig wenig aufgeschlossen gegenüber Konzepten ist, die gemeinhin unter die Klammer "Premium Large Format" gefasst werden, was nicht nur die absoluten globalen Marktführer Imax und Dolby Cinema umfasst, sondern auch proprietäre Marken der einzelnen Betreiber. Hier lief 2018 vor allem Großbritannien dem deutschen Markt den Rang ab - auch wenn Charlotte Jones von IHS Markit dem westeuropäischen Markt insgesamt attestiert, nicht unbedingt Treiber beim Thema PLF zu sein.

Ganz grundsätzlich muss man sich der Tatsache stellen, dass die europäischen Kinomärkte unter dem Strich zwar sehr stabile Zahlen liefern, die Bedeutung des Kontinentes im internationalen Boxoffice-Geschehen jedoch massiv abgenommen hat, wie Arturo Guillen von ComScore betonte. Über 50 Prozent der weltweiten Kinoumsätze stammen mittlerweile aus zwei Märkten: Nordamerika und China. Zusammen mit Indien werden dort rund 65 Prozent aller Tickets verkauft. Apropos Indien: Der riesige Markt (rund 24 Prozent der weltweiten Besuche werden hier generiert) drückt den weltweiten Durchschnittspreis signifikant. Dieser lag zuletzt bei 5,20 Euro - und hätte ohne Berücksichtigung von Indien rund sieben Euro erreicht. Bedeutsam ist das Übergewicht der Kernmärkte nicht zuletzt aus inhaltlicher Sicht - auch wenn große Blockbuster darauf geeicht sind, ein möglichst breites weltweites Publikum anzusprechen.

Aber noch einmal zurück zum PLF-Primus Großbritannien: Die Frage, weshalb die Besucherzahlen dort im vergangenen Jahr auf dem höchsten Stand seit Anfang der 1970er landeten, konnte weder beim ICTA-Seminar, noch bei der einleitenden "Elefantenrunde" zur CineEurope auch nur annähernd befriedigend beantwortet werden - insbesondere nicht hinsichtlich der Annahme, deutliche Preisreduktionen großer Player wie Vue hätten den Besuch signifikant ankurbeln können. Dass wir von einer Kombination unterschiedlichster Faktoren sprechen, liegt auf der Hand - aber gerade die Preisfrage rückt vor dem Hintergrund der Resultate des laufenden Jahres doch wieder in den Vordergrund. Schließlich ist Großbritannien im Minus, während beispielsweise Deutschland (trotz eines bislang schwachen Junis) einigermaßen deutlich im Plus rangiert.

Charlotte Jones von IHS las die von ihr vorgelegten Zahlen jedenfalls unter dem Strich positiv, so bleibe der Ausblick für den europäischen Kinomarkt gut - unter der Prämisse nicht nur anhaltender Investitionen, sondern vor allem auch einer weiteren Diversifizierung der Angebote. Dies war denn auch eine Kernbotschaft, die sowohl vom ICTA-Seminartag (und insbesondere seiner Preisverleihung respektive den Ansprachen der Ausgezeichneten wie dem CEO des kanadischen Marktführers Cineplex) wie auch der CineEurope-Eröffnung ausging. Die Lösung für die Herausforderungen der Zukunft liegt nicht in einem einzelnen Konzept und noch weniger einer einzigen Marke.

Sondern darin, die ganze Bandbreite der Bedürfnisse abzudecken. Und dabei stets zwei Dinge zu beachten, die Debbie Stanford-Kristiansen als CEO von Novo Cinemas (der aktuell zweitgrößten Kette im mittleren Osten) betonte: Ohne motivierte, bestens geschulte Mitarbeiter, die im Kundengespräch auch das sogenannte "Upselling" beherrschen - also Premiumangebote auch tatsächlich an die Gäste zu bringen - ist selbst die großartigste Investition bestenfalls die Hälfte wert. Und die Preisschraube lässt sich ihrer Ansicht nach nicht beliebig nach oben drehen - ganz im Gegenteil. Vor allem für Familien müsse das Kino "erschwinglicher" werden. "Wir können uns nicht förmlich aus dem Markt preisen!", so ihre klare Ansage - die angemessene Preise für extrem hochwertige Angebote selbstverständlich nicht ausschließt.